Ich schau zu Dir auf…

…und Du massierst mir dafür den Nacken. Ob irgendwer Lust auf so einen Deal hat?

Ich sitze mit Laptop im Bett und muss an meine Oma denken. Nicht an die. Die andere.

„Dein Laptop bewohnt quasi die andere Betthälfte. Das ist ungesund. Ich mache mir langsam Sorgen.“ Es fühlt sich an, als käme das direkt aus meinem Gehirn.
Ich: „Wegen der Strahlung? Ach was.“
Mann im Ohr: „Wegen…“
Ich kann mir denken, was er sagen will und das passt mir nicht. „Darf ich mal in Ruhe zu Ende denken? Ist schließlich mein letzter Tag mit Verstand.“ Mir wird ein bisschen flau bei dem Gedanken.

Meine Oma. Ich hatte zwei. Die eine war fast schon extremistisch religiös, verheiratet und verbittert, die andere moderat katholisch, verwitwet und fast immer gut drauf. Es sei angemerkt, dass weder die Verbitterung etwas mit meinem wirklich netten Opa zu tun hatte noch der Witwenstatus zur guten Laune beitrug.

Meine verwitwete Oma hat mir viel und gern von ihren Männern erzählt. Sie hat sich zwar für meinen Opa ‘aufgehoben’. Aber vor ihm hatte sie ‘Verehrer’. Viele. Einmal ist sie sogar heimlich ausgebüxt, um einen Offizier auf einer Nordseeinsel zu treffen. Sie sah aus wie ein Mannequin. Das hat sie jedenfalls immer behauptet. Sie hat nur ihren Namenstag gefeiert, damit niemand weiß, wie alt sie ist. Mein Opa war 6 Jahre jünger als sie. Sie waren sehr glücklich und hatten 3 Kinder, aber mein Opa ist schon im Alter von 35 Jahren verstorben. Sie war also die meiste Zeit ihres Lebens allein und hatte viel Zeit, über sich und die Welt nachzudenken. Ihre Weisheiten hat sie gern mit anderen Menschen geteilt. Hätte es sowas zu ihrer Zeit schon gegeben, sie hätte vermutlich gebloggt.

Mir hat sie zum Thema „den richtigen Mann finden und mit ihm glücklich sein“ genau einen Satz gesagt:

Du musst zu ihm aufschauen können. 

Natürlich hat sie das noch präzisiert: In jeder Hinsicht. Ein Mann sollte größer sein als ich, intelligenter, und einen besseren Charakter haben.

Die einfachsten Rezepte sind oft die besten. Ich lasse meine festen Beziehungen Revue passieren und gleiche sie mit ihrer Theorie ab: Alle Männer waren größer als ich. In 3 meiner 4 Beziehungen gab es tatsächlich irgendwann den Punkt, wo mir das mit dem Aufschauen schwerfiel. Und das war immer auch der Punkt der Trennung.
Das waren die 3 kürzeren Beziehungen. Exemplarisch sei hier Ethan genannt. Er hat mir viel und gern die Welt erklärt. Dabei hat er mir unter anderem erzählt, die Europäische Union sei ein föderaler Staat. Deutschland hingegen könne gar nicht föderal sein, dazu sei es viel zu klein.

Ich überlege, welche Dates so richtig schlimm waren. Da fällt mir zum Beispiel eins mit einem Chefarzt für Kardiologie ein. Er konnte unglaublich charmant sein. Zu mir. Die Bedienung hat er behandelt wie den letzten Dreck. Er hat sie nicht mal angesehen, wenn er mit ihr geredet hat. Hatte den arrogantesten Tonfall, den ich je gehört habe und war Sekunden später wieder zuckersüß. Grrr.

Mann im Ohr: „Weitere Analysen kannst Du Dir sparen. Es war immer dasselbe Thema. Deine Oma lag damit nicht so falsch.“
Ich: „Hm. Also größer als ich ist Gott sei Dank kein Problem.“
Mann im Ohr: „Besserer Charakter ist seit Du tinderst auch nicht schwierig.“ 
Ich schweige. Und frage mich, was mir Tinder gebracht hat außer keinen Sex.
Mann im Ohr: „Du hast über den Tellerrand geschaut. Sonst hast Du ja nur mit Leuten zu tun, die ähnlich sind wie Du. Gleiche Ausbildung oder gleiche Schule oder zumindest sehr ähnlicher Hintergrund. Du hast Deinen Horizont erweitert.“
Ich: „Viel Input war´s. Dafür, dass ich nur 7 Männer getroffen habe.“
Mann im Ohr: „Wir waren noch nicht fertig. Die Intelligenz fehlt.“

Mein Handy leuchtet. Guiseppe. 4 Nachrichten, endlos lang. Im Überfliegen lese ich

„habe ein Helfer Syndrom. Deswegen ziehe ich förmliche solche wie du auch an.“
„Du warst die Langweiligste von allen.“
“ Ich glaube Du würdest beim Sex einschlafen, weil Dein allzu wichtiger Job,Vorrang hat“
„Als Du im Restaurant auf Toilette warst, wollte  ich Dich beim Essen sitzen lassen,
„Da draussen will Dich keiner“

Puh. Wo waren wir stehengeblieben?

Mann im Ohr: „Die Intelligenz fehlt.“

Meine Gedanken wandern wieder zu der Nachricht. Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, wie sexy ich Intelligenz finde. Ich mag tiefgründigen, intelligenten Humor. Ich mag Männer, die Jan Böhmermann schon kannten, bevor es den Skandal gab. Ich mag es, wenn ein Mann mir die Welt erklärt. Aber ich muss davon überzeugt sein, dass er sie versteht. Dann schaue ich gern zu ihm auf, bis mir der Nacken schmerzt. Irgendwas ist da noch in meinem Hinterkopf, aber ich komm nicht drauf.

„Humor. Humor sollte Dein Mann unbedingt haben. Und Deinen verstehen.“

 

Ich liebe Zahlen

Man kann so herrlich damit spielen. Man kann zum Beispiel ausrechnen, ob sich Online-Dating lohnt.

Ich hatte über Tinder 108 Matches und habe davon 7 Männer getroffen. Einen davon, Noah, kannte ich bereits aus dem wahren Leben, ich zähle ihn hier trotzdem mal mit.

„Ich bin mir nicht sicher, ob das überhaupt ein Date war.“ murmelt es leise.
Ich: „Da hast Du Recht, vielleicht waren es nur anlassbezogene Treffen, keine Dates. Aber die Tatsache, dass er gezahlt hat, spricht für ein Date.“

Ich zähle ihn also als Tinder-Date. Mit einem Mann kam es zu einem Kuss, zu Geschlechtsverkehr oder irgendetwas dem auch nur annähernd verwandten kam es mit niemandem.

Wenn man nun außer Acht lässt, dass hier lediglich eine Tinder-Userin betrachtet wird, dass deren Dating-Verhalten das Ergebnis beeinflusst hat und eine statistische Signifikanz hier deshalb wohl nicht gegeben ist, ergibt sich folgendes Bild:

Immerhin 6,48% aller Tinder-Matches führen zu einem Date.

Die Wahrscheinlichkeit, dass aus einem Tinder-Match ein Kuss resultiert, liegt bei mickrigen 0,92%.

Das bedeutet, man braucht 108,7 Matches, um einmal geküsst zu werden. Und das ist dann noch kein Prinz.

Zu sexuellen Annäherungen kommt es sowohl bei 0% der Matches als auch bei 0% der geliketen Personen.  

Betrachten wir nun mein Dating-Verhalten über die gesamte Lebensdauer.

Es gilt anzumerken, dass ich Beziehungen hatte, die ohne vorherige Dates zustande kamen. Früher gab es das. Da kannte man sich aus der Schule oder über Freunde und plötzlich war man zusammen. 2 meiner Beziehungen ergaben sich so.

Nehmen wir also hier nur die Dates. Bedauerlicherweise habe ich mir nicht alle gemerkt. Ich war nicht darauf eingestellt, mal eine statistische Erhebung daraus zu machen. Es waren allerdings nicht viele und ich erinnere mich immerhin an alle Dates, die je zu Küssen geführt haben. Nehmen wir also alle Kuss-Dates.
Es waren, Tinder-Dates eingerechnet, 5 Dates, bei denen es zu einem oder mehreren Küssen kam. Von den Dates kamen 4 im weitesten Sinne online zustande, eins ergab sich nach einer Begegnung über eine Freundin. Aus den 5 Kuss-Dates wurden in 2 Fällen feste, längere Beziehungen, in einem Fall blieb es bei einem Kuss und in 2 Fällen ergab sich daraus eine mehr oder weniger komplizierte Geschichte, aber keine Beziehung. Von den komplizierten Geschichten kam es in einem Fall zu Geschlechtsverkehr, in einem Fall nicht.

Das bedeutet:

40% aller Dates, die zu einem Kuss führen, führen zu einer festen Beziehung.

Ebenfalls 40% dieser Dates führen zu „etwas Kompliziertem“.

60% der Küsse führen zu Geschlechtsverkehr.

Aus 20% der Kuss-Dates wird nichts.

Betrachten wir nun ausschließlich meine Nicht-Online-Dates:

100% der Nicht-Online-Dates führten zu Geschlechtsverkehr und gleichzeitig in eine feste Beziehung.

Zum Vergleich:

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Nicht-Online-Date zu einem Kuss führt ist 109 mal so hoch wie die von einem Tinder-Date.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Tinder-Date mit Kuss zu einer Beziehung führt, ist 40 Prozentpunkte geringer als die der Gesamt-Dates mit Kuss.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Tinder-Date zu einer Beziehung führt, liegt 100 Prozentpunkte unter der eines Nicht-Online-Dates.

Ebenso verhält es sich mit der Wahrscheinlichkeit für Geschlechtsverkehr. 

Der Mann in meinem Kopf läuft nervös vor meinem Trommelfell auf und ab. „Mir gefällt das nicht.“
Ich: „Ich weiß jetzt, dass Online-Dating nicht das richtige für mich ist. Mein Bauch hat das schon immer gesagt, aber jetzt habe ich Zahlen, Daten und Fakten dazu.“
Jemand klatscht begeistert in die Hände: „Siehst Du, dann musst Du Dir keine Sorgen machen. Dein Bauch lenkt Dich schon ganz richtig.“ 
Ich habe tatsächlich ein bisschen weniger Angst vor dem geplanten Eingriff.
Mann im Ohr: „Aber das meinte ich nicht.“

Ich: „Was gefällt Dir nicht?“
Mann im Ohr: „Was, wenn da ein Rechenfehler drin ist? Oder ein Denkfehler? Das kann doch die ganze Welt lesen. Dann halten Dich alle für dumm.“
Ich: „Das wäre ganz wunderbar.“ Ich drehe meinen Kopf ein bisschen, damit der kleine Mann den Artikel im Stern lesen kann.

Zu nett ist auch nichts

Ich sitze mit meinem Café Latte am Tisch und habe meine Stirn in Falten gelegt. Wäre Ben jetzt hier, würde er was sagen. Er hat mir schon vor acht Jahren verboten, meine Nase zu kräuseln. Weil das keine Anti-Falten-Creme je wieder wett machen könnte. Einmal hat er gefragt, ob ich eigentlich diese Anti-Cellulite-Creme noch benutze. Auf meine Verneinung kam ein „Sieht man.“. Ich hätte ihn umbringen können. Habe mich auf ihn gestürzt und ihm gesagt, was für ein unverschämter Arsch er ist. Aber noch bevor ich zu Ende gesprochen hatte, haben wir Dinge getan, bei denen wir sowohl den Streit als auch die Cellulite ganz schnell vergessen haben.

Wie kam ich da jetzt drauf? „Du brauchst einen Mann, an dem Du Dich reiben kannst. Der Dich herausfordert. Der Dich trotz Deiner Macken liebt. Deshalb kamst Du drauf. Aber eigentlich wolltest Du über Guiseppe schreiben.“ Ach ja. Guiseppe.

Er war einer der ersten, der mich über Tinder angeschrieben hat. Als ich endlich Zeit hatte, mich zu treffen, war meine Tinder-Zeit eigentlich schon vorbei. Trotzdem kann man sich den ja mal anschauen, dachte ich. Das habe ich getan, zwei mal schon, tagsüber.

Guiseppe ist nett. „Kommt irgendein Wort häufiger vor in diesem Blog?“ Der kleine Mann beginnt, zu zählen. Damit wird er eine Weile beschäftigt sein.

Jedenfalls halte ich Guiseppe, soweit ich das beurteilen kann, für einen anständigen, ehrlichen Kerl. Er kocht hervorragend, sieht ganz gut aus, ohne ein Schönling zu sein, ist groß und immer gut angezogen. Er ist ein Familienmensch. Seine Familie kommt aus Sizilien und zum Teil aus Frankreich. Er ist braungebrannt. Zur Zeit ist er freigestellt, bekommt von seiner Firma eine vermutlich großzügige Abfindung und orientiert sich gerade beruflich neu. Dafür nimmt er sich Zeit, das sollte man ja auch bei wichtigen Entscheidungen.

Wir sitzen beim Portugiesen. Es ist Freitagabend, ich habe gearbeitet und Erledigungen gemacht und trage immer noch meine Business-Hose. Ich bin völlig platt und sterbe vor Hunger. Er sieht mich an und erzählt von seinem Tag am See. Und wie sehr er den Sommer genießt. Als ich von meinem Tag erzähle kommt er auf meinen Blog-Eintrag zum Thema „auf der Arbeit privat schreiben“ zu sprechen. Er findet, ein zuverlässiger Mensch ist für seine Freunde und Familie immer erreichbar. Dann sprechen wir über das Arbeiten an sich. Bei mir ist es im Moment gar nicht so viel, trotzdem bleibt vergleichsweise wenig Freizeit. Und ich nehme die Arbeit manchmal gedanklich mit nach Hause. Allerdings liebe ich meinen Job. Das Projekt macht Spaß, wir ziehen alle an einem Strang. Ich merke, dass sich was bewegt hat in den letzten Wochen. Die besten Ideen kommen mir unter der Dusche, wenn ich kurz vor´m Einschlafen bin oder im Auto. Wenn ich sie nicht gleich aufschreibe, sind sie weg. Deswegen kommt es auch in meiner Freizeit schon mal vor, dass ich etwas notiere. Außerdem lese ich gern Fachartikel am Wochenende. Dazu komme ich im Büro nicht.
Ihm gefällt das nicht. Er kennt das. Hat er früher auch, er hat immer 150% gegeben, aber das sei doch kein Leben. Außerdem sind Großkonzerne für ihn das personifizierte Böse. Ich arbeite in einem. Gerne. Guiseppe versteht das nicht. Er findet, ich arbeite zu viel und fragt, wie meine Abende aussehen.
Unspektakulär. Essen, Yoga, lesen, Nachrichten schauen, Wäsche machen, so was eben.
Er spricht davon, dass er dringend wieder zur Maniküre müsste. Noch ein Punkt, den ich selbst und nach Feierabend erledige. Er gibt mir das Gefühl, mein Leben sei schrecklich. Als wäre ich völlig unentspannt und müsste dringend etwas ändern.

Wenn ich mich mit Männern treffe, die einen ähnlichen Tag hatten wie ich, bin ich deutlich entspannter. Ich mag es, wenn ich sehe, wie sich beim ersten Wein die Anspannung langsam löst. Ich finde es völlig okay, wenn sich die ersten Sätze noch um die Arbeit drehen. Ich kenne das nicht anders. Ich habe einen Vater und hatte immer Männer, die ihren Beruf geliebt und auch zu Hause thematisiert haben. Ich mag es, wenn ein Mann mich um Rat fragt in beruflichen Dingen. Damit zeigt er mir, dass er mich ernst nimmt und für halbwegs intelligent hält. Und ich mag diesen Moment, wenn ich merke, jetzt ist er im Kopf nicht mehr im Büro, sondern bei mir.

Guiseppe war schon den ganzen Tag gedanklich bei mir. Und die Tage davor. Er hat sich sogar gefragt, wie er mich unterstützen kann und bietet an, meine Wäsche zu bügeln oder irgendetwas anderes zu tun, um mich zu entlasten.

„Der hat nicht alle Latten am Zaun.“ Der kleine Mann ist fertig mit zählen.
Ich: „Das ist doch nett. Er macht sich Gedanken.“
Mann im Ohr: „Ihr seid kein Paar. Es ist nicht mal irgendwas zwischen Euch gelaufen. Ihr habt Euch nicht mal geküsst! Was meinst Du, was er als Gegenleistung will?“
Ich: „Ich habe sein Angebot ja auch abgelehnt.“ Wenn es mal ganz schlimm ist, unterstützt mich meine Mutter. Und da habe ich schon ein schlechtes Gewissen. Vielleicht funktioniert das mit der Reziprozität bei mir doch.
Mann im Ohr: „Vielleicht ist er gar nicht nett und will nur an Deinen Wohnungsschlüssel kommen. Oder an Deine Adresse. Damit er Dich stalken kann.“ Der Gedanke war mir auch gekommen. Ich halte das für unwahrscheinlich, trotzdem bin ich zu vorsichtig für sowas.

Am Ende des Abends streite ich mit ihm. Er hatte mir gesagt, er wolle in die Schwanenhöfe. Da war ich noch nie. Ich hatte extra gefragt, was denn da sei und die Antwort lautete „Da kann man ganz gechillt ein Bier trinken. Vorher noch was essen?“
Das klang okay in meinen Ohren. Nach dem Essen laufen wir rüber. Ich finde mich mitten auf einer House-Party wieder. Ich mag kein House, sofern es sich um Musik handelt. House alias Hugh Laurie liebe ich. Ich mag seinen Sex-Appeal und seinen Sarkasmus.
Guiseppe sagt, dass man hier ja einige Leute kennt. Ich kenne niemanden. Sein erstes Bier hat er ziemlich schnell geleert. Er will Nachschub holen. Ich stehe allein unter hunderten von Menschen und nippe an meinem „Krefelder“. Ich sehe mich um. Der Hinterhof ist hübsch. Ich höre durch das Gewummer ein „Nächste Woche soll wieder geil werden.“. Ob das Wetter gemeint ist? Es vergehen zehn Minuten. Mein Bauch meldet, dass er sich unwohl fühlt. Er sendet die Nachricht an mein Gehirn. Das analysiert ungefähr weitere zehn Minuten die Lage. Es ist mir zu laut. Ich bin müde. Mein Outfit passt nicht hierher. Ich mag die Musik nicht. Die Leute um mich herum sehen aus, als wären sie wahlweise angetrunken oder unter Drogen oder beides. Mein Auto steht 2 Gehminuten entfernt. Ich kann und darf noch fahren. Guiseppe ist immer noch nicht wieder da und ich kann ihn nirgendwo entdecken.
Weder meine Erziehung noch sonst irgendwas funkt dazwischen. Ich gehe in Richtung Auto. Und tippe dabei eine Nachricht. Dass es mir leid tut, ich müde bin und nach Hause fahre.

Mann im Ohr: „Das ist untypisch für Dich. Es hat alles zusammengepasst. Bauch – Analyse – daraus resultierende Handlung.“ 
Ich „Es hat sich gut angefühlt.“ 
Mann im Ohr: „Vielleicht ist der Defekt doch nicht so groß, wie es auf den ersten Blick aussieht.“

Guiseppe ruft mich noch an an dem Abend. Er ist sauer und sagt mir „So etwas macht man nicht.“ Und fügt hinzu „Mach das nie wieder mit mir, Lenya. Versprich mir das.“

In meinem Kopf schnaubt es erbost „Der spinnt doch! Ansprüche zu stellen an Dich.“.
Er findet mein Verhalten eben nicht nett und legt – wie ich – viel Wert darauf.
Ich: „Weißt Du, ich hätte ihn nicht ohne Nachricht da stehen lassen. Aber das ist dann auch genug der Nettigkeiten. Wenn ich mich schlecht fühlen muss, nur um nett zu sein, dann bin ich lieber ein Arsch.“ 

Ich. bin. keine. süße. Maus!

Und. auch. nicht. devot!

Ich weiß nicht, was der liebe Gott sich gedacht hat, als er mich kreiert hat. Vielleicht war er abgelenkt. Oder hat Teile verwechselt. Mein Erscheinungsbild und mein Charakter passen nicht zusammen. Engelsgleiche Erscheinung und sehr eigenwilliger Kopf ist die Kurzform.

Nicht mal mein Charakter in sich ist stimmig. Ich bin ziemlich direkt, schlagfertig und manchmal sarkastisch. Weder Emanze noch Karrierefrau, aber auch kein Heimchen. Obwohl ich gern koche und backe, kinderlieb bin und einen grünen Daumen habe. Ich putze gern. Am liebsten Fenster. Dabei höre ich Musik und vergesse die Zeit. Hinterher freu ich mich wie Bolle, wenn jemand mir sagt, dass meine Scheiben aussehen, als wären gar keine drin.
Trotzdem bekomme ich Pickel, wenn ein Mann mich toll findet, weil ich gern koche und putze. Geliebt werden und für ihn kochen und putzen ist gut. Geliebt werden, weil ich gern koche und putze ist scheiße. Der Unterschied ist für viele nicht nachvollziehbar, aber für mich ist er essentiell. Neben dem Kochen und Putzen möchte ich ernstgenommen werden. Menschen, die mich gut kennen, tun das. Und die mich sehr gut kennen, wissen genau, wann ich ernst zu nehmen bin und wann besser nicht. Mein Gehirn setzt regelmäßig einige Tage aus. Dann ignoriert man am besten einfach alles, was ich sage oder schreibe. Ich habe in dem Zustand schon mal ‘aus Versehen’ mit jemandem Schluss gemacht.

Bjarne hat mich angeschrieben mit „Gute Nacht, süße Maus.“. Ich bekomme fast einen Herzinfarkt. Der kleine Mann leidet unter Übelkeit. Wenn er sich übergeben muss, habe ich hinterher so komisches gelbes Zeug im Ohr. Das mag ich gar nicht.
Erstens schätzen wir solche Sätze vor einem ersten Date ungefähr so sehr wie Penisfotos.
Und zweitens bin. ich. keine. süße. Maus!
Ich schreibe ihm, dass er bei mir an der falschen Adresse ist, wenn er so was sucht.

Jemand weiß auch, warum. „Da wolltest Du nicht mehr gefallen. Du hast genau geschrieben, was in Deinem Kopf vorging.“
Ich: „Ich wusste spätestens da, dass wir nicht zusammen passen. Nicht mal für einen Abend.“
Erstaunlicherweise gefällt ihm meine direkte, ziemlich zickige Antwort. Er schreibt: „Ich steh auf intelligente Frauen, die wissen, was sie wollen!“ und einige andere Sachen.
Mann im 
Ohr: „Pah, er liked Dich als „süße Maus“ und jetzt steht er auf intelligent und selbstbewusst?! So ein Bullshit.“
Ich sehe das genauso. „Den treffen wir nicht. Aber fluchen musst Du deshalb noch lange nicht!“ 

Ich bekomme ein schlechtes Gewissen nach dem Rüffel. Ich bin in letzter Zeit ja nicht grade das beste Vorbild. Wir sitzen ein Weilchen lesend auf dem Sofa und schweigen.

Dann höre ich ein besorgtes „Und Felix? Treffen wir den?“.
„Sicher nicht!“ 
Dabei haben wir uns schon fest verabredet. Danach hat er mir ein Foto geschickt. Nicht, was ihr jetzt denkt.
Es zeigt eine Frau in einem sehr kurzen Kleid, die sich bäuchlings und mit Lack-High-Heels auf einem Bett räkelt.
Ich frage, ob das seine Ex ist. Von der hat er netterweise schon einige Male geschrieben. Angeblich nicht. Es ist von Instagram. Ich prüfe das nach, man weiß ja nie. Er hat recht. Was das wohl soll? Sie ist sehr heiß und sicher mit Photoshop aufgehübscht. Ich schreibe „Wenn das Dein Maßstab ist, erfülle ich ihn nicht.“ und bekomme ein „Jede Frau kann so aussehen, wenn sie will.“ zurück. Ich schnappe nach Luft.
Darauf folgt ein Link mit dem Text „So musst Du leben.“Diät-Tipps. WHAT?
Es kommt noch besser: „Du bist bestimmt auch so eine, die total in Pasta verliebt ist und gern mal einen Teller zu viel isst.“
Ich bekomme einen gepflegten Ausraster. Ich finde ihn unverschämt und teile ihm mit, dass ich mir von niemandem sagen lasse, was und wie viel ich zu essen habe und schon gar nicht von irgendeinem dahergelaufenen Typen, den ich noch nie gesehen habe. Er findet das unpassend. Er mag devote Frauen. Der Kontext ist so, dass damit eindeutig keine sexuelle Geschichte gemeint ist. Er will einfach nur, dass ich tue, was er sagt.

Früher war so jemanden ein Macho-Arsch. Aber ‘devot’ klingt verrucht und erinnert an „Fifty Shades of Grey“. Glaubt Felix, dass ich lieber nach seiner Pfeife tanze, wenn er das Vokabular ändert?
„Besonders mag ich, wenn ein Mann so was sagt, dessen einzig im Wortschatz verfügbares Fremdwort ‘devot’ ist.“ In meinem Ohr kichert es.
Ich muss lachen. Er hat recht. Wer eine Ana Steel will, sollte zumindest annähernd das Niveau eines Christian Grey haben. Ich schreibe nichts mehr. Er würde das ohnehin nicht verstehen.

„Du würdest Christian Grey seine Toys in den Allerwertesten…“ meldet sich jemand, der das beurteilen kann. Ich würde auch keinen Vertrag unterschreiben, ohne ihn zu lesen. Ich muss schlucken. „Nicht mal die aktuellen Sex-Trends mache ich mit.“
Der kleine Mann versucht, mich aufzumuntern. „Deine Zielgruppe bekommt grad die ersten Potenzprobleme. Die sind doch froh, wenn eine Frau sie nicht überfordert.“

Ich will gefallen

Manchmal jedenfalls.

Inzwischen glaube ich zu verstehen, warum ich verheiratete Männer so anziehe. Ich versuche nicht, ihnen zu gefallen. Ich rede offener mit ihnen. Sie sind für mich völlig out of scope.
Bis vor kurzem hatte ich geglaubt, dass ich überhaupt nie versuche, zu gefallen. Ich sage gradeaus, was ich denke. Ist mir doch egal, wie andere das finden. So bin ich beruflich wie privat. Das habe ich schwarz auf weiß.

Ich habe neulich in einer Schulung einen so genannten Antreiber-Test gemacht. Danach gibt es 5 Dinge, die uns antreiben. Mein Ergebnis sah so aus:

Sei perfekt. Extrem ausgeprägt.
Sei stark. Unterdurchschnittlich.
Sei gefällig. Unterirdisch.
Streng Dich an. Sehr gering ausgeprägt.
Sei schnell. Ach was.

Stark sein muss ich nicht, ich bin ein Mädchen.

Gefällig? Wieso? Mich mögen doch eh alle.

Anstrengen? Ein gutes Pferd springt nur so hoch, wie es springen muss.

Schnell? Setz mir ne Deadline und ich halte sie (ich bin perfekt). Je knapper die Deadline, desto besser das Ergebnis. Setzt Du mir keine, kannst Du warten. Und warten. Und warten. Mein letzter Projektleiter hat das zu spät gemerkt. Meinem jetzigen hat er einen Tipp gegeben: „Sie funktioniert besser unter Druck.“

Neulich habe ich bemerkt, dass das Ergebnis doch nicht immer stimmt. Wenn mir jemand gefällt, will ich meine Schokoladenseite zeigen. Und das geht wirklich immer in die Hose. Vielleicht, weil ich das nie geübt habe?

Jemand weiß schon ganz genau, worum es geht. „Nach dieser Blaubeer-Nummer hätte ich mich beinah übergeben.“
Ich: „So schlimm war das jetzt auch wieder nicht.“ 
Der kleine Mann versteckt verschämt sein Gesicht hinter den kleinen Händen.
Ich hatte Blaubeeren gepflückt. Eigene. Von meinem Balkon. Ich war stolz und habe ein Foto verschickt. An Noah. Er hat was schwedisches und ich mag ihn.
Mann im Ohr: „Du magst ihn? Du findest ihn heiß!“
Ich: „Ich mag ihn. Also…beides. Ich finde ihn klug. Er ist tiefgründiger, als ich erwartet hatte.“ Ich ertappe mich gerade selbst. So viel Tiefgang hatte ich nicht erwartet, weil er so gut aussieht. „Er sagt manchmal Dinge, die mir nicht gefallen. Er bringt mich zum nachdenken. Er ist keiner, der mir den ganzen Abend erzählt, wie schön oder sexy ich bin.“
Mann im Ohr: „Weil er Dich nicht schön oder sexy findet?“

Das ist gemein. Aber es kommt noch schlimmer. „Oder er ist so ein Pick-Up-Artist und sein gespieltes Desinteresse ist eiskalte Strategie.“
Nie.im.Leben. In meinem Bauch rumort es. Er weiß jedenfalls nicht, dass ich ihn toll finde oder er findet mich nicht gut oder was auch immer. Es kam nie zu mehr als einer Begrüßungsumarmung.
Mann im Ohr: „Eure Ohren waren so nah aneinander, dass ich zu der Frau in seinem Kopf rüberhuschen konnte. Sie ist viel heißer als er.“ Das kann ich mir nicht vorstellen. „Sie ist wunderschön. Sie hat so sinnliche…“

Na ja, Noah antwortete auf das Blaubeer-Bild: „Das reicht aber wirklich nur für eine Person.“ Ich erwiderte wahrheitsgemäß: „Weil ich zu faul war, den Rest zu pflücken.“ Darauf kam „Das hört kein Mann gerne. Dass Du nur für Dich Essen zubereitest.“

Mann im Ohr: „Und dann hast Du kurz die Luft angehalten und ganz langsam wieder ausgeatmet. Und nach Luft geschnappt. Und währenddessen sind die Gedanken durch Deinen Kopf gewirbelt. Ich konnte
‘Was bildest Du Dir eigentlich ein?’
‘Ich bin nicht auf der Welt, um einem Mann zu gefallen.’
‘Was willst Du eigentlich? Mich nicht mal nach nem Date fragen, aber Ansprüche stellen?!’
und einiges mehr sehen.“
Ich kann ihm nicht widersprechen.
Mann im Ohr: „Und was hast Du stattdessen geantwortet?“
Ich muss nachsehen, aber ich weiß noch, dass es nicht im Entferntesten mit meinen impulsiven Gedanken zu tun hatte. „Ich hätte mehr gepflückt, wärst Du hier.“
Mann im Ohr: „Der Nachsatz war noch schlimmer.“
Ich: „Hör auf. Ich will nicht daran denken.“
Es hatte was mit Pfannkuchen zum Frühstück zu tun.

Ich kann nicht küssen

Auch das noch. Zu meinen kürzlich unschön ins Licht gerückten charakterlichen Defiziten.

In der Zwischenzeit habe ich Peter wiedergesehen. Natürlich, er war ja auch ein unerwarteter Volltreffer. Unser zweites Date war unspektakulär, aber schön. Wir waren essen, nach der Arbeit. Meine Füße taten weh, ich war müde, aber wir haben uns prima unterhalten und ich finde ihn genauso toll wie beim ersten Mal.

Vor unserem dritten Date bin ich aufgeregt. Wir treffen uns an einem Freitagabend bei ihm zuhause und wollen dann noch irgendwo etwas essen. Wir beide wissen, dass irgendwas passieren wird. Ich stehe 2 Stunden im Bad und drehe mir die Haare auf Lockenwickler, obwohl ich ganz genau weiß, dass die Pracht höchstens eine Stunde hält. Es ist 35 Grad und ich schwitze, sobald ich drei Schritte gelaufen bin. Mist. Na ja, ihm wird es genauso gehen.
Ich nehme keine Zahnbürste mit. Ich bin ein Pingel, was meine Zähne angeht, aber das ist eine andere Geschichte. Wenn ich meine elektrische Zahnbürste nicht dabei habe, übernachte ich nirgendwo. So ist sichergestellt, dass ich nachher in meinem Bett lande. Fummeln kann man ja trotzdem. Dachte ich.

Er freut sich, mich zu sehen. Wir trinken eine Weinschorle. „Kannst Du auf den Punkt kommen? Das interessiert niemanden.“
Ich: „Ich will den Abend in schöner Erinnerung behalten und nicht nur an das denken, was schiefgelaufen ist! Wir sehen viel zu oft die negativen Dinge und vergessen das Gute.“
Der kleine Mann legt sich demonstrativ schlafen.

Also gut: die Kurzform. Der Abend läuft super. Es gibt Weinschorle, gute Gespräche und leckeres Essen in lauer Sommerluft. Ich mag seine Wohnung und die Fotos überall an den Wänden. Unsere Gespräche sind überraschend offen und entspannt. Wir mögen uns noch mehr als ich dachte. Und natürlich küssen wir uns.

Ich stelle mir einen ersten Kuss so vor: ER steht vor mir und sieht mir in die Augen. Es gibt diesen Moment, in dem beide wissen, was kommt. Er lässt mir genug Zeit, damit ich ihm ausweichen könnte, wenn ich wollte. Mindestens eine Hand ist irgendwo an meinem Kopf, umfasst meinen Nacken oder streichelt über meine Wange. Und dann bewegen sich seine Lippen ganz langsam auf meine zu. In meinem Bauch hüpft irgendwas vor Vorfreude und Gespanntsein. Unmittelbar bevor unsere Lippen sich berühren gibt es diesen kurzen Moment des Innehaltens. Das ist DER Moment zwischen zwei Menschen. Man weiß, dass man gleich die Distanz aufgibt. Dann folgt etwas, das sich immer anders, aber immer gut anfühlt. Es ist vorsichtig-romantisch oder leidenschaftlich-wild oder irgendwas dazwischen.

Unser Kuss ist nichts von alldem. Und ich ahne, dass er genauso enttäuscht ist wie ich. Ich küsse überhaupt nicht so, wie er sich das erhofft hatte.
Ich schlafe zuhause und habe keine Ahnung, was ich ihm sagen soll. Ich mag ihn so, dass ich ihn gern wiedersehen würde. Aber das passt einfach nicht.

Als ich am nächsten Tag noch überlege, wie ich am besten mit ihm rede, habe ich eine Nachricht von ihm. Eine lange Nachricht. Einen kleinen Roman. Es ist der schönste Korb meines Lebens. Er tut nicht weh und kratzt nicht mal an meinem Ego. Er hat in Worte gefasst, was ich denke. Dass wir nicht harmonieren. Dass wir jetzt auch noch miteinander im Bett landen könnten, aber wir doch eigentlich beide wissen, dass das zu nichts führt. Dass er mich sympathisch, unterhaltsam und lustig findet. Und mich deshalb gern wiedersehen würde. Auf einen Kaffee oder ein Glas Wein.

Ich bin doch nett

Und ich bin nicht die einzige.

Vier Tage nach meinem Date mit Carl habe ich immer noch nichts von ihm gehört. Vermutlich hat er kein Interesse. Ich könnte mich einfach nicht melden. Aber irgendwie kommt mir das komisch vor. Bequemer wäre das. Ich liege schon im Bett und entscheide mich schließlich doch, ihm zu schreiben.

„Hallo Carl, 
hoffe, Du hast Deinen Geburtstag schön gefeiert? 
Da ich nichts mehr von Dir gehört habe, gehe ich davon aus, dass wir uns nicht wiedersehen. Ich fand Dich echt nett, aber gefunkt hat es bei mir irgendwie nicht. Nehme an, das geht Dir genauso? Wollte mich aber trotzdem noch mal melden und Dir sagen, dass ich es ein nettes Treffen fand. 
Liebe Grüße, Lenya“

Keine zehn Minuten später habe ich eine sehr nette Antwort. Und am nächsten Tag ruft er an. Ich habe in Worte gefasst, was er dachte. Und er hat sich gefreut, dass ich das getan habe. Wir plaudern ein wenig darüber, wie blöd das ist nach so einem Date, bei dem es nicht gefunkt hat und wie kompliziert diese Online-Dating-Welt manchmal ist. Wir werden uns noch mal treffen. Einfach so, ganz entspannt.

In meinem Kopf stimmt was nicht

Ich wache auf und habe furchtbare Kopfschmerzen. Ich frage, was da los ist.

„Ich versuche grad, hier was zu reparieren.“ Seine Stimme scheint direkt aus meinem Kopf zu kommen, sonst höre ich ihn eher seitlich am Ohr.
Ich: „Was ist denn kaputt?“
Mann im Ohr: „Ich schaue mir die Verbindung zwischen Verstand und Gefühl an.“ Mein Kopf tut so weh, dass ich mir nichts darunter vorstellen kann.
Ich: „Wir waren doch neulich erst im MRT. Und da war nichts.“ Hatte der Arzt gesagt. So auf den ersten Blick und ohne Kontrastmittel jedenfalls.
Mann im Ohr: „Genau. Nichts. An einer Stelle, wo eigentlich was sein sollte.“ Ich verstehe nur Bahnhof, aber er spricht schon weiter: „Dein Bauchgefühl hat eine Verbindung zum Verstand. Das ist gut. Alle Daten kommen hier oben an.“
Ich: „Beruhigend.“
Mann im Ohr: „Auch die Verarbeitung läuft richtig. Du ziehst die richtigen Schlüsse und die Datenverarbeitung läuft ungewöhnlich schnell.“
Ich: „Kannst Du mir mal sagen, wovon Du redest?“
Mann im Ohr: „Ich gebe Dir ein Beispiel: Du vergisst Deine Kette bei einem Kerl im Schlafzimmer. Er ist ein schlampiger Mensch. Als er Dir eine Weile später die Kette wiedergibt, holt er sie aus einer relativ versteckten Schublade in der Küche. Er schafft es nicht, irgendwas aufzuräumen, nicht mal, wenn Du zu Besuch kommst. Aber die Kette ist ordentlich weggeräumt.“
Ich: „Weil er sie vor einer anderen Frau, die in der Zwischenzeit da war, verstecken musste?“ Natürlich würde ich einen solchen Schluss noch verifizieren und weitere Indizien in meine Überlegungen einbeziehen. Ein einzelner Beobachtungspunkt ist nicht aussagekräftig.
Mann im Ohr: „Genau! Du bist selbst in lädiertem Zustand schnell. In so einem Fall schlägt Dein Bauch an und leitet das Gefühl weiter. Dann arbeitet Dein Verstand und analysiert in 99,8% der Fälle zutreffend. Das ist ein beachtlicher Wert. Dieser Abgleich zwischen Bauch und Kopf ist wichtig, um gute Entscheidungen zu treffen.“
Ich: „Klingt doch gut so weit.“
Mann im Ohr: „Bis dahin schon. Aber der Teil des Gehirns, der Dein Verhalten steuert, scheint nicht angeschlossen zu sein. Dein Verhalten passt nicht  immer zur Erkenntnis.“
Ich: „Ich hätte also diese Erkenntnis und würde nichts sagen?“
Mann im Ohr: „Genau. Oder Dich weiter mit ihm treffen.“
Ich versuche zu denken, soweit die Schmerzen das zulassen. „Aber das könnte ja gefährlich sein. Wenn ich erkennen würde, dass jemand gewalttätig ist und ich nicht weglaufen würde, zum Beispiel.“
Mann im Ohr: „Deshalb versuche ich ja gerade, es zu richten. Es ist eine essentielle Verbindung. Es könnte sein, dass die Verbindung fehlt. Oder sie wird von außen gestört.“
Ich: „Von außen?“
Mann im Ohr: „Von Leuten, die Dich beeinflussen zum Beispiel. Oder durch fest verankerte Wertvorstellungen. So was.“ 

Ich: „Wie lange dauert es, das zu richten?“
Mann im Ohr: „So schnell geht das nicht. Und Du musst helfen.“
Ich: „Helfen?“
Mann im Ohr: „Der Defekt sitzt ausschließlich im Verstands-Teil, der Gefühls-Teil ist in Ordnung. Wir müssen den Verstand komplett vom Gefühl trennen, damit ich hier in Ruhe arbeiten kann.“
Ich: „Mach da bloß nichts kaputt!“
Mann im Ohr: „Keine Sorge, ich weiß, was ich tue. Ich werde die beiden Bereiche voneinander abkoppeln. In der Zeit darfst Du Deinen Verstand nicht benutzen.“
Ich schnappe nach Luft. Es sticht in meinem Kopf.
Ich: „Ohne meinen Verstand kann ich nicht leben. Wie soll ich denn Auto fahren oder arbeiten?“
Mann im Ohr: „Routinen laufen mehr oder weniger automatisch. Und Du hast ja Dein Bauchgefühl. Du musst in der Zeit einfach konsequent auf Deinen Bauch hören, dann passiert Dir nichts.“
Ich: „Das kann ich nicht!“
Mann im Ohr: „Wenn  Du es nicht tust, kann es gefährlich werden. Aber er wird Dir sagen, was zu tun ist.“
Er scheint mein verzweifeltes Gesicht zu sehen und fügt hinzu „Du musst keine Angst haben. Manche Menschen leben so ihr ganzes Leben“. 
Ich: „Was für Risiken bestehen? Und wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass die eintreten?“ Man muss ja aufgeklärt werden, bevor man in so eine Operation einwilligt.
Mann im Ohr: „Es gibt zwei Risiken: dass Du versuchst, Deinen Verstand einzuschalten bevor die Operation abgeschlossen ist. Dann funktioniert es nicht. Die Wahrscheinlichkeit ist nicht so gering, aber Du kannst das beeinflussen. Das zweite Risiko: Du hörst nicht auf Deinen Bauch und Dir passiert etwas, während Dein Verstand abgeschaltet ist. Auch das hast Du in der Hand.“
Ich: „Nicht so gering. Das ist mir viel zu unpräzise.“ Andererseits klingt der jetzige Zustand gar nicht gut.
Ich: „Wie lange dauert das?“
Mann im Ohr: „So ungefähr 4-6 Wochen.“ 
Wochen? Nicht Stunden?! „Und der Erfolg ist garantiert, wenn ich mich an Deine Anweisungen halte?“
Mann im Ohr: „Ja.“ 
Bisher konnte ich mich immer auf den kleinen Mann verlassen. Ich zögere.
Ich: „Kann ich meinen Verstand noch ein paar Tage benutzen? Können wir in ein paar Tagen anfangen, damit ich noch ein paar Dinge erledigen kann vorher?“

Das ist möglich, Gott sei Dank. Wir vereinbaren, dass wir am 01. September mit der Operation beginnen. Merkwürdigerweise meldet mein Bauch kein schlechtes Gefühl dabei.

Ich bin picky

Mein erstes Tinder-Date hat zum Schluss unseres Dates gemeint „Du bist schon picky, oder?“ Ich war völlig von den Socken. Erst sagt er mir, dass ich viel hübscher bin als auf den Bildern und dann das? Wir haben kaum 5 Sätze miteinander geredet, aber er hat die Essenz meines Charakters erkannt. Und den Mut, das auszusprechen. In mir streiten zwei Gefühle: Ich bin beeindruckt. Und irgendwie finde ich es frech. Er kennt mich doch gar nicht.
Ein Mann sollte genau so sein – verstehen, was ich für ein Mensch bin und mir von Zeit zu Zeit den Spiegel vorhalten. Er hat das nicht vorwurfsvoll gesagt, es ist einfach eine Feststellung. Wenn er jetzt noch gut aussähe und es nicht hinterher mit diesem furchtbaren „Das war´s dann.“ versaut hätte, wäre er ein prima Kerl.

Mann im Ohr: „Und wenn er nicht bei Tinder wäre.“
Ich: „Wie meinst Du das?“
Mann im Ohr: „Du hast insgeheim jeden Mann bei Tinder als potentiellen Partner ausgeschlossen.“
Ich lasse mir den Gedanken durch den Kopf gehen. Wenn ich ehrlich bin, unterstelle ich Menschen, die tindern, dass sie oberflächlich sind und nicht an einer Partnerschaft interessiert. Und es schon „sehr nötig“ haben müssen.
Mann im Ohr: „Was Du hier betreibst, ist zumindest für die Partnersuche völlige Zeitverschwendung.“
Das erinnert mich an Peter, den ich inzwischen ein zweites Mal getroffen habe. Er hat mich beim ersten Date gefragt, ob er jetzt also nur ein Recherche-Objekt sei. Ich habe nicht allen Männern, aber allen, die mich gefragt haben, offen gesagt, dass Recherche ein Grund war, Tinder zu installieren. Und dass ich darüber schreiben werde. Ich hätte es allen gesagt, aber zum Teil fehlte einfach der Aufhänger. Auf die Frage, was mich denn zu Tinder gebracht hat, ging es mir ganz leicht über die Lippen.
Ursprünglich wollte ich gar nicht bloggen, sondern die Inhalte in einen Krimi einfließen lassen. Aber ich wusste ja auch nicht, was das für Gedanken lostreten würde.
Mann im Ohr: „Tinder bringt Dir nichts außer Input für diverse Projekte.“
Ich: „Das klingt, als würde ich die Männer nur benutzen.“
Mann im Ohr: „Es klingt nicht nur so.“
Diesmal widerspreche ich. „Ich hatte wirklich schöne Abende und tiefgründige Gespräche. Und gestern erst hat mir einer von denen, einer der meinen Blog liest und meine doppelte Absicht kennt, gesagt ‘Es ist keine Zeitverschwendung, hier mit Dir zu sitzen.’.“

Ich war schon immer picky. Nicht in einem Prinzessinnen-es-ist-nichts-gut-genug-für-mich-Sinne. Ich weiß einfach ganz genau, was ich will oder warte, bis es soweit ist. Ich schaffe mir nichts an, wenn ich nicht 100%ig davon überzeugt bin, dass es zu mir passt.

Am besten kann ich das am Beispiel meiner Wohnungseinrichtung erklären. Ich bin in eine wunderschöne Wohnung eingezogen, die um einiges größer ist als meine vorherige. Ich hätte in irgendein Möbelhaus fahren können, um alles zu kaufen, was ich brauche. Aber das ist nicht mein Ding. Ich hatte einfach noch kein Sofa gesehen, was mich wirklich überzeugt hat. Bei Deckenlampen waren es gleich mehrere, die ich gut fand: Tilt und Caravaggio. Dann bin ich Secto begegnet. Es hat eine Weile gedauert, bis mein Bauch sich für Caravaggio entschieden hat. Secto kommt dafür ins Schlafzimmer. Glaube ich. Mal sehen. Ich habe ein halbes Jahr ohne Sofa und 2 Jahre ohne Leuchten über meinem Esstisch gelebt. Dafür habe ich mir eine wunderschöne Biedermeier-Kommode angeschafft, die nicht auf meinem Einkaufszettel stand. Ich habe sie gesehen und wusste sofort „Die steht hier und hat nur auf mich gewartet.“. Wenn mir mein Gefühl nicht sagt „Das ist es!“ und in meinem Bauch nicht dieser kleine Hüpfer entsteht, kann ich mich nicht zu einer Anschaffung durchringen. Es gibt Leute, die sich „erst mal“ was von Ikea kaufen und es dann austauschen, wenn sie „das richtige“ gefunden haben. Auch das ist nicht mein Ding. Ganz oder gar nicht. Lieber lasse ich den Flur leer, als dass ich mir ein Sideboard kaufe, das sich „nicht richtig anfühlt“.

„Lieber lebst Du enthaltsam, als mit dem falschen Mann zu …“
Ich unterbreche ihn: „Findest Du das falsch?“
„Es geht nicht um richtig oder falsch.“
„Es geht hier um Deine Interessen. Du willst, dass ich mal wieder…“
„Es ist dann so schön ruhig hier oben. Du hörst auf zu denken. Du denkst echt über jeden Scheiß nach.“

Er hat recht. Gestern habe ich mich gefragt, wie solche Bilder wie von Fabian wohl entstehen. Ob er sich wohl ohnehin mit sich selbst beschäftigt hat und zwischendrin dachte ‘Ich mal ein Foto’? Unwahrscheinlich, das Denken ist in so einer Situation ja eher eingeschränkt meines Wissens. Das hieße, dass er mir ein Foto schicken wollte und nur für mich… „Du fühlst Dich geschmeichelt, wenn ein Mann sich ‘für Dich’ einen runterholt?“ Ich werde rot. Unfassbar, was so alles das eigene Ego streichelt. „Vielleicht sind deshalb so viele Menschen bei Tinder? Weil die Matches und alles, was daraus folgt, irgendwie das Ego pimpt? Und gar nicht, um einen Partner zu finden?“ 
Er antwortet nicht mehr. Ich glaube, er ist eingeschlafen.

Ich bin gemein

Ene fiese Möpp, wie man hier im Rheinland sagt. Das klingt schon viel netter.

Auf Nettigkeit lege ich viel wert, nicht nur bei mir selbst. Ich mag nette Menschen und will einen netten Mann. Nett ist nicht die kleine Schwester von irgendwem. Wären alle Menschen nett zueinander, wäre die Welt ein besserer Ort.
Mal ehrlich, es weiß doch keiner, was bei anderen Menschen das Fass zum Überlaufen bringt. Vielleicht ist es ja der Nachbar, der schon wieder nicht gegrüßt hat. Nett sein schadet garantiert nicht. Aber irgendwie ist es nicht mehr en vogue. Ich sage Menschen immer, wenn sie mir als besonders nett auffallen, weil ich das wichtig finde. Von Männern wird das oft geradezu als Beleidigung aufgefasst. Als wäre das die selbe Schublade wie impotent.

Unter meinem Tinder-Bild stand: „BE NICE – It´s a small world.“

Aber heute bin ich fies. Gleich mehrmals.
Ein Typ hat mich angeschrieben mit „Hey“. Einfallslos! Ich schreibe zurück „Hey“. Soll er mal Spiegel vorgehalten bekommen. Es folgt ein „Guten Morgen“ und von mir ebenfalls ein „Guten Morgen“. Das geht mit „Guten Abend“ so weiter. Ich hätte einfach nicht zurückschreiben können. Oder ihm sagen, dass ich das einfallslos finde. Stattdessen habe ich zurückgeechot. Und dann einen Screenshot der Konversation gemacht und an meine Nachbarin geschickt. Mit so einem Smiley, der Tränen lacht. Pfui.

Aber das war noch harmlos. Ich schreibe schon länger mit Fabian. Er wohnt in München und Köln und wenn er das nächste Mal hier ist, woll(t)en wir uns treffen. Er schreibt mir seit Tagen, wie wahnsinnig hübsch er mein Gesicht findet. Und ich freu mich drüber. Das pimpt mein Ego so schön.
Heute hat er geschrieben: „Ich finde Dein Gesicht so geil. Soll ich Dir mal zeigen, was passiert, wenn ich Deine Bild angucke? Hab ich extra für Dich fotografiert.“
Nur für´s Protokoll: er hat von mir ausschließlich Bilder, auf denen ich sehr angezogen bin. Meine Antwort lautet: „Lieber nicht.“
Er: „Aber ich hab´s extra nur für Dich fotografiert.“ Das geht eine Weile so hin und her. Dann schreibe ich: „Tu was Du willst. Aber erwarte nichts im Gegenzug.“ Deshalb machen Männer das doch. Oder? Aber so was habe ich noch nie gemacht.

Das mit der Reziprozität funktioniert bei mir nicht. Ich liebe dieses Wort. Es klingt oberschlau. Mein Chef hat mir das mal beim Mittagessen erklärt. Wir waren beim Thema „sich von Männern einladen lassen“. Er erklärt uns komplizierte Dinge gern an einfachen Sachverhalten. Und seit er gekündigt hat, ist er viel entspannter. Da hat er doch tatsächlich mal zu mir gesagt, es gäbe ja auch viele Männer, die ich „mit dem Arsch nicht angucken“ würde. „Woher er das wohl weiß?“ murmelt es über meinem Ohrläppchen.
„Ich finde es komisch, dass er mit uns über so was redet, wir ihn aber nicht mal duzen dürfen.“

Während ich noch denke, sind zwei Bilder angekommen. Bilder seines erigierten – wie sagt man das in so einem Blog?
Ich antworte nicht. Nach ein paar Minuten folgt: „Macht Dich das an?“
„Nein!“ Ich google „Warum Männer Penis-Selfies verschicken“ und schicke ihm einen Link. Ich höre den Mann im Ohr flüstern „Bitch.“ Fabian schreibt: „Das spricht ja irgendwie für Dich.“ und dass das mit uns ja schon was werden könnte.

Etwas später komme ich auf die Idee, dass man, also ich, wenn ich es drauf anlegen würde, viel mehr solcher Bilder bekommen könnte. Und sich die toll in einer Ausstellung machen würden. Bilder in 1:1-Größe mit der entsprechenden Konversation daneben. In Düsseldorf war neulich eine Ausstellung „Ego Update“. Es ging um Selfies.
Ich erörtere das mit Freunden beim Italiener in Düsseldorf. Einer kommt auf die Idee für den Titel: „Ego Update 2.0“. Und eine Freundin schlägt vor, noch zu analysieren, was sich der „Künstler“ dabei gedacht hat.

Das einzig Gute, was ich heute über mich sagen kann: Ich habe die Bilder niemandem gezeigt. Und sie umgehend gelöscht.