Ich habe Tinder erfolgreich gestartet.Ich heiße Lenya und bin 34 Jahre alt.
Die Fotos sind zwischen 6 Jahre und wenige Wochen alt. Egal, ich sehe auf allen gleich jung aus. Figur, Haarfarbe und -länge haben sich quasi nicht verändert.
Ich bekomme den ersten Mann angezeigt. Ich kann nach links oder rechts wischen für „nope“ oder „like“. Ich komme mit den Richtungen durcheinander. Habe ich eine mir bis dato unbekannte Links-Rechts-Schwäche?
Gott sei Dank gibt es für blöde, sorry, unerfahrene Tinderinnen wahlweise Buttons unter den Bildern. Ein grünes Herz für „like“ und ein rotes Kreuz für „nope“.
Ich will ein rotes Herz.
Einer der ersten Männer hat kein Foto von sich eingestellt.
Erstes Foto: Düsseldorfer Skyline. Hübsch. Zweites Foto: Landschaft. Auch hübsch.
Text unter den Bildern: „Ansehnlicher, verheirateter Mann sucht Affäre. Zeitlich flexibel. Fotos gerne über WhatsApp.“ WHAT?! Ich rege mich auf.
Und sollte an dieser Stelle ehrlicherweise erwähnen, dass ich selbst exakt einmal fremdgegangen bin. Ich schäme mich noch heute dafür. Ich habe es nicht sofort, aber doch zeitnah gebeichtet und mir wurde verziehen. Seitdem reagiere ich empfindlicher auf das Thema als früher. Ich weiß, was es anrichtet. Es bringt es das Gefühlsleben von mindestens drei Personen gehörig durcheinander und kratzt an mindestens zwei Egos. Ich will auf das rote Kreuz klicken. Andererseits würde ich ihm gern den Marsch blasen! Wenn ich ihn wegblicke, kann ich ihm aber nicht schreiben.
Ich gebe ihm ein Like. Es ist ein Match. Ich schreibe ihm: „Arschlöcher wie Du haben hier nichts verloren!“ Er antwortet: „Häh?!“ Ich löse das Match auf.
Der Mann in meinem Ohr wacht auf. Er reibt sich die Augen und fragt mich, was das jetzt für eine Aktion war.
Ich: „Ich finde das unmöglich. Das muss man doch mal sagen.“
Mann im Ohr: „Glaubst Du, es hilft?“
Ich: „Natürlich nicht.“
Mann im Ohr: „Was soll das dann?“
Ich: „Der soll mal drüber nachdenken, was er da macht.“
Mann im Ohr: „Auf einer Skala von 1-10, was glaubst Du, wie sehr ihn Deine Meinung interessiert?“
Ich: „1?“
Mann im Ohr: „Eben.“
Schweigen
Mann im Ohr: „Wie oft willst Du das noch machen?“
Ich: „Nie wieder?“
Mann im Ohr: „Ich glaube, Du kommst bis heute nicht damit klar, dass Du fremdgegangen bist. Mit Deiner katholischen Oma und diesem kirchlichen Mädchengymnasiumquatsch bist Du zu einer totalen Spießerin geworden, die sich die eigene Untreue von vor – wieviel Jahre ist das jetzt her? – nicht verzeihen kann. Das lässt Du an irgendwelchen Kerlen aus.“
Ich: „Auf einer Skala von 1-10, was glaubst Du, wie sehr mich Deine Meinung interessiert?“
Er legt sich beleidigt wieder hin.
Ich: „Eben.“