Ich bin oberflächlich

Oberflächlicher jedenfalls, als ich bisher wahrhaben wollte.

Es ist immer noch Tag 1 bei Tinder. Ich sitze bei meiner Nachbarin und erzähle ihr von meiner neuen Errungenschaft. Sie ist neugierig. Und eine der wenigen, die noch NIE irgendwas mit Onlinedating zu tun hatte. Sie ist inzwischen eine tolle Freundin, ich nenne sie nur immer noch Nachbarin.
Wir stecken über meinem Handy die Köpfe zusammen. Nope. Like. Nope. Im Sekundentakt entscheiden wir, wer eine Chance bekommt und wer nicht. Mich erstaunt, dass wir in wirklich allen Fällen spontan die selben Assoziationen haben. Was uns nicht passt, ist eine ganze Reihe von Dingen.
Ich habe plötzlich meinen Projektleiter im Ohr, der sich beschwert, dass Männer heute so viel falsch machen können und man gar nicht mehr weiß, wie man einer Frau genügen soll.

Unsere Kriterien sind eher instinktiv als überlegt:
Unattraktiv – nope
Attraktiv, mit einer Frau abgebildet – nope
Attraktiv, mit alkoholischem Getränk abgebildet – nope
Attraktiv, komischer Name (exemplarisch zu nennen wären hier: Detlef, Reiner oder Peter) – nope
Sehr attraktiv, komischer Namen – na gut (das ist ein etwas zeitverzögertes like)
Ansonsten gelten für sehr attraktive dieselben Kriterien wie für attraktive.
Alles, was kein nope bekommt – like
Auch der Text ist wichtig:
Einfache Rechtschreibfehler können durch Attraktivität kompensiert werden.
Dumme nicht.
Langweilige Texte geben Minuspunkte.
Besonders witzige Pluspunkte.
Zu viele Emoticons Minuspunkte. („Kann der keine ganzen Sätze?!“)
Kein Text hat keine Auswirkung.

Mein Projektleiter hat Recht. Es ist schwer, unseren Ansprüchen zu genügen. Und wir sind oberflächlich. Das wissen wir im Alltag nur geschickt zu kaschieren.

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