Ich bin arrogant

Wenn ich eines nicht bin, dann arrogant. Ich bin wertkonservativ erzogen. Nächstenliebe und so waren immer ein Thema. Ich habe mich mit Obdachlosen genauso nett und unbefangen unterhalten wie mit meinen Professoren. Mir ist es egal, was jemand für einen Abschluss hat oder ob er überhaupt einen hat. Ich habe Jura studiert. Vor dem Gesetz und vor mir sind alle gleich. Dachte ich.

Mein erstes Tinderdate ist ein Frühstücksdate. Es ist Sonntag. Wie jeden morgen wache ich zwischen 6 und 7 auf. Ich mache Yoga und hübsche mich ein bisschen an. Ich bin gespannt auf David.¹ Und ich bin vor ihm da.
Irgendwann steht ein Typ vor dem Fenster und sieht sich suchend um. Er sieht nicht gut aus. Halb so breit wie ich vielleicht. OMG! Das ist echt ne Kunst, denn ich wiege ca. 50 Kilo und bin nur 1,65m groß. Ich bin irgendwie sauer, denn auf den Bildern sah er besser aus. Dicker. Normal eben.
Das Date verläuft schleppend. Er sagt kaum was. Erzählt ein bisschen von seinem Job, das war´s. Er hat einen Sprachfehler, vielleicht traut er sich deshalb nicht richtig? Es entstehen immer wieder peinliche Pausen. In denen denke ich darüber nach, was ich jetzt alles Schönes machen könnte, würde ich nicht mit ihm hier sitzen. Beim Verabschieden sagt keiner von uns was zum Thema Wiedersehen. Er sagt, dass ich hübscher bin als auf den Bildern, dass die Bilder mir nicht gerecht werden. Das sei ungewöhnlich, meist sei es umgekehrt. Oh, wie nett. Ich verkneife mir die Bemerkung, dass das bei ihm ja leider auch so ist.

Einige Stunden später habe ich eine Nachricht von ihm: „Das war´s dann!“.
Wie unverschämt.
Ich tippe „Wenn man nicht auf einer Wellenlänge ist, kann man das ja offen sagen, aber ein gewisses Maß an Höflichkeit sollte man dabei nicht unterschreiten.“ Antwort: „Ich mache mir nicht bei jeder Frau die Mühe.“ Wie bitte?! Ich soll jetzt noch dankbar sein, dass er mir so eine Frechheit um die Ohren haut? Dieser…Nerd! Der wahrscheinlich seit Ewigkeiten nicht mehr mit einer hübschen Frau aus war. Der kann doch froh sein, dass ich nicht sofort gegangen bin!

Ich erzähle meiner Schwester davon. Die aus Prinzip einen großen Bogen um schöne Männer macht. Nach ihrer Theorie hat ein schöner Mensch „wahrscheinlich“ einen schlechten Charakter, weil er sich einbildet, etwas besseres zu sein. Ich argumentiere dann immer, dass ich ja auch schön und nett sei. Das hat sie bislang nicht überzeugt. Aber sie ist auch meine Schwester und ärgert mich gern. Aus Prinzip. Das ist die Rache für die jahrelange Unterdrückung durch eine 6 Jahre ältere Schwester. Und hat nichts mit meinem Charakter zu tun.
Sie bleibt bei ihrer Theorie.
„Ok, aber die Praxis zeigt ja, dass auch unattraktive Menschen einen schlechten Charakter haben können. Denk an Phil.“
„Das stimmt.“ Sie sieht nachdenklich aus.
„Und wenn ich mich schon scheiße behandeln lasse, soll der Kerl dabei wenigstens gut aussehen. Hässlich und schlechter Charakter geht gar nicht.“
Meine Mutter bekommt die Krise. „So habe ich Euch nicht erzogen. Ihr sollt Euch von niemandem schlecht behandeln lassen.“
„Ach Mama.“ Wir wissen beide, dass sie sich die Standpauke zu unserer Oberflächlichkeit grade verkneift.

Der kleine Mann meldet sich aus meinem Kopf: „Findest Du nur, dass hässliche Menschen gefälligst netter sein sollen oder auch, dass andere zu einem schönen Menschen netter sein sollten als zu weniger attraktiven Mitmenschen?“
Ich: „Also bitte! Für wie arrogant hältst Du mich?!“ Tatsächlich halte ich das für völlig absurd. Ich finde es sogar besonders schlimm, wenn jemand unhöflich zu weniger gesegneten (sorry, meine katholische Oma) Menschen ist. Das ist doch ein zusätzlicher Dämpfer für jemanden, der vielleicht eh weniger selbstbewusst ist. Ich bin dann eher netter. Ich bleibe zum Beispiel zu einem Frühstück, auf das ich gar keine Lust mehr habe.
Ich denke noch ein bisschen nach und nippe an meinem Kaffee. „Eigentlich ist es dumm, eine Abhängigkeit zwischen Aussehen und Verhalten herzustellen. Und arrogant. Ich glaube aber, damit bin ich nicht alleine.“
Mann im Ohr: „Jemand, der Amok läuft, ist damit auch nicht alleine.“
Man kann auch alles dramatisieren. Ich wechsle lieber das Thema. „Seit wann wohnst Du eigentlich schon hier?“
Mann im Ohr: „Immer schon.“
Ich: „Aber ich habe Dich jahrelang nicht gehört.“
Mann im Ohr: „Du meinst die zehn Jahre mit Benedikt?“
Woher er das weiß?
Mann im Ohr: „Damals brauchtest Du mich nicht. Er hat mir viel Arbeit abgenommen.“
Das stimmt. Ben hätte mir genau dasselbe gesagt wie er.
Mann im Ohr: „Damals war es fast wie Urlaub. Ich konnte viel lesen und schlafen. Und habe mit der Frau in Ben´s Kopf. Also. Na ja.“
Ich: „Versuchst Du deshalb, mir einzureden, ich bräuchte eine Beziehung? Damit Du Deine Ruhe hast? Damit DU wieder ein Privatleben hast?“ Ich spüre, wie es warm wird in meinem Ohr. Er ist ganz rot geworden.

¹Alle in diesem Blog genannten Namen sind erfunden.
²Alles hier Beschriebene ist ist mir wirklich so passiert. Auch der Mann lebt wirklich in meinem Ohr.

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