Ich will geliebt werden

Ich hatte wirklich versucht, mir einzureden, Tinder sei schuld. Bis ich an den Fremdgänger von Tag 1 denken musste. Eigentlich ist Tinder nur ein Tool, das es uns leichter macht, ein Arschloch zu sein. Aber damit ist Tinder nicht allein. Mir wird ganz schlecht, wenn ich an die ganze Scheiße denke, die über soziale Medien verbreitet wird.

„Kein Mann will eine Frau, die Arschloch und Scheiße sagt.“ Ich habe mir noch nicht mal die Zähne geputzt und höre schon Stimmen. Die Bemerkung, dass ich das gedacht und nicht gesagt habe, verkneife ich mir.
Ich: „Ich glaube, es gab noch nie so viel technischen Support zum Fremdgehen und gemein sein wie heute.“
Mann im Ohr: „Aber Ihr Menschen habt Euch nicht geändert. Die Phänomene sind schon immer die selben. Sie haben heute nur schickere Namen.“ Da ist was dran.

Ich mache mich an die Arbeit. So fühlt es sich jedenfalls an. Dating ist anstrengend. Nachdem ich meine Männer priorisiert habe, verabrede ich mich mit Carl. Er hat mich schon mal angerufen und wirkt sympathisch. Wir treffen uns nachmittags, er sieht aus wie auf den Bildern. Kein Schönling, aber nicht unattraktiv, nicht besonders groß, aber auch nicht zu klein, beruhigend normal. Es funkt nicht, aber er ist wirklich nett und wir unterhalten uns gut.

Trotzdem habe ich ein komisches Gefühl hinterher. Ich kann nicht einschätzen, ob er Interesse hat oder nicht. Er wirkte überhaupt nicht begeistert. So neutral. Aber er hat Fragen gestellt und Dinge gesagt, die irgendwie interessiert klangen. Irgendwas passt da nicht. Mein Bauch zieht sich komisch zusammen.

Ich: „Hast Du das auch gemerkt? Dass da was komisch ist?“
Mann im Ohr: „Es geht nicht um Dich.“
Ich: „Wie meinst Du das?“
Mann im Ohr: „Er hat eine Vision. Von einem Leben mit einem gutgezahlten Job, einem eigenen, schönen Haus in der Nähe seiner Familie, mit seinen Freunden, einer Frau und Kindern.“
Ich: „Ja, das hat er gesagt. Er hat uns sogar die Fotos gezeigt. Mir gefällt sein Einrichtungsstil nicht. Aber das erklärt nicht mein Gefühl.“
Mann im Ohr: „Er hat alles. Den Job, das selbst ausgebaute Haus, Mama in der Nähe und den Freundeskreis.“
Ich: „Nur die Frau fehlt noch.“
Mann im Ohr: „Er hatte eine Checkliste dabei.“
Ich: „Nein. Das wäre mir aufgefallen.“
In meinem Kopf seufzt es: „Dummerchen. Im Kopf. Er hat Dir ganz gezielt Fragen gestellt, um zu prüfen, ob Du ins Profil passt. Kinderlieb? Ein Must. Kochst Du gut und gern? Ein Nice-to-have, vielleicht ein Must. Ist Dir Dein Job wichtiger als Dein Privatleben? Ein No-go. Würdest Du wegziehen für einen besseren Job? Ebenfalls ein No-go. Willst Du Kinder? Ein Must.“
Ich: „Das klingt nach einem Bewerbungsgespräch, nicht nach einem Date.“
Mann im Ohr: „Es war eins.“
Ich: „Es war ihm ganz wichtig, dass ich keine Kinder aus meiner Ehe habe.“
Mann im Ohr: „Er hat auch gesagt, dass es da diese Süße aus seinem Bekanntenkreis gibt, die aber nicht in Frage kommt, weil sie alleinerziehende Mutter ist.
Ich: „Das würde nicht in seine Vision passen.“
Mann im Ohr: „Seine zukünftige Frau soll sich in sein Leben einfügen. Das ist schwierig, wenn man schon ein eigenes hat.“

Ich: „Es geht hier weder um Gefühle noch um mich, oder?“
Mann im Ohr: „Ihm fehlt nur das letzte Puzzlestück, um sein Bild von einem perfekten Leben zu vervollständigen.“

Das kenne ich sonst nur von Frauen. Dabei scheint das so ungewöhnlich nicht zu sein. Ich finde einen Artikel in der Süddeutschen dazu: Die Muttersucher.
Ein Mann soll mich wollen. MICH. Und mich lieben, wie ich bin. Und dann Kinder mit mir wollen. Als Tüpfelchen auf dem i sozusagen.
Die Reihenfolge ist mir wichtig. Wenn ich nur ein Punkt auf seiner Checkliste bin, wird es nicht halten. Dann werde ich ausgetauscht, wenn ich nicht performe. Wenn ich nicht schwanger werde oder das Essen versalze.
„Du würdest niemals das Essen versalzen. Dein Essen ist Bombe.“ Ich muss grinsen. Mit Komplimenten wickelt man mich ganz schnell um den kleinen Finger. „Wenn ich nur jemanden finden würde, für den ich überhaupt kochen will. Für jemanden, dem es nur um das eine geht, sicher nicht.“ Der Mann im Ohr kichert. „Um was jetzt?“

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