Ich bin gemein

Ene fiese Möpp, wie man hier im Rheinland sagt. Das klingt schon viel netter.

Auf Nettigkeit lege ich viel wert, nicht nur bei mir selbst. Ich mag nette Menschen und will einen netten Mann. Nett ist nicht die kleine Schwester von irgendwem. Wären alle Menschen nett zueinander, wäre die Welt ein besserer Ort.
Mal ehrlich, es weiß doch keiner, was bei anderen Menschen das Fass zum Überlaufen bringt. Vielleicht ist es ja der Nachbar, der schon wieder nicht gegrüßt hat. Nett sein schadet garantiert nicht. Aber irgendwie ist es nicht mehr en vogue. Ich sage Menschen immer, wenn sie mir als besonders nett auffallen, weil ich das wichtig finde. Von Männern wird das oft geradezu als Beleidigung aufgefasst. Als wäre das die selbe Schublade wie impotent.

Unter meinem Tinder-Bild stand: „BE NICE – It´s a small world.“

Aber heute bin ich fies. Gleich mehrmals.
Ein Typ hat mich angeschrieben mit „Hey“. Einfallslos! Ich schreibe zurück „Hey“. Soll er mal Spiegel vorgehalten bekommen. Es folgt ein „Guten Morgen“ und von mir ebenfalls ein „Guten Morgen“. Das geht mit „Guten Abend“ so weiter. Ich hätte einfach nicht zurückschreiben können. Oder ihm sagen, dass ich das einfallslos finde. Stattdessen habe ich zurückgeechot. Und dann einen Screenshot der Konversation gemacht und an meine Nachbarin geschickt. Mit so einem Smiley, der Tränen lacht. Pfui.

Aber das war noch harmlos. Ich schreibe schon länger mit Fabian. Er wohnt in München und Köln und wenn er das nächste Mal hier ist, woll(t)en wir uns treffen. Er schreibt mir seit Tagen, wie wahnsinnig hübsch er mein Gesicht findet. Und ich freu mich drüber. Das pimpt mein Ego so schön.
Heute hat er geschrieben: „Ich finde Dein Gesicht so geil. Soll ich Dir mal zeigen, was passiert, wenn ich Deine Bild angucke? Hab ich extra für Dich fotografiert.“
Nur für´s Protokoll: er hat von mir ausschließlich Bilder, auf denen ich sehr angezogen bin. Meine Antwort lautet: „Lieber nicht.“
Er: „Aber ich hab´s extra nur für Dich fotografiert.“ Das geht eine Weile so hin und her. Dann schreibe ich: „Tu was Du willst. Aber erwarte nichts im Gegenzug.“ Deshalb machen Männer das doch. Oder? Aber so was habe ich noch nie gemacht.

Das mit der Reziprozität funktioniert bei mir nicht. Ich liebe dieses Wort. Es klingt oberschlau. Mein Chef hat mir das mal beim Mittagessen erklärt. Wir waren beim Thema „sich von Männern einladen lassen“. Er erklärt uns komplizierte Dinge gern an einfachen Sachverhalten. Und seit er gekündigt hat, ist er viel entspannter. Da hat er doch tatsächlich mal zu mir gesagt, es gäbe ja auch viele Männer, die ich „mit dem Arsch nicht angucken“ würde. „Woher er das wohl weiß?“ murmelt es über meinem Ohrläppchen.
„Ich finde es komisch, dass er mit uns über so was redet, wir ihn aber nicht mal duzen dürfen.“

Während ich noch denke, sind zwei Bilder angekommen. Bilder seines erigierten – wie sagt man das in so einem Blog?
Ich antworte nicht. Nach ein paar Minuten folgt: „Macht Dich das an?“
„Nein!“ Ich google „Warum Männer Penis-Selfies verschicken“ und schicke ihm einen Link. Ich höre den Mann im Ohr flüstern „Bitch.“ Fabian schreibt: „Das spricht ja irgendwie für Dich.“ und dass das mit uns ja schon was werden könnte.

Etwas später komme ich auf die Idee, dass man, also ich, wenn ich es drauf anlegen würde, viel mehr solcher Bilder bekommen könnte. Und sich die toll in einer Ausstellung machen würden. Bilder in 1:1-Größe mit der entsprechenden Konversation daneben. In Düsseldorf war neulich eine Ausstellung „Ego Update“. Es ging um Selfies.
Ich erörtere das mit Freunden beim Italiener in Düsseldorf. Einer kommt auf die Idee für den Titel: „Ego Update 2.0“. Und eine Freundin schlägt vor, noch zu analysieren, was sich der „Künstler“ dabei gedacht hat.

Das einzig Gute, was ich heute über mich sagen kann: Ich habe die Bilder niemandem gezeigt. Und sie umgehend gelöscht.