In meinem Kopf stimmt was nicht

Ich wache auf und habe furchtbare Kopfschmerzen. Ich frage, was da los ist.

„Ich versuche grad, hier was zu reparieren.“ Seine Stimme scheint direkt aus meinem Kopf zu kommen, sonst höre ich ihn eher seitlich am Ohr.
Ich: „Was ist denn kaputt?“
Mann im Ohr: „Ich schaue mir die Verbindung zwischen Verstand und Gefühl an.“ Mein Kopf tut so weh, dass ich mir nichts darunter vorstellen kann.
Ich: „Wir waren doch neulich erst im MRT. Und da war nichts.“ Hatte der Arzt gesagt. So auf den ersten Blick und ohne Kontrastmittel jedenfalls.
Mann im Ohr: „Genau. Nichts. An einer Stelle, wo eigentlich was sein sollte.“ Ich verstehe nur Bahnhof, aber er spricht schon weiter: „Dein Bauchgefühl hat eine Verbindung zum Verstand. Das ist gut. Alle Daten kommen hier oben an.“
Ich: „Beruhigend.“
Mann im Ohr: „Auch die Verarbeitung läuft richtig. Du ziehst die richtigen Schlüsse und die Datenverarbeitung läuft ungewöhnlich schnell.“
Ich: „Kannst Du mir mal sagen, wovon Du redest?“
Mann im Ohr: „Ich gebe Dir ein Beispiel: Du vergisst Deine Kette bei einem Kerl im Schlafzimmer. Er ist ein schlampiger Mensch. Als er Dir eine Weile später die Kette wiedergibt, holt er sie aus einer relativ versteckten Schublade in der Küche. Er schafft es nicht, irgendwas aufzuräumen, nicht mal, wenn Du zu Besuch kommst. Aber die Kette ist ordentlich weggeräumt.“
Ich: „Weil er sie vor einer anderen Frau, die in der Zwischenzeit da war, verstecken musste?“ Natürlich würde ich einen solchen Schluss noch verifizieren und weitere Indizien in meine Überlegungen einbeziehen. Ein einzelner Beobachtungspunkt ist nicht aussagekräftig.
Mann im Ohr: „Genau! Du bist selbst in lädiertem Zustand schnell. In so einem Fall schlägt Dein Bauch an und leitet das Gefühl weiter. Dann arbeitet Dein Verstand und analysiert in 99,8% der Fälle zutreffend. Das ist ein beachtlicher Wert. Dieser Abgleich zwischen Bauch und Kopf ist wichtig, um gute Entscheidungen zu treffen.“
Ich: „Klingt doch gut so weit.“
Mann im Ohr: „Bis dahin schon. Aber der Teil des Gehirns, der Dein Verhalten steuert, scheint nicht angeschlossen zu sein. Dein Verhalten passt nicht  immer zur Erkenntnis.“
Ich: „Ich hätte also diese Erkenntnis und würde nichts sagen?“
Mann im Ohr: „Genau. Oder Dich weiter mit ihm treffen.“
Ich versuche zu denken, soweit die Schmerzen das zulassen. „Aber das könnte ja gefährlich sein. Wenn ich erkennen würde, dass jemand gewalttätig ist und ich nicht weglaufen würde, zum Beispiel.“
Mann im Ohr: „Deshalb versuche ich ja gerade, es zu richten. Es ist eine essentielle Verbindung. Es könnte sein, dass die Verbindung fehlt. Oder sie wird von außen gestört.“
Ich: „Von außen?“
Mann im Ohr: „Von Leuten, die Dich beeinflussen zum Beispiel. Oder durch fest verankerte Wertvorstellungen. So was.“ 

Ich: „Wie lange dauert es, das zu richten?“
Mann im Ohr: „So schnell geht das nicht. Und Du musst helfen.“
Ich: „Helfen?“
Mann im Ohr: „Der Defekt sitzt ausschließlich im Verstands-Teil, der Gefühls-Teil ist in Ordnung. Wir müssen den Verstand komplett vom Gefühl trennen, damit ich hier in Ruhe arbeiten kann.“
Ich: „Mach da bloß nichts kaputt!“
Mann im Ohr: „Keine Sorge, ich weiß, was ich tue. Ich werde die beiden Bereiche voneinander abkoppeln. In der Zeit darfst Du Deinen Verstand nicht benutzen.“
Ich schnappe nach Luft. Es sticht in meinem Kopf.
Ich: „Ohne meinen Verstand kann ich nicht leben. Wie soll ich denn Auto fahren oder arbeiten?“
Mann im Ohr: „Routinen laufen mehr oder weniger automatisch. Und Du hast ja Dein Bauchgefühl. Du musst in der Zeit einfach konsequent auf Deinen Bauch hören, dann passiert Dir nichts.“
Ich: „Das kann ich nicht!“
Mann im Ohr: „Wenn  Du es nicht tust, kann es gefährlich werden. Aber er wird Dir sagen, was zu tun ist.“
Er scheint mein verzweifeltes Gesicht zu sehen und fügt hinzu „Du musst keine Angst haben. Manche Menschen leben so ihr ganzes Leben“. 
Ich: „Was für Risiken bestehen? Und wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass die eintreten?“ Man muss ja aufgeklärt werden, bevor man in so eine Operation einwilligt.
Mann im Ohr: „Es gibt zwei Risiken: dass Du versuchst, Deinen Verstand einzuschalten bevor die Operation abgeschlossen ist. Dann funktioniert es nicht. Die Wahrscheinlichkeit ist nicht so gering, aber Du kannst das beeinflussen. Das zweite Risiko: Du hörst nicht auf Deinen Bauch und Dir passiert etwas, während Dein Verstand abgeschaltet ist. Auch das hast Du in der Hand.“
Ich: „Nicht so gering. Das ist mir viel zu unpräzise.“ Andererseits klingt der jetzige Zustand gar nicht gut.
Ich: „Wie lange dauert das?“
Mann im Ohr: „So ungefähr 4-6 Wochen.“ 
Wochen? Nicht Stunden?! „Und der Erfolg ist garantiert, wenn ich mich an Deine Anweisungen halte?“
Mann im Ohr: „Ja.“ 
Bisher konnte ich mich immer auf den kleinen Mann verlassen. Ich zögere.
Ich: „Kann ich meinen Verstand noch ein paar Tage benutzen? Können wir in ein paar Tagen anfangen, damit ich noch ein paar Dinge erledigen kann vorher?“

Das ist möglich, Gott sei Dank. Wir vereinbaren, dass wir am 01. September mit der Operation beginnen. Merkwürdigerweise meldet mein Bauch kein schlechtes Gefühl dabei.

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