Ich kann nicht küssen

Auch das noch. Zu meinen kürzlich unschön ins Licht gerückten charakterlichen Defiziten.

In der Zwischenzeit habe ich Peter wiedergesehen. Natürlich, er war ja auch ein unerwarteter Volltreffer. Unser zweites Date war unspektakulär, aber schön. Wir waren essen, nach der Arbeit. Meine Füße taten weh, ich war müde, aber wir haben uns prima unterhalten und ich finde ihn genauso toll wie beim ersten Mal.

Vor unserem dritten Date bin ich aufgeregt. Wir treffen uns an einem Freitagabend bei ihm zuhause und wollen dann noch irgendwo etwas essen. Wir beide wissen, dass irgendwas passieren wird. Ich stehe 2 Stunden im Bad und drehe mir die Haare auf Lockenwickler, obwohl ich ganz genau weiß, dass die Pracht höchstens eine Stunde hält. Es ist 35 Grad und ich schwitze, sobald ich drei Schritte gelaufen bin. Mist. Na ja, ihm wird es genauso gehen.
Ich nehme keine Zahnbürste mit. Ich bin ein Pingel, was meine Zähne angeht, aber das ist eine andere Geschichte. Wenn ich meine elektrische Zahnbürste nicht dabei habe, übernachte ich nirgendwo. So ist sichergestellt, dass ich nachher in meinem Bett lande. Fummeln kann man ja trotzdem. Dachte ich.

Er freut sich, mich zu sehen. Wir trinken eine Weinschorle. „Kannst Du auf den Punkt kommen? Das interessiert niemanden.“
Ich: „Ich will den Abend in schöner Erinnerung behalten und nicht nur an das denken, was schiefgelaufen ist! Wir sehen viel zu oft die negativen Dinge und vergessen das Gute.“
Der kleine Mann legt sich demonstrativ schlafen.

Also gut: die Kurzform. Der Abend läuft super. Es gibt Weinschorle, gute Gespräche und leckeres Essen in lauer Sommerluft. Ich mag seine Wohnung und die Fotos überall an den Wänden. Unsere Gespräche sind überraschend offen und entspannt. Wir mögen uns noch mehr als ich dachte. Und natürlich küssen wir uns.

Ich stelle mir einen ersten Kuss so vor: ER steht vor mir und sieht mir in die Augen. Es gibt diesen Moment, in dem beide wissen, was kommt. Er lässt mir genug Zeit, damit ich ihm ausweichen könnte, wenn ich wollte. Mindestens eine Hand ist irgendwo an meinem Kopf, umfasst meinen Nacken oder streichelt über meine Wange. Und dann bewegen sich seine Lippen ganz langsam auf meine zu. In meinem Bauch hüpft irgendwas vor Vorfreude und Gespanntsein. Unmittelbar bevor unsere Lippen sich berühren gibt es diesen kurzen Moment des Innehaltens. Das ist DER Moment zwischen zwei Menschen. Man weiß, dass man gleich die Distanz aufgibt. Dann folgt etwas, das sich immer anders, aber immer gut anfühlt. Es ist vorsichtig-romantisch oder leidenschaftlich-wild oder irgendwas dazwischen.

Unser Kuss ist nichts von alldem. Und ich ahne, dass er genauso enttäuscht ist wie ich. Ich küsse überhaupt nicht so, wie er sich das erhofft hatte.
Ich schlafe zuhause und habe keine Ahnung, was ich ihm sagen soll. Ich mag ihn so, dass ich ihn gern wiedersehen würde. Aber das passt einfach nicht.

Als ich am nächsten Tag noch überlege, wie ich am besten mit ihm rede, habe ich eine Nachricht von ihm. Eine lange Nachricht. Einen kleinen Roman. Es ist der schönste Korb meines Lebens. Er tut nicht weh und kratzt nicht mal an meinem Ego. Er hat in Worte gefasst, was ich denke. Dass wir nicht harmonieren. Dass wir jetzt auch noch miteinander im Bett landen könnten, aber wir doch eigentlich beide wissen, dass das zu nichts führt. Dass er mich sympathisch, unterhaltsam und lustig findet. Und mich deshalb gern wiedersehen würde. Auf einen Kaffee oder ein Glas Wein.

Ich bin doch nett

Und ich bin nicht die einzige.

Vier Tage nach meinem Date mit Carl habe ich immer noch nichts von ihm gehört. Vermutlich hat er kein Interesse. Ich könnte mich einfach nicht melden. Aber irgendwie kommt mir das komisch vor. Bequemer wäre das. Ich liege schon im Bett und entscheide mich schließlich doch, ihm zu schreiben.

„Hallo Carl, 
hoffe, Du hast Deinen Geburtstag schön gefeiert? 
Da ich nichts mehr von Dir gehört habe, gehe ich davon aus, dass wir uns nicht wiedersehen. Ich fand Dich echt nett, aber gefunkt hat es bei mir irgendwie nicht. Nehme an, das geht Dir genauso? Wollte mich aber trotzdem noch mal melden und Dir sagen, dass ich es ein nettes Treffen fand. 
Liebe Grüße, Lenya“

Keine zehn Minuten später habe ich eine sehr nette Antwort. Und am nächsten Tag ruft er an. Ich habe in Worte gefasst, was er dachte. Und er hat sich gefreut, dass ich das getan habe. Wir plaudern ein wenig darüber, wie blöd das ist nach so einem Date, bei dem es nicht gefunkt hat und wie kompliziert diese Online-Dating-Welt manchmal ist. Wir werden uns noch mal treffen. Einfach so, ganz entspannt.