Und. auch. nicht. devot!
Ich weiß nicht, was der liebe Gott sich gedacht hat, als er mich kreiert hat. Vielleicht war er abgelenkt. Oder hat Teile verwechselt. Mein Erscheinungsbild und mein Charakter passen nicht zusammen. Engelsgleiche Erscheinung und sehr eigenwilliger Kopf ist die Kurzform.
Nicht mal mein Charakter in sich ist stimmig. Ich bin ziemlich direkt, schlagfertig und manchmal sarkastisch. Weder Emanze noch Karrierefrau, aber auch kein Heimchen. Obwohl ich gern koche und backe, kinderlieb bin und einen grünen Daumen habe. Ich putze gern. Am liebsten Fenster. Dabei höre ich Musik und vergesse die Zeit. Hinterher freu ich mich wie Bolle, wenn jemand mir sagt, dass meine Scheiben aussehen, als wären gar keine drin.
Trotzdem bekomme ich Pickel, wenn ein Mann mich toll findet, weil ich gern koche und putze. Geliebt werden und für ihn kochen und putzen ist gut. Geliebt werden, weil ich gern koche und putze ist scheiße. Der Unterschied ist für viele nicht nachvollziehbar, aber für mich ist er essentiell. Neben dem Kochen und Putzen möchte ich ernstgenommen werden. Menschen, die mich gut kennen, tun das. Und die mich sehr gut kennen, wissen genau, wann ich ernst zu nehmen bin und wann besser nicht. Mein Gehirn setzt regelmäßig einige Tage aus. Dann ignoriert man am besten einfach alles, was ich sage oder schreibe. Ich habe in dem Zustand schon mal ‘aus Versehen’ mit jemandem Schluss gemacht.
Bjarne hat mich angeschrieben mit „Gute Nacht, süße Maus.“. Ich bekomme fast einen Herzinfarkt. Der kleine Mann leidet unter Übelkeit. Wenn er sich übergeben muss, habe ich hinterher so komisches gelbes Zeug im Ohr. Das mag ich gar nicht.
Erstens schätzen wir solche Sätze vor einem ersten Date ungefähr so sehr wie Penisfotos.
Und zweitens bin. ich. keine. süße. Maus!
Ich schreibe ihm, dass er bei mir an der falschen Adresse ist, wenn er so was sucht.
Jemand weiß auch, warum. „Da wolltest Du nicht mehr gefallen. Du hast genau geschrieben, was in Deinem Kopf vorging.“
Ich: „Ich wusste spätestens da, dass wir nicht zusammen passen. Nicht mal für einen Abend.“
Erstaunlicherweise gefällt ihm meine direkte, ziemlich zickige Antwort. Er schreibt: „Ich steh auf intelligente Frauen, die wissen, was sie wollen!“ und einige andere Sachen.
Mann im Ohr: „Pah, er liked Dich als „süße Maus“ und jetzt steht er auf intelligent und selbstbewusst?! So ein Bullshit.“
Ich sehe das genauso. „Den treffen wir nicht. Aber fluchen musst Du deshalb noch lange nicht!“
Ich bekomme ein schlechtes Gewissen nach dem Rüffel. Ich bin in letzter Zeit ja nicht grade das beste Vorbild. Wir sitzen ein Weilchen lesend auf dem Sofa und schweigen.
Dann höre ich ein besorgtes „Und Felix? Treffen wir den?“.
„Sicher nicht!“ Dabei haben wir uns schon fest verabredet. Danach hat er mir ein Foto geschickt. Nicht, was ihr jetzt denkt.
Es zeigt eine Frau in einem sehr kurzen Kleid, die sich bäuchlings und mit Lack-High-Heels auf einem Bett räkelt.
Ich frage, ob das seine Ex ist. Von der hat er netterweise schon einige Male geschrieben. Angeblich nicht. Es ist von Instagram. Ich prüfe das nach, man weiß ja nie. Er hat recht. Was das wohl soll? Sie ist sehr heiß und sicher mit Photoshop aufgehübscht. Ich schreibe „Wenn das Dein Maßstab ist, erfülle ich ihn nicht.“ und bekomme ein „Jede Frau kann so aussehen, wenn sie will.“ zurück. Ich schnappe nach Luft.
Darauf folgt ein Link mit dem Text „So musst Du leben.“. Diät-Tipps. WHAT?
Es kommt noch besser: „Du bist bestimmt auch so eine, die total in Pasta verliebt ist und gern mal einen Teller zu viel isst.“
Ich bekomme einen gepflegten Ausraster. Ich finde ihn unverschämt und teile ihm mit, dass ich mir von niemandem sagen lasse, was und wie viel ich zu essen habe und schon gar nicht von irgendeinem dahergelaufenen Typen, den ich noch nie gesehen habe. Er findet das unpassend. Er mag devote Frauen. Der Kontext ist so, dass damit eindeutig keine sexuelle Geschichte gemeint ist. Er will einfach nur, dass ich tue, was er sagt.
Früher war so jemanden ein Macho-Arsch. Aber ‘devot’ klingt verrucht und erinnert an „Fifty Shades of Grey“. Glaubt Felix, dass ich lieber nach seiner Pfeife tanze, wenn er das Vokabular ändert?
„Besonders mag ich, wenn ein Mann so was sagt, dessen einzig im Wortschatz verfügbares Fremdwort ‘devot’ ist.“ In meinem Ohr kichert es.
Ich muss lachen. Er hat recht. Wer eine Ana Steel will, sollte zumindest annähernd das Niveau eines Christian Grey haben. Ich schreibe nichts mehr. Er würde das ohnehin nicht verstehen.
„Du würdest Christian Grey seine Toys in den Allerwertesten…“ meldet sich jemand, der das beurteilen kann. Ich würde auch keinen Vertrag unterschreiben, ohne ihn zu lesen. Ich muss schlucken. „Nicht mal die aktuellen Sex-Trends mache ich mit.“
Der kleine Mann versucht, mich aufzumuntern. „Deine Zielgruppe bekommt grad die ersten Potenzprobleme. Die sind doch froh, wenn eine Frau sie nicht überfordert.“