Zu nett ist auch nichts

Ich sitze mit meinem Café Latte am Tisch und habe meine Stirn in Falten gelegt. Wäre Ben jetzt hier, würde er was sagen. Er hat mir schon vor acht Jahren verboten, meine Nase zu kräuseln. Weil das keine Anti-Falten-Creme je wieder wett machen könnte. Einmal hat er gefragt, ob ich eigentlich diese Anti-Cellulite-Creme noch benutze. Auf meine Verneinung kam ein „Sieht man.“. Ich hätte ihn umbringen können. Habe mich auf ihn gestürzt und ihm gesagt, was für ein unverschämter Arsch er ist. Aber noch bevor ich zu Ende gesprochen hatte, haben wir Dinge getan, bei denen wir sowohl den Streit als auch die Cellulite ganz schnell vergessen haben.

Wie kam ich da jetzt drauf? „Du brauchst einen Mann, an dem Du Dich reiben kannst. Der Dich herausfordert. Der Dich trotz Deiner Macken liebt. Deshalb kamst Du drauf. Aber eigentlich wolltest Du über Guiseppe schreiben.“ Ach ja. Guiseppe.

Er war einer der ersten, der mich über Tinder angeschrieben hat. Als ich endlich Zeit hatte, mich zu treffen, war meine Tinder-Zeit eigentlich schon vorbei. Trotzdem kann man sich den ja mal anschauen, dachte ich. Das habe ich getan, zwei mal schon, tagsüber.

Guiseppe ist nett. „Kommt irgendein Wort häufiger vor in diesem Blog?“ Der kleine Mann beginnt, zu zählen. Damit wird er eine Weile beschäftigt sein.

Jedenfalls halte ich Guiseppe, soweit ich das beurteilen kann, für einen anständigen, ehrlichen Kerl. Er kocht hervorragend, sieht ganz gut aus, ohne ein Schönling zu sein, ist groß und immer gut angezogen. Er ist ein Familienmensch. Seine Familie kommt aus Sizilien und zum Teil aus Frankreich. Er ist braungebrannt. Zur Zeit ist er freigestellt, bekommt von seiner Firma eine vermutlich großzügige Abfindung und orientiert sich gerade beruflich neu. Dafür nimmt er sich Zeit, das sollte man ja auch bei wichtigen Entscheidungen.

Wir sitzen beim Portugiesen. Es ist Freitagabend, ich habe gearbeitet und Erledigungen gemacht und trage immer noch meine Business-Hose. Ich bin völlig platt und sterbe vor Hunger. Er sieht mich an und erzählt von seinem Tag am See. Und wie sehr er den Sommer genießt. Als ich von meinem Tag erzähle kommt er auf meinen Blog-Eintrag zum Thema „auf der Arbeit privat schreiben“ zu sprechen. Er findet, ein zuverlässiger Mensch ist für seine Freunde und Familie immer erreichbar. Dann sprechen wir über das Arbeiten an sich. Bei mir ist es im Moment gar nicht so viel, trotzdem bleibt vergleichsweise wenig Freizeit. Und ich nehme die Arbeit manchmal gedanklich mit nach Hause. Allerdings liebe ich meinen Job. Das Projekt macht Spaß, wir ziehen alle an einem Strang. Ich merke, dass sich was bewegt hat in den letzten Wochen. Die besten Ideen kommen mir unter der Dusche, wenn ich kurz vor´m Einschlafen bin oder im Auto. Wenn ich sie nicht gleich aufschreibe, sind sie weg. Deswegen kommt es auch in meiner Freizeit schon mal vor, dass ich etwas notiere. Außerdem lese ich gern Fachartikel am Wochenende. Dazu komme ich im Büro nicht.
Ihm gefällt das nicht. Er kennt das. Hat er früher auch, er hat immer 150% gegeben, aber das sei doch kein Leben. Außerdem sind Großkonzerne für ihn das personifizierte Böse. Ich arbeite in einem. Gerne. Guiseppe versteht das nicht. Er findet, ich arbeite zu viel und fragt, wie meine Abende aussehen.
Unspektakulär. Essen, Yoga, lesen, Nachrichten schauen, Wäsche machen, so was eben.
Er spricht davon, dass er dringend wieder zur Maniküre müsste. Noch ein Punkt, den ich selbst und nach Feierabend erledige. Er gibt mir das Gefühl, mein Leben sei schrecklich. Als wäre ich völlig unentspannt und müsste dringend etwas ändern.

Wenn ich mich mit Männern treffe, die einen ähnlichen Tag hatten wie ich, bin ich deutlich entspannter. Ich mag es, wenn ich sehe, wie sich beim ersten Wein die Anspannung langsam löst. Ich finde es völlig okay, wenn sich die ersten Sätze noch um die Arbeit drehen. Ich kenne das nicht anders. Ich habe einen Vater und hatte immer Männer, die ihren Beruf geliebt und auch zu Hause thematisiert haben. Ich mag es, wenn ein Mann mich um Rat fragt in beruflichen Dingen. Damit zeigt er mir, dass er mich ernst nimmt und für halbwegs intelligent hält. Und ich mag diesen Moment, wenn ich merke, jetzt ist er im Kopf nicht mehr im Büro, sondern bei mir.

Guiseppe war schon den ganzen Tag gedanklich bei mir. Und die Tage davor. Er hat sich sogar gefragt, wie er mich unterstützen kann und bietet an, meine Wäsche zu bügeln oder irgendetwas anderes zu tun, um mich zu entlasten.

„Der hat nicht alle Latten am Zaun.“ Der kleine Mann ist fertig mit zählen.
Ich: „Das ist doch nett. Er macht sich Gedanken.“
Mann im Ohr: „Ihr seid kein Paar. Es ist nicht mal irgendwas zwischen Euch gelaufen. Ihr habt Euch nicht mal geküsst! Was meinst Du, was er als Gegenleistung will?“
Ich: „Ich habe sein Angebot ja auch abgelehnt.“ Wenn es mal ganz schlimm ist, unterstützt mich meine Mutter. Und da habe ich schon ein schlechtes Gewissen. Vielleicht funktioniert das mit der Reziprozität bei mir doch.
Mann im Ohr: „Vielleicht ist er gar nicht nett und will nur an Deinen Wohnungsschlüssel kommen. Oder an Deine Adresse. Damit er Dich stalken kann.“ Der Gedanke war mir auch gekommen. Ich halte das für unwahrscheinlich, trotzdem bin ich zu vorsichtig für sowas.

Am Ende des Abends streite ich mit ihm. Er hatte mir gesagt, er wolle in die Schwanenhöfe. Da war ich noch nie. Ich hatte extra gefragt, was denn da sei und die Antwort lautete „Da kann man ganz gechillt ein Bier trinken. Vorher noch was essen?“
Das klang okay in meinen Ohren. Nach dem Essen laufen wir rüber. Ich finde mich mitten auf einer House-Party wieder. Ich mag kein House, sofern es sich um Musik handelt. House alias Hugh Laurie liebe ich. Ich mag seinen Sex-Appeal und seinen Sarkasmus.
Guiseppe sagt, dass man hier ja einige Leute kennt. Ich kenne niemanden. Sein erstes Bier hat er ziemlich schnell geleert. Er will Nachschub holen. Ich stehe allein unter hunderten von Menschen und nippe an meinem „Krefelder“. Ich sehe mich um. Der Hinterhof ist hübsch. Ich höre durch das Gewummer ein „Nächste Woche soll wieder geil werden.“. Ob das Wetter gemeint ist? Es vergehen zehn Minuten. Mein Bauch meldet, dass er sich unwohl fühlt. Er sendet die Nachricht an mein Gehirn. Das analysiert ungefähr weitere zehn Minuten die Lage. Es ist mir zu laut. Ich bin müde. Mein Outfit passt nicht hierher. Ich mag die Musik nicht. Die Leute um mich herum sehen aus, als wären sie wahlweise angetrunken oder unter Drogen oder beides. Mein Auto steht 2 Gehminuten entfernt. Ich kann und darf noch fahren. Guiseppe ist immer noch nicht wieder da und ich kann ihn nirgendwo entdecken.
Weder meine Erziehung noch sonst irgendwas funkt dazwischen. Ich gehe in Richtung Auto. Und tippe dabei eine Nachricht. Dass es mir leid tut, ich müde bin und nach Hause fahre.

Mann im Ohr: „Das ist untypisch für Dich. Es hat alles zusammengepasst. Bauch – Analyse – daraus resultierende Handlung.“ 
Ich „Es hat sich gut angefühlt.“ 
Mann im Ohr: „Vielleicht ist der Defekt doch nicht so groß, wie es auf den ersten Blick aussieht.“

Guiseppe ruft mich noch an an dem Abend. Er ist sauer und sagt mir „So etwas macht man nicht.“ Und fügt hinzu „Mach das nie wieder mit mir, Lenya. Versprich mir das.“

In meinem Kopf schnaubt es erbost „Der spinnt doch! Ansprüche zu stellen an Dich.“.
Er findet mein Verhalten eben nicht nett und legt – wie ich – viel Wert darauf.
Ich: „Weißt Du, ich hätte ihn nicht ohne Nachricht da stehen lassen. Aber das ist dann auch genug der Nettigkeiten. Wenn ich mich schlecht fühlen muss, nur um nett zu sein, dann bin ich lieber ein Arsch.“