…und Du massierst mir dafür den Nacken. Ob irgendwer Lust auf so einen Deal hat?
Ich sitze mit Laptop im Bett und muss an meine Oma denken. Nicht an die. Die andere.
„Dein Laptop bewohnt quasi die andere Betthälfte. Das ist ungesund. Ich mache mir langsam Sorgen.“ Es fühlt sich an, als käme das direkt aus meinem Gehirn.
Ich: „Wegen der Strahlung? Ach was.“
Mann im Ohr: „Wegen…“
Ich kann mir denken, was er sagen will und das passt mir nicht. „Darf ich mal in Ruhe zu Ende denken? Ist schließlich mein letzter Tag mit Verstand.“ Mir wird ein bisschen flau bei dem Gedanken.
Meine Oma. Ich hatte zwei. Die eine war fast schon extremistisch religiös, verheiratet und verbittert, die andere moderat katholisch, verwitwet und fast immer gut drauf. Es sei angemerkt, dass weder die Verbitterung etwas mit meinem wirklich netten Opa zu tun hatte noch der Witwenstatus zur guten Laune beitrug.
Meine verwitwete Oma hat mir viel und gern von ihren Männern erzählt. Sie hat sich zwar für meinen Opa ‘aufgehoben’. Aber vor ihm hatte sie ‘Verehrer’. Viele. Einmal ist sie sogar heimlich ausgebüxt, um einen Offizier auf einer Nordseeinsel zu treffen. Sie sah aus wie ein Mannequin. Das hat sie jedenfalls immer behauptet. Sie hat nur ihren Namenstag gefeiert, damit niemand weiß, wie alt sie ist. Mein Opa war 6 Jahre jünger als sie. Sie waren sehr glücklich und hatten 3 Kinder, aber mein Opa ist schon im Alter von 35 Jahren verstorben. Sie war also die meiste Zeit ihres Lebens allein und hatte viel Zeit, über sich und die Welt nachzudenken. Ihre Weisheiten hat sie gern mit anderen Menschen geteilt. Hätte es sowas zu ihrer Zeit schon gegeben, sie hätte vermutlich gebloggt.
Mir hat sie zum Thema „den richtigen Mann finden und mit ihm glücklich sein“ genau einen Satz gesagt:
Du musst zu ihm aufschauen können.
Natürlich hat sie das noch präzisiert: In jeder Hinsicht. Ein Mann sollte größer sein als ich, intelligenter, und einen besseren Charakter haben.
Die einfachsten Rezepte sind oft die besten. Ich lasse meine festen Beziehungen Revue passieren und gleiche sie mit ihrer Theorie ab: Alle Männer waren größer als ich. In 3 meiner 4 Beziehungen gab es tatsächlich irgendwann den Punkt, wo mir das mit dem Aufschauen schwerfiel. Und das war immer auch der Punkt der Trennung.
Das waren die 3 kürzeren Beziehungen. Exemplarisch sei hier Ethan genannt. Er hat mir viel und gern die Welt erklärt. Dabei hat er mir unter anderem erzählt, die Europäische Union sei ein föderaler Staat. Deutschland hingegen könne gar nicht föderal sein, dazu sei es viel zu klein.
Ich überlege, welche Dates so richtig schlimm waren. Da fällt mir zum Beispiel eins mit einem Chefarzt für Kardiologie ein. Er konnte unglaublich charmant sein. Zu mir. Die Bedienung hat er behandelt wie den letzten Dreck. Er hat sie nicht mal angesehen, wenn er mit ihr geredet hat. Hatte den arrogantesten Tonfall, den ich je gehört habe und war Sekunden später wieder zuckersüß. Grrr.
Mann im Ohr: „Weitere Analysen kannst Du Dir sparen. Es war immer dasselbe Thema. Deine Oma lag damit nicht so falsch.“
Ich: „Hm. Also größer als ich ist Gott sei Dank kein Problem.“
Mann im Ohr: „Besserer Charakter ist seit Du tinderst auch nicht schwierig.“
Ich schweige. Und frage mich, was mir Tinder gebracht hat außer keinen Sex.
Mann im Ohr: „Du hast über den Tellerrand geschaut. Sonst hast Du ja nur mit Leuten zu tun, die ähnlich sind wie Du. Gleiche Ausbildung oder gleiche Schule oder zumindest sehr ähnlicher Hintergrund. Du hast Deinen Horizont erweitert.“
Ich: „Viel Input war´s. Dafür, dass ich nur 7 Männer getroffen habe.“
Mann im Ohr: „Wir waren noch nicht fertig. Die Intelligenz fehlt.“
Mein Handy leuchtet. Guiseppe. 4 Nachrichten, endlos lang. Im Überfliegen lese ich
„habe ein Helfer Syndrom. Deswegen ziehe ich förmliche solche wie du auch an.“
„Du warst die Langweiligste von allen.“
“ Ich glaube Du würdest beim Sex einschlafen, weil Dein allzu wichtiger Job,Vorrang hat“
„Als Du im Restaurant auf Toilette warst, wollte ich Dich beim Essen sitzen lassen,“
„Da draussen will Dich keiner“
Puh. Wo waren wir stehengeblieben?
Mann im Ohr: „Die Intelligenz fehlt.“
Meine Gedanken wandern wieder zu der Nachricht. Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, wie sexy ich Intelligenz finde. Ich mag tiefgründigen, intelligenten Humor. Ich mag Männer, die Jan Böhmermann schon kannten, bevor es den Skandal gab. Ich mag es, wenn ein Mann mir die Welt erklärt. Aber ich muss davon überzeugt sein, dass er sie versteht. Dann schaue ich gern zu ihm auf, bis mir der Nacken schmerzt. Irgendwas ist da noch in meinem Hinterkopf, aber ich komm nicht drauf.
„Humor. Humor sollte Dein Mann unbedingt haben. Und Deinen verstehen.“