Ich weiß, was ich nicht will

Bjarne sieht gut aus, ist Banker und auf der Suche nach was „Ernstem“. Sagt er. Mittlerweile glaube ich ihm nicht mehr, aber dazu vielleicht ein anderes Mal. Wir haben uns nie getroffen und seine Nummer habe ich wieder gelöscht. Irgendwann hatte ich das sichere Gefühl, dass er eine Freundin hat und eine Ersatzspielerin für gewisse Tage oder Stunden sucht.

Es ist bei Tinder scheinbar üblich, dass man gefragt wird, wonach man denn eigentlich sucht. Ich fühle mich bei der Frage immer unangenehm berührt. Ich bin der Meinung, das muss sich alles irgendwie ergeben. Mit 20 habe ich auch nicht nach einem Ehemann gesucht, sondern mich ganz unbeschwert verliebt. Daraus entstand ein Kuss, ein paar Tage später sind wir in der Kiste gelandet, alles lief super und es folgten 10 ganz überwiegend glückliche Jahre. So will ich das wieder.

Mann im Ohr: „Willst Du nicht.“ 
Der schon wieder.
Mann im Ohr: „Du willst ein Treueversprechen noch vor dem ersten Kuss.“ 
Ich: „Das stimmt so nicht. Ich will nur nicht wieder…“
Mann im Ohr: „…einer anderen in die Quere kommen.“

Mein Verhältnis zum Fremdgehen hatten wir ja schon. Nun ist es so, dass ich vor etwa 6 Jahren eine SMS bekam, die lautete „Are you sleeping with my boyfriend?“.
Damals habe ich nicht geantwortet. Mir war das zu blöd und ich hatte schon länger mit überhaupt niemandem geschlafen. Ich hätte gern mit ihm geschlafen. Aber ich hätte damals auch gern mit Ashton Kutcher geschlafen. Oder mit Ben Affleck. Ich hatte ihn nicht mal geküsst oder Händchen mit ihm gehalten.
Seitdem habe ich diese Frage in verschiedenen Varianten über verschiedene Medien in verschiedenen Sprachen gehört. Meistens konnte ich guten Gewissens „Nein.“ sagen. Einmal stellte sich raus, dass der Mann, den ich für meinen Freund hielt, schon länger der einer anderen war. Unschöne Situation.
Ich habe nie wissentlich mit einem liierten Mann geschlafen. Aber mehr als einmal unwissentlich. Jedes Mal kam es raus. Jedes Mal gab es Tränen und Anrufe und die Frage in meinem Kopf „Hätte ich das früher merken können? Müssen?“ Nun habe ich den festen Vorsatz, das nie wieder zu tun.

Es ist allerdings gar nicht so einfach, sicher auszuschließen, dass ein Mann mit einer anderen schläft. Kann man beim ersten Date ja wohl kaum fragen. Und wenn die Antwort „ja“ wäre, könnte man ihm das nicht mal vorhalten.

Ich ziehe liierte Männer an wie Licht die Motten. Und ich verstehe nicht, wieso. Allein in den letzten paar Wochen hatte ich zwei sehr eindeutige Angebote von verheirateten Männern. Das war nicht bei Tinder, sondern im wahren Leben. Beide sagen, dass sie ihre Frau über alles lieben.

„Sie können das nur nicht so zeigen.“ Kichern in meinem Ohr.
Ich: „Warum ziehe ich verlogene, untreue Männer an?“
Mann im Ohr: „Vielleicht strahlst Du aus, dass Du gern die zweite Geige spielst?“
Ich: „Tu ich nicht! Im Gegenteil. Ich bin es gewöhnt, die Nummer 1 zu sein.“ Ich bin die älteste von 3 Schwestern. Mit ziemlich großem Abstand.
Mann im Ohr: „Vielleicht wirkst Du wie eine dumme Gans, die es nicht checkt?“
Ich: „Ausgeschlossen.“
Mann im Ohr: „Vielleicht wirkst Du wie ne Granate im Bett, die man sich nicht entgehen lassen will?
Ich: „Das wäre möglich.“ 
Etwas in meinem Kopf wackelt und rüttelt und mein Ohr tut weh, weil der kleine Mann so laut juchzt.
Mann im Ohr: „Die Frage wäre dann allerdings, warum nicht auch alle anderen Männer mit Dir in die Kiste wollen.“
Ich: „Vielleicht wollen sie das ja.“
Mann im Ohr: „Sie können das nur nicht so zeigen.“
Er kugelt sich so, dass ich Kopfschmerzen bekomme.

 

Ich will geliebt werden

Ich hatte wirklich versucht, mir einzureden, Tinder sei schuld. Bis ich an den Fremdgänger von Tag 1 denken musste. Eigentlich ist Tinder nur ein Tool, das es uns leichter macht, ein Arschloch zu sein. Aber damit ist Tinder nicht allein. Mir wird ganz schlecht, wenn ich an die ganze Scheiße denke, die über soziale Medien verbreitet wird.

„Kein Mann will eine Frau, die Arschloch und Scheiße sagt.“ Ich habe mir noch nicht mal die Zähne geputzt und höre schon Stimmen. Die Bemerkung, dass ich das gedacht und nicht gesagt habe, verkneife ich mir.
Ich: „Ich glaube, es gab noch nie so viel technischen Support zum Fremdgehen und gemein sein wie heute.“
Mann im Ohr: „Aber Ihr Menschen habt Euch nicht geändert. Die Phänomene sind schon immer die selben. Sie haben heute nur schickere Namen.“ Da ist was dran.

Ich mache mich an die Arbeit. So fühlt es sich jedenfalls an. Dating ist anstrengend. Nachdem ich meine Männer priorisiert habe, verabrede ich mich mit Carl. Er hat mich schon mal angerufen und wirkt sympathisch. Wir treffen uns nachmittags, er sieht aus wie auf den Bildern. Kein Schönling, aber nicht unattraktiv, nicht besonders groß, aber auch nicht zu klein, beruhigend normal. Es funkt nicht, aber er ist wirklich nett und wir unterhalten uns gut.

Trotzdem habe ich ein komisches Gefühl hinterher. Ich kann nicht einschätzen, ob er Interesse hat oder nicht. Er wirkte überhaupt nicht begeistert. So neutral. Aber er hat Fragen gestellt und Dinge gesagt, die irgendwie interessiert klangen. Irgendwas passt da nicht. Mein Bauch zieht sich komisch zusammen.

Ich: „Hast Du das auch gemerkt? Dass da was komisch ist?“
Mann im Ohr: „Es geht nicht um Dich.“
Ich: „Wie meinst Du das?“
Mann im Ohr: „Er hat eine Vision. Von einem Leben mit einem gutgezahlten Job, einem eigenen, schönen Haus in der Nähe seiner Familie, mit seinen Freunden, einer Frau und Kindern.“
Ich: „Ja, das hat er gesagt. Er hat uns sogar die Fotos gezeigt. Mir gefällt sein Einrichtungsstil nicht. Aber das erklärt nicht mein Gefühl.“
Mann im Ohr: „Er hat alles. Den Job, das selbst ausgebaute Haus, Mama in der Nähe und den Freundeskreis.“
Ich: „Nur die Frau fehlt noch.“
Mann im Ohr: „Er hatte eine Checkliste dabei.“
Ich: „Nein. Das wäre mir aufgefallen.“
In meinem Kopf seufzt es: „Dummerchen. Im Kopf. Er hat Dir ganz gezielt Fragen gestellt, um zu prüfen, ob Du ins Profil passt. Kinderlieb? Ein Must. Kochst Du gut und gern? Ein Nice-to-have, vielleicht ein Must. Ist Dir Dein Job wichtiger als Dein Privatleben? Ein No-go. Würdest Du wegziehen für einen besseren Job? Ebenfalls ein No-go. Willst Du Kinder? Ein Must.“
Ich: „Das klingt nach einem Bewerbungsgespräch, nicht nach einem Date.“
Mann im Ohr: „Es war eins.“
Ich: „Es war ihm ganz wichtig, dass ich keine Kinder aus meiner Ehe habe.“
Mann im Ohr: „Er hat auch gesagt, dass es da diese Süße aus seinem Bekanntenkreis gibt, die aber nicht in Frage kommt, weil sie alleinerziehende Mutter ist.
Ich: „Das würde nicht in seine Vision passen.“
Mann im Ohr: „Seine zukünftige Frau soll sich in sein Leben einfügen. Das ist schwierig, wenn man schon ein eigenes hat.“

Ich: „Es geht hier weder um Gefühle noch um mich, oder?“
Mann im Ohr: „Ihm fehlt nur das letzte Puzzlestück, um sein Bild von einem perfekten Leben zu vervollständigen.“

Das kenne ich sonst nur von Frauen. Dabei scheint das so ungewöhnlich nicht zu sein. Ich finde einen Artikel in der Süddeutschen dazu: Die Muttersucher.
Ein Mann soll mich wollen. MICH. Und mich lieben, wie ich bin. Und dann Kinder mit mir wollen. Als Tüpfelchen auf dem i sozusagen.
Die Reihenfolge ist mir wichtig. Wenn ich nur ein Punkt auf seiner Checkliste bin, wird es nicht halten. Dann werde ich ausgetauscht, wenn ich nicht performe. Wenn ich nicht schwanger werde oder das Essen versalze.
„Du würdest niemals das Essen versalzen. Dein Essen ist Bombe.“ Ich muss grinsen. Mit Komplimenten wickelt man mich ganz schnell um den kleinen Finger. „Wenn ich nur jemanden finden würde, für den ich überhaupt kochen will. Für jemanden, dem es nur um das eine geht, sicher nicht.“ Der Mann im Ohr kichert. „Um was jetzt?“

Ich bin wie die

Wie diese Kerle, die sich einfach nicht mehr melden. Die Ghosting oder Benching betreiben. Ich kannte das bisher nur vom Hörensagen. Oder…na ja, jemand hat das mit dem Benching mal mehr oder weniger erfolglos bei mir versucht.

Als ich ungefähr 5 war, war ich eine Petze. Ich bin heulend zu meiner Mama gerannt, wann immer jemand gemein zu mir war. Habe mich schluchzend an sie geschmiegt, wollte getröstet werden und hören, dass man eine Prinzessin so nicht behandeln darf. Sie hat mir jedes mal dasselbe gesagt: „Es gehören immer zwei dazu. Einer, der ärgert und einer, der sich ärgern lässt.“ Diesen Satz werde ich nie vergessen.

Ich finde Ghosting und Benching das Allerletzte. So was machen Männer, die nicht wissen, was sie wollen. Keine Eier haben. Da herrscht Konsens zwischen mir, meinen Schwestern und allen meinen Freundinnen – das ist die dunkle Seite der Macht. So etwas würden wir nie tun.

Inzwischen habe ich 88 Matches. Dabei habe ich schon 20 gelöscht. Mir haben so viele Männer geschrieben, dass ich nicht allen antworten kann. Ich screene oberflächlich Profile und Nachrichten, lösche und löse Matches auf. Mit einigen habe ich eine Weile nett geschrieben. Einer hat schon ein paar Nachrichten hintereinander geschickt und gefragt, wann ich mich wieder melde. Er kommt aus irgendwelchen Gründen nicht in Frage. Warum, weiß ich selbst nicht mehr. Wie soll ich mir das auch merken bei so vielen Kerlen? Irgendwie muss ich priorisieren und da fallen eben ziemlich viele hinten runter.
Einige finde ich gut und würde sie gern treffen. Aber ich brauche Zeit für meine Familie, Freunde, ein zweites Date mit Peter und will auch mal einen Abend für mich. Yoga machen. Lesen. Sherlock gucken oder so. Ich erfinde Ausreden und vertröste die Männer. Ich bin erst mal in Urlaub, mache Überstunden. Ich achte darauf, dass ich nicht lüge. Ich drehe die Wahrheit nur so und lasse Details (wie andere Dates) weg, dass ein leicht verzerrtes Bild der Realität entsteht.

Ich kann nichts dafür, mein Tag hat nur 24 Stunden, ich arbeite Vollzeit und schlafe gern und viel. Im Büro schreibe ich quasi nicht. Einem Mann habe ich netterweise geschrieben, er solle sich nicht wundern, wenn ich erst abends antworte. Ich könnte auf der Arbeit schlecht privat schreiben. Seine Antwort: „Warum? Bist Du Seiltänzerin?“ Blödmann! „Ich werde für´s Arbeiten bezahlt!“ Danach hört er nichts mehr von mir.

Etwas in meinem Kopf fragt spitz: „Eine falsche Frage, und ein Mann ist raus?“ Es war eine wirklich dämliche Frage. Und sie lässt darauf schließen, dass er selbst beim Arbeiten tindert. Er ist also unzuverlässig.
„Vielleicht ist er Rettungsassistent oder Feuerwehrmann und wartet manchmal stundenlang auf den nächsten Einsatz. Rettet Menschenleben. Ist das unzuverlässig?“
Man kann sich auch alles schönreden. Jedenfalls schaffe ich es nicht, allen zu antworten und das ist nicht meine Schuld. Auf einmal verstehe ich diese Männer, die ich vor ein paar Wochen noch in die Arschloch-Schublade gesteckt hätte. Der Mann in meinem Ohr räuspert sich und versucht es noch mal.
Mann im Ohr: „Erklär mir noch mal, wie kommen diese Matches zustande?“
Ich: „Ich like jemanden und wenn der mich auch liked, wird es ein Match und wir können uns schreiben.“
Mann im Ohr: „Und Du kannst nichts dafür, dass Du mit dem Antworten nicht mehr hinterher kommst?“
Ich: „Worauf willst Du hinaus?“
Mann im Ohr: „Wie viele Männer hast Du wohl geliked, damit 108 Matches zusammen kamen?“
Ich: „Ich konnte ja nicht wissen, dass die mich auch alle gut finden.“
Mann im Ohr: „Du hast ein Foto eingestellt, auf dem Du 30 bist und ausnahmsweise mal geschminkt. Du weißt selbst, dass man so ein Foto liked. Und falls das nicht angekommen ist: die Männer finden das Bild gut, nicht Dich.“

Wie werde ich nur diese Nervensäge wieder los?!

 

Ich hab schöne Ohren

Mein 2. Tinder-Date kommt überraschend. Peter hat durch ein spektakuläres erstes Foto überzeugt. Er ist kein Schönling, aber gutaussehend. Das Bild zeigt sein abgeschnittenes Profil schräg von oben. Der Hintergrund ist dunkel. Es ist professionell genug aufgenommen, um Eindruck zu machen, aber nicht so fachmännisch, dass man den Eindruck bekommt, er hätte einen Profi beauftragt. Vom Winkel her könnte es ein Selfie sein. Aber dafür wäre es außergewöhnlich gelungen. Er lacht. Ich mag ihn jetzt schon. Und er hat ein sehr schönes linkes Ohr. Das ist mir wichtig, weil ich glaube, Menschen mit komischen Ohren hätten einen schlechten Charakter.

Mann im Ohr: „Da ist was dran. Dann ist der Ohrbewohner nachlässig.“
Ich: „Dachte immer, das sei angeboren.“
Mann im Ohr: „Die Basis schon. Das ist wie mit einem Haus. Wenn man es nicht in Stand hält, wird es nicht schöner. Wenn man Zeit und Liebe investiert, kann aus einem Reihenhaus eine kleine Perle werden.“
Ich: „Darf ich jetzt die Geschichte von Peter erzählen?“
Mann im Ohr: „Noch ein Kerl, mit dem Du nicht geschlafen hast.“
Ich: „Vermisst Du Sex?“
Mann im Ohr: „Das meinte ich nicht. Sex sells. Über Ohren will doch keiner lesen.“

Am Tag unseres ersten Dates fällt Peters Flieger aus. Nur deshalb ist er an dem Abend in Köln und fragt spontan nach einem Treffen. Erst zögere ich, sage ab, dann schiebe ich ein „vielleicht, mal sehen, spontan?“ hinterher. Ich bin nicht vorbereitet auf ein Date. Bad Hair Day, verschwitzt, meine Schuhe staubig und ich habe einen Fleck auf der Hose. Andererseits – wenn das wieder nur so ein Kerl ist, der nicht hält, was das Foto verspricht…
Ich schreibe „Du wohnst quasi auf meinem Nachhauseweg. Wir könnten uns spontan auf ein Kölsch treffen, Du erlebst aber ein Worst-Case-Szenario.“ Das ist ihm lieber als eine aufgebrezelte Tussi. Na dann. Früher wäre das undenkbar gewesen. So hätte ich nicht mal den Müll rausgebracht. Ob das mein Alter ist?

Jemand meldet sich zu Wort: „Weißt Du noch, was Hannes uns damals erzählt hat?“
Ich: „Mir. Von Deiner Existenz wusste er nichts.“
Er reagiert verschnupft. „Du bist gemein. Übrigens nicht nur zu mir.“
Ich: „Es stimmt doch.“
Mann im Ohr: „Nur weil etwas wahr ist, muss man es nicht sagen.“ 
Ich: „Du meinst, ich sollte öfter mal die Klappe halten?“ Er schweigt, aber ich meine, ein Nicken zu spüren.
Ich: „Was meintest Du mit Hannes?“ 
Mann im Ohr: „Er hat gesagt, unsere übertriebene Körperhygiene führt zu schlechterer Partnerwahl.“
Ich: „Weil wir nicht mehr riechen, ob der andere zu uns passt…na dann hoffen wir mal, dass Peter auch nicht geduscht hat.“ 

Peter sieht aus wie auf dem Bild. Und hat eine tiefe, sexy Stimme. Mein Herz macht einen Hüpfer. Wir trinken 1, 2, 3 Getränke, unterhalten uns großartig und vergessen die Zeit. Ich muss um halb sechs raus morgen und sitze kurz vor Mitternacht immer noch mit ihm da. Er ist sympathisch und witzig. Er zahlt für uns beide und sagt, dass er mich gern wiedersehen würde.

Am nächsten Morgen habe ich eine lange Nachricht von ihm. Er fand den Abend toll und mich wahnsinnig sympathisch und witzig. WOW.
Als ich den Spiegel gucke, bleibt mein Blick an meinem Ohr hängen. Es ist eigentlich ganz hübsch.

Ich bin arrogant

Wenn ich eines nicht bin, dann arrogant. Ich bin wertkonservativ erzogen. Nächstenliebe und so waren immer ein Thema. Ich habe mich mit Obdachlosen genauso nett und unbefangen unterhalten wie mit meinen Professoren. Mir ist es egal, was jemand für einen Abschluss hat oder ob er überhaupt einen hat. Ich habe Jura studiert. Vor dem Gesetz und vor mir sind alle gleich. Dachte ich.

Mein erstes Tinderdate ist ein Frühstücksdate. Es ist Sonntag. Wie jeden morgen wache ich zwischen 6 und 7 auf. Ich mache Yoga und hübsche mich ein bisschen an. Ich bin gespannt auf David.¹ Und ich bin vor ihm da.
Irgendwann steht ein Typ vor dem Fenster und sieht sich suchend um. Er sieht nicht gut aus. Halb so breit wie ich vielleicht. OMG! Das ist echt ne Kunst, denn ich wiege ca. 50 Kilo und bin nur 1,65m groß. Ich bin irgendwie sauer, denn auf den Bildern sah er besser aus. Dicker. Normal eben.
Das Date verläuft schleppend. Er sagt kaum was. Erzählt ein bisschen von seinem Job, das war´s. Er hat einen Sprachfehler, vielleicht traut er sich deshalb nicht richtig? Es entstehen immer wieder peinliche Pausen. In denen denke ich darüber nach, was ich jetzt alles Schönes machen könnte, würde ich nicht mit ihm hier sitzen. Beim Verabschieden sagt keiner von uns was zum Thema Wiedersehen. Er sagt, dass ich hübscher bin als auf den Bildern, dass die Bilder mir nicht gerecht werden. Das sei ungewöhnlich, meist sei es umgekehrt. Oh, wie nett. Ich verkneife mir die Bemerkung, dass das bei ihm ja leider auch so ist.

Einige Stunden später habe ich eine Nachricht von ihm: „Das war´s dann!“.
Wie unverschämt.
Ich tippe „Wenn man nicht auf einer Wellenlänge ist, kann man das ja offen sagen, aber ein gewisses Maß an Höflichkeit sollte man dabei nicht unterschreiten.“ Antwort: „Ich mache mir nicht bei jeder Frau die Mühe.“ Wie bitte?! Ich soll jetzt noch dankbar sein, dass er mir so eine Frechheit um die Ohren haut? Dieser…Nerd! Der wahrscheinlich seit Ewigkeiten nicht mehr mit einer hübschen Frau aus war. Der kann doch froh sein, dass ich nicht sofort gegangen bin!

Ich erzähle meiner Schwester davon. Die aus Prinzip einen großen Bogen um schöne Männer macht. Nach ihrer Theorie hat ein schöner Mensch „wahrscheinlich“ einen schlechten Charakter, weil er sich einbildet, etwas besseres zu sein. Ich argumentiere dann immer, dass ich ja auch schön und nett sei. Das hat sie bislang nicht überzeugt. Aber sie ist auch meine Schwester und ärgert mich gern. Aus Prinzip. Das ist die Rache für die jahrelange Unterdrückung durch eine 6 Jahre ältere Schwester. Und hat nichts mit meinem Charakter zu tun.
Sie bleibt bei ihrer Theorie.
„Ok, aber die Praxis zeigt ja, dass auch unattraktive Menschen einen schlechten Charakter haben können. Denk an Phil.“
„Das stimmt.“ Sie sieht nachdenklich aus.
„Und wenn ich mich schon scheiße behandeln lasse, soll der Kerl dabei wenigstens gut aussehen. Hässlich und schlechter Charakter geht gar nicht.“
Meine Mutter bekommt die Krise. „So habe ich Euch nicht erzogen. Ihr sollt Euch von niemandem schlecht behandeln lassen.“
„Ach Mama.“ Wir wissen beide, dass sie sich die Standpauke zu unserer Oberflächlichkeit grade verkneift.

Der kleine Mann meldet sich aus meinem Kopf: „Findest Du nur, dass hässliche Menschen gefälligst netter sein sollen oder auch, dass andere zu einem schönen Menschen netter sein sollten als zu weniger attraktiven Mitmenschen?“
Ich: „Also bitte! Für wie arrogant hältst Du mich?!“ Tatsächlich halte ich das für völlig absurd. Ich finde es sogar besonders schlimm, wenn jemand unhöflich zu weniger gesegneten (sorry, meine katholische Oma) Menschen ist. Das ist doch ein zusätzlicher Dämpfer für jemanden, der vielleicht eh weniger selbstbewusst ist. Ich bin dann eher netter. Ich bleibe zum Beispiel zu einem Frühstück, auf das ich gar keine Lust mehr habe.
Ich denke noch ein bisschen nach und nippe an meinem Kaffee. „Eigentlich ist es dumm, eine Abhängigkeit zwischen Aussehen und Verhalten herzustellen. Und arrogant. Ich glaube aber, damit bin ich nicht alleine.“
Mann im Ohr: „Jemand, der Amok läuft, ist damit auch nicht alleine.“
Man kann auch alles dramatisieren. Ich wechsle lieber das Thema. „Seit wann wohnst Du eigentlich schon hier?“
Mann im Ohr: „Immer schon.“
Ich: „Aber ich habe Dich jahrelang nicht gehört.“
Mann im Ohr: „Du meinst die zehn Jahre mit Benedikt?“
Woher er das weiß?
Mann im Ohr: „Damals brauchtest Du mich nicht. Er hat mir viel Arbeit abgenommen.“
Das stimmt. Ben hätte mir genau dasselbe gesagt wie er.
Mann im Ohr: „Damals war es fast wie Urlaub. Ich konnte viel lesen und schlafen. Und habe mit der Frau in Ben´s Kopf. Also. Na ja.“
Ich: „Versuchst Du deshalb, mir einzureden, ich bräuchte eine Beziehung? Damit Du Deine Ruhe hast? Damit DU wieder ein Privatleben hast?“ Ich spüre, wie es warm wird in meinem Ohr. Er ist ganz rot geworden.

¹Alle in diesem Blog genannten Namen sind erfunden.
²Alles hier Beschriebene ist ist mir wirklich so passiert. Auch der Mann lebt wirklich in meinem Ohr.

Ich bin oberflächlich

Oberflächlicher jedenfalls, als ich bisher wahrhaben wollte.

Es ist immer noch Tag 1 bei Tinder. Ich sitze bei meiner Nachbarin und erzähle ihr von meiner neuen Errungenschaft. Sie ist neugierig. Und eine der wenigen, die noch NIE irgendwas mit Onlinedating zu tun hatte. Sie ist inzwischen eine tolle Freundin, ich nenne sie nur immer noch Nachbarin.
Wir stecken über meinem Handy die Köpfe zusammen. Nope. Like. Nope. Im Sekundentakt entscheiden wir, wer eine Chance bekommt und wer nicht. Mich erstaunt, dass wir in wirklich allen Fällen spontan die selben Assoziationen haben. Was uns nicht passt, ist eine ganze Reihe von Dingen.
Ich habe plötzlich meinen Projektleiter im Ohr, der sich beschwert, dass Männer heute so viel falsch machen können und man gar nicht mehr weiß, wie man einer Frau genügen soll.

Unsere Kriterien sind eher instinktiv als überlegt:
Unattraktiv – nope
Attraktiv, mit einer Frau abgebildet – nope
Attraktiv, mit alkoholischem Getränk abgebildet – nope
Attraktiv, komischer Name (exemplarisch zu nennen wären hier: Detlef, Reiner oder Peter) – nope
Sehr attraktiv, komischer Namen – na gut (das ist ein etwas zeitverzögertes like)
Ansonsten gelten für sehr attraktive dieselben Kriterien wie für attraktive.
Alles, was kein nope bekommt – like
Auch der Text ist wichtig:
Einfache Rechtschreibfehler können durch Attraktivität kompensiert werden.
Dumme nicht.
Langweilige Texte geben Minuspunkte.
Besonders witzige Pluspunkte.
Zu viele Emoticons Minuspunkte. („Kann der keine ganzen Sätze?!“)
Kein Text hat keine Auswirkung.

Mein Projektleiter hat Recht. Es ist schwer, unseren Ansprüchen zu genügen. Und wir sind oberflächlich. Das wissen wir im Alltag nur geschickt zu kaschieren.

Ich bin ein Moralapostel

Ich habe Tinder erfolgreich gestartet.Ich heiße Lenya und bin 34 Jahre alt.
Die Fotos sind zwischen 6 Jahre und wenige Wochen alt. Egal, ich sehe auf allen gleich jung aus. Figur, Haarfarbe und -länge haben sich quasi nicht verändert. 

Ich bekomme den ersten Mann angezeigt. Ich kann nach links oder rechts wischen für „nope“ oder „like“. Ich komme mit den Richtungen durcheinander. Habe ich eine mir bis dato unbekannte Links-Rechts-Schwäche?
Gott sei Dank gibt es für blöde, sorry, unerfahrene Tinderinnen wahlweise Buttons unter den Bildern. Ein grünes Herz für „like“ und ein rotes Kreuz für „nope“.
Ich will ein rotes Herz.

Einer der ersten Männer hat kein Foto von sich eingestellt.
Erstes Foto: Düsseldorfer Skyline. Hübsch. Zweites Foto: Landschaft. Auch hübsch.
Text unter den Bildern: „Ansehnlicher, verheirateter Mann sucht Affäre. Zeitlich flexibel. Fotos gerne über WhatsApp.“ WHAT?! Ich rege mich auf.

Und sollte an dieser Stelle ehrlicherweise erwähnen, dass ich selbst exakt einmal fremdgegangen bin. Ich schäme mich noch heute dafür. Ich habe es nicht sofort, aber doch zeitnah gebeichtet und mir wurde verziehen. Seitdem reagiere ich empfindlicher auf das Thema als früher. Ich weiß, was es anrichtet. Es bringt es das Gefühlsleben von mindestens drei Personen gehörig durcheinander und kratzt an mindestens zwei Egos. Ich will auf das rote Kreuz klicken. Andererseits würde ich ihm gern den Marsch blasen! Wenn ich ihn wegblicke, kann ich ihm aber nicht schreiben.
Ich gebe ihm ein Like. Es ist ein Match. Ich schreibe ihm: „Arschlöcher wie Du haben hier nichts verloren!“ Er antwortet: „Häh?!“ Ich löse das Match auf.

Der Mann in meinem Ohr wacht auf. Er reibt sich die Augen und fragt mich, was das jetzt für eine Aktion war.

Ich: „Ich finde das unmöglich. Das muss man doch mal sagen.“
Mann im Ohr: „Glaubst Du, es hilft?“
Ich: „Natürlich nicht.“
Mann im Ohr: „Was soll das dann?“
Ich: „Der soll mal drüber nachdenken, was er da macht.“
Mann im Ohr: „Auf einer Skala von 1-10, was glaubst Du, wie sehr ihn Deine Meinung interessiert?“
Ich: „1?“
Mann im Ohr: „Eben.“
Schweigen
Mann im Ohr: „Wie oft willst Du das noch machen?“
Ich: „Nie wieder?“
Mann im Ohr: „Ich glaube, Du kommst bis heute nicht damit klar, dass Du fremdgegangen bist. Mit Deiner katholischen Oma und diesem kirchlichen Mädchengymnasiumquatsch bist Du zu einer totalen Spießerin geworden, die sich die eigene Untreue von vor – wieviel Jahre ist das jetzt her? – nicht verzeihen kann. Das lässt Du an irgendwelchen Kerlen aus.“
Ich: „Auf einer Skala von 1-10, was glaubst Du, wie sehr mich Deine Meinung interessiert?“
Er legt sich beleidigt wieder hin.
Ich: „Eben.“

Ich bin eine Lügnerin

Die Idee, mich bei Tinder anzumelden, kam bei einem Mädelswochenende mit Übernachtung in Köln. Nachdem wir einige Cocktails genossen und uns über verschiedene Dating- und Onlinedatingerfahrungen ausgetauscht hatten, klang es, als hätte man bei Tinder nicht mehr und nicht weniger Chancen, auf Singles mit – oder eben ohne – Niveau zu treffen als bei anderen Plattformen. Außerdem bin ich neugierig.
Und dann gab es noch einen anderen Grund: Recherche. Aber dazu ein anderes Mal.
Sonntags mittags war ich wieder zuhause und lud mir die App runter. Und – oh Schreck – stellte fest, dass ich einen Facebook-Account benötigte. Eigentlich halte ich mich von solchen Plattformen fern. Nun war ich gezwungen, mir einen Facebook-Account einzurichten. Meinen Namen wollte ich auf keinen Fall preisgeben. Wer wusste schon, auf wen ich da treffen würde. Ex-Freunde? Eher unwahrscheinlich. Ich hatte vier ernste, längere Beziehungen, die in Summe 15 Jahre gedauert haben. Die Anzahl „meiner Männer“ ist also sehr überschaubar. Obwohl viele Leute einen ganz anderen Eindruck haben. Ich gehe dauernd mit allen möglichen Männern aus und erzähle davon auch ganz offen. Es sind fast immer Freunde (ohne Benefits) oder  Kollegen. Beim Erzählen vergesse ich manchmal, dass andere Leute das anders interpretieren könnten. Ex-Männer musste ich also nicht fürchten. Die vier sind alle gebunden und haben Familie. Die anderen erinnern sich wahrscheinlich kaum mehr an mich oder sind mir egal.
Trotzdem, die Vorstellung, hier meinen Namen preiszugeben, behagt mir nicht. Kollegen? Auch da sind die meisten verheiratet. Und als Single muss mir so was gar nicht unangenehm sein. Aber…lieber doch ein falscher Name. Lenya. Den mochte ich schon immer. Klingt besonders und irgendwie aufregend.
Ich lüge. Aber so schlimm ist das nicht, Namen sind Schall und Rauch.

Dann muss ich ein Geburtsdatum eingeben. Oh.
Ich bin vor wenigen Tagen 36 geworden. Das ist die hintere 30er-Hälfte. Klingt unschön. Ich mag mein Alter. Ich fühle mich viel besser als mit 25. Bin klüger, kreativer, glücklicher, trainierter und habe kaum mehr Falten als damals. Aber das können potentielle Kandidaten nicht wissen. Wenn ich einen Filter für´s Alter einstellen müsste als Mann, wie sähe der aus? Ich bin von Berufs wegen darauf getrimmt, kundenorientiert zu denken. Der potentielle „Kunde“ würde wahrscheinlich ein Produkt zwischen 25 und 35 wollen. Mit 36 wäre ich aus dem Scope. Also wird aus 1980 ein 1982. Das ist fast richtig und entspricht meiner Optik ohnehin viel besser.
Das machen doch alle. Viele bestimmt. Und eigentlich ist es egal. Oder?

Tinder mal anders

Tinder ist bekannt als Dating-Plattform. Sie soll Menschen einander näher bringen. Tinder will zu Dates, Beziehungen, Affären, Ehen, Kindern oder One-Night-Stands führen.  Mir hat sie außer Dates vor allem eins gebracht: Selbsterkenntnis.
Kaum ein Gespräch mit Familie oder Freunden, kein tiefsinniges Gespräch mit meiner Yogalehrerin, kein Krisengespräch mit einem Partner, nicht mal Meditation hat erreicht, was Tinder gelungen ist.

Seien wir ehrlich: auch in offenen Gesprächen mit ehrlichen Freunden versuchen wir doch immer, unsere Schokoladenseite zu zeigen. Und Freunde versuchen meist, das Gute in uns zu sehen und das Schlechte zu relativieren. Warum sonst sollten Sie mit uns befreundet sein wollen? Selbst Therapeuten, Coaches und Berater sind selten schonungslos ehrlich, denn sie wollen, dass wir wiederkommen.

Tinder ist ehrlich und schonungslos. Nichts hat mir je so gnadenlos den Spiegel vorgehalten.