Darf man seinen Ex-Partner vermissen?

Der kleine Mann und ich machen Hausaufgaben. Wir sind gerade bei ‘Online Dating machen nur Psychopathen’. Das hat mein Vater mir in den Kopf gesetzt, ohne dass ich das bemerkt habe. Auf den Glaubenssätzen stehen manchmal Absender drauf. Da ich keine Psychopathin bin, ist er widerlegt und kann entsorgt werden. Während der Mann in meinem Kopf rumräumt, putze ich Schuhe. Alle. Manchmal mache ich das.
Ich greife ganz unten in die Schuhputzkiste und finde etwas schwarzes, das an manchen Stellen braun und hart ist. Es ist ein ausgeleierter, schwarzer von Puma-Socken von Ben. Mit dunkelbrauner, angetrockneter Schuhcreme dran. Ich frage mich, ob er den anderen hat und ob er damit auch Schuhe putzt.

„Er hat nie Schuhe geputzt. Er hat sich eher neue gekauft als die alten zu putzen. Wenn jemand seine Schuhe geputzt hat, dann Du.“

Das hätte ich fast vergessen. Das war eins der vielen Dinge, die mich geärgert haben. Eigentlich erinnert nichts in meinem Leben an Ben. Bis auf zwei gemeinsam angeschaffte Möbelstücke. Alles andere war schon immer ‘meins’ oder wurde nach Ben angeschafft. Es gibt keine Fotos von ihm hier. Alles, was ich an Erinnerungen habe, ist in Kisten im Keller verpackt. So tief unten, dass ich nicht mal selbst weiß, wo die Sachen sind.

„Ich frage mich, warum ich in letzter Zeit häufiger an ihn denken muss als früher. Wir sind doch schon so lange getrennt.“

Ich muss an die Szene in ‘Sex and the City’ denken, in der sich Miranda und Steve getrennt haben. Sie wissen nicht, ob sie es noch mal miteinander versuchen wollen und gehen zu einer Paartherapeutin. Dort vereinbaren sie, dass sie beide in sich gehen. Wer einen Neuanfang will, soll zu einer bestimmten Zeit auf der Brooklyn Bridge sein. Beide wollen. Und beide haben Angst, dass der andere nicht da sein wird. Beide sind zur vereinbarten Zeit dort. Sie sehen sich unsicher und suchend um und als sie sich sehen, sind beiden die Erleichterung und das Glück ins Gesicht geschrieben. Sie fallen sich in die Arme und dann küssen sie sich.
Wenn Ben und ich heute diese Entscheidung treffen müssten, wären wir beide nicht da. Ich habe zu mir selbst gefunden, seit wir nicht mehr zusammen sind. Mit ihm war ich immer nur ein Teil von mir selbst. Und das habe ich irgendwann nicht mehr ausgehalten.

Der Mann in meinem Ohr sagt leise: „Weil Du Dich verloren fühlst.“
Ich war so in Gedanken, dass ich gar nicht mehr weiß, was meine Frage war. Der kleine Mann fährt fort: „Bei jedem Terroranschlag und bei jeder Talkshow, in der über Flüchtlinge diskutiert wird, fragt sich Dein Unterbewusstsein, was Ben dazu denkt. Als Du Deinen Job an den Nagel gehängt hast, hättest Du gern seinen Rat gehabt. Er war Dein Kompass.“
Mein Kompass. Das ist eine schöne Beschreibung. Der Mann in meinem Bauch dreht sich vor Freude.
„Wenn Dich etwas berührt, fragst Du Dich, was er gesagt hätte. Nicht immer, aber bei so was.“ Der kleine Mann zeigt auf meinen Bildschirm. Das stimmt. Bei Julia Engelmann muss ich immer an ihn denken. Weil er auch im Konjunktiv gelebt hat. Alles Schöne hat er auf später geschoben. Wir haben die schlechten Zeiten gut durchgestanden, die Guten waren das Problem. Die gab es für Ben nicht. Als ich mich so richtig frei und unbeschwert gefühlt habe und glücklich war, hatte ich das Gefühl, er mag mich so nicht. Weil er selbst nie unbeschwert war.
Der kleine Mann fährt fort: „Niemand lag je so nah an Deinen Wertvorstellungen wie er. Wenn er etwas falsch fand, konnte es für Dich nicht richtig sein. Und trotzdem wart Ihr nicht immer einer Meinung. Er hat Dich herausgefordert und zum Nachdenken gebracht und er hat in jeder Situation Herz bewiesen. Er war nicht nur Dein Partner, er war Dein bester Freund. Du wolltest den Partner nicht mehr, aber den besten Freund hättest Du gern behalten. Aber Du wusstest genau, dass das nicht geht.“
Den besten Freund vermisse ich. Ich weiß genau, welche Alben er sich heute kaufen würde und welche meiner neuen Möbelstücke er scheußlich fände. Und zu welchem Kleid er ‘sexy’ sagen würde. All diese Gedanken wegen einem alten Socken. Ich habe es anscheinend in den letzten sechs Jahren nicht bis auf den Grund meiner Schuhputzkiste geschafft. Sonst wäre der längst entsorgt.
Mann im Ohr: „Wegen eines alten Sockens.“
Ich: „Der Satz kommt auch von meinem Vater. Klugscheißer.“

Ich wünschte, Ben hätte irgendetwas falsch gemacht. Irgendwas getan, damit ich den Freund auch nicht vermissen würde. Ich frage mich, ob ich mich verlieben darf, solange ich Ben vermisse. Wäre das unfair? Obwohl ich Ben nicht zurück will?

Mann im Ohr: „Das ist Blödsinn. Es tun immer alle so, als würde der Ex keine Rolle spielen. Aber wer lange mit einem Partner zusammen war, hatte seine Gründe. Und ist geprägt worden von demjenigen. Gerade, wenn man so jung war wie Du.“
Ich: „Ich bin froh, dass er mich geprägt hat und nicht Ethan.“
„Ich auch.“ Der kleine Mann seufzt. „Er war da bei Deinem Abiball. Als Du von zuhause ausgezogen bist. Als Du Dein erstes Studium hingeschmissen hast. Er hat Dir Brote für Deine Examensklausuren geschmiert. Er hat Deine Hand gehalten, als Du fast verblutet wärst. Und Du seine, als seine Mutter krank war. Wenn Du ihn nicht irgendwie vermissen würdest, wäre das nicht normal.“
Ich bin trotzdem unsicher. „Aber es tun immer alle so, als dürfte der Ex-Partner keine Rolle spielen. Ich fühle mich immer schlecht, wenn ich an ihn denke.“
Mann im Ohr: „Es tun auch Leute bei Tinder so, als wärst Du die einzige, mit der sie sich je getroffen haben. Das ist genauso verlogen wie die Sache mit dem Ex. Wenn ein Mann selbstbewusst ist, stört ihn das nicht. Und wenn er Herz hat, vermisst er seine Ex-Freundin selbst ein bisschen. Jedenfalls, wenn sie keine verlogene kleine Schlampe war.“
Ich: „Aber sagen darf ich´s nicht, oder? Das kriegen doch alle in den falschen Hals.“
Mann im Ohr: „In manchen Situation hältst Du besser einfach mal die Klappe. Das sage ich Dir schon lange.“

Das stimmt. Ich hör nur so selten. Aber diesmal wäre das vielleicht doch ratsam.

Ich will gerade die Schuhputzsachen wegräumen, als der kleine Mann noch etwas sagt. „Wenn Dich jemand nach ihm fragt, sagst Du einfach ‘Ein Teil meiner Antwort würde Dich verunsichern’.“ Er kichert und kichert, dabei fand ich das nicht so wahnsinnig witzig. Es wundert mich, dass sowas bei ihm hängenbleibt. Ich dachte immer, bei den Nachrichten schläft der kleine Mann. „Oder Du erzählst einfach alles über Ben und sagst hinterher, es war eine ‘pointierte Darstellung eines Teilausschnitts der Realität’.“ 

Leben wir im Konjunktiv?

Ich bin ein Kind der 90er. Obwohl ich 1980 geboren bin.

Aber in Liebesdingen haben mich die 90er geprägt. Damals war ich das erste Mal verliebt. Unsterblich. In Christian. Das ist sein echter Name. In den 90ern habe ich wahlweise schmachtend oder weinend Bryan Adams und Bon Jovi gehört. Manchmal auch schmachtend und weinend. Ich habe Kevin Costner als Bodyguard angebetet und war in Brad Pitt und Johnny Depp verknallt. In den 90ern habe ich meine Unschuld verloren, hatte meine erste feste Beziehung und habe Ben kennengelernt.

Damals war man verliebt, hat gelitten und Liebesbriefe geschrieben. Kerle haben ihre Frauen beschützt und auf Händen getragen. Wenn sie Kevin Costner hießen, sogar beides in 120 Minuten.

Das klingt nach ‘früher war alles besser’, aber das war es nicht. Anders war´s.
Ich bin dankbar für mein iPhone und dafür, dass ich heute bloggen kann und unproblematisch mit Leuten in Kontakt sein, die sehr weit weg wohnen. Dass ich mal eben so ein Foto machen und es mit dem ‘Fotoapparat’ auch noch versenden kann. Dass ich von Zuhause arbeiten kann, weil fast alles über Skype und Email funktioniert. Es hat mein Leben leichter gemacht.

Wir sind freier geworden. Oder? Es fühlt sich nur nicht so an. Wenn ich Leute reden höre, klingt es nicht so. Die äußeren Bedingungen machen uns frei und flexibel wie nie, aber gefühlt scheinen wir viel gefangener zu sein als damals.

Und ich habe den Eindruck, wir leben im Konjunktiv. Wir müssten eigentlich Konsequenzen ziehen, aber trauen uns irgendwie nicht.
Es geht uns doch gut wie nie. Aber wir haben vor allem Angst. Vor Flüchtlingen, vor einem Jobverlust, davor, nur den zweitbesten Partner abgekriegt zu haben. Vor Allergien, vor dem Alter, vor Gerede, vor Bluthochdruck und Cholesterin. Wir sind so verhalten geworden.

In den 90ern hat Bryan Adams mit seiner Reibeisenstimme ‘Please forgive me’ gesungen. Heute hören wir Frans mit ‘If I were sorry but I´m not sorry no’. Von Whitney Housten hörten wir noch ‘I will always love you’. Heute verzaubert Adele uns mit ihrer Stimme, aber auch sie singt im Konjunktiv: ‘No, there’s nothing that I wouldn’t do to make you feel my love.’. Sie singt von einem Mann, der gar nicht weiß, ob er sie will und träumt davon, ihm ihre Liebe zu zeigen.

Bei Gloria Gaynor hieß es noch ‘Go, walk out the door…I grew strong and learned how to get along’. Cher schmetterte ‘I don´t need your sympathy…was she worth it? … I´m strong enough to live without you…you gotta go’.

Heute hören wir in einem Sam Smith Video eine weinende Frau singen ‘I know I´m not the only one…I wish this would be over now but I know that I still need you here’. Das ist ähnlich traurig wie bei Adele.

Wir sind doch selbstständiger geworden, dachte ich? In den 90ern sind Leute auch schon fremdgegangen, aber sie haben einen Arschtritt bekommen, wenn sie erwischt wurden. Und ja, es gab auch damals schon Menschen, die die Augen davor verschlossen haben und die Fassade aufrecht erhalten wollten. Aber niemand wäre auf die Idee gekommen, sie zu besingen.

Ich höre ein Räuspern hinter meiner Stirn. Der kleine Mann will eine Anmerkung machen.

„Ed Sheeran singt viel schöner als Bon Jovi. Auch die Texte gefallen mir besser. Er singt

‘Well, me I fall in love with you every single day
And I just wanna tell you I am

So, honey, now
Take me into your loving arms
Kiss me under the light of a thousand stars
Place your head on my beating heart
I’m thinking out loud
Maybe we found love right where we are

When my hair’s all but gone and my memory fades
And the crowds don’t remember my name
When my hands don’t play the strings the same way
I know you will still love me the same’.

DAS finde ich romantisch. Da ist kein Konjunktiv drin.“

Das stimmt. Aber Ed Sheeran singt auch

‘And I never saw him as a threat
Until you disappeared with him to have sex of course

It’s not like we were both on tour
We were staying on the same hotel floor
And I wasn’t looking for a promise or commitment
But it was never just fun & I thought you were different’.

Der kleine Mann und ich unterhalten uns noch eine Weile über Musik. Dann beschließen wir, dass ich meinen Musikgeschmack überdenke. Und die Senderwahl im Radio. Es gibt sicher irgendwo da draußen Songs über verliebte, glückliche Menschen.

Dann fällt mir noch was ein.

„Kleiner Mann, meinst Du, wir geben uns heute in Liebesdingen mit so wenig zufrieden, weil wir sonst alles haben?“

Darüber muss er in Ruhe nachdenken. Jetzt räumt er erst mal weiter auf.

Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt

Manchmal jedenfalls. In meinem Kopf.

Da ist zum Beispiel die Sache mit Denny. Der in Wirklichkeit natürlich anders heißt. Aber auch einen Namen hat, den ich nicht auf die Top 5 meiner Wahl setzen würde. Ich kenne Denny nicht persönlich. Aber ich habe oft an ihn gedacht.

Ein Freund hat mir von ihm erzählt. Dass er keine Freundin hat und es für ihn auch nicht so einfach ist. Obwohl er sehr gut aussieht, sportlich und total nett ist.
Jetzt fragt man sich, warum es für so jemanden schwierig sein sollte. Und da kam Helgoland ins Spiel. Christian hat mir erzählt, dass Denny regelmäßig auf Helgoland ist und dass da abends eben nichts los sei und alle Frauen, wenn überhaupt vorhanden, verheiratet sind. Und dass Denny Online-Dating strikt ablehnt. Das kann ich gut nachvollziehen und danach mochte ich ihn irgendwie. Ohne ihn zu kennen. Christian hat auch erzählt, dass er jede Woche etwas mit ihm trinken geht. In einer ganz normalen Stadt, in der er wohnt, nicht auf Helgoland.

Aber bei mir ist nur Helgoland und Einsamkeit und gutaussehend hängengeblieben.

Der kleine Mann meldet sich: „Wenn Männer nur verstehen, was sie verstehen wollen, regst Du Dich immer auf.“.
Das stimmt, zum Beispiel wenn der verheiratete Kollege es nach dem dritten Korb immer noch versucht, nur weil ich weiter nett zu ihm bin. Ich kann jemanden nett finden und trotzdem abweisen. Aber bei ihm kommt nur die Nettigkeit an.
Mann im Ohr: „Und wenn es Dir irgendwann reicht, bekommt er ohne Vorwarnung einen Tritt in die Eier.“
Ich: „Aber nur im übertragenen Sinn. Sonst würde ich ja meinen Job riskieren.“
So was kann passieren. Wenn mir die Hutschnur platzt, endet das meist unschön.

Na ja, zurück zu Denny. Ich kenne nicht nur Denny, sondern auch Helgoland nicht. Aber ich habe ihn vor mir gesehen. Einen wahnsinnig schönen, etwas schwermütigen Mann, der einsam an einer Bar sitzt. Sie hatte etwas von ‘Rick´s Café’ in ‘Casablanca’. Das Wetter auf Helgoland ist genauso usselig wie im Film in der Nacht, in der Rick Ilsa allein zum Flieger schickt. Deshalb hängt so ein ‘Friesennerz’ in der Ecke. So nennt man, glaube ich, diese gelben Ölmäntel, die alle da oben tragen. In meiner Vorstellung. Weil das viel romantischer ist als eine Hightech-Outdoor-Jacke. Und weil das Wetter so schlecht ist, geht er nicht nach Hause, sondern sitzt einfach weiter einsam dort, obwohl es schon spät ist. Wäre ich je in diese Bar gekommen, hätte er gesagt „Ich seh Dir in die Augen, Kleines“. Das ist Denny in meiner Welt. Die Vorstellung war wildromantisch.

Und heute bin ich unsanft in der Realität gelandet. Weil er nämlich so einsam gar nicht ist und in einer normalen, nicht mal besonders schönen Stadt wohnt und wahrscheinlich in Bars geht, die nicht annähernd so romantisch sind. Außerdem sitzt er da – hoffentlich – nicht allein.

Der Mann im Ohr gibt mir einen gutgemeinten Rat. Damit hab ich´s nicht so. Ich tendiere dazu, Ratschläge zu ignorieren.
Mann im Ohr : „Beim Verlieben ist das kritisch. Da musst die diese Pippi-Langstrumpf-Marotte unbedingt ablegen.“

Ich: „Völlig unkritisch, weil ich mich grad schwertue mit dem Verlieben.“
Mann im Ohr: „Du könntest aber schon mal üben für den Ernstfall.“

Schaden könnte es nicht, vorbereitet zu sein. In meinem Bauch stimmt jemand zu. Es wird ganz warm. Ich habe mich tatsächlich mal in jemanden verliebt, den es so gar nicht gab. Wir haben uns nicht oft gesehen, weil ca. 9 Flugstunden zwischen uns lagen. Da habe ich mir in der Zwischenzeit schön einen Mann zurechtgebacken in meinem Kopf und dann gemerkt, dass mein Phantasiekuchen ein Pumpkin-Creamcheese-Muffin ist und die Realität ein Brownie. Und die liegen ja bekanntlich schwer im Magen.

Ich will nicht postfaktisch leben

„Kleiner Mann, ich brauche ganz dringend meinen Verstand zurück.“ 
Aus meinem linken Ohr ruft es: „Deinen was?!“
Ich: „Ich schreibe nur so viel Blödsinn, weil Du mir meine Lebensgrundlage geklaut hast.“
Mann im Ohr: „Wie kommst Du jetzt drauf?“
Ich: „Frau Merkel. Sie hat gesagt, wir leben in postfaktischen Zeiten. Das soll heißen, die Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten, sondern folgen allein den Gefühlen. Und wo das hinführt, sehen wir ja.“ 
Mann im Ohr: „Wohin denn?“
Ich: „Auf Facebook wird total viel Mist verbreitet. Dass Flüchtlinge ein deutsches Kind gegessen hätten zum Beispiel. Dabei konnte nachgewiesen werden, dass das nicht stimmt. Trotzdem glauben viele Leute das und schleudern dann ihre Hassparolen raus. Wenn mehr von denen ihren Verstand gebrauchen würden, wäre die Welt ein besserer Ort.“
Mann im Ohr: „Du hast Deine Hausaufgabe von neulich noch nicht gemacht.“

Ach ja. Da war was. Über ‘in dubio pro reo’ nachdenken. Was hat das jetzt damit zu tun?

„Ziemlich viel.“, murmelt der kleine Mann.

Ich komm nicht drauf. In meiner Magengegend breitet sich ein unangenehmes Gefühl aus. Es pocht komisch und mir wird flau. In dubio pro reo. Ich glaube an diesen Satz. Man darf Menschen nicht verurteilen, wenn die Fakten nicht eindeutig gegen sie sprechen. Dazu gibt es zu viele komische Zufälle im Leben. Manchmal scheinen Dinge so zu sein und sind in Wahrheit ganz anders. Habe ich alles schon gesehen. Obwohl wir ein Rechtssystem haben, in dem das beachtet wird, werden manchmal Unschuldige verurteilt. Ich will nicht in einem Land leben, in dem dieser Grundsatz nicht gilt.

Der Mann in meinem Bauch hüpft nicht. Es wird nicht warm. Was ist da los? Er müsste doch zustimmen. Stattdessen fängt es an, komisch zu ziehen. Mir wird übel.

„Mein Kopf und mein Bauch sagen unterschiedliche Dinge. Ich verstehe den Mann in meinem Bauch einfach nicht.“ Ich merke, wie resigniert ich klinge.
Mann im Ohr: „Was Du sagst, ist klug. Wenn es um ein Rechtssystem geht. Um Urteile, die vielleicht zu Freiheitsstrafen führen. Aber wie sieht es sonst aus?“
Ich: „Sonst?“
Mann im Ohr: „Im Privatleben zum Beispiel?“

Ich schaffe es gerade noch rechtzeitig zum Waschbecken. Warum wühlt mich das so auf? Plötzlich kommen Erinnerungen hoch.
An gemeinsame Mittagessen. Und dann noch mehr. Ich merke, wie mir Tränen über die Wange laufen. Ich habe ‘in dubio pro reo’ auch im Privatleben immer angewendet. Wenn mir mein Bauch Gefahr gemeldet hat, selbst wenn ich Fakten kannte, die gegen jemanden sprachen, habe ich ihn verteidigt, bis seine ‘Schuld’ erwiesen war.
Bis ich wusste, dass Kinderpornos auf dem Rechner waren. Bis er zugeschlagen hat. Bis einwandfrei erwiesen war, dass nur er meinen Rechner gehackt haben konnte. Bis…
Es waren verschiedene Männer. Nur mit einem war ich zusammen. Mit den anderen hatte ich einfach nur so zu tun. Aber allen habe ich in gewisser Weise vertraut.

Ich frage den kleinen Mann: „Liegt ‘in dubio pro reo’ da oben rum?“
Mann im Ohr: „Natürlich. Also nicht liegen. Hängt in großen Lettern an Deiner Schädeldecke.“
Das klingt unappetitlich.
Ich: „Kannst Du das entsorgen? Ganz schnell?“
Der kleine Mann reagiert zögerlich. „Aber in juristischem Kontext hat der Satz schon seine Berechtigung.“
Ich: „Ich arbeite nicht mehr juristisch. Und das werde ich voraussichtlich auch nie wieder.“
Mann im Ohr: „Da hast Du recht. Aber wenn wir den entsorgen, wird das Deine Einstellung erheblich verändern.“
Ich überlege kurz. Dann frage ich: „Lag mein Bauch jemals falsch?“
Mann im Ohr: „Moment, das muss ich erst auswerten. Das dauert ein bisschen.“
Ich warte einige Minuten. Dann fange ich an, unruhig mit dem Fuß zu wippen und an meinem Ring zu spielen. Ich hätte erwartet, dass die Datenverarbeitung da oben schneller geht.
Der Mann im Ohr meldet: „So gut wie nie. In allen Fällen, in denen er falsch lag, hat er selbst das Gefühl revidiert. Es kam also nie zu negativen Folgen, wenn der Bauch falsch lag. Und er hat immer nur falsch negativ gezeigt, nie falsch positiv.“
Was heißt denn das?
Mann im Ohr: „Das heißt, er hat manchmal Warnungen ausgesprochen, die überflüssig waren. Aber er hat nie Entwarnung gegeben, wenn Gefahr bestand.“
Ich: „Das heißt doch, ich kann mich auf ihn verlassen. Dann entsorg jetzt bitte ganz schnell diesen Satz.“

Ich spüre, wie es rumpelt und es kommen komische Geräusche aus meinem Kopf. Dann sagt der kleine Mann mir, ich soll den Kopf nach rechts neigen, so weit ich kann. Mein Ohr berührt jetzt fast meine Schulter. Na ja, gefühlt zumindest. Es fühlt sich kurz an, als hätte ich Ohropax im Ohr. Ich höre alles wie durch Watte. Dann macht es ‘plopp’ und auf meiner Schulter liegt ein unappetitliches Häufchen. Es sieht aus wie eine Mischung aus Ohrenschmalz und einem Popel. Die schöne Strickjacke. Hoffentlich geht das wieder raus.

„Wie sieht es jetzt aus mit postfaktisch?“ Der kleine Mann ist ganz aus der Puste.
Ich: „Ich finde es dumm, sich nicht um Fakten zu scheren. Sie sind wichtig und geben Orientierung. Vielleicht sollte man ein bisschen mehr seinem Gefühl trauen als ich in der Vergangenheit, aber so ohne Fakten hat man einfach keine gute Entscheidungsgrundlage.“
Mann im Ohr: „Gut. Wir müssen noch ein bisschen weiter aufräumen, dann bekommst Du Deinen Verstand komplett zurück.“

Ich freue mich. Das wird wie Ostern und Weihnachten zusammen. In meinem Bauch wird es ganz warm.

Ich mag kein Online-Shopping

Das hat verschiedene Gründe. Der Mann in meinem Bauch, der immer noch nicht regelmäßig mit mir spricht, fängt oft an, unangenehme Dinge zu machen, wenn ich online shoppe. Ich bekomme dann ein schlechtes Gewissen. Weil so viele Pakete mit Lastern hin- und hergefahren werden und ich nicht will, dass die Umwelt darunter leidet.

Mann im Ohr: „Du willst auch morgens nicht noch länger im Stau stehen und fragst Dich bei jedem LKW vor Dir, wer daran wohl Schuld ist und ob da Schuhe für Deine Kolleginnen unterwegs sind.“
Ich: „Das stimmt. Aber für die Umwelt finde ich es auch nicht schön.“

Es gibt noch einen Grund. Ich mag die Erinnerungen an echte Einkäufe. Gestern hat meine Mutter mir spontan einen Schlafanzug gekauft. Mit Pünktchen auf der Hose.

Mann im Ohr: „Neulich hat Dir jemand gesagt, Schlafanzüge bei Frauen seien ganz schrecklich.“
Ich: „An mir ist gar nichts schrecklich. Schon gar nicht eine kurze Schlafanzughose, die meinen Po betont.“
Mann im Ohr: „Ich dachte ja nur, vielleicht liegt es daran?“ 
Ich: „Vielleicht solltest auch Du mal das Denken einstellen.“

Jedenfalls sind meine Mutter und ich danach noch in dieser süßen kleinen Kaffeebar gewesen und haben Prosecco getrunken. Diese Erinnerung wird bleiben.
Und als ich danach nach einer Winterjacke gesucht habe, habe ich ungefähr zwanzig mal an Katrin gedacht. Mit ihr war ich letzten Herbst im Carsch-Haus und habe einen Boss-Mantel nicht gekauft. Damals habe ich nach Strumpfhosen geschaut und einen Rock gekauft. „Den, den Jan zu kurz findet für´s Büro.“ erinnert sich jemand zwischen meinen Ohren. Genau den. Den ich danach nie wieder angezogen habe. Und jetzt ist Jan mein neuer Chef. Bis der ‘richtige’ neue kommt.
Den Mantel werde ich nie vergessen. Ich habe ihn im Vorbeigehen gesehen und nur so grade mal übergezogen. Er saß perfekt. Ich habe Fotos gemacht und es sind Leute stehengeblieben und haben mich angesprochen, weil er einfach wie gemacht für mich war. Katrin und ich haben am Rhein gesessen und irgendsoeine Suppe gegessen in diesem orientalischen Laden „…in dem Du auch mit Ethan warst.“. Den Mantel habe ich nicht gekauft, weil er 450 Euro gekostet hat und ich eigentlich gar keinen Mantel brauchte. Aber ich weiß noch genau, wie Katrin geguckt hat und wie wir uns gefreut haben.

„Und Du denkst immer an Mo, wenn Du Deine Wickeljacke siehst.“ sagt der kleine Mann nachdenklich.
Weil Mo dabei war und hinterher gefragt hat „Oh, you bought this? I thought it was already yours. It´s so you.“ Jenny war auch dabei.
Ich: „Und weißt Du noch, wie ich dieses wunderschöne, teure Kleid gekauft habe in meiner Lieblingsboutique in Bonn?“

Ich wusste, wenn Ben das sieht, gibt es Stress. Obwohl ich mein Geld dafür ausgegeben habe. Wir hatten unterschiedliche Vorstellungen davon, wofür man sinnvollerweise Geld ausgibt. Er war eher der Aktien- und Nintendo-Spiel-Typ und ich eher der Ein-Cashmere-Kleid-Gönn-Ich-Mir-Mal-Typ. Und der Kurs eines Cashmerekleids sinkt nicht annähernd so schnell wie der seiner Telekom-Aktien damals.
Ich habe also dieses Kleid gekauft und in meine Handtasche gepackt. Die Verkäuferin musste das Preisschild im Laden abschneiden und durfte mir keine Tüte mitgeben. Ich habe es heimlich in den Schrank gehängt und erst Monate später angezogen. Und dann behauptet, ich hätte es schon ‘ganz lange’.

Aus meinem Kopf tönt „Ben wusste genau, was das für ´ne Aktion war.“
Natürlich. „Er wusste immer alles ganz genau. Er kannte mich einfach zu gut.“

Den Streit hat mir das trotzdem erspart. Der Trick war, sich nicht in flagranti mit dem neuen Kleid erwischen zu lassen. Später war das Kind ja eh in den sprichwörtlichen Brunnen gefallen.

Fast jeder Kauf im Laden ist Teil schöner oder skurriler Erinnerungen. Aber ich kann mich nicht erinnern, wo ich welches Teil online bestellt habe und was mich an dem Tag bewegt hat. Ich freue mich auch meistens nicht, wenn ich ein Paket mit Klamotten bekomme. Weil das nämlich heißt auspacken-anprobieren-Teile wieder einpacken-zurück zur Post. Im Zweifel genau dann, wenn mir gar nicht nach shoppen ist und ich keine Zeit habe, zur Post zu fahren. Diese Packstationen sind auch nichts für mich. Die sind so…praktisch. Und irgendwie seelenlos.

Mann im Ohr: „Vielleicht ist Online-Dating deshalb nichts für Dich? Weil das ähnlich ist wie Online-Shopping.“
Ich: „Es hat was davon. Und ich finde die ‘seriösen’ Plattformen nicht angenehmer als Tinder oder so. Eher schlimmer.“ 

Mann im Ohr: „Warum?“
Ich: „Tinder ist ‘ehrlich’ oberflächlich.“
Der Mann in meinem Bauch macht einen zustimmenden Hüpfer, glaube ich.
„Die, die einem optisch nicht gefallen, hat man ratzfatz aussortiert. Bei den anderen Plattformen schreibt man sich erst, investiert Zeit und dann bekommt man ein Foto zu sehen, das einem überhaupt nicht gefällt. Dann kommt man sich wie ein Arschloch vor, wenn man den Kontakt abbricht. Aber wenn wir ehrlich sind, will doch niemand einen Partner, den er nicht attraktiv findet.“
Mann im Ohr: „Wer weiß. Denk nur an Steffis Kommentar gestern.“

Das stimmt. Sie hatte eine Bemerkung gemacht, dass man die optischen Ansprüche runterschrauben muss, wenn man einen netten Kerl will. Vielleicht gibt es noch mehr Frauen, die so denken.
Ich: „Aber ich kann die Theorie, dass schlechter aussehende Männer netter sind, nicht bestätigen.“

Ich kenne mäßig aussehende Männer, die ihre Frauen am laufenden Band betrügen. Und hässliche Männer, die ihre Frauen schlagen. Wenn ich an mein Referendariat zurückdenke, kann ich mich an keinen einzigen attraktiven Straftäter erinnern. Wohl aber an viele durchschnittliche. Ich kenne keinen ansehnlichen Vergewaltiger.
Außerdem war Ben attraktiv. Männer sind immer erstaunt, wenn sie das merken. Sie fragen fast alle nach ihm. Und wollen wissen, ob wir noch Kontakt haben und uns gut verstehen und wie das so war und warum wir uns getrennt haben. Ben hat in Wirklichkeit einen sehr altmodischen Namen. Vielleicht liegt es an der Kombination aus seinem Namen und der Tatsache, dass ich ihn immer als nett und treu beschreibe, dass alle Männer ihn für hässlich halten. Und dann kommt der Tag, an dem sie fragen, ob ich denn eigentlich ein Foto von ihm habe. Und dann kommt der Moment, wo sie nach Luft schnappen. Weil er groß, schlank und gutaussehend ist, volles Haar und ein sympathisches Lächeln hat. Intelligent und erfolgreich ist er auch. Und…

„Du verschreckst Männer damit. Sie haben dann das Gefühl, dass sie nicht mithalten können.“ Konnten sie auch nicht. Jedenfalls keiner von denen, die ein Foto sehen wollten.
Ich: „Dass er wohlhabend und intelligent und witzig und kinderlieb und all das ist, erzähle ich doch gar nicht. Ich sage immer nur ‘nett’ und dass wir keinen Kontakt mehr haben. Und auf Nachfrage, dass er mich nie betrogen hat.“
Mann im Ohr: „Das ist schon schlimm genug in Kombination mit seinem Bild.“
Ich: „Wenn ihr Selbstbewusstsein nicht ausreicht, sollen sie nicht nach Fotos fragen. Ich wollte in meinem Leben noch nie ein Foto der Ex sehen!“

Ich kann doch nicht so tun, als sei ich zehn Jahre mit einem hässlichen Gnom zusammen gewesen, nur damit der Mann an meiner Seite sich besser fühlt. Ben hat mich geprägt, er ist Teil meines Lebens. Und das ist gut so. Trotzdem bin ich immer ein wenig ratlos, was ich anderen Männern auf ihre Fragen sagen soll. Mir wurde gesagt, es gäbe nichts Schlimmeres als eine Frau, die über ihren Ex-Freund lästert. Dann bekäme ein Mann Angst, dass sie später über ihn auch so redet. Verständlich.
Aber: meiner Erfahrung nach mögen Männer es eben auch nicht, wenn man den Ex nett findet.

Mann im Ohr: „Das Problem ist nicht, dass Du ihn nett findest. Du magst ihn, Du schätzt ihn. Du würdest ihm immer noch Dein Leben anvertrauen.“
Das stimmt. Meine Familie hat die strikte Anweisung, keine Entscheidung ohne seinen Rat zu treffen, sollte mir etwas passieren und ich nicht mehr selbst entscheiden können. Er hat ein Vetorecht für alles. Das liegt allerdings weniger an meiner Sympathie für ihn als an der Tatsache, dass ich ihn für einen hervorragenden Arzt halte. Und er sich viel mit Ethikfragen in Zusammenhang mit lebenserhaltenden Maßnahmen beschäftigt hat. Er ist der einzige Mensch, dem ich sicher zutraue, dass er eine Entscheidung in meinem Sinne treffen wird.
Mann im Ohr: „Außerdem sagst Du immer, dass er der beste Liebhaber von allen war.“
Ich: „Das sage ich NIE. Zu Männern. Ich bin doch nicht irre!“
Mann im Ohr: „Doch. Zu mir. Und zu manchen Freundinnen.“
Ich: „Doch was? Doch, ich sage das oder doch, ich bin irre?“
Der kleine Mann schweigt. Wahrscheinlich beides.
Dabei stimmt das gar nicht mehr. Er ist nur noch auf Rang 2.
„Sag das Deinem nächsten Date genau so. Bitte.“ Der kleine Mann hält sich vor lachen den Bauch. Es wackelt ganz schön.
Ich: „Wir sollten mal wieder zurück zum Thema, finde ich.“  

Ich habe keine Lust, mich mit unattraktiven Männern zu treffen. Erstens, weil ich ja auch irgendwann mit demjenigen ins Bett will. Und warum sollte ich das wollen, wenn ich ihn nicht attraktiv finde? Und zweitens hat sich vor ein paar Tagen wieder bestätigt, dass mäßig attraktive Männer Arschlöcher sein können. Da hat mir einer gesagt, dass ich nicht gut genug für ihn sei und war sauer, dass er ‘seine Zeit mit mir verschwendet’ hat. Die Details spare ich mal aus. Wir kennen uns seit zwei Jahren und ich dachte, er mag mich. Ich meine so zwischenmenschlich. Im Sinne von nett finden. Es ist nie etwas zwischen uns passiert, aber anscheinend hatte er sich Hoffnungen gemacht. Bis er ein Detail von mir erfahren hat, das ihm nicht passte. Es war, als hätte er irrtümlich was falsches ‘bestellt’. Von Freundschaft oder Sympathie war dann plötzlich nichts mehr zu spüren.
Ein Freund sagte dazu „Total kränkend und unpersönlich. Als ob der Artikel nicht der Beschreibung entspricht!?“ Ein schöneres Bild hätte ich nicht finden können.
Interessant ist, dass seit mehreren Jahren keine Frau gut genug für ihn ist. Oder die sich nicht für ihn interessieren. Jedenfalls ist er seit Jahren erfolglos bei mehreren Online-Plattformen parallel angemeldet.

Der kleine Mann meldet sich: „Wahrscheinlich schickt er einfach immer alles sofort wieder zurück. Es gibt ja so Leute, deren Hobby Online-Shopping ist. Die wild bestellen und alles geht retour.“
Ich: „Ich glaube, er bestellt einfach immer alles ne Nummer zu groß und meckert dann.“
Mann im Ohr: „Gott sei Dank hatte er Dich noch nicht ausgepackt und benutzt.“

Gott sei Dank, vor allem für mich. Und Gott sei Dank werden Frauen nicht mit dem LKW versendet. Das gäbe eine katastrophale Umwelt-Bilanz.

Die Sache mit der Durchblutung

Es ist Sonntag Morgen, kurz nach sieben und ich bin seit anderthalb Stunden wach. Es ist der erste Morgen, der sich nach Herbst anfühlt. Ich mag es, bei offener Balkontür zu schreiben, aber heute ist es zu kalt dafür. Ich habe mein Lammfell auf meinen Hay-Stuhl gelegt und meinen Soya-Latte neben mir stehen. Meine Nerdbrille sitzt auf meiner Nase und ich bin froh, dass mich so keiner sieht.

Mann im Ohr: „Manche finden Dich total sexy mit der Brille.“
Ich: „Im Kostüm mit offenen Haaren und der Brille.“
Mann im Ohr: „Trägst Du jetzt kein Kostüm?“
Ich: „Ich trage kurze Shorts, ein T-shirt, eine Strickjacke und ich habe unrasierte Beine.“
Mann im Ohr: „Das kann ich von hier oben nicht sehen.“

Ich trage die Nerdbrille eigentlich nur, wenn ich schlau rüberkommen will. Ich sehe nämlich irre intelligent aus damit. Ich habe noch eine andere, die viel leichter ist und die ich viel lieber trage. Mit der sehe ich langweilig aus. Sie liegt im Büro, also sehe ich hier ganz für mich schlau aus und ärgere mich, weil sie so schwer ist und immer rutscht.

Mann im Ohr: „Erinnerst Du Dich an die ‘Sanft & Sorgfältig’-Folge, die wir diese Woche gehört haben?“
Ich: „Wir haben mehrere gehört. Und ich immer nur mit einem halben Ohr.“
Mann im Ohr: „Jan Böhmermann hat was über Sapiosexualität gesagt. Aber ich erinnere mich nicht mehr genau daran.“

Wie kommt der jetzt darauf? Sagt mir nichts. Ich google das. Aha. Es geht um Leute, die sich von Intelligenz angeregt fühlen. Da bin ich dabei. Der kleine Mann liest sich aufmerksam den Artikel durch. Dabei murmelt er ganz leise mit.

Er sagt: „Dieser Sex-Forscher sagt, es gäbe keine Belege dafür, dass sich die Intelligenz eines Partners oder potenziellen Partners auf die genitale Durchblutung auswirkt. Dann ist das ganze vielleicht Quatsch.“ 
Ich: „Wie auch? Soll ich meine genitale Durchblutung vor und nach einem Gespräch mit meinem Chef messen lassen?“
Mann im Ohr: „Wieso Chef? Welcher Chef?“
Ich: „Du weißt genau, von wem ich rede.“
Er ist optisch nicht mein Typ, aber ich mag ihn. Inzwischen. Er ist begrenzt emphatisch, aber zweifellos intelligent. Ein Klugscheißer manchmal und eine Nervensäge, das haben wir gemeinsam. Er wäre das ideale Testobjekt, weil außer seiner Intelligenz alle anderen Stimulanzien ausgeschlossen werden könnten. Wir hätten diesen Herrn Clement mal fragen können, wie das funktioniert mit der Messung. Leider ist mein Chef seit ein paar Tagen nicht mehr da.
Mann im Ohr: „Wie finden wir jetzt raus, ob da was dran ist? Man findet nicht viel Aussagekräftiges im Internet.“ 
Ich: „Das Wort ‘Nymphobrainiac’ ist jetzt schon mein Wort des Jahres.“
Mann im Ohr: „Mich interessiert das wirklich. Du machst Dich über mich lustig.“
Ich: „Na gut, dann mal im Ernst. Ich kann Dir, obwohl das nicht gemessen wurde, sagen, wie ein dummer Mann abtörnen kann. Das ist natürlich nur ein Gefühl, aber um Gefühle soll es im Moment ja schließlich gehen, oder?“
Mann im Ohr: „Ja.“
Ich: „Also es gibt Männer, die sehe ich und ich denke ‘Wow’ und dann tut sich durchblutungstechnisch was.“
Mann im Ohr: „Woran merkst Du das?“
Das ist nun wirklich zu intim für einen Blog. Ich bin ja keine Sex-Bloggerin. Obwohl ich dann wahrscheinlich mehr Leser hätte.
Ich: „Wichtig ist nur, dass ich es merke. Eigentlich müsstest sogar Du es merken. Da passiert doch sicher irgendwas im Gehirn, oder?“
Mann im Ohr: „Mmh, manchmal fährt die Aktivität hier plötzlich runter, ohne dass ich einen Grund erkennen kann. Wenn Du abends aus bist zum Beispiel. Manchmal aber auch im Büro, wenn Du…“
Ich: „Genau.“ Das müssen wir hier jetzt wirklich nicht breittreten. „Aber wenn so einer, der mir gefällt und die Durchblutung fördert, den Mund aufmacht, kann es passieren, dass mein Gehirn innerhalb von Millisekunden wieder einwandfrei funktioniert und auch sonst alle Anzeichen für Gefallen verschwinden. Weil er etwas unglaublich Dummes oder Plumpes gesagt hat. Dummheit kann also die Durchblutung da unten vermindern.“
Mann im Ohr: „Dann müsste im Umkehrschluss Intelligenz die Durchblutung steigern können.“
Ich: „Da bin ich mir nicht sicher. Mein Verstand funktioniert ja nur begrenzt. Ein Umkehrschluss ist nicht in allen Fällen zulässig.“
Mann im Ohr: „Aber Dummheit ist doch nur die umgekehrte Ausprägung von Intelligenz, oder? So wie negatives Wachstum in der Wirtschaft müsste man Dummheit als negative Intelligenz bezeichnen können. Wenn wir nun sicher wissen, dass negative Intelligenz sich negativ auf die Durchblutung auswirkt, müsste man doch umgekehrt davon ausgehen können, dass sich positive Intelligenz positiv auf selbige auswirkt?“

Das ist mir echt zu hoch. Aber es klingt schlau. Ich höre ein leises: „Hier oben schaltet grade alles einen Gang zurück.“      

Wie waren wir noch auf das Thema gekommen? Ach ja, die Brille. Ob es ein Wort gibt für Menschen, die sich zu Brillenträgern hingezogen fühlen? Spectacusexualität?
Das ergibt bei Google 0 Treffer.

Ich mag es unkompliziert

Ich liege auf meinem Sofa und denke wieder über die Sache mit der fehlenden Verliebtheit nach. Und darüber, dass mein Vater sich über den kleinen Mann beschwert hat. Er geht ihm auf die Nerven. Er findet, ich könnte mir mal was Neues ausdenken. Als der kleine Mann das gehört hat, ist er ganz still und traurig geworden. Und hat später, als wir wieder alleine waren, ganz besorgt gefragt, ob er ausziehen muss.
Seit er weiß, dass er bleiben darf, ist er wieder munter und räumt sein Zuhause auf. Ich esse einen der Pumpkin Creamcheese Muffins und frage mich, ob das mit der Verliebtheit am Alter liegt. Verliebt man sich in den 20ern leichter? Ich arbeite mich gerade vom Nuss-Topping zur Füllung vor, als der kleine Mann sich meldet.

„So bildlich gesprochen, was für ein Kuchen wäre ein verheirateter Mann?“
Ganz spontan denke ich: „Frankfurter Kranz.“
Mann im Ohr: „Buttercreme mochtest Du noch nie.“
Ich: „Mir wird schon bei der Vorstellung eines Bissens schlecht.“
Mann im Ohr: „Diese Umwege mit Visualisierung funktionieren ganz gut. Obwohl ich mir das so nicht gedacht hatte. Die Glaubenssätze haben wir immer noch nicht sortiert.“
Ich: „Was liegt denn da oben so rum?“
Mann im Ohr: „Eben bin ich über ‘Erst die Arbeit, dann das Vergnügen’ gestolpert. Und in der Ecke lehnt ‘Keep it simple’ und ‘Ehrlich währt am längsten’.“
Ich: „Den behalte ich!“ Gemeint ist ‘Ehrlich währt am längsten’. Das kam ganz überraschend aus meinem Bauch. Es wird angenehm warm.
Der kleine Mann zieht irgendwas über den Boden meines…was eigentlich? Meines Gehirns? Hoffentlich richtet das keinen Schaden an.
Mann im Ohr: „Ich kenne mich hier aus. Kleine Gebrauchsspuren verkraftet das ganz gut. Genau wie Dein Parkett.“

Hoffentlich hat er auch Filzgleiter unter den schweren Brocken. Ich will mir gerade Gedanken darüber machen, was ich von ‘Erst die Arbeit, dann das Vergnügen’ halte, da reißt er mich schon wieder raus.

„Woran erkennst Du, ob jemand ein Pumpkin Gingerbread Snacking Cake ist oder ein Pumpkin Creamcheese Muffin?“
Ich: „Gar nicht. Auf den ersten Blick. Wenn beides in einer Muffinform gebacken wurde jedenfalls nicht.“
Mann im Ohr: „Musst Du aber. Wenn Du nicht nur was für Zwischendurch willst, was schnell verfügbar ist.“
Ich: „Mmh. Wie denn? Der äußere Teig hat die gleiche Farbe, die gleiche Konsistenz, riecht gleich. Erst wenn ich reinbeiße, weiß ich, was ich vor mir habe.“
Mann im Ohr: „Und beim Mann? Wie machst Du das da?“
Ich: „Immerhin kann ich auf Anhieb sagen, ob es ein Sandkuchen oder Kirschstreusel oder so ist. Und Frankfurter Kränze erkenne ich auch sicher und schnell.“
Mann im Ohr: „Das reicht nicht.“
Ich: „Auch reinbeißen?“ Bei manchen Männern würde ich das gern. Aber ich bin meistens zu schüchtern. Deshalb beißen sie mich immer zuerst.
Mann im Ohr: „Du musst das schon aus der Bildsprache wieder ins wahre Leben übertragen.“
Mir fällt nichts ein. Ich frage den kleinen Mann, ob er weiß, wie das geht. Aber ich muss da selbst drauf kommen, sagt er.
Ich: „Vielleicht kommt mir im Schlaf ne Idee. Das klappt sonst ja auch ganz gut.“ 
Mann im Ohr: „Die Antwort ist schon hier oben. Du findest nur keinen Zugang dazu.“
Na großartig. Das ist wie Geld in einem Tresor, dessen Code man nicht kennt.
Ich: „‘Keep it simple’ müssen wir behalten. Das hilft immer. Bei der Wohnungseinrichtung und beim Kochen. Wenige, hochwertige Zutaten ergeben doch das beste Essen. Ein schlichtes Design freut mich mehr und länger als alles, was too fancy daherkommt. Und komplexe Gedankengänge ergeben oft erst Sinn, wenn man sie einfach strukturiert. Ein schlichtes, zu mir passendes Kleid hat bisher immer mehr Eindruck gemacht als irgendwelche Sahne-Baiser-Geschichten.“
Mann im Ohr: „Du hast überhaupt noch nie ein Sahne-Baiser getragen.“
Ich: „Woher kommt eigentlich dieser Ausdruck? In Baiser ist doch keine Sahne drin. Das besteht aus Eiweiß, einer Prise Salz und Zucker. Und nach meiner Backerfahrung würde das Eiweiß sofort zusammenfallen, wenn man Fett hinzufügen würde. Sahne ist fettig. Meine Mutter hat mir beigebracht, dass in der Schüssel keine Fettreste sein dürfen, wenn ich Eischnee schlagen will…“
Mann im Ohr: „Du machst Dir über jeden Scheiß Gedanken. Du sollst Deinen Verstand aus lassen.“
Das habe ich schon mal gehört. Besser als Leute, die sich über nichts Gedanken machen. Finde ich.
Ich: „Na gut. Jedenfalls kannst Du ‘Keep it simple’ in die Mitte räumen. Schön prominent, vielleicht hängen wir es auf? Über ‘Erst die Arbeit’ muss ich mir noch Gedanken machen.“

Der kleine Mann ist zufrieden. Er gibt mir eine Hausaufgabe. Ich soll ‘in dubio pro reo’ murmeln und dabei aufmerksam horchen, wie der Mann in meinem Bauch reagiert.

Haben wir unser Schamgefühl verloren?

Oder: auch Frauen sind spooky!

Mir kam eben der Gedanke, dass, was ich hier schreibe, falsch verstanden werden könnte. Ich musste an Super Mario denken, der dachte, ich sei eine Emanze. Das ist völlig absurd. Ich bekomme Pickel, wenn ich ‘Mitarbeiter(innen)’ oder ‘Mitarbeiter (m/w)’ lese. Noch schlimmer ist das gesprochen. Heute morgen im Radio sagte jemand ‘Wähler’, es folgte eine Pause und dann ‘Innen’. Kein Scherz. Ich bin gegen die Frauenquote. Weil ich unfähige Frauen kenne, die ihre Position nur einer solchen Regelung zu verdanken haben. Ich finde es gut, wenn Frauen zuhause bleiben. Wenn sie es möchten. Na ja, zurück zum Thema. Ich hatte Mario gegenüber eine Bemerkung gemacht, aus der man das mit viel Phantasie hätte schließen können. Aber eigentlich kennen wir uns kaum. Ich war froh, dass er es angesprochen hat und ich klarstellen konnte, dass ich keine Kopie von Alice Schwarzer bin.

„Das hätte er auch sehen können. Du hast überhaupt keine Ähnlichkeit mit ihr.“ Gott sei Dank.

Jedenfalls klingt es hier vielleicht so, als seien Männer bei Tinder oder ähnlichen Plattformen irgendwie spooky und Frauen die ‘Opfer’. Das ist höchstwahrscheinlich nicht so. Ich habe nämlich schon merkwürdige Geschichten über Frauen gehört. Und wenn man sich mit stochastischer Verteilung ein bisschen auskennt, kann man nicht ernsthaft glauben, dass dieses Phänomen nur die eine Hälfte der Menschheit betrifft.
Der kleine Mann wendet ein, dass ich keine Ahnung von Stochastik habe. „Wohl. Abiklausur, erinnerst Du Dich? Bernoulli-Verteilung sagt mir was.“ Das hat der kleine Mann wohl verdrängt.

Dass ich nur über komische Männer schreibe, liegt schlicht daran, dass ich meinen Filter ausschließlich auf Männer beschränkt habe.
Ich meine, ein „Finde den Fehler.“ zu hören. Ganz leise. Diesmal liegt er falsch. Ich steh nun mal auf Männer. Und eine größere Auswahl erhöht nicht notwendigerweise die Trefferquote. Sonst wäre ja jeder, der Online-Dating betreibt, ratzfatz unter der Haube.

Nun also zu den spooky Frauen. Da gab es eine, die Fabian noch vor dem ersten Date gefragt hat, ob sein Schwanz denn wohl groß genug für sie sei. Und das erste Date war nicht als F***-Date gedacht sondern zum ganz normalen Kennenlernen. Hat dann allerdings nicht mehr stattgefunden. Ich kenne auch Frauen, die schon vor dem ersten Date Videos von sich verschicken, in denen sie masturbierend zu sehen sind.

„Das stimmt nicht!“ ruft der kleine Mann aufgebracht.
Ich: „Doch. Weißt Du nicht mehr…“
Er unterbricht mich: „…natürlich tun Frauen so was. Aber Du K E N N S T sie nicht.“

Das stimmt. Ich kenne sie nicht, ich habe sie nur gesehen. Masturbierend. Da fühlt man sich dann doch irgendwie, als würde man sich kennen. Für mich ist das eine ziemlich intime Sache. Aber ich bin auch ne Spießerin. Jedenfalls gibt es Männer, die solche Videos nicht nur bekommen und anschauen, sondern auch solche, die sie einer Freundin zeigen mit den Worten „Guck mal die, wie findest Du die?“. Wobei man sich da fragen muss, wer eher das Attribut spooky verdient. Die Absenderin oder der Empfänger?

Dann gibt es noch die Sorte Frau, auf die Carl gestoßen ist. Die es auf einem ersten Date nur darauf anlegen, von einem Mann für möglichst viel Geld eingeladen zu werden, Champagner und das teuerste Essen bestellen und ein peinliches Theater abziehen, wenn der Mann nicht gewillt ist, für den Luxus allein aufzukommen. Oder die, die noch bevor irgendwas gelaufen ist fragen, ob er ihnen vielleicht mit ein paar tausend Euro aushelfen könnte? Weil sie wirklich in einer ganz schlimmen Lage sind und er bekommt das Geld auch zurück. Ehrlich. Garantiert.

Mädels, das kann doch nicht Euer Ernst sein?! Da haben unsere Mütter und Großmütter jahrzehntelang für die Emanzipation gekämpft und ihr macht sowas?

„Ich dachte, Du bist gar keine Emanze?!“ tönt es. Gefolgt von einem „Euch Frauen versteh einer.“
Ich weiß nicht, wie oft ich das Männern jetzt schon erklären musste. „Bin ich auch nicht. Ich bin immer noch gegen die Frauenquote und diesen ganzen Gender-Mainstreaming-Quatsch. Aber es kann doch nicht sein, dass ein Kerl eine Frau aus ihrer finanziellen Misere retten soll. Nur, weil er ein Mann ist. Ein bisschen Eigenverantwortung halte ich für angezeigt. Klar kann er mich zum Essen einladen. Das finde ich toll. Aber bitte freiwillig. Ich kann doch nicht mit der Einstellung auf ein Date gehen, dass er mich einladen muss. Und nur weil ich davon abraten würde, Sex-Videos zu verschicken, bin ich noch lang keine Emanze!“

Der kleine Mann ist froh, dass ich sowas nicht mache. Da würde er sich schämen. Er droht sogar, auszuziehen, falls ich es doch mal in Erwägung ziehen sollte.

Meine Wahrnehmung ist gestört

„Es ist 16:58 Uhr.“ mahnt es aus meinem Kopf. Ich spüre, wie der kleine Mann aus meinem Ohr klettert. Er ist schon auf meinem Ohrstecker. Dem, der wie eine kleine weiße Blume aussieht. Er hangelt sich an meinen Haaren entlang über mein Jochbein und erklimmt meine Nase. Das hat er noch nie gemacht. Jetzt steht er auf meiner Nasenspitze und wedelt mit einem erhobenen Zeigefinger. „Du hast noch nicht mal gefrühstückt!“

Das stimmt. Es ist Sonntag. Wer mich nicht kennt, denkt jetzt vielleicht, dass ich eben erst aufgestanden bin. Gestern gefeiert habe. Dabei bin ich seit kurz vor zehn auf. Ich habe Kaffee getrunken. Und zwei oder drei Gläser Leitungswasser. Ich war kurz bei meiner Mutter, habe ein paar Dinge erledigt und erfolglos versucht, einen kaputten Halogenstrahler auszuwechseln. Meine Halogenhalter haben ein Bajonett-System. Aber irgendwie hat sich der defekte Strahler in der Fassung so verkantet, dass der Strahler abgebrochen ist. Der Rest geht aus der Fassung nicht raus. Und deshalb der neue Strahler nicht rein. Mist!

„Das mit dem Strahler war heute Vormittag. Seitdem schreibst Du.“ mosert der kleine Mann. „Das ist ungesund!“
Ich ahne, was er mir sagen will. Er wird gleich wieder von Noah anfangen. Die Frau in dessen Kopf hat es ihm angetan. Deshalb taucht er immer wieder auf.
Ich: „Kleiner Mann, ich vergesse die Zeit, wenn ich schreibe.“
Mann im Ohr: „Weil Deine Wahrnehmung gestört ist.“
Ich: „Wenn Du schon fremde Leute zitierst, solltest Du das wenigstens kenntlich machen.“
Ich habe nichts übrig für Blindzitate. Das ist was für Blender.

Tatsächlich hat mich Noah bei unserem letzten Treffen gefragt, warum ich blogge. Und warum ich überhaupt schreibe. Weil ich es liebe. Weil ich dabei die Zeit vergesse. Ich fange an und dann verselbständigen sich meine Gedanken. Manchmal kommen mir Ideen in Situationen, in denen ich nicht schreiben kann.

Der kleine Mann schlägt einen anklagenden Ton an: „Dann gehst Du zum Beispiel mitten in einem Date auf´s Klo, um Deine Gedanken in Dein iPhone zu diktieren.“

Ich muss lachen. Das klingt so absurd. Aber es stimmt. Wenn ich länger verschwinde, pudere ich mir nicht die Nase oder korrigiere meinen Lippenstift. Ich bin mit viel wichtigeren Dingen beschäftigt.

„Vielleicht mögen Dich die Männer nicht, weil Deine Nase glänzt und Dein Lippenstift verschmiert ist?“ Der kleine Mann klingt nachdenklich. Er sitzt auf meiner Nasenspitze. Ich muss schielen. Das gefällt mir nicht. Nicht, dass er das demnächst auch im Büro macht. Dann bin ich die Irre mit dem kleinen Mann auf der Nase.
„Das mit dem Lippenstift können wir sicher ausschließen. Ich trage fast nie welchen.“
Mann im Ohr: „Aber die Nase?“
Ich: „Du glaubst doch nicht im ernst, dass einen Mann, der einen toll findet, das interessiert?! Der nimmt das nicht mal wahr. Weil sein Gehirn nicht besonders gut funktioniert in so einer Situation.“
Der kleine Mann schweigt. Er denkt nach. Dann spüre ich immer ein leichtes kribbeln im Kopf.
„Vielleicht merken die, dass Deine Aufmerksamkeit nicht bei Ihnen ist? Das mögen Männer nicht.“ Manchmal sagt der kleine Mann kluge Sachen.
Ich: „Frauen mögen das auch nicht. Niemand mag es, wenn sein Gegenüber mit den Gedanken woanders ist.“ Ganz schlimm finde ich diese ewige Handycheckerei bei Verabredungen.
Mann im Ohr: „Bei Noah hast Du das nicht gemacht. Da warst Du ganz Ohr. Aber er war mit den Gedanken ganz weit weg.“
Ich: „Bei seinem Kunden und den Terminen am nächsten Tag. Er sah fertig aus. Ich hätte ihm am liebsten ´ne Massage angeboten, aber das wäre spooky gewesen.“
Mann im Ohr: „Trotzdem hat er kluge Dinge zu Dir gesagt. Er war nicht die ganze Zeit woanders im Kopf.“ 

Noah hat mich gefragt, ob das gut sei, wenn ich die Zeit vergesse. Ich war völlig perplex. Für mich war immer klar, dass das gut ist. Es gibt doch nichts Schlimmeres, als Dinge zu tun, bei denen einem ein Minute wie eine kleine Ewigkeit vorkommt? Und dann sagte Noah: „Aber das heißt doch, dass in dem Moment Deine Wahrnehmung gestört ist.“
Das geht mir nicht mehr aus dem Kopf.

Mann im Ohr: „Deshalb geht er Dir nicht aus dem Kopf. Weil er einige Dinge zu Dir gesagt hat, die Dich zum Nachdenken gebracht haben. Du stehst auf geistige Stimulation.“
Ich: „Kleiner Mann, er geht mir nicht aus dem Kopf, weil Du ihn ständig thematisierst. Und den Grund dafür kenne ich genau.“

Langsam könnte mal ein Mann kommen, der meine Wahrnehmung gehörig stört.

Der kleine Mann klettert zurück in mein Ohr. Es ziept, als er sich an meiner Haarsträhne raufhangelt. Dann höre ich ein „Du könntest Dich ja noch mal mit Noah treffen.“. No way. Ich bin keine Frau, bei der er mit einem „Fuck yes“ antwortet. Das lassen wir lieber. Aber mir fällt da jemand anders ein. „Du hast nie über ihn geschrieben.“ sagt der kleine Mann ein bisschen erstaunt. „Natürlich nicht. Ich habe ja auch noch ein Privatleben.“

Haben wir verlernt, uns zu verlieben?

Diese Frage spukt mir seit ein paar Tagen im Kopf herum. Auslöser war ein Gespräch mit meinem Freund Eric. Er befindet sich in einem Dilemma. Er will sich nicht zuerst verlieben. Dann wäre er ja in der ‘unterlegenen’ Position, falls die Frau sich nicht auch in ihn verliebt. Es müsste also umgekehrt sein. Allerdings funktioniert auch das nicht. Denn wenn sich eine Frau in Eric verliebt, bevor er verliebt ist, klammert sie ihm zu sehr und er verliert das Interesse an ihr.

Ich frage den kleinen Mann, warum er so schweigsam ist. Keine Antwort. Ich hatte ein „Das ist total bescheuert.“ oder so erwartet. Ich frage mich, ob er krank ist oder ich irgendwas getan habe, was ihn verärgert hat. Es raschelt in meinem Kopf, glaube ich.

„Das denkst Du immer.“, der kleine Mann seufzt. „Sobald ein Mann schweigsam wird, kommt Dein Mutterinstinkt raus oder Du denkst, es läge an Dir.“
Das stimmt.
„Du musst aufhören damit. Ich war einfach nur in die Arbeit vertieft. Du brauchst keine Ermahnungen mehr. Solange Du über Gefühle nachdenkst, läuft hier alles super. Die Zeit will ich nutzen.“
Ach so. Dann kann ich ja beruhigt weiter denken.

Seit ich Eric kenne, war er nicht verliebt. Glaube ich. Das ist traurig. Aber etwas anderes ist viel trauriger. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal bei jemandem einen verliebten Glanz in den Augen gesehen habe.

„Gestern Abend.“ Der kleine Mann klettert in meiner Ohrmuschel herum.
Ich: „Nein. Wo denn?“
Mann im Ohr: „Im Kino.“
Ich: „Nein, das wäre mir aufgefallen.“
Mann im Ohr: „Karoline Herfurth hat sehr verliebt ausgesehen. Der Film fing schon mit einem verliebten Glänzen in den Augen an.“
Ich: „Das war gespielt, kleiner Mann. Das hat mit der Realität nichts zu tun.“
Mann im Ohr: „Es wirkte authentisch.“ 

Na großartig. Also außer auf der Leinwand habe ich seit Jahren keinen verliebten Glanz mehr in Augen gesehen. Ich erinnere mich auch nicht, wann mir zuletzt jemand erzählt hat, dass er sich verliebt hat.

„Aber wir kennen Steffi und Jasper und Anna und Jules.“ tönt es von meinem Ohrläppchen. Er turnt an meinem Ohrstecker rum.
Ich: „Das stimmt. Aber sie lieben sich und sind schon sehr lange zusammen. Das ist schön, hat aber mit Verliebtheit nichts zu tun. Verliebt sein und sich lieben sind unterschiedliche Dinge.“
Mann im Ohr: „Das wusste ich nicht.“
Ich: „Verliebt ist man idealerweise am Anfang. Das ist das Gefühl, wenn der Mann im Bauch wild tanzt. Das, was wir Menschen ‘Schmetterlinge im Bauch’ nennen. Das Gefühl verschwindet langsam, wenn man sich vertrauter wird. Wenn man sich besser kennt, wird manchmal Liebe daraus. Oder nicht. Dann trennen sich Paare wieder.“ 
Mann im Ohr: „Aber Steffi und Jasper und Anna und Jules haben sich nicht getrennt.“
Ich: „Nein. Sie lieben sich. Sehr sogar. Jedenfalls wirkt es so.“
Mann im Ohr: „Und Steffi hat neulich gesagt, dass es ihr und Jasper hilft, sich an die verliebte Zeit zurückzuerinnern, wenn es mal schwierig ist.“
Ich: „Ja, diese Erinnerung braucht man. Wenn man in einer Krise steckt und da nichts besonderes ist, an das man sich zurückerinnert, nichts, was einen speziell mit diesem Menschen verbindet und was man mit keinem anderen so erlebt hat, dann hätte man keinen Grund, zu bleiben. Dann könnte man sich einfach den nächsten suchen.“
Mann im Ohr: „Dann ist Voraussetzung für eine lange, glückliche Beziehung, dass der Mann im Bauch wild tanzt zu Beginn?“
Ich: „Ja. Aber das scheint heute nicht mehr so oft zu passieren.“

Von Menschen, die daten, höre ich so was wie von Eric. Oder ‘Ich hab da eine kennengelernt.’ oder ‘Die ist heiß.’ oder ‘Der könnte passen, er ist nett.’. Sie sagen, dass jemand vielleicht als Vater taugt oder die gleichen Interessen hat. Dass sie intelligent ist und warmherzig und bestimmt eine gute Ehefrau wäre. Dass jemand gut küsst oder es im Bett ‘passt’. Aber ich kann mich an keinen einzigen Menschen in den letzten Jahren erinnern, der mir erzählt hat, er sei so richtig verliebt. Oder so gewirkt hätte.

„Christian hat Dir auch nicht gesagt, dass er sich in eine andere verliebt hat. Er hat gesagt ‘Du, ich hab in einen Exklusivstatus gewechselt.’. Sie wohnt näher dran als Du und ist besser verfügbar.“, stellt der kleine Mann fest.
Ich: „Vielleicht ist er ja verliebt.“
Das wäre schön. 
Mann im Ohr: „Er war nicht der Typ dafür.“
Ich denke ein bisschen über Chris nach. Vielleicht hat der kleine Mann recht.
Er fährt fort: „Weißt Du noch, wie er auf Deinen Post über Carl reagiert hat? Er hat sich selbst darin gesehen. Er will eine Frau, die praktisch in sein Leben passt und keine, die sein Leben durcheinanderbringt.“
Ich: „Aber Verliebtsein bringt das Leben durcheinander.“
Mann im Ohr: „Würdest Du denn zulassen, dass jemand Dein Leben durcheinanderbringt?“
Ich muss schlucken. Ich liebe mein Leben. Ich liebe meine Wohnung und meine Nachbarn und kann mir kaum vorstellen, hier jemals wegzuziehen. Ich liebe meinen Job. Meistens jedenfalls. Ich liebe es, beim Bauern im Nachbardorf mein Obst und Gemüse zu kaufen. Ich liebe meine Einrichtung und will hier keine Möbel haben, die nicht zu meinem Stil passen. Ich…
„Ich will keine halbgare Geschichte. Keine Vernunftgeschichte. Ich will mich verlieben. Ich will ein Kribbeln im Bauch und ein Prickeln auf meiner Haut. Ich will an ihn denken müssen und keinen Bissen runterkriegen vor Aufregung.“
Der kleine Mann sagt nichts. Es räumt und raschelt wieder in meinem Kopf.
Ich: „Und dann hoffe ich, dass sich dieses Gefühl irgendwann in Liebe verwandelt. Bei uns beiden.“ 

Ich frage mich, wer sich heute noch verlieben will außer mir. Und wie viele lieber die sichere Variante wählen würden. Die, die ihr schönes, ordentliches Leben nicht durcheinanderbringt.

Mann im Ohr: „Es ist unpopulär geworden. Denk nur an Freundinnen, die sich nicht verlieben wollen. Oder Dir raten, Dich nicht zu verlieben, damit Du nicht ausgenutzt oder ‘verarscht’ wirst.“
Ich: „Sie wollen mich schützen.“
Mann im Ohr: „Aber Du hast doch gesagt, dass das so nicht funktioniert.“
Ich: „Wir sind nicht mehr so mutig wie früher. Vielleicht geht es uns einfach zu gut.“
Mann im Ohr: „Wahrscheinlich ist jemand, der unzufrieden ist mit seinem Leben, viel eher bereit, es sich durcheinanderbringen zu lassen. Wenn das Leben schon perfekt ist, möchte man es doch genau so behalten.“

Da ist was dran. Aber ich will einen Mann, der glücklich ist mit seinem Leben. Oder zumindest zufrieden. Einen, der mutig genug ist, es trotzdem zu riskieren.

Ich habe plötzlich das Bedürfnis, zu backen. Pumpkin-Creamcheese-Muffins.
Während ich die Schüsseln, das Mehl und die Kürbismatsche zusammensuche, frage ich mich, ob wir verlernt haben, uns zu verlieben. Ich hole die Eier und den Frischkäse aus dem Kühlschrank. Kann man das überhaupt verlernen? Ist das wie Fahrradfahren, einmal gelernt und man kann es für immer? Ich öffne die Dose mit dem Vanilleextrakt und dem Baking Powder. Es ist wichtig, amerikanischen Baking Powder zu nehmen und kein deutsches Backpulver. Die Zusammensetzung ist nicht identisch und die Muffins bekommen mit Backpulver nicht die richtige Konsistenz. Oder ist sich verlieben eher wie Excel? Dann wäre die Fähigkeit ohne permanentes Üben ganz schnell wieder verlernt.

Mann im Ohr: „Das ist weder noch. Wenn man es zulässt, passiert es ganz von allein. Man muss es nicht lernen. Es ist im Menschen angelegt, sich zu verlieben.“
Ich: „Und wie lässt man es zu?“
Mann im Ohr: „Es hilft, den Verstand etwas runterzufahren.“

Dann habe ich ja genau jetzt die besten Chancen.