Ich bin ein Kopfmensch

Mein erster Tag mit ausgeschaltetem Verstand neigt sich dem Ende zu. Ich sitze auf dem Sofa und frage mich, ob ich irgendetwas falsch gemacht habe. Ich habe organisiert und Routinearbeiten erledigt und versucht, nicht zu denken. Es fühlt sich an, als müsste ich den ganzen Tag meditieren. Dabei fällt mir das schon für 20 Minuten schwer. Und ich langweile mich. Mein Bauch sagt nichts.

Ich weiß auch gar nicht, wie ich mit ihm kommunizieren soll. So ein Gluckern ist ja nicht unbedingt selbstsprechend.

„Du verstehst den Mann in Deinem Bauch nicht?“ meldet es sich aus meiner linken Ohrmuschel.
Ich: „Den – was? Da wohnt wer?“ 
Mann im Ohr: „Natürlich. Wie sollte dein Bauch denn sonst mit Dir kommunizieren?“
Ich: „Er kann doch gar nicht atmen da drin.“
Mann im Ohr: „Du hast doch auch 9 Monate in einem Bauch gelebt und bist nicht erstickt.“ 
Ich: „Aber ich habe ihn noch nie sprechen hören.“
Mann im Ohr: „Er spricht nicht. Die Akustik da unten lässt das nicht zu.“
Ich: „Aber wie funktioniert das dann?“
Mann im Ohr: „Mir war nicht klar, dass Du seine Sprache nicht verstehst. Warte…“

Ich bekomme Angst. Was, wenn die Operation scheitert oder mir etwas passiert, weil ich ihn nicht verstehe? Warum konnte ich in der Schule zwischen Englisch, Latein und Französisch…noch bevor ich den Satz beendet habe, tönt es „Aufhören! Sofort! Entspann Dich einfach.“. Ich atme ein und aus und zähle mit, wie ich das beim Meditieren gelernt habe. Just one. Just two. Just three. Just …

Mann im Ohr: „Ich habe die Anleitung gefunden. Sie lag ganz weit unter den an der Wand verschraubten Glaubenssätzen. Eine Ecke klemmt immer noch unter ‘Ordnung ist das ganze Leben’. Ist abgerissen. Aber das Wichtigste steht hier:

  1. Wenn Du jemandem begegnest, den Du magst, macht der Mann einen kleinen Hüpfer auf der Stelle.
  2. Wenn Du jemanden nicht magst, dreht er sich sitzend auf der Stelle und klopft dabei mit Fäusten und Füßen auf den Boden. Je stärker das Klopfen, desto größer die Antipathie.
  3. Wenn Du Dich freust, dreht er sich schnell liegend auf der Stelle. Dabei kann ein Wärmegefühl im ganzen Bauchraum entstehen.
  4. Wenn Du Angst hast oder Gefahr witterst, steht er stocksteif in der Mitte und greift nach beiden Wänden, um sich festzuhalten. Dabei zieht sich der Bauch manchmal zusammen, weil die Arme des kleinen Mannes nicht lang genug sind.
  5. Wenn Dich jemand enttäuscht oder Du traurig bist, sitzt er still da und legt seinen Kopf in seine Arme. 
  6. Wenn Du nervös bist, läuft er ruhelos von einem Ende zum anderen. Je mehr sich das Gefühl legt, desto langsamer werden seine Schritte.
  7. Wenn Du ein schlechtes Gewissen hast, klopft der kleine Mann mit der flachen Hand an Deine Bauchwand. Wenn es sehr schlimm ist, nimmt er die Fäuste.
  8. Wenn Du Dich verliebst, tanzt er im Kreis. Das Gefühl nennen Menschen ‘Schmetterlinge im Bauch’.

Das ist totaler Blödsinn. Wie sollen Schmetterlinge in einem Bauch überleben? Geschweige denn fliegen. Da ist ja keine Luft. Meistens jedenfalls nicht.

Hilft Dir das? Du bist so still?“

Ich: „Was soll ich denn sagen ohne Gedanken?“

Ich bin froh, dass der kleine Mann – also der im Kopf – die Anleitung gefunden hat. Ich muss mir einen Spickzettel schreiben, damit ich im Notfall nachschauen kann, was der Bauch meint. „Ich glaube, ich gehe einfach schlafen. Dann mache ich wenigstens nichts falsch.“ Der kleine Mann nickt. „Wir machen dann morgen weiter.“ Ich bin sogar zu müde, um zu fragen, womit.

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