Ich tauge nicht als „Freundin plus“

„Wir müssen über die Beziehungsformen reden. Wir waren noch nicht fertig.“ Ich bin hellwach. Es ist kurz nach sechs an einem Sonntag morgen. Es ist schon hell, also können wir uns an die Arbeit machen.

„Du bist U N E R T R Ä G L I C H. Nicht mal ausschlafen kann man mit Dir.“ mosert es zwischen meinen Ohren.
Ich: „Wenn hier einer neben mir läge, dürfte er weiterschlafen. Ich würde mich ins Wohnzimmer setzen und schreiben und ihn in vier Stunden mit einem Kaffee und Küssen wecken.“ Das gefällt dem kleinen Mann nicht. Er fühlt sich benachteiligt.
Ich: „Männer, die in meinem Herz wohnen und nicht in meinem Kopf, haben es deutlich besser.“
Ich höre ein Brummen, aber dann folgt: „Wir fangen mit diesem Modell ‘Mingle’ an.“
Mir wird spontan flau und in meinem Bauch klopft und dreht sich was.
Ich: „Das ist nichts für mich! Das ist der größte Blödsinn aller Zeiten.“
Mann im Ohr: „Vielleicht wissen nicht alle Deine Leser, was das ist.“
Ich: „Warte, ich verlinke diesen Artikel in der Welt. Vielleicht hilft das?“
Mann im Ohr: „Ich verstehe nicht, warum das überhaupt irgendwer macht.“
Na ja, es scheint ja Leute zu geben, für die das passt.
Mann im Ohr: „Was war für Dich so toll in der Anfangszeit mit Ben?“
Mir wird spontan warm im Bauch. „Wir haben uns aufeinander gefreut, ich habe mich angehübscht, wenn wir uns gesehen haben, wir waren verliebt. Wir hatten nur Augen füreinander.“
Mann im Ohr: „Und Ihr seid ständig übereinander hergefallen.“
Ich werde rot bei dem Gedanken. Es stimmt. Es war eine tolle Zeit.
Mann im Ohr: „Und warum hat es am Ende nicht mehr gepasst?“ 
Also das ist wirklich zu komplex für einen Post. Und geht auch keinen was an.
Mann im Ohr: „Du sollst nicht alles erklären. Aber wie war das, was am Anfang so toll war, am Schluss?“
Ich: „Na ja. Wir waren selbstverständlich füreinander. Haben uns keine Mühe mehr gegeben, dem anderen zu gefallen. Oder jedenfalls nicht mehr so wie früher. Wir waren wie beste Freunde, mehr nicht.“
Mann im Ohr: „Und jetzt gibt es eine ‘Beziehungsform’, in der man auf das Kribbeln am Anfang verzichtet und sich gleich damit begnügt, dass einer im Feinripp-Unterhemd neben einem auf dem Sofa sitzt und mit einem Serien auf Netflix schaut.“

Ich: „Bei mir würde das schon deshalb nicht funktionieren.“ Ich habe kein Netflix.
Mann im Ohr: „Der Sex wäre in so einer Konstellation auch nicht so doll, selbst wenn die Performance stimmt. Weil er ohne Verliebtheit immer weniger aufregend ist.“
Mein Bauch stimmt zu, es hüpft ein bisschen und fühlt sich wärmer an.
Ich: „Ich finde klug, was diese Frau James in der Welt sagt. Sie plädiert für mehr Mut zur Entscheidung.
Mann im Ohr: „Dieses Mingle-Modell ist was für indifferente Menschen. Du würdest sagen, für Feiglinge. Für Männer, die keine Eier haben und Frauen, die nicht wissen, was sie wollen. Wer keine Entscheidung trifft, hat zwar alle Möglichkeiten. Aber er lebt keine davon aus. Er lebt immer nur auf Sparflamme.“
Mir fällt dieser Spruch ein: ‘Wer versucht, sich immer alle Türen offen zu halten, wird sein Leben auf dem Flur verbringen’. Ich verstehe das nicht so richtig. Es muss sich ja nicht um Flurtüren handeln.
Mann im Ohr: „Jedenfalls sitzt derjenige im Durchzug.“
Ich: „Das ist nichts für mich. Ich frier doch immer so leicht.“

Wir schweigen eine Weile. Vielleicht ist der kleine Mann wieder eingeschlafen. Ich überlege, ob ich aufstehe und mir einen Milchkaffee mache oder mich noch mal umdrehe. Ich bin froh, dass er nicht versucht hat, mich für das Mingle-Dasein zu erwärmen.
Als ich den Espresso aufsetze, meldet sich der kleine Mann wieder: „Und wer keine Entscheidung trifft, dem wird die Entscheidung früher oder später abgenommen.“. Wie wahr.