Ich bin nicht zu leicht zu begeistern

Das weiß ich jetzt. Seit ich mich vor einigen Wochen mit Noah getroffen habe, hat mich eine Frage umgetrieben. Er hat festgestellt, dass ich leicht zu begeistern bin. Dass das eine schöne Eigenschaft ist. Aber dass solche Menschen sich oft schwerer tun, Karriere zu machen. Weil sie sich so leicht durch Dinge, die sie begeistern, von ihrem Weg abbringen lassen.
Der kleine Mann würde mir sagen, dass ich doch weiß, dass man alles vergessen soll, was ein Mann vor dem ‘aber’ sagt. Und dass ich zu häufig das Wort ‘dass’ benutze in diesem Post. Aber er schläft, weil er die ganze Nacht an den Verbindungen in meinem Kopf gearbeitet hat.
Seit unserem letzten Treffen geistert mir also diese Frage im Kopf herum. Interessanterweise hat am Tag vor Noahs Bemerkung ein Bote zu mir gesagt, ich ließe mich ja schnell begeistern, mein Mann hätte es sicher leicht mit mir. Da hatte ich mich über seine Lieferung gefreut. Und gestern hat ein Kollege, der mich quasi nicht kennt, bei einem beruflichen Essen dasselbe zu mir gesagt. Also ohne die Bemerkung über meinen nicht vorhandenen Mann.
Ich frage mich also: Wäre ich erfolgreicher, wenn ich mich weniger begeistern würde? Und: Hätte ich einen Partner? Bin ich allein, weil ich mich zu schnell für zu viele Männer begeistere und mich die ‘große Auswahl’ ablenkt?
Ich muss an meine 108 Matches denken, für die ich vermutlich mindestens 200 Männern ein ‘Like’ gegeben habe.

Die Antwort auf alle Fragen ist N E I N.

Ich lasse mich schnell begeistern. Von gelungenem Essen, einem Film, der mich berührt oder einem Lied. Von Ideen, von Kindern, von Blumen. Von einem gelungenen Möbelmix, Büchern und Kunst, von den Kaninchen, die morgens vor meinem Fenster hoppeln. Aber ich werde auch schnell traurig. Wenn ich ein verunfalltes Eichhörnchen sehe oder Bilder von Kindern in Kriegsgebieten. Es braucht nicht viel, damit ich vor Rührung weine. ‘Der kleine Lord’ zu Weihnachten oder eine schöne Liebeserklärung, ein gelungener, tiefgründiger Satz oder ein Gottesdienst. Ich höre jeden Morgen auf WDR 5 ‘Kirche im Radio’. Klingt, als sei ich steinalt. Und langweilig. Aber die Worte berühren mich. Ich werde nicht schnell wütend, aber wenn, dann richtig.

Und ich könnte nicht leben ohne diese Emotionen. Ich möchte nicht wissen, wie die Welt für jemanden aussieht, der sich weniger über ihre Schönheit freut, weniger an ihrer Unzulänglichkeit verzweifelt und der ihre Ungerechtigkeit weniger anklagt.

Ich denke darüber nach, ob mich wirklich viele Männer begeistert haben. Haben sie nicht. Ihre Fotos vielleicht. Aber der Grund, warum ich mich für niemanden wirklich erwärmen konnte ist, dass mich keiner zu einem ‘Fuck yes’ hinreißen konnte.

Etwas bewegt sich ganz vorsichtig in meinem Kopf, „Doch, einer. Noah.“. Der kleine Mann klingt verschlafen. Ich sage ihm, dass er sich wieder hinlegen kann. Ich komme grade ganz gut allein zurecht.

Tatsächlich hat Noah bei mir eine Gänsehaut ausgelöst, als wir uns zum ersten Mal begegnet sind. Und das ist mir davor sehr lange nicht passiert. Ich hatte ihn nicht mal richtig gesehen. Er kam zu einer Veranstaltung zu spät und hat sich sehr leise auf den freien Stuhl neben mich gesetzt. Ich habe ihn nur aus dem Augenwinkel wahrgenommen. Weil er einen Teil der wichtigen Infos nicht mitbekommen hatte, hat er sich zu mir rüber gebeugt und mir eine Frage ins Ohr geflüstert. Ich kann nicht mehr sagen, was er genau gefragt hat. Aber in dem Moment hat mein Gehirn kurz ausgesetzt. Der kleine Mann in meinem Bauch hat einen dezenten Hüpfer gemacht. Ich habe eine Gänsehaut bekommen. Es war einer dieser magischen Momente im Leben. Wenn man auf einen Fremden trifft, von dem man nichts weiß, mit dem man noch kein Wort gewechselt hat und der einen trotzdem irgendwie verzaubert.

Der einzige Moment, in dem ich diese ganze Tindergeschichte wirklich bereut habe, war der, in dem ich sein Foto gesehen habe. Das war der Moment, in dem der Zauber verflogen ist.
Ich habe vorher hin und wieder an diesen Moment mit ihm gedacht. Ich habe mich gefragt, ob wir uns irgendwann mal wieder über den Weg laufen. Ich habe mich gefragt, wie das wohl für ihn war. Was er für ein Mensch ist. In meiner Phantasie wäre er niemals bei Tinder gewesen. In meiner Phantasie war er zu old school dafür. In meiner Phantasie hatte er möglicherweise eine hübsche Frau und bald total süße Kinder. In meiner Phantasie sind wir uns zufällig wieder über den Weg gelaufen.

Tinder hat mir diese Gedanken kaputt gemacht. Tinder hat ihn entzaubert, obwohl er vielleicht ganz bezaubernd ist.