Haben wir verlernt, uns zu verlieben?

Diese Frage spukt mir seit ein paar Tagen im Kopf herum. Auslöser war ein Gespräch mit meinem Freund Eric. Er befindet sich in einem Dilemma. Er will sich nicht zuerst verlieben. Dann wäre er ja in der ‘unterlegenen’ Position, falls die Frau sich nicht auch in ihn verliebt. Es müsste also umgekehrt sein. Allerdings funktioniert auch das nicht. Denn wenn sich eine Frau in Eric verliebt, bevor er verliebt ist, klammert sie ihm zu sehr und er verliert das Interesse an ihr.

Ich frage den kleinen Mann, warum er so schweigsam ist. Keine Antwort. Ich hatte ein „Das ist total bescheuert.“ oder so erwartet. Ich frage mich, ob er krank ist oder ich irgendwas getan habe, was ihn verärgert hat. Es raschelt in meinem Kopf, glaube ich.

„Das denkst Du immer.“, der kleine Mann seufzt. „Sobald ein Mann schweigsam wird, kommt Dein Mutterinstinkt raus oder Du denkst, es läge an Dir.“
Das stimmt.
„Du musst aufhören damit. Ich war einfach nur in die Arbeit vertieft. Du brauchst keine Ermahnungen mehr. Solange Du über Gefühle nachdenkst, läuft hier alles super. Die Zeit will ich nutzen.“
Ach so. Dann kann ich ja beruhigt weiter denken.

Seit ich Eric kenne, war er nicht verliebt. Glaube ich. Das ist traurig. Aber etwas anderes ist viel trauriger. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal bei jemandem einen verliebten Glanz in den Augen gesehen habe.

„Gestern Abend.“ Der kleine Mann klettert in meiner Ohrmuschel herum.
Ich: „Nein. Wo denn?“
Mann im Ohr: „Im Kino.“
Ich: „Nein, das wäre mir aufgefallen.“
Mann im Ohr: „Karoline Herfurth hat sehr verliebt ausgesehen. Der Film fing schon mit einem verliebten Glänzen in den Augen an.“
Ich: „Das war gespielt, kleiner Mann. Das hat mit der Realität nichts zu tun.“
Mann im Ohr: „Es wirkte authentisch.“ 

Na großartig. Also außer auf der Leinwand habe ich seit Jahren keinen verliebten Glanz mehr in Augen gesehen. Ich erinnere mich auch nicht, wann mir zuletzt jemand erzählt hat, dass er sich verliebt hat.

„Aber wir kennen Steffi und Jasper und Anna und Jules.“ tönt es von meinem Ohrläppchen. Er turnt an meinem Ohrstecker rum.
Ich: „Das stimmt. Aber sie lieben sich und sind schon sehr lange zusammen. Das ist schön, hat aber mit Verliebtheit nichts zu tun. Verliebt sein und sich lieben sind unterschiedliche Dinge.“
Mann im Ohr: „Das wusste ich nicht.“
Ich: „Verliebt ist man idealerweise am Anfang. Das ist das Gefühl, wenn der Mann im Bauch wild tanzt. Das, was wir Menschen ‘Schmetterlinge im Bauch’ nennen. Das Gefühl verschwindet langsam, wenn man sich vertrauter wird. Wenn man sich besser kennt, wird manchmal Liebe daraus. Oder nicht. Dann trennen sich Paare wieder.“ 
Mann im Ohr: „Aber Steffi und Jasper und Anna und Jules haben sich nicht getrennt.“
Ich: „Nein. Sie lieben sich. Sehr sogar. Jedenfalls wirkt es so.“
Mann im Ohr: „Und Steffi hat neulich gesagt, dass es ihr und Jasper hilft, sich an die verliebte Zeit zurückzuerinnern, wenn es mal schwierig ist.“
Ich: „Ja, diese Erinnerung braucht man. Wenn man in einer Krise steckt und da nichts besonderes ist, an das man sich zurückerinnert, nichts, was einen speziell mit diesem Menschen verbindet und was man mit keinem anderen so erlebt hat, dann hätte man keinen Grund, zu bleiben. Dann könnte man sich einfach den nächsten suchen.“
Mann im Ohr: „Dann ist Voraussetzung für eine lange, glückliche Beziehung, dass der Mann im Bauch wild tanzt zu Beginn?“
Ich: „Ja. Aber das scheint heute nicht mehr so oft zu passieren.“

Von Menschen, die daten, höre ich so was wie von Eric. Oder ‘Ich hab da eine kennengelernt.’ oder ‘Die ist heiß.’ oder ‘Der könnte passen, er ist nett.’. Sie sagen, dass jemand vielleicht als Vater taugt oder die gleichen Interessen hat. Dass sie intelligent ist und warmherzig und bestimmt eine gute Ehefrau wäre. Dass jemand gut küsst oder es im Bett ‘passt’. Aber ich kann mich an keinen einzigen Menschen in den letzten Jahren erinnern, der mir erzählt hat, er sei so richtig verliebt. Oder so gewirkt hätte.

„Christian hat Dir auch nicht gesagt, dass er sich in eine andere verliebt hat. Er hat gesagt ‘Du, ich hab in einen Exklusivstatus gewechselt.’. Sie wohnt näher dran als Du und ist besser verfügbar.“, stellt der kleine Mann fest.
Ich: „Vielleicht ist er ja verliebt.“
Das wäre schön. 
Mann im Ohr: „Er war nicht der Typ dafür.“
Ich denke ein bisschen über Chris nach. Vielleicht hat der kleine Mann recht.
Er fährt fort: „Weißt Du noch, wie er auf Deinen Post über Carl reagiert hat? Er hat sich selbst darin gesehen. Er will eine Frau, die praktisch in sein Leben passt und keine, die sein Leben durcheinanderbringt.“
Ich: „Aber Verliebtsein bringt das Leben durcheinander.“
Mann im Ohr: „Würdest Du denn zulassen, dass jemand Dein Leben durcheinanderbringt?“
Ich muss schlucken. Ich liebe mein Leben. Ich liebe meine Wohnung und meine Nachbarn und kann mir kaum vorstellen, hier jemals wegzuziehen. Ich liebe meinen Job. Meistens jedenfalls. Ich liebe es, beim Bauern im Nachbardorf mein Obst und Gemüse zu kaufen. Ich liebe meine Einrichtung und will hier keine Möbel haben, die nicht zu meinem Stil passen. Ich…
„Ich will keine halbgare Geschichte. Keine Vernunftgeschichte. Ich will mich verlieben. Ich will ein Kribbeln im Bauch und ein Prickeln auf meiner Haut. Ich will an ihn denken müssen und keinen Bissen runterkriegen vor Aufregung.“
Der kleine Mann sagt nichts. Es räumt und raschelt wieder in meinem Kopf.
Ich: „Und dann hoffe ich, dass sich dieses Gefühl irgendwann in Liebe verwandelt. Bei uns beiden.“ 

Ich frage mich, wer sich heute noch verlieben will außer mir. Und wie viele lieber die sichere Variante wählen würden. Die, die ihr schönes, ordentliches Leben nicht durcheinanderbringt.

Mann im Ohr: „Es ist unpopulär geworden. Denk nur an Freundinnen, die sich nicht verlieben wollen. Oder Dir raten, Dich nicht zu verlieben, damit Du nicht ausgenutzt oder ‘verarscht’ wirst.“
Ich: „Sie wollen mich schützen.“
Mann im Ohr: „Aber Du hast doch gesagt, dass das so nicht funktioniert.“
Ich: „Wir sind nicht mehr so mutig wie früher. Vielleicht geht es uns einfach zu gut.“
Mann im Ohr: „Wahrscheinlich ist jemand, der unzufrieden ist mit seinem Leben, viel eher bereit, es sich durcheinanderbringen zu lassen. Wenn das Leben schon perfekt ist, möchte man es doch genau so behalten.“

Da ist was dran. Aber ich will einen Mann, der glücklich ist mit seinem Leben. Oder zumindest zufrieden. Einen, der mutig genug ist, es trotzdem zu riskieren.

Ich habe plötzlich das Bedürfnis, zu backen. Pumpkin-Creamcheese-Muffins.
Während ich die Schüsseln, das Mehl und die Kürbismatsche zusammensuche, frage ich mich, ob wir verlernt haben, uns zu verlieben. Ich hole die Eier und den Frischkäse aus dem Kühlschrank. Kann man das überhaupt verlernen? Ist das wie Fahrradfahren, einmal gelernt und man kann es für immer? Ich öffne die Dose mit dem Vanilleextrakt und dem Baking Powder. Es ist wichtig, amerikanischen Baking Powder zu nehmen und kein deutsches Backpulver. Die Zusammensetzung ist nicht identisch und die Muffins bekommen mit Backpulver nicht die richtige Konsistenz. Oder ist sich verlieben eher wie Excel? Dann wäre die Fähigkeit ohne permanentes Üben ganz schnell wieder verlernt.

Mann im Ohr: „Das ist weder noch. Wenn man es zulässt, passiert es ganz von allein. Man muss es nicht lernen. Es ist im Menschen angelegt, sich zu verlieben.“
Ich: „Und wie lässt man es zu?“
Mann im Ohr: „Es hilft, den Verstand etwas runterzufahren.“

Dann habe ich ja genau jetzt die besten Chancen.