Meine Wahrnehmung ist gestört

„Es ist 16:58 Uhr.“ mahnt es aus meinem Kopf. Ich spüre, wie der kleine Mann aus meinem Ohr klettert. Er ist schon auf meinem Ohrstecker. Dem, der wie eine kleine weiße Blume aussieht. Er hangelt sich an meinen Haaren entlang über mein Jochbein und erklimmt meine Nase. Das hat er noch nie gemacht. Jetzt steht er auf meiner Nasenspitze und wedelt mit einem erhobenen Zeigefinger. „Du hast noch nicht mal gefrühstückt!“

Das stimmt. Es ist Sonntag. Wer mich nicht kennt, denkt jetzt vielleicht, dass ich eben erst aufgestanden bin. Gestern gefeiert habe. Dabei bin ich seit kurz vor zehn auf. Ich habe Kaffee getrunken. Und zwei oder drei Gläser Leitungswasser. Ich war kurz bei meiner Mutter, habe ein paar Dinge erledigt und erfolglos versucht, einen kaputten Halogenstrahler auszuwechseln. Meine Halogenhalter haben ein Bajonett-System. Aber irgendwie hat sich der defekte Strahler in der Fassung so verkantet, dass der Strahler abgebrochen ist. Der Rest geht aus der Fassung nicht raus. Und deshalb der neue Strahler nicht rein. Mist!

„Das mit dem Strahler war heute Vormittag. Seitdem schreibst Du.“ mosert der kleine Mann. „Das ist ungesund!“
Ich ahne, was er mir sagen will. Er wird gleich wieder von Noah anfangen. Die Frau in dessen Kopf hat es ihm angetan. Deshalb taucht er immer wieder auf.
Ich: „Kleiner Mann, ich vergesse die Zeit, wenn ich schreibe.“
Mann im Ohr: „Weil Deine Wahrnehmung gestört ist.“
Ich: „Wenn Du schon fremde Leute zitierst, solltest Du das wenigstens kenntlich machen.“
Ich habe nichts übrig für Blindzitate. Das ist was für Blender.

Tatsächlich hat mich Noah bei unserem letzten Treffen gefragt, warum ich blogge. Und warum ich überhaupt schreibe. Weil ich es liebe. Weil ich dabei die Zeit vergesse. Ich fange an und dann verselbständigen sich meine Gedanken. Manchmal kommen mir Ideen in Situationen, in denen ich nicht schreiben kann.

Der kleine Mann schlägt einen anklagenden Ton an: „Dann gehst Du zum Beispiel mitten in einem Date auf´s Klo, um Deine Gedanken in Dein iPhone zu diktieren.“

Ich muss lachen. Das klingt so absurd. Aber es stimmt. Wenn ich länger verschwinde, pudere ich mir nicht die Nase oder korrigiere meinen Lippenstift. Ich bin mit viel wichtigeren Dingen beschäftigt.

„Vielleicht mögen Dich die Männer nicht, weil Deine Nase glänzt und Dein Lippenstift verschmiert ist?“ Der kleine Mann klingt nachdenklich. Er sitzt auf meiner Nasenspitze. Ich muss schielen. Das gefällt mir nicht. Nicht, dass er das demnächst auch im Büro macht. Dann bin ich die Irre mit dem kleinen Mann auf der Nase.
„Das mit dem Lippenstift können wir sicher ausschließen. Ich trage fast nie welchen.“
Mann im Ohr: „Aber die Nase?“
Ich: „Du glaubst doch nicht im ernst, dass einen Mann, der einen toll findet, das interessiert?! Der nimmt das nicht mal wahr. Weil sein Gehirn nicht besonders gut funktioniert in so einer Situation.“
Der kleine Mann schweigt. Er denkt nach. Dann spüre ich immer ein leichtes kribbeln im Kopf.
„Vielleicht merken die, dass Deine Aufmerksamkeit nicht bei Ihnen ist? Das mögen Männer nicht.“ Manchmal sagt der kleine Mann kluge Sachen.
Ich: „Frauen mögen das auch nicht. Niemand mag es, wenn sein Gegenüber mit den Gedanken woanders ist.“ Ganz schlimm finde ich diese ewige Handycheckerei bei Verabredungen.
Mann im Ohr: „Bei Noah hast Du das nicht gemacht. Da warst Du ganz Ohr. Aber er war mit den Gedanken ganz weit weg.“
Ich: „Bei seinem Kunden und den Terminen am nächsten Tag. Er sah fertig aus. Ich hätte ihm am liebsten ´ne Massage angeboten, aber das wäre spooky gewesen.“
Mann im Ohr: „Trotzdem hat er kluge Dinge zu Dir gesagt. Er war nicht die ganze Zeit woanders im Kopf.“ 

Noah hat mich gefragt, ob das gut sei, wenn ich die Zeit vergesse. Ich war völlig perplex. Für mich war immer klar, dass das gut ist. Es gibt doch nichts Schlimmeres, als Dinge zu tun, bei denen einem ein Minute wie eine kleine Ewigkeit vorkommt? Und dann sagte Noah: „Aber das heißt doch, dass in dem Moment Deine Wahrnehmung gestört ist.“
Das geht mir nicht mehr aus dem Kopf.

Mann im Ohr: „Deshalb geht er Dir nicht aus dem Kopf. Weil er einige Dinge zu Dir gesagt hat, die Dich zum Nachdenken gebracht haben. Du stehst auf geistige Stimulation.“
Ich: „Kleiner Mann, er geht mir nicht aus dem Kopf, weil Du ihn ständig thematisierst. Und den Grund dafür kenne ich genau.“

Langsam könnte mal ein Mann kommen, der meine Wahrnehmung gehörig stört.

Der kleine Mann klettert zurück in mein Ohr. Es ziept, als er sich an meiner Haarsträhne raufhangelt. Dann höre ich ein „Du könntest Dich ja noch mal mit Noah treffen.“. No way. Ich bin keine Frau, bei der er mit einem „Fuck yes“ antwortet. Das lassen wir lieber. Aber mir fällt da jemand anders ein. „Du hast nie über ihn geschrieben.“ sagt der kleine Mann ein bisschen erstaunt. „Natürlich nicht. Ich habe ja auch noch ein Privatleben.“