Ich mag es unkompliziert

Ich liege auf meinem Sofa und denke wieder über die Sache mit der fehlenden Verliebtheit nach. Und darüber, dass mein Vater sich über den kleinen Mann beschwert hat. Er geht ihm auf die Nerven. Er findet, ich könnte mir mal was Neues ausdenken. Als der kleine Mann das gehört hat, ist er ganz still und traurig geworden. Und hat später, als wir wieder alleine waren, ganz besorgt gefragt, ob er ausziehen muss.
Seit er weiß, dass er bleiben darf, ist er wieder munter und räumt sein Zuhause auf. Ich esse einen der Pumpkin Creamcheese Muffins und frage mich, ob das mit der Verliebtheit am Alter liegt. Verliebt man sich in den 20ern leichter? Ich arbeite mich gerade vom Nuss-Topping zur Füllung vor, als der kleine Mann sich meldet.

„So bildlich gesprochen, was für ein Kuchen wäre ein verheirateter Mann?“
Ganz spontan denke ich: „Frankfurter Kranz.“
Mann im Ohr: „Buttercreme mochtest Du noch nie.“
Ich: „Mir wird schon bei der Vorstellung eines Bissens schlecht.“
Mann im Ohr: „Diese Umwege mit Visualisierung funktionieren ganz gut. Obwohl ich mir das so nicht gedacht hatte. Die Glaubenssätze haben wir immer noch nicht sortiert.“
Ich: „Was liegt denn da oben so rum?“
Mann im Ohr: „Eben bin ich über ‘Erst die Arbeit, dann das Vergnügen’ gestolpert. Und in der Ecke lehnt ‘Keep it simple’ und ‘Ehrlich währt am längsten’.“
Ich: „Den behalte ich!“ Gemeint ist ‘Ehrlich währt am längsten’. Das kam ganz überraschend aus meinem Bauch. Es wird angenehm warm.
Der kleine Mann zieht irgendwas über den Boden meines…was eigentlich? Meines Gehirns? Hoffentlich richtet das keinen Schaden an.
Mann im Ohr: „Ich kenne mich hier aus. Kleine Gebrauchsspuren verkraftet das ganz gut. Genau wie Dein Parkett.“

Hoffentlich hat er auch Filzgleiter unter den schweren Brocken. Ich will mir gerade Gedanken darüber machen, was ich von ‘Erst die Arbeit, dann das Vergnügen’ halte, da reißt er mich schon wieder raus.

„Woran erkennst Du, ob jemand ein Pumpkin Gingerbread Snacking Cake ist oder ein Pumpkin Creamcheese Muffin?“
Ich: „Gar nicht. Auf den ersten Blick. Wenn beides in einer Muffinform gebacken wurde jedenfalls nicht.“
Mann im Ohr: „Musst Du aber. Wenn Du nicht nur was für Zwischendurch willst, was schnell verfügbar ist.“
Ich: „Mmh. Wie denn? Der äußere Teig hat die gleiche Farbe, die gleiche Konsistenz, riecht gleich. Erst wenn ich reinbeiße, weiß ich, was ich vor mir habe.“
Mann im Ohr: „Und beim Mann? Wie machst Du das da?“
Ich: „Immerhin kann ich auf Anhieb sagen, ob es ein Sandkuchen oder Kirschstreusel oder so ist. Und Frankfurter Kränze erkenne ich auch sicher und schnell.“
Mann im Ohr: „Das reicht nicht.“
Ich: „Auch reinbeißen?“ Bei manchen Männern würde ich das gern. Aber ich bin meistens zu schüchtern. Deshalb beißen sie mich immer zuerst.
Mann im Ohr: „Du musst das schon aus der Bildsprache wieder ins wahre Leben übertragen.“
Mir fällt nichts ein. Ich frage den kleinen Mann, ob er weiß, wie das geht. Aber ich muss da selbst drauf kommen, sagt er.
Ich: „Vielleicht kommt mir im Schlaf ne Idee. Das klappt sonst ja auch ganz gut.“ 
Mann im Ohr: „Die Antwort ist schon hier oben. Du findest nur keinen Zugang dazu.“
Na großartig. Das ist wie Geld in einem Tresor, dessen Code man nicht kennt.
Ich: „‘Keep it simple’ müssen wir behalten. Das hilft immer. Bei der Wohnungseinrichtung und beim Kochen. Wenige, hochwertige Zutaten ergeben doch das beste Essen. Ein schlichtes Design freut mich mehr und länger als alles, was too fancy daherkommt. Und komplexe Gedankengänge ergeben oft erst Sinn, wenn man sie einfach strukturiert. Ein schlichtes, zu mir passendes Kleid hat bisher immer mehr Eindruck gemacht als irgendwelche Sahne-Baiser-Geschichten.“
Mann im Ohr: „Du hast überhaupt noch nie ein Sahne-Baiser getragen.“
Ich: „Woher kommt eigentlich dieser Ausdruck? In Baiser ist doch keine Sahne drin. Das besteht aus Eiweiß, einer Prise Salz und Zucker. Und nach meiner Backerfahrung würde das Eiweiß sofort zusammenfallen, wenn man Fett hinzufügen würde. Sahne ist fettig. Meine Mutter hat mir beigebracht, dass in der Schüssel keine Fettreste sein dürfen, wenn ich Eischnee schlagen will…“
Mann im Ohr: „Du machst Dir über jeden Scheiß Gedanken. Du sollst Deinen Verstand aus lassen.“
Das habe ich schon mal gehört. Besser als Leute, die sich über nichts Gedanken machen. Finde ich.
Ich: „Na gut. Jedenfalls kannst Du ‘Keep it simple’ in die Mitte räumen. Schön prominent, vielleicht hängen wir es auf? Über ‘Erst die Arbeit’ muss ich mir noch Gedanken machen.“

Der kleine Mann ist zufrieden. Er gibt mir eine Hausaufgabe. Ich soll ‘in dubio pro reo’ murmeln und dabei aufmerksam horchen, wie der Mann in meinem Bauch reagiert.