Die Sache mit der Durchblutung

Es ist Sonntag Morgen, kurz nach sieben und ich bin seit anderthalb Stunden wach. Es ist der erste Morgen, der sich nach Herbst anfühlt. Ich mag es, bei offener Balkontür zu schreiben, aber heute ist es zu kalt dafür. Ich habe mein Lammfell auf meinen Hay-Stuhl gelegt und meinen Soya-Latte neben mir stehen. Meine Nerdbrille sitzt auf meiner Nase und ich bin froh, dass mich so keiner sieht.

Mann im Ohr: „Manche finden Dich total sexy mit der Brille.“
Ich: „Im Kostüm mit offenen Haaren und der Brille.“
Mann im Ohr: „Trägst Du jetzt kein Kostüm?“
Ich: „Ich trage kurze Shorts, ein T-shirt, eine Strickjacke und ich habe unrasierte Beine.“
Mann im Ohr: „Das kann ich von hier oben nicht sehen.“

Ich trage die Nerdbrille eigentlich nur, wenn ich schlau rüberkommen will. Ich sehe nämlich irre intelligent aus damit. Ich habe noch eine andere, die viel leichter ist und die ich viel lieber trage. Mit der sehe ich langweilig aus. Sie liegt im Büro, also sehe ich hier ganz für mich schlau aus und ärgere mich, weil sie so schwer ist und immer rutscht.

Mann im Ohr: „Erinnerst Du Dich an die ‘Sanft & Sorgfältig’-Folge, die wir diese Woche gehört haben?“
Ich: „Wir haben mehrere gehört. Und ich immer nur mit einem halben Ohr.“
Mann im Ohr: „Jan Böhmermann hat was über Sapiosexualität gesagt. Aber ich erinnere mich nicht mehr genau daran.“

Wie kommt der jetzt darauf? Sagt mir nichts. Ich google das. Aha. Es geht um Leute, die sich von Intelligenz angeregt fühlen. Da bin ich dabei. Der kleine Mann liest sich aufmerksam den Artikel durch. Dabei murmelt er ganz leise mit.

Er sagt: „Dieser Sex-Forscher sagt, es gäbe keine Belege dafür, dass sich die Intelligenz eines Partners oder potenziellen Partners auf die genitale Durchblutung auswirkt. Dann ist das ganze vielleicht Quatsch.“ 
Ich: „Wie auch? Soll ich meine genitale Durchblutung vor und nach einem Gespräch mit meinem Chef messen lassen?“
Mann im Ohr: „Wieso Chef? Welcher Chef?“
Ich: „Du weißt genau, von wem ich rede.“
Er ist optisch nicht mein Typ, aber ich mag ihn. Inzwischen. Er ist begrenzt emphatisch, aber zweifellos intelligent. Ein Klugscheißer manchmal und eine Nervensäge, das haben wir gemeinsam. Er wäre das ideale Testobjekt, weil außer seiner Intelligenz alle anderen Stimulanzien ausgeschlossen werden könnten. Wir hätten diesen Herrn Clement mal fragen können, wie das funktioniert mit der Messung. Leider ist mein Chef seit ein paar Tagen nicht mehr da.
Mann im Ohr: „Wie finden wir jetzt raus, ob da was dran ist? Man findet nicht viel Aussagekräftiges im Internet.“ 
Ich: „Das Wort ‘Nymphobrainiac’ ist jetzt schon mein Wort des Jahres.“
Mann im Ohr: „Mich interessiert das wirklich. Du machst Dich über mich lustig.“
Ich: „Na gut, dann mal im Ernst. Ich kann Dir, obwohl das nicht gemessen wurde, sagen, wie ein dummer Mann abtörnen kann. Das ist natürlich nur ein Gefühl, aber um Gefühle soll es im Moment ja schließlich gehen, oder?“
Mann im Ohr: „Ja.“
Ich: „Also es gibt Männer, die sehe ich und ich denke ‘Wow’ und dann tut sich durchblutungstechnisch was.“
Mann im Ohr: „Woran merkst Du das?“
Das ist nun wirklich zu intim für einen Blog. Ich bin ja keine Sex-Bloggerin. Obwohl ich dann wahrscheinlich mehr Leser hätte.
Ich: „Wichtig ist nur, dass ich es merke. Eigentlich müsstest sogar Du es merken. Da passiert doch sicher irgendwas im Gehirn, oder?“
Mann im Ohr: „Mmh, manchmal fährt die Aktivität hier plötzlich runter, ohne dass ich einen Grund erkennen kann. Wenn Du abends aus bist zum Beispiel. Manchmal aber auch im Büro, wenn Du…“
Ich: „Genau.“ Das müssen wir hier jetzt wirklich nicht breittreten. „Aber wenn so einer, der mir gefällt und die Durchblutung fördert, den Mund aufmacht, kann es passieren, dass mein Gehirn innerhalb von Millisekunden wieder einwandfrei funktioniert und auch sonst alle Anzeichen für Gefallen verschwinden. Weil er etwas unglaublich Dummes oder Plumpes gesagt hat. Dummheit kann also die Durchblutung da unten vermindern.“
Mann im Ohr: „Dann müsste im Umkehrschluss Intelligenz die Durchblutung steigern können.“
Ich: „Da bin ich mir nicht sicher. Mein Verstand funktioniert ja nur begrenzt. Ein Umkehrschluss ist nicht in allen Fällen zulässig.“
Mann im Ohr: „Aber Dummheit ist doch nur die umgekehrte Ausprägung von Intelligenz, oder? So wie negatives Wachstum in der Wirtschaft müsste man Dummheit als negative Intelligenz bezeichnen können. Wenn wir nun sicher wissen, dass negative Intelligenz sich negativ auf die Durchblutung auswirkt, müsste man doch umgekehrt davon ausgehen können, dass sich positive Intelligenz positiv auf selbige auswirkt?“

Das ist mir echt zu hoch. Aber es klingt schlau. Ich höre ein leises: „Hier oben schaltet grade alles einen Gang zurück.“      

Wie waren wir noch auf das Thema gekommen? Ach ja, die Brille. Ob es ein Wort gibt für Menschen, die sich zu Brillenträgern hingezogen fühlen? Spectacusexualität?
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