Ich will nicht postfaktisch leben

„Kleiner Mann, ich brauche ganz dringend meinen Verstand zurück.“ 
Aus meinem linken Ohr ruft es: „Deinen was?!“
Ich: „Ich schreibe nur so viel Blödsinn, weil Du mir meine Lebensgrundlage geklaut hast.“
Mann im Ohr: „Wie kommst Du jetzt drauf?“
Ich: „Frau Merkel. Sie hat gesagt, wir leben in postfaktischen Zeiten. Das soll heißen, die Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten, sondern folgen allein den Gefühlen. Und wo das hinführt, sehen wir ja.“ 
Mann im Ohr: „Wohin denn?“
Ich: „Auf Facebook wird total viel Mist verbreitet. Dass Flüchtlinge ein deutsches Kind gegessen hätten zum Beispiel. Dabei konnte nachgewiesen werden, dass das nicht stimmt. Trotzdem glauben viele Leute das und schleudern dann ihre Hassparolen raus. Wenn mehr von denen ihren Verstand gebrauchen würden, wäre die Welt ein besserer Ort.“
Mann im Ohr: „Du hast Deine Hausaufgabe von neulich noch nicht gemacht.“

Ach ja. Da war was. Über ‘in dubio pro reo’ nachdenken. Was hat das jetzt damit zu tun?

„Ziemlich viel.“, murmelt der kleine Mann.

Ich komm nicht drauf. In meiner Magengegend breitet sich ein unangenehmes Gefühl aus. Es pocht komisch und mir wird flau. In dubio pro reo. Ich glaube an diesen Satz. Man darf Menschen nicht verurteilen, wenn die Fakten nicht eindeutig gegen sie sprechen. Dazu gibt es zu viele komische Zufälle im Leben. Manchmal scheinen Dinge so zu sein und sind in Wahrheit ganz anders. Habe ich alles schon gesehen. Obwohl wir ein Rechtssystem haben, in dem das beachtet wird, werden manchmal Unschuldige verurteilt. Ich will nicht in einem Land leben, in dem dieser Grundsatz nicht gilt.

Der Mann in meinem Bauch hüpft nicht. Es wird nicht warm. Was ist da los? Er müsste doch zustimmen. Stattdessen fängt es an, komisch zu ziehen. Mir wird übel.

„Mein Kopf und mein Bauch sagen unterschiedliche Dinge. Ich verstehe den Mann in meinem Bauch einfach nicht.“ Ich merke, wie resigniert ich klinge.
Mann im Ohr: „Was Du sagst, ist klug. Wenn es um ein Rechtssystem geht. Um Urteile, die vielleicht zu Freiheitsstrafen führen. Aber wie sieht es sonst aus?“
Ich: „Sonst?“
Mann im Ohr: „Im Privatleben zum Beispiel?“

Ich schaffe es gerade noch rechtzeitig zum Waschbecken. Warum wühlt mich das so auf? Plötzlich kommen Erinnerungen hoch.
An gemeinsame Mittagessen. Und dann noch mehr. Ich merke, wie mir Tränen über die Wange laufen. Ich habe ‘in dubio pro reo’ auch im Privatleben immer angewendet. Wenn mir mein Bauch Gefahr gemeldet hat, selbst wenn ich Fakten kannte, die gegen jemanden sprachen, habe ich ihn verteidigt, bis seine ‘Schuld’ erwiesen war.
Bis ich wusste, dass Kinderpornos auf dem Rechner waren. Bis er zugeschlagen hat. Bis einwandfrei erwiesen war, dass nur er meinen Rechner gehackt haben konnte. Bis…
Es waren verschiedene Männer. Nur mit einem war ich zusammen. Mit den anderen hatte ich einfach nur so zu tun. Aber allen habe ich in gewisser Weise vertraut.

Ich frage den kleinen Mann: „Liegt ‘in dubio pro reo’ da oben rum?“
Mann im Ohr: „Natürlich. Also nicht liegen. Hängt in großen Lettern an Deiner Schädeldecke.“
Das klingt unappetitlich.
Ich: „Kannst Du das entsorgen? Ganz schnell?“
Der kleine Mann reagiert zögerlich. „Aber in juristischem Kontext hat der Satz schon seine Berechtigung.“
Ich: „Ich arbeite nicht mehr juristisch. Und das werde ich voraussichtlich auch nie wieder.“
Mann im Ohr: „Da hast Du recht. Aber wenn wir den entsorgen, wird das Deine Einstellung erheblich verändern.“
Ich überlege kurz. Dann frage ich: „Lag mein Bauch jemals falsch?“
Mann im Ohr: „Moment, das muss ich erst auswerten. Das dauert ein bisschen.“
Ich warte einige Minuten. Dann fange ich an, unruhig mit dem Fuß zu wippen und an meinem Ring zu spielen. Ich hätte erwartet, dass die Datenverarbeitung da oben schneller geht.
Der Mann im Ohr meldet: „So gut wie nie. In allen Fällen, in denen er falsch lag, hat er selbst das Gefühl revidiert. Es kam also nie zu negativen Folgen, wenn der Bauch falsch lag. Und er hat immer nur falsch negativ gezeigt, nie falsch positiv.“
Was heißt denn das?
Mann im Ohr: „Das heißt, er hat manchmal Warnungen ausgesprochen, die überflüssig waren. Aber er hat nie Entwarnung gegeben, wenn Gefahr bestand.“
Ich: „Das heißt doch, ich kann mich auf ihn verlassen. Dann entsorg jetzt bitte ganz schnell diesen Satz.“

Ich spüre, wie es rumpelt und es kommen komische Geräusche aus meinem Kopf. Dann sagt der kleine Mann mir, ich soll den Kopf nach rechts neigen, so weit ich kann. Mein Ohr berührt jetzt fast meine Schulter. Na ja, gefühlt zumindest. Es fühlt sich kurz an, als hätte ich Ohropax im Ohr. Ich höre alles wie durch Watte. Dann macht es ‘plopp’ und auf meiner Schulter liegt ein unappetitliches Häufchen. Es sieht aus wie eine Mischung aus Ohrenschmalz und einem Popel. Die schöne Strickjacke. Hoffentlich geht das wieder raus.

„Wie sieht es jetzt aus mit postfaktisch?“ Der kleine Mann ist ganz aus der Puste.
Ich: „Ich finde es dumm, sich nicht um Fakten zu scheren. Sie sind wichtig und geben Orientierung. Vielleicht sollte man ein bisschen mehr seinem Gefühl trauen als ich in der Vergangenheit, aber so ohne Fakten hat man einfach keine gute Entscheidungsgrundlage.“
Mann im Ohr: „Gut. Wir müssen noch ein bisschen weiter aufräumen, dann bekommst Du Deinen Verstand komplett zurück.“

Ich freue mich. Das wird wie Ostern und Weihnachten zusammen. In meinem Bauch wird es ganz warm.

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