Leben wir im Konjunktiv?

Ich bin ein Kind der 90er. Obwohl ich 1980 geboren bin.

Aber in Liebesdingen haben mich die 90er geprägt. Damals war ich das erste Mal verliebt. Unsterblich. In Christian. Das ist sein echter Name. In den 90ern habe ich wahlweise schmachtend oder weinend Bryan Adams und Bon Jovi gehört. Manchmal auch schmachtend und weinend. Ich habe Kevin Costner als Bodyguard angebetet und war in Brad Pitt und Johnny Depp verknallt. In den 90ern habe ich meine Unschuld verloren, hatte meine erste feste Beziehung und habe Ben kennengelernt.

Damals war man verliebt, hat gelitten und Liebesbriefe geschrieben. Kerle haben ihre Frauen beschützt und auf Händen getragen. Wenn sie Kevin Costner hießen, sogar beides in 120 Minuten.

Das klingt nach ‘früher war alles besser’, aber das war es nicht. Anders war´s.
Ich bin dankbar für mein iPhone und dafür, dass ich heute bloggen kann und unproblematisch mit Leuten in Kontakt sein, die sehr weit weg wohnen. Dass ich mal eben so ein Foto machen und es mit dem ‘Fotoapparat’ auch noch versenden kann. Dass ich von Zuhause arbeiten kann, weil fast alles über Skype und Email funktioniert. Es hat mein Leben leichter gemacht.

Wir sind freier geworden. Oder? Es fühlt sich nur nicht so an. Wenn ich Leute reden höre, klingt es nicht so. Die äußeren Bedingungen machen uns frei und flexibel wie nie, aber gefühlt scheinen wir viel gefangener zu sein als damals.

Und ich habe den Eindruck, wir leben im Konjunktiv. Wir müssten eigentlich Konsequenzen ziehen, aber trauen uns irgendwie nicht.
Es geht uns doch gut wie nie. Aber wir haben vor allem Angst. Vor Flüchtlingen, vor einem Jobverlust, davor, nur den zweitbesten Partner abgekriegt zu haben. Vor Allergien, vor dem Alter, vor Gerede, vor Bluthochdruck und Cholesterin. Wir sind so verhalten geworden.

In den 90ern hat Bryan Adams mit seiner Reibeisenstimme ‘Please forgive me’ gesungen. Heute hören wir Frans mit ‘If I were sorry but I´m not sorry no’. Von Whitney Housten hörten wir noch ‘I will always love you’. Heute verzaubert Adele uns mit ihrer Stimme, aber auch sie singt im Konjunktiv: ‘No, there’s nothing that I wouldn’t do to make you feel my love.’. Sie singt von einem Mann, der gar nicht weiß, ob er sie will und träumt davon, ihm ihre Liebe zu zeigen.

Bei Gloria Gaynor hieß es noch ‘Go, walk out the door…I grew strong and learned how to get along’. Cher schmetterte ‘I don´t need your sympathy…was she worth it? … I´m strong enough to live without you…you gotta go’.

Heute hören wir in einem Sam Smith Video eine weinende Frau singen ‘I know I´m not the only one…I wish this would be over now but I know that I still need you here’. Das ist ähnlich traurig wie bei Adele.

Wir sind doch selbstständiger geworden, dachte ich? In den 90ern sind Leute auch schon fremdgegangen, aber sie haben einen Arschtritt bekommen, wenn sie erwischt wurden. Und ja, es gab auch damals schon Menschen, die die Augen davor verschlossen haben und die Fassade aufrecht erhalten wollten. Aber niemand wäre auf die Idee gekommen, sie zu besingen.

Ich höre ein Räuspern hinter meiner Stirn. Der kleine Mann will eine Anmerkung machen.

„Ed Sheeran singt viel schöner als Bon Jovi. Auch die Texte gefallen mir besser. Er singt

‘Well, me I fall in love with you every single day
And I just wanna tell you I am

So, honey, now
Take me into your loving arms
Kiss me under the light of a thousand stars
Place your head on my beating heart
I’m thinking out loud
Maybe we found love right where we are

When my hair’s all but gone and my memory fades
And the crowds don’t remember my name
When my hands don’t play the strings the same way
I know you will still love me the same’.

DAS finde ich romantisch. Da ist kein Konjunktiv drin.“

Das stimmt. Aber Ed Sheeran singt auch

‘And I never saw him as a threat
Until you disappeared with him to have sex of course

It’s not like we were both on tour
We were staying on the same hotel floor
And I wasn’t looking for a promise or commitment
But it was never just fun & I thought you were different’.

Der kleine Mann und ich unterhalten uns noch eine Weile über Musik. Dann beschließen wir, dass ich meinen Musikgeschmack überdenke. Und die Senderwahl im Radio. Es gibt sicher irgendwo da draußen Songs über verliebte, glückliche Menschen.

Dann fällt mir noch was ein.

„Kleiner Mann, meinst Du, wir geben uns heute in Liebesdingen mit so wenig zufrieden, weil wir sonst alles haben?“

Darüber muss er in Ruhe nachdenken. Jetzt räumt er erst mal weiter auf.

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