Der kleine Mann und ich machen Hausaufgaben. Wir sind gerade bei ‘Online Dating machen nur Psychopathen’. Das hat mein Vater mir in den Kopf gesetzt, ohne dass ich das bemerkt habe. Auf den Glaubenssätzen stehen manchmal Absender drauf. Da ich keine Psychopathin bin, ist er widerlegt und kann entsorgt werden. Während der Mann in meinem Kopf rumräumt, putze ich Schuhe. Alle. Manchmal mache ich das.
Ich greife ganz unten in die Schuhputzkiste und finde etwas schwarzes, das an manchen Stellen braun und hart ist. Es ist ein ausgeleierter, schwarzer von Puma-Socken von Ben. Mit dunkelbrauner, angetrockneter Schuhcreme dran. Ich frage mich, ob er den anderen hat und ob er damit auch Schuhe putzt.
„Er hat nie Schuhe geputzt. Er hat sich eher neue gekauft als die alten zu putzen. Wenn jemand seine Schuhe geputzt hat, dann Du.“
Das hätte ich fast vergessen. Das war eins der vielen Dinge, die mich geärgert haben. Eigentlich erinnert nichts in meinem Leben an Ben. Bis auf zwei gemeinsam angeschaffte Möbelstücke. Alles andere war schon immer ‘meins’ oder wurde nach Ben angeschafft. Es gibt keine Fotos von ihm hier. Alles, was ich an Erinnerungen habe, ist in Kisten im Keller verpackt. So tief unten, dass ich nicht mal selbst weiß, wo die Sachen sind.
„Ich frage mich, warum ich in letzter Zeit häufiger an ihn denken muss als früher. Wir sind doch schon so lange getrennt.“
Ich muss an die Szene in ‘Sex and the City’ denken, in der sich Miranda und Steve getrennt haben. Sie wissen nicht, ob sie es noch mal miteinander versuchen wollen und gehen zu einer Paartherapeutin. Dort vereinbaren sie, dass sie beide in sich gehen. Wer einen Neuanfang will, soll zu einer bestimmten Zeit auf der Brooklyn Bridge sein. Beide wollen. Und beide haben Angst, dass der andere nicht da sein wird. Beide sind zur vereinbarten Zeit dort. Sie sehen sich unsicher und suchend um und als sie sich sehen, sind beiden die Erleichterung und das Glück ins Gesicht geschrieben. Sie fallen sich in die Arme und dann küssen sie sich.
Wenn Ben und ich heute diese Entscheidung treffen müssten, wären wir beide nicht da. Ich habe zu mir selbst gefunden, seit wir nicht mehr zusammen sind. Mit ihm war ich immer nur ein Teil von mir selbst. Und das habe ich irgendwann nicht mehr ausgehalten.
Der Mann in meinem Ohr sagt leise: „Weil Du Dich verloren fühlst.“
Ich war so in Gedanken, dass ich gar nicht mehr weiß, was meine Frage war. Der kleine Mann fährt fort: „Bei jedem Terroranschlag und bei jeder Talkshow, in der über Flüchtlinge diskutiert wird, fragt sich Dein Unterbewusstsein, was Ben dazu denkt. Als Du Deinen Job an den Nagel gehängt hast, hättest Du gern seinen Rat gehabt. Er war Dein Kompass.“
Mein Kompass. Das ist eine schöne Beschreibung. Der Mann in meinem Bauch dreht sich vor Freude.
„Wenn Dich etwas berührt, fragst Du Dich, was er gesagt hätte. Nicht immer, aber bei so was.“ Der kleine Mann zeigt auf meinen Bildschirm. Das stimmt. Bei Julia Engelmann muss ich immer an ihn denken. Weil er auch im Konjunktiv gelebt hat. Alles Schöne hat er auf später geschoben. Wir haben die schlechten Zeiten gut durchgestanden, die Guten waren das Problem. Die gab es für Ben nicht. Als ich mich so richtig frei und unbeschwert gefühlt habe und glücklich war, hatte ich das Gefühl, er mag mich so nicht. Weil er selbst nie unbeschwert war.
Der kleine Mann fährt fort: „Niemand lag je so nah an Deinen Wertvorstellungen wie er. Wenn er etwas falsch fand, konnte es für Dich nicht richtig sein. Und trotzdem wart Ihr nicht immer einer Meinung. Er hat Dich herausgefordert und zum Nachdenken gebracht und er hat in jeder Situation Herz bewiesen. Er war nicht nur Dein Partner, er war Dein bester Freund. Du wolltest den Partner nicht mehr, aber den besten Freund hättest Du gern behalten. Aber Du wusstest genau, dass das nicht geht.“
Den besten Freund vermisse ich. Ich weiß genau, welche Alben er sich heute kaufen würde und welche meiner neuen Möbelstücke er scheußlich fände. Und zu welchem Kleid er ‘sexy’ sagen würde. All diese Gedanken wegen einem alten Socken. Ich habe es anscheinend in den letzten sechs Jahren nicht bis auf den Grund meiner Schuhputzkiste geschafft. Sonst wäre der längst entsorgt.
Mann im Ohr: „Wegen eines alten Sockens.“
Ich: „Der Satz kommt auch von meinem Vater. Klugscheißer.“
Ich wünschte, Ben hätte irgendetwas falsch gemacht. Irgendwas getan, damit ich den Freund auch nicht vermissen würde. Ich frage mich, ob ich mich verlieben darf, solange ich Ben vermisse. Wäre das unfair? Obwohl ich Ben nicht zurück will?
Mann im Ohr: „Das ist Blödsinn. Es tun immer alle so, als würde der Ex keine Rolle spielen. Aber wer lange mit einem Partner zusammen war, hatte seine Gründe. Und ist geprägt worden von demjenigen. Gerade, wenn man so jung war wie Du.“
Ich: „Ich bin froh, dass er mich geprägt hat und nicht Ethan.“
„Ich auch.“ Der kleine Mann seufzt. „Er war da bei Deinem Abiball. Als Du von zuhause ausgezogen bist. Als Du Dein erstes Studium hingeschmissen hast. Er hat Dir Brote für Deine Examensklausuren geschmiert. Er hat Deine Hand gehalten, als Du fast verblutet wärst. Und Du seine, als seine Mutter krank war. Wenn Du ihn nicht irgendwie vermissen würdest, wäre das nicht normal.“
Ich bin trotzdem unsicher. „Aber es tun immer alle so, als dürfte der Ex-Partner keine Rolle spielen. Ich fühle mich immer schlecht, wenn ich an ihn denke.“
Mann im Ohr: „Es tun auch Leute bei Tinder so, als wärst Du die einzige, mit der sie sich je getroffen haben. Das ist genauso verlogen wie die Sache mit dem Ex. Wenn ein Mann selbstbewusst ist, stört ihn das nicht. Und wenn er Herz hat, vermisst er seine Ex-Freundin selbst ein bisschen. Jedenfalls, wenn sie keine verlogene kleine Schlampe war.“
Ich: „Aber sagen darf ich´s nicht, oder? Das kriegen doch alle in den falschen Hals.“
Mann im Ohr: „In manchen Situation hältst Du besser einfach mal die Klappe. Das sage ich Dir schon lange.“
Das stimmt. Ich hör nur so selten. Aber diesmal wäre das vielleicht doch ratsam.
Ich will gerade die Schuhputzsachen wegräumen, als der kleine Mann noch etwas sagt. „Wenn Dich jemand nach ihm fragt, sagst Du einfach ‘Ein Teil meiner Antwort würde Dich verunsichern’.“ Er kichert und kichert, dabei fand ich das nicht so wahnsinnig witzig. Es wundert mich, dass sowas bei ihm hängenbleibt. Ich dachte immer, bei den Nachrichten schläft der kleine Mann. „Oder Du erzählst einfach alles über Ben und sagst hinterher, es war eine ‘pointierte Darstellung eines Teilausschnitts der Realität’.“