Ich bin nicht zu leicht zu begeistern

Das weiß ich jetzt. Seit ich mich vor einigen Wochen mit Noah getroffen habe, hat mich eine Frage umgetrieben. Er hat festgestellt, dass ich leicht zu begeistern bin. Dass das eine schöne Eigenschaft ist. Aber dass solche Menschen sich oft schwerer tun, Karriere zu machen. Weil sie sich so leicht durch Dinge, die sie begeistern, von ihrem Weg abbringen lassen.
Der kleine Mann würde mir sagen, dass ich doch weiß, dass man alles vergessen soll, was ein Mann vor dem ‘aber’ sagt. Und dass ich zu häufig das Wort ‘dass’ benutze in diesem Post. Aber er schläft, weil er die ganze Nacht an den Verbindungen in meinem Kopf gearbeitet hat.
Seit unserem letzten Treffen geistert mir also diese Frage im Kopf herum. Interessanterweise hat am Tag vor Noahs Bemerkung ein Bote zu mir gesagt, ich ließe mich ja schnell begeistern, mein Mann hätte es sicher leicht mit mir. Da hatte ich mich über seine Lieferung gefreut. Und gestern hat ein Kollege, der mich quasi nicht kennt, bei einem beruflichen Essen dasselbe zu mir gesagt. Also ohne die Bemerkung über meinen nicht vorhandenen Mann.
Ich frage mich also: Wäre ich erfolgreicher, wenn ich mich weniger begeistern würde? Und: Hätte ich einen Partner? Bin ich allein, weil ich mich zu schnell für zu viele Männer begeistere und mich die ‘große Auswahl’ ablenkt?
Ich muss an meine 108 Matches denken, für die ich vermutlich mindestens 200 Männern ein ‘Like’ gegeben habe.

Die Antwort auf alle Fragen ist N E I N.

Ich lasse mich schnell begeistern. Von gelungenem Essen, einem Film, der mich berührt oder einem Lied. Von Ideen, von Kindern, von Blumen. Von einem gelungenen Möbelmix, Büchern und Kunst, von den Kaninchen, die morgens vor meinem Fenster hoppeln. Aber ich werde auch schnell traurig. Wenn ich ein verunfalltes Eichhörnchen sehe oder Bilder von Kindern in Kriegsgebieten. Es braucht nicht viel, damit ich vor Rührung weine. ‘Der kleine Lord’ zu Weihnachten oder eine schöne Liebeserklärung, ein gelungener, tiefgründiger Satz oder ein Gottesdienst. Ich höre jeden Morgen auf WDR 5 ‘Kirche im Radio’. Klingt, als sei ich steinalt. Und langweilig. Aber die Worte berühren mich. Ich werde nicht schnell wütend, aber wenn, dann richtig.

Und ich könnte nicht leben ohne diese Emotionen. Ich möchte nicht wissen, wie die Welt für jemanden aussieht, der sich weniger über ihre Schönheit freut, weniger an ihrer Unzulänglichkeit verzweifelt und der ihre Ungerechtigkeit weniger anklagt.

Ich denke darüber nach, ob mich wirklich viele Männer begeistert haben. Haben sie nicht. Ihre Fotos vielleicht. Aber der Grund, warum ich mich für niemanden wirklich erwärmen konnte ist, dass mich keiner zu einem ‘Fuck yes’ hinreißen konnte.

Etwas bewegt sich ganz vorsichtig in meinem Kopf, „Doch, einer. Noah.“. Der kleine Mann klingt verschlafen. Ich sage ihm, dass er sich wieder hinlegen kann. Ich komme grade ganz gut allein zurecht.

Tatsächlich hat Noah bei mir eine Gänsehaut ausgelöst, als wir uns zum ersten Mal begegnet sind. Und das ist mir davor sehr lange nicht passiert. Ich hatte ihn nicht mal richtig gesehen. Er kam zu einer Veranstaltung zu spät und hat sich sehr leise auf den freien Stuhl neben mich gesetzt. Ich habe ihn nur aus dem Augenwinkel wahrgenommen. Weil er einen Teil der wichtigen Infos nicht mitbekommen hatte, hat er sich zu mir rüber gebeugt und mir eine Frage ins Ohr geflüstert. Ich kann nicht mehr sagen, was er genau gefragt hat. Aber in dem Moment hat mein Gehirn kurz ausgesetzt. Der kleine Mann in meinem Bauch hat einen dezenten Hüpfer gemacht. Ich habe eine Gänsehaut bekommen. Es war einer dieser magischen Momente im Leben. Wenn man auf einen Fremden trifft, von dem man nichts weiß, mit dem man noch kein Wort gewechselt hat und der einen trotzdem irgendwie verzaubert.

Der einzige Moment, in dem ich diese ganze Tindergeschichte wirklich bereut habe, war der, in dem ich sein Foto gesehen habe. Das war der Moment, in dem der Zauber verflogen ist.
Ich habe vorher hin und wieder an diesen Moment mit ihm gedacht. Ich habe mich gefragt, ob wir uns irgendwann mal wieder über den Weg laufen. Ich habe mich gefragt, wie das wohl für ihn war. Was er für ein Mensch ist. In meiner Phantasie wäre er niemals bei Tinder gewesen. In meiner Phantasie war er zu old school dafür. In meiner Phantasie hatte er möglicherweise eine hübsche Frau und bald total süße Kinder. In meiner Phantasie sind wir uns zufällig wieder über den Weg gelaufen.

Tinder hat mir diese Gedanken kaputt gemacht. Tinder hat ihn entzaubert, obwohl er vielleicht ganz bezaubernd ist.

Ich tauge nicht als „Freundin plus“

„Wir müssen über die Beziehungsformen reden. Wir waren noch nicht fertig.“ Ich bin hellwach. Es ist kurz nach sechs an einem Sonntag morgen. Es ist schon hell, also können wir uns an die Arbeit machen.

„Du bist U N E R T R Ä G L I C H. Nicht mal ausschlafen kann man mit Dir.“ mosert es zwischen meinen Ohren.
Ich: „Wenn hier einer neben mir läge, dürfte er weiterschlafen. Ich würde mich ins Wohnzimmer setzen und schreiben und ihn in vier Stunden mit einem Kaffee und Küssen wecken.“ Das gefällt dem kleinen Mann nicht. Er fühlt sich benachteiligt.
Ich: „Männer, die in meinem Herz wohnen und nicht in meinem Kopf, haben es deutlich besser.“
Ich höre ein Brummen, aber dann folgt: „Wir fangen mit diesem Modell ‘Mingle’ an.“
Mir wird spontan flau und in meinem Bauch klopft und dreht sich was.
Ich: „Das ist nichts für mich! Das ist der größte Blödsinn aller Zeiten.“
Mann im Ohr: „Vielleicht wissen nicht alle Deine Leser, was das ist.“
Ich: „Warte, ich verlinke diesen Artikel in der Welt. Vielleicht hilft das?“
Mann im Ohr: „Ich verstehe nicht, warum das überhaupt irgendwer macht.“
Na ja, es scheint ja Leute zu geben, für die das passt.
Mann im Ohr: „Was war für Dich so toll in der Anfangszeit mit Ben?“
Mir wird spontan warm im Bauch. „Wir haben uns aufeinander gefreut, ich habe mich angehübscht, wenn wir uns gesehen haben, wir waren verliebt. Wir hatten nur Augen füreinander.“
Mann im Ohr: „Und Ihr seid ständig übereinander hergefallen.“
Ich werde rot bei dem Gedanken. Es stimmt. Es war eine tolle Zeit.
Mann im Ohr: „Und warum hat es am Ende nicht mehr gepasst?“ 
Also das ist wirklich zu komplex für einen Post. Und geht auch keinen was an.
Mann im Ohr: „Du sollst nicht alles erklären. Aber wie war das, was am Anfang so toll war, am Schluss?“
Ich: „Na ja. Wir waren selbstverständlich füreinander. Haben uns keine Mühe mehr gegeben, dem anderen zu gefallen. Oder jedenfalls nicht mehr so wie früher. Wir waren wie beste Freunde, mehr nicht.“
Mann im Ohr: „Und jetzt gibt es eine ‘Beziehungsform’, in der man auf das Kribbeln am Anfang verzichtet und sich gleich damit begnügt, dass einer im Feinripp-Unterhemd neben einem auf dem Sofa sitzt und mit einem Serien auf Netflix schaut.“

Ich: „Bei mir würde das schon deshalb nicht funktionieren.“ Ich habe kein Netflix.
Mann im Ohr: „Der Sex wäre in so einer Konstellation auch nicht so doll, selbst wenn die Performance stimmt. Weil er ohne Verliebtheit immer weniger aufregend ist.“
Mein Bauch stimmt zu, es hüpft ein bisschen und fühlt sich wärmer an.
Ich: „Ich finde klug, was diese Frau James in der Welt sagt. Sie plädiert für mehr Mut zur Entscheidung.
Mann im Ohr: „Dieses Mingle-Modell ist was für indifferente Menschen. Du würdest sagen, für Feiglinge. Für Männer, die keine Eier haben und Frauen, die nicht wissen, was sie wollen. Wer keine Entscheidung trifft, hat zwar alle Möglichkeiten. Aber er lebt keine davon aus. Er lebt immer nur auf Sparflamme.“
Mir fällt dieser Spruch ein: ‘Wer versucht, sich immer alle Türen offen zu halten, wird sein Leben auf dem Flur verbringen’. Ich verstehe das nicht so richtig. Es muss sich ja nicht um Flurtüren handeln.
Mann im Ohr: „Jedenfalls sitzt derjenige im Durchzug.“
Ich: „Das ist nichts für mich. Ich frier doch immer so leicht.“

Wir schweigen eine Weile. Vielleicht ist der kleine Mann wieder eingeschlafen. Ich überlege, ob ich aufstehe und mir einen Milchkaffee mache oder mich noch mal umdrehe. Ich bin froh, dass er nicht versucht hat, mich für das Mingle-Dasein zu erwärmen.
Als ich den Espresso aufsetze, meldet sich der kleine Mann wieder: „Und wer keine Entscheidung trifft, dem wird die Entscheidung früher oder später abgenommen.“. Wie wahr. 

Ich vergesse manchmal das Wichtigste

Ich schrecke hoch und bin schweißgebadet. Mein Herz pocht. Irgendwas habe ich geträumt und dann ist mir was eingefallen. Das H E R Z. Darüber habe ich mit dem kleinen Mann nicht gesprochen. Wir reden über Männer und Beziehungstypen und das Wort Herz fiel kein einziges Mal. Jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern.
Das ist nicht gut. Wir haben das allerwichtigste vergessen. In meinem Bauch fühle ich einen kleinen Hüpfer.

Was macht nur der kleine Mann? Wenn ich denke, müsste er doch wach werden und protestieren? Wir müssen darüber reden, sonst habe ich das wieder vergessen. Die wichtigsten Ideen kommen mir immer im Schlaf oder unter der Dusche. Jedenfalls immer, wenn ich sie nicht sofort notieren kann. Zum Aufstehen bin ich zu müde.

„Du kannst im Halbschlaf in Gedanken ein komplettes Storyboard entwerfen und Figuren und alles, und reden kannst Du auch immer, aber drei Meter laufen und einen Zettel holen geht nicht?“ Der kleine Mann klingt schlecht gelaunt.
Ich hatte vergessen, dass man Männer nicht mitten in der Nacht wegen einer Idee wecken sollte.
„Genau. Aber Du lernst einfach nicht aus Deinen Fehlern.“ tönt es beleidigt. 
Das stimmt so nicht. Ich fasse schon ganz lang nicht mehr auf heiße Herdplatten, weil ich mir einmal Brandblasen geholt habe. Ich höre ein Grummeln. Jetzt ist er eh wach, da können wir auch reden.
Ich frage „Warum haben wir über Verstand und Bauch und die Verbindung und alles gesprochen und nicht über mein Herz?“
Mann im Ohr: „Was glaubst Du wohl?“
Ich: „Verstehe ich nicht. Ist das nicht das wichtigste?“
Mann im Ohr: „Ich dachte, Du bist noch nicht so weit.“
Ich: „Aber jetzt. Wie hängt das Herz mit all dem zusammen? Worauf soll ich denn hören, wenn ich einen Mann gut finde? Das Schlimmste ist ja, wenn mein Bauch, mein Herz und mein Verstand alle unterschiedliche Dinge wollen.“ 
Mann im Ohr: „Dann kann es nicht funktionieren.“
Ich: „Heißt das, da muss K O N S E N S bestehen?“
Mann im Ohr: „Bien sûr.“
Das macht es schwieriger, als ich dachte.
Mann im Ohr: „Wie oft hast Du Dein Herz verschenkt? So richtig, meine ich.“ 
Ich überlege und bin mir nicht sicher. Einmal gibt ein sicheres ja. Mmh. „Ein oder zweimal. Ich weiß es nicht genau.“
Mann im Ohr: „Wie viele längere Beziehungen hattest Du?“
Ich: „Vier.“
Mann im Ohr: „Finde den Fehler.“ 
Jetzt imitiert der kleine Mann meinen Kollegen Axel. Das ist sein Lieblingssatz. Ich mag das nicht. Ich komme mir dabei immer so dumm vor.
Mann im Ohr: „Und welche Beziehung war sehr lange glücklich?“ 
Ich: „Die mit Herz. Und der Rest war auch d´accord.“
Der Mann im Ohr erklärt mir noch mal, wie das funktioniert. „Dein Bauch warnt Dich, wenn irgendwas nicht stimmt oder signalsiert, dass alles in Ordnung ist. Dein Verstand analysiert die Umstände und bestätigt idealerweise Dein Bauchgefühl. Erst wenn beides passt, solltest Du Dein Herz öffnen. Wenn Du es vorher tust, läufst Du Gefahr, unnötig verletzt zu werden. Wenn Du es nicht tust, wird nichts daraus.“
Welcher Mann will schon eine Frau, die nicht mit dem Herz dabei ist?
Ich: „So schwierig klingt das nicht.“ 
Mann im Ohr: „Du bleibst manchmal zu lange in der Analysenhase stecken. Entweder sagen Dir Bauch und Kopf, dass alles gut ist und Du traust Dich trotzdem nicht. Oder – und das ist schlimmer – einer von beiden warnt Dich sehr deutlich und Du legst den Kerl trotzdem nicht ad acta.“  Er hat recht. Manchmal ist es allein mein Ehrgeiz. Dann will ich jemanden, den ich eigentlich gar nicht will, nur um mir zu beweisen, dass ich könnte, wenn ich wollte.
Mann im Ohr: „Deshalb hast Du Jura studiert.“ Ich stutze – es stimmt. Ich wollte mir hauptsächlich beweisen, dass ich es kann.
Mann im Ohr: „Und? Arbeitest Du heute als Juristin?“ Nein. Schon länger nicht und das werde ich wahrscheinlich auch nie wieder. „Du hast mit allem drum und dran acht Jahre in Studium und Referendariat investiert, nur um hinterher zu sagen ‘Och nö, ich mach mal lieber was, wofür ich gar nicht hätte studieren müssen.’“
Ich: „Wir kommen zu sehr vom Thema ab, finde ich.“
Mann im Ohr: „Es ist genau das richtige Thema. Ist doch bei Männern genau so. Du kannst Jahre mit einem verschwenden, den Du nicht wirklich willst.“
Das würde ich nicht tun. Beim Studium war das was anderes. Ich war immer sicher, dass mir das später in allen möglichen Lebenslagen helfen würde. Und das tut es. Es war keine Zeitverschwendung. Nur vielleicht nicht ganz das richtige Motiv. 
Ich muss gähnen. „Ich möchte mich mal wieder so richtig verlieben.“ Ich drehe mich um und schlafe wieder ein. Ich höre nicht mehr, wie der kleine Mann sagt: „An den Punkt musstest Du aber erst mal kommen. Letztes Jahr hast Du zu Eric gesagt, das sei Dir alles zu anstrengend. Dieses schlecht schlafen und nichts essen können und immer an irgendwen denken müssen.“

Mein Bauch will was Vielschichtiges

Ich frage mich, wie Leute das machen, die ihr Leben nach ihrem Bauchgefühl ausrichten. Mich macht diese Gefühls-Sache völlig fertig. Ich will ein Rezept, das in sich schlüssig und nachvollziehbar ist und basta. Und jetzt würde ich gern dieses Thema mit dem Fremdgehen vertiefen. Es klingt spannend. Dieses Nicht-Analysieren-Dürfen ist schlimmer als jede Diät.

Der kleine Mann meldet sich: „Du hast überhaupt noch nie eine Diät gemacht.“
Das stimmt so nicht. Mit 16 habe ich, meine ich, mal eine versucht.
„Apropos keine Diät und Rezept. Wenn Du Dir einen Mann backen könntest, wie sähe er aus?“
Ich: „Ich dachte, wir müssen erst den Beziehungstyp finden?“
Mann im Ohr: „Du denkst schon wieder. Spontan, aus dem Bauch raus: was wäre er?“
„Ein Pumpkin Creamcheese Muffin.“ Das kommt wie aus der Pistole geschossen.
Der kleine Mann hakt nach: „Sicher? Kein Brownie?“
Ich darf nicht überlegen, aber ich kann auch so sofort sagen, was mich an Brownies stört. „Ein Brownie ist geil. Irgendwie. Aber er ist mächtig und dunkel, liegt schwer im Magen, macht mir manchmal Bauchschmerzen und – das ist das Wichtigste – ich kann nicht mal einen davon essen. Nach zwei Bissen habe ich die Nase voll.“
Mann im Ohr: „Was ist mit einem Pumpkin Gingerbread Snacking Cake? Den backst Du häufiger und lieber als die Muffins.“

Ich: „Weil´s schnell geht. Ich brauche nicht mal ´nen Mixer. Er ist leicht zu haben, kommt überall gut an, das ist super effizient. Das Ideale für Zwischendurch.“
Mann im Ohr: „Du hast schon mehrere Männer damit rumgekriegt.“
Das stimmt. „Zwei.“
Mann im Ohr: „Zwei Erfolge bei zwei Versuchen, macht eine Trefferquote von 100%.“

Ich: „Vielleicht hätte ich sie auch so rumgekriegt. Einmal könnte es auch Joey´s Apple Cake with Caramel Sauce gewesen sein? Den hab ich damals auch gemacht.“
Mann im Ohr: „Warum wäre Dein Traummann kein Joey´s Cake?“
Ich: „Keine Ahnung. Mein Bauch sagt dazu nichts.“
Der kleine Mann erinnert mich daran, wie gern ich Sandkuchen mag. Es rumort in meinem Bauch. Das ist ein Knurren, hat wohl nichts mit Emotionen zu tun. Gott sei Dank. Dieses Kuchen-Thema liegt mir mehr. „Ich liebe Sandkuchen. Aber ich kann´s nicht. Er wird matschig oder nicht richtig ‘sandig’, auf Dauer wär´s mir auch zu trocken.“
„Was ist denn an den Muffins so toll?“ Ob der kleine Mann mit meiner Wahl nicht einverstanden ist?
„Sie sind leicht, saftig und würzig. Süß, aber auch ein bisschen herb. Sie machen süchtig. Und ein bisschen high.“
Der kleine Mann weiß, woran das liegt. „Weil Du immer mehr Muskat reingibst als angegeben“.
Ich: „Sie schmecken morgens, mittags und abends, nicht nur zur Kaffeezeit. Sie sind vielschichtig. Die herbe Kürbisschicht außen und dann die cremig-milde Creamcheese-Füllung, mit der man nicht rechnet. Sie sind perfekt. Ich könnte sie für den Rest meines Lebens täglich vernaschen.“
Mann im Ohr: „Es macht aber Arbeit, die ständig zu backen.“

Ich: „Aber für den Genuss lohnt es sich. Eine Beziehung ist manchmal auch Arbeit. Es ist eine schöne Arbeit, sie macht Spaß.“
In meinem Kopf fängt es an zu hüpfen. Es fühlt sich komisch an. Pustet der kleine Mann mir ins Ohr? Nein. Er scheint zu kichern. „Du hast die letzte Schicht vergessen. Da ist diese krümelige Schicht als Topping drauf.“ Er kichert immer noch. Was daran so lustig ist? Er prustet unangenehm nah an meinem Trommelfell: „Jeder Muffin ist mit zwei Nüssen garniert.“ 

Ich weiß, was ich will

Oder?

Eigentlich weiß ich, was für eine Beziehung ich will und was für einen Mann ich dafür brauche. Glaube ich. Aber der kleine Mann ist klug und weiß manchmal mehr als ich. Es kann nicht schaden, mal zu gucken, ob da Deckungsgleichheit besteht.

„Du denkst schon wieder beinah. So kann ich hier nicht arbeiten.“ meckert es aus meinem Kopf.
Ich: „Entschuldige. Du musst mir noch sagen, was für einen Mann ich will.“
Mann im Ohr: „Das ist eine längere Geschichte. Außerdem musst Du mitarbeiten. Ich sage was und Du horchst auf Deinen Bauch.“  
Ich: „Und sage Dir, was er sagt?“
Mann im Ohr: „Genau. Aber Du zäumst das Pferd schon wieder von hinten auf. Erst musst Du wissen, was für eine Beziehung Du willst. DANN überlegen, mit welchem Kerl das möglich ist.“
Ich komme mir dumm vor. Aber schließlich ist mein Verstand auf Standby. Das entschuldigt vieles.
Der kleine Mann fängt an: „Du brauchst Freiraum im wörtlichen Sinne. Deine eigene Wohnung behalten wäre eine Möglichkeit. Oder ein Atelier haben. Du brauchst einen hübschen, aufgeräumten Ort, an den Du Dich zurückziehen und kreativ sein kannst.“
Beim Wort Atelier kribbelt es in meinem Bauch und er wird warm. Kribbeln stand gar nicht in der Bedienungsanleitung. Trotzdem weiß ich, was es heißt. „Das gefällt mir.“
Mann im Ohr: „Prima. Weiter: Der Mann schläft auch mit anderen Frauen.“
Ich: „Sicher nicht!“ In meinem Bauch rumort es. Das ist ja wohl die Höhe!
Mann im Ohr: „Eine offene Beziehung kann funktionieren. Vielleicht hätte Dir das schon früher gut getan.“ 
Ich: „Ich weiß ganz genau, wer Dir den Floh ins Ohr gesetzt hat!“
Fabian habe ich auch über Tinder ‘kennengelernt’. Das ist nicht der mit den Bildern, ein anderer. Er lebt in einer angeblich seit 13 Jahren funktionierenden offenen Beziehung. Und wollte mich als Zweitfrau. Oder Drittfrau. Seine Freundin wusste das. Sagte er.
In meinem Bauch passiert was. Ich glaube, der Mann dort dreht sich schnell und klopft. Ich muss nachsehen, was das heißt: A N T I P A T H I E.
Mann im Ohr: „Na gut, scheinbar bist Du noch nicht reif für ein solches Modell. Es erfordert schon eine gewisse Größe und viel Selbstvertrauen.“
Ich flipp aus. Was bildet der sich ein? Ich schaue auf die Liste. Da ist keine Beschreibung für Wut. Aber es fühlt sich an wie schnelles im Kreis rennen mit gelegentlichem Aufstampfen und mit den Armen wedeln.
Ich: „Er soll nicht nur nicht mit anderen schlafen! Er soll auch anderen keine komischen Bilder schicken und …“
Mann im Ohr: „Halt! Stop! Die Gedanken, die da grad an die Oberfläche wollen, sind für einen separaten Post.“
Davon weiß ich nichts.
Mann im Ohr: „Du wolltest was über die neue Art des Fremdgehens schreiben. Ego pimpen über Tinder-Matches bei gleichzeitiger ‘Monogamie’ und so.“
Ich: „Da weißt Du mehr als ich.“

Ich bilde mir ein, ein Murmeln zu hören. Es klingt wie ‘wäre ja nicht das erste Mal’.

Ich bin ein Drückeberger

Ich bin kaum zuhause, als sich eine Stimme meldet und mir sagt, dass wir aufräumen müssen.

Ich: „So schlimm sieht es gar nicht aus. Nur Wäsche bügeln wäre dringend angesagt. Hab gar keine bürotauglichen Sachen mehr.“ Mir entfährt ein Seufzer. Guiseppes Angebot war schon reizvoll.
Mann im Ohr: „In Deinem Kopf.“
Mir schwant Böses. Ob ignorieren hilft? Ich bin ganz gut darin, Dinge auszusitzen.
Mann im Ohr: „Du räumst immer alles auf. Deine Wohnung und Deinen Balkon, Dein Auto. Sogar Deinen Desktop.“
Ich: „Der Schreibtisch im Büro wäre mal wieder dran. 5S ist das nicht mehr. Aber das geht erst Montag wieder.“
Der kleine Mann lässt sich nicht beirren. „In Deinem Kopf herrscht Chaos. Hier stapeln sich Glaubenssätze und unausgegorene Gedanken. Wir müssen ordnen, aussortieren, vielleicht ein paar Neuanschaffungen machen. Je nachdem, was die Bestandsaufnahme ergibt.“ Bei dem Wort ‘Neuanschaffungen’ wird es warm in meinem Bauch.
Ich: „Ich verstehe das alles nicht. Dass ich nicht denken soll, macht es nicht grade leichter.“
Mann im Ohr: „Ich habe in den letzten Tagen eine Analyse durchgeführt.“
Ich: „Von was?
Mann im Ohr: „Umfassend. Alles hier oben. Wertvorstellungen, Fähigkeiten, geistige Leistungsfähigkeit, Verhalten.“
Ich bin mir nicht sicher, ob ich das Ergebnis wissen will.
Mann im Ohr: „So schlimm ist es nicht! Du musst Dir gar keine Sorgen machen. Deine Wertvorstellungen passen prima zu dem Beziehungstyp, der gut für Dich ist und zu dem Mann, den Du Dir wünscht.“
Ich: „Dann ist doch alles gut?“ Mir behagt diese Operation nicht. Warum geht das nicht in Vollnarkose?
Mann im Ohr: „Die Wertvorstellungen bilden aber nur einen Teil der Basis. Zusammen mit Glaubenssätzen. Deine Fähigkeiten und Dein Verhalten fußen darauf. Die Glaubenssätze müssen wir aussortieren.“
Mir wird flau. „Ich verstehe das alles nicht.“ Ich bin völlig k.o. vom Nicht-Denken. Aber dann habe ich doch noch eine Frage. „Was für ein Beziehungstyp passt denn zu mir? Und was für einen Mann will ich?“
Der kleine Mann seufzt. „Wir müssen wirklich ganz von vorn anfangen.“ Ich gähne. In meinem Kopf bewegt sich etwas. Jemand räumt sein Bett zurecht. „In diesem Chaos findet man kaum einen Schlafplatz. Vielleicht vertagen wir das doch auf morgen. Wir haben ja keine Deadline.“ 

Ich bin ein Kopfmensch

Mein erster Tag mit ausgeschaltetem Verstand neigt sich dem Ende zu. Ich sitze auf dem Sofa und frage mich, ob ich irgendetwas falsch gemacht habe. Ich habe organisiert und Routinearbeiten erledigt und versucht, nicht zu denken. Es fühlt sich an, als müsste ich den ganzen Tag meditieren. Dabei fällt mir das schon für 20 Minuten schwer. Und ich langweile mich. Mein Bauch sagt nichts.

Ich weiß auch gar nicht, wie ich mit ihm kommunizieren soll. So ein Gluckern ist ja nicht unbedingt selbstsprechend.

„Du verstehst den Mann in Deinem Bauch nicht?“ meldet es sich aus meiner linken Ohrmuschel.
Ich: „Den – was? Da wohnt wer?“ 
Mann im Ohr: „Natürlich. Wie sollte dein Bauch denn sonst mit Dir kommunizieren?“
Ich: „Er kann doch gar nicht atmen da drin.“
Mann im Ohr: „Du hast doch auch 9 Monate in einem Bauch gelebt und bist nicht erstickt.“ 
Ich: „Aber ich habe ihn noch nie sprechen hören.“
Mann im Ohr: „Er spricht nicht. Die Akustik da unten lässt das nicht zu.“
Ich: „Aber wie funktioniert das dann?“
Mann im Ohr: „Mir war nicht klar, dass Du seine Sprache nicht verstehst. Warte…“

Ich bekomme Angst. Was, wenn die Operation scheitert oder mir etwas passiert, weil ich ihn nicht verstehe? Warum konnte ich in der Schule zwischen Englisch, Latein und Französisch…noch bevor ich den Satz beendet habe, tönt es „Aufhören! Sofort! Entspann Dich einfach.“. Ich atme ein und aus und zähle mit, wie ich das beim Meditieren gelernt habe. Just one. Just two. Just three. Just …

Mann im Ohr: „Ich habe die Anleitung gefunden. Sie lag ganz weit unter den an der Wand verschraubten Glaubenssätzen. Eine Ecke klemmt immer noch unter ‘Ordnung ist das ganze Leben’. Ist abgerissen. Aber das Wichtigste steht hier:

  1. Wenn Du jemandem begegnest, den Du magst, macht der Mann einen kleinen Hüpfer auf der Stelle.
  2. Wenn Du jemanden nicht magst, dreht er sich sitzend auf der Stelle und klopft dabei mit Fäusten und Füßen auf den Boden. Je stärker das Klopfen, desto größer die Antipathie.
  3. Wenn Du Dich freust, dreht er sich schnell liegend auf der Stelle. Dabei kann ein Wärmegefühl im ganzen Bauchraum entstehen.
  4. Wenn Du Angst hast oder Gefahr witterst, steht er stocksteif in der Mitte und greift nach beiden Wänden, um sich festzuhalten. Dabei zieht sich der Bauch manchmal zusammen, weil die Arme des kleinen Mannes nicht lang genug sind.
  5. Wenn Dich jemand enttäuscht oder Du traurig bist, sitzt er still da und legt seinen Kopf in seine Arme. 
  6. Wenn Du nervös bist, läuft er ruhelos von einem Ende zum anderen. Je mehr sich das Gefühl legt, desto langsamer werden seine Schritte.
  7. Wenn Du ein schlechtes Gewissen hast, klopft der kleine Mann mit der flachen Hand an Deine Bauchwand. Wenn es sehr schlimm ist, nimmt er die Fäuste.
  8. Wenn Du Dich verliebst, tanzt er im Kreis. Das Gefühl nennen Menschen ‘Schmetterlinge im Bauch’.

Das ist totaler Blödsinn. Wie sollen Schmetterlinge in einem Bauch überleben? Geschweige denn fliegen. Da ist ja keine Luft. Meistens jedenfalls nicht.

Hilft Dir das? Du bist so still?“

Ich: „Was soll ich denn sagen ohne Gedanken?“

Ich bin froh, dass der kleine Mann – also der im Kopf – die Anleitung gefunden hat. Ich muss mir einen Spickzettel schreiben, damit ich im Notfall nachschauen kann, was der Bauch meint. „Ich glaube, ich gehe einfach schlafen. Dann mache ich wenigstens nichts falsch.“ Der kleine Mann nickt. „Wir machen dann morgen weiter.“ Ich bin sogar zu müde, um zu fragen, womit.