Wanted: Marlboro-Mann

Ich meine keine Raucher. Und in diesem Fall meine ich auch Frauen.

Mir geht die Sache mit dem Konjunktiv nicht aus dem Kopf. Und da musste ich an einen Mann denken, der niemals im Konjunktiv leben würde. Der Marlboro-Mann.
Marlboro-Männer sind DAS Symbol für Männer mit ‘Eiern’. Sie strotzen vor Testosteron und Freiheitsdrang und natürlich wissen sie genau, was sie wollen. Sie sind mutig. Sie sagen niemals ‘vielleicht’.
Zu keiner anderen Marke hätte die MAYBE-Kampagne besser gepasst. Ich erinnere mich spontan an

Don´t be a MAYBE
MAYBE never wins und
 MAYBE

Sie hat den Nerv unserer Zeit getroffen. Sie hat meinen Nerv getroffen. Obwohl ich Nichtraucherin bin und finde, dass Raucher furchtbar stinken.

Noch nie habe ich so viel ‘vielleicht’ gehört wie in den letzten Jahren. Und so viel ‘aber’. Und beides in Kombination.

Das mit uns ist exklusiv, aber zusammen sind wir nicht.

Vielleicht komme ich zur Party. Ich habe noch nichts vor bisher und sag mal ja. Aber vielleicht ergibt sich noch was anderes.

Es läuft nicht mehr zwischen uns, aber wir bleiben verheiratet. Vielleicht trennen wir uns irgendwann.

Lass uns vielleicht mal wieder was machen.

Ich bin so unglücklich in meinem Job. Vielleicht sollte ich mir was Neues suchen. Aber irgendwie weiß ich nicht so recht.

Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder.

Ich bin kein MAYBE. Ich bin ein Yes oder No. Sehr selten sage ich mal ja oder nein zu etwas und ändere meine Meinung noch mal. Vor ein paar Tagen zum Beispiel.
Letztes Wochenende war ich shoppen, das war, als meine Mutter mir den Pünktchen-Schlafanzug gekauft hat. Und ich an Katrin denken musste wegen des nicht gekauften Boss-Mantels. Da habe ich einen Hosenanzug anprobiert. Einen dieser fancy ones in supersoftem Stretch, der sich anfühlt wie eine Yogahose. Meine Mutter fand ihn toll an mir. Ich habe mich dafür entschieden und zuhause gemerkt, dass ich darin zwar super aussehe, mich aber fühle, als hätte ich einen Pyjama an. Es ist das Stoffgefühl auf der Haut. So kann ich  nicht vor einem Kunden stehen und seriös wirken. Ich fühlte mich ‘nackt’. Also habe ich ihn heute umgetauscht.

„Die Leute würden Dich wahrscheinlich lieber nackt sehen als in dem Ding.“ murmelt es.

Das hätte der kleine Mann mir auch früher sagen können. Dann hätte ich ihn heute nicht extra in die Stadt fahren müssen.
Aber dann hätte ich mich auch nicht verliebt. Ungeplant. So richtig. In Schuhe. Sie sind aus taupefarbenem Wildleder und haben einen schmalen, aber nicht zu schmalen Absatz. Schmal genug, um elegant auszusehen, aber nicht so schmal, dass man auf Kopfsteinpflaster in den Ritzen hängenbleibt. Hoch genug, um was herzumachen und flach genug, um bequem zu sein. Eine aufgesetzte Schnürung macht ihn gerade so besonders, dass er ins Auge fällt, ohne zu abgefahren zu wirken. Er ist schmal geschnitten und sitzt wie angegossen. Er wirkt ebenso zierlich wie ich. Er ist perfekt. Wie für mich gemacht. Und ich habe spontan, laut und deutlich ja zu ihm gesagt. Innerlich. Ein lautes Juchzen im Laden wäre mir unangenehm gewesen.

So sollte es sein. Wir sollten nein sagen zu Dingen, mit denen wir uns nicht gut fühlen und ja zu denen, die wir lieben. Wir sollten nicht ‘vielleicht’ sagen, wenn wir ‘nein’ meinen.

Aber das scheint unpopulär zu sein. Wir sind so indifferent geworden. Mutig ist das nicht. Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit, das Geheimnis der Freiheit aber ist der Mut. Sagte Perikles.

Wer mutig ist, sagt ja oder nein. Wer mutig ist, trifft klare Entscheidungen. Wer mutig ist, sagt die Wahrheit, auch wenn sie unbequem ist. Wer mutig ist, nimmt in Kauf, dass er erst hinterher wissen wird, ob eine Entscheidung ‘richtig’ war.

MAYBE never fell in love.

Ich möchte mehr Marlboro-Menschen in meinem Leben. Und einen Marlboro-Mann an meiner Seite. Am besten einen, der nicht raucht. Ich hätte sogar Möhren und Äpfel da für sein Pferd. Er dürfte mich mit seinem Lasso einfangen und dann…

„Ich habe was gefunden!“ ruft der kleine Mann aufgeregt.
Ich: „In meinem Kopf?“
Mann im Ohr: „Ja. Es gab auch noch ‘MAYBE you should go fuck yourself’. Was soll damit passieren?“

Den Satz behalten wir. Nur für den Fall der Fälle. In meinem Bauch hüpft es ein kleines bisschen und der Mann in meinem Kopf freut sich. Er sucht den richtigen Platz für den Satz. Nicht zu prominent, aber so, dass ich ihn notfalls schnell parat habe.

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