Lassen wir zu schnell los?

Oder zu langsam?

Der kleine Mann und ich sortieren weiter aus. Er hat alle möglichen Sätze in meinem Kopf gefunden. ‘Erst die Arbeit, dann das Vergnügen’ zum Beispiel. Das kommt von beiden Omas und meiner Mutter. Und Freundinnen meiner Mutter. Und Lehrern. Da standen so viele Absender drauf, dass der kleine Mann fast den Überblick verloren hätte. Nur mein Vater fehlte.

„Deinem Vater könnte ein bisschen mehr davon nicht schaden.“ meldet sich jemand.
Ich: „Na ja, er ist eben ein Genießer.“
Mann im Ohr: „Das verstehe ich nicht. Du hast doch eben gesagt, Du willst den Satz behalten, weil Du eine Genießerin bist. Ist der Satz nun für Genießer oder nicht?“

Ich verstehe seine Verwirrung. Ich bin eine Genießerin.
Ich liebe guten Kaffee und Wein und E S S E N. Sonnenstrahlen, wenn es dabei nicht zu warm ist. Massagen. Und wenn mir jemand den Nacken streichelt.
Aber all das genieße ich viel besser und vor allem intensiver, wenn ich dabei keine Pflichten im Hinterkopf habe. Wenn ich weiß, dass die Arbeit erledigt ist, ist es mindestens doppelt so schön. Manchmal lasse ich trotzdem einfach alles liegen und gönne mir was. Und das genieße ich auch. Aber nicht so. Wenn ich erst arbeite, pimpe ich damit quasi das Glücksgefühlt beim Genuss. Deshalb soll der Satz bleiben.
Mein Vater ist da, glaube ich, anders gestrickt. Er vergisst die Pflichten einfach, während er genießt. Der Satz ist also was für den einen Genießer und für den anderen nicht.

„Weißt Du noch, der Artikel, den wir neulich mit Deiner Schwester gelesen haben? Darin ging es auch um Genuss pimpen.“ Jemand klingt neugierig.
„Über den reden wir nicht. Das war wirklich gequirlte Scheiße!“ Ich bin spontan wütend. Der Mann in meinem Bauch turnt wild durch die Gegend und boxt dabei. Jedenfalls fühlt es sich so an.
Mann im Ohr: „Ich fand das Thema interessant. Dann erklärst Du mir das vielleicht ein anderes mal?“ Er klingt verunsichert.
Ich: „Meine Wut hat nichts mit Deiner Frage zu tun, nur mit dem Artikel. Vielleicht ein anderes mal.“

Wir sind noch auf einige andere Sätze gestoßen. ‘Was nix kost is auch nix’ und ‘Weil was was kost isses noch lang nix’. Den Absender konnte man nicht mehr erkennen, aber bei der Sprache muss es von meiner Familie väterlicherseits kommen. Obwohl meine religiöse Oma das auch gesagt hat, glaube ich. Und meine Mutter.
Jedenfalls finde ich das in den allermeisten Fällen zutreffend. Ich muss spontan an billiges Fleisch aus nicht artgerechter Haltung denken. An Leute, die sich beschweren, dass in ihrer 1,49 EUR ‘teuren’ Lasagne Pferdefleisch ist und kein Rind und sich nie die Frage gestellt haben, wie man für den Preis überhaupt Fleisch produzieren und verpacken kann. An Eier aus Legebatterien und an Ikea-Möbel, die höchstens einen Umzug überstehen. Und an Jeans, die unter furchtbaren Bedingungen in Bangladesch gefertigt werden. Bei den Jeans passen gleich beide Sätze. Weil nicht nur Billiganbieter, sondern auch teure Designermarken dort produziert wurden. Werden? Ich bin da nicht up to date.

Jedenfalls war gleich klar, die Sätze bleiben. Ich bin relativ beruhigt, wie viele taugliche Sachen der kleine Mann oben gefunden hat. Aber man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Wer weiß, was da noch kommt.

Mann im Ohr: „Sollen wir den behalten?“
Ich: „Wen?“
Mann im Ohr: „Den Tag nicht vor dem Abend.“
Ich: „Ach so. Mmh.“ Ich muss überlegen. Einen wirklichen Mehrwert sehe ich da nicht. Wenn die erste Tageshälfte super war, kann ich die doch schon mal ‘loben’ und mich drüber freuen? Der Satz will ja suggerieren, dass genau dann was schiefgeht. Abergläubisch bin ich nicht so richtig. Natürlich wäre denkbar, dass durch die Erleichterung darüber, dass etwas gut gelaufen ist, die Aufmerksamkeit nachlässt und dann…
Mann im Ohr: „Hey, Verstand runterfahren. Was sagt der Bauch?“ Der sagt nix. Kein Hüpfer, kein Protest.
Ich: „Weg damit. Das sagt er zwar nicht. Aber wenn er ihn nicht behalten will, kommt er weg. Ich will keinen unnötigen Ballast.“

Es fällt mir leicht, mich von Dingen zu trennen. Ich könnte spontan nichts benennen, dessen Verlust mich umhaun würde. Klar gibt es Dinge, die ich mag und an die ich mich gewöhnt habe. Mein Cashmere-Kleid. Der antike Stuhl von meiner Großtante, den ich mühevoll aufgearbeitet habe. Aber wenn das weg wäre, würde meine Leben doch genauso weitergehen wie bisher. An einigen Büchern hänge ich. Aber die könnte ich mir ja jederzeit neu kaufen. Manche Fotos würden mir fehlen, aber auch das würde ich verkraften.

Mann im Ohr: „Was ist jetzt mit diesem Typen? Trennst Du Dich von dem?“
„Puh. Schwierige Frage.“ Der Mann in meinem Bauch sagt nichts. Nach der Logik von eben müsste ich mich ‘trennen’. Ich bin nicht mit ihm zusammen oder so, es lief nicht mal was zwischen uns. Aber es ist einer, der sich irgendwie zu interessieren scheint. Eigentlich kann man das ‘irgendwie’ streichen. Er hat schon Pläne gemacht und will einige Sachen mit mir unternehmen. Er ist nett und intelligent und sieht sehr gut aus. 
Der Mann im Ohr flüstert: „Er ist das Ebenbild von Ben.“ 

Ich seufze. Ist er wirklich. Gleiche Größe, gleiche Haarfarbe, gleicher Schnitt, gleiche Figur, gleiche Augenfarbe, gleiche Augenbrauenform, sehr ähnliches Gesicht. Gruselig fast. Ben´s Nase war ein bisschen schmaler und er hatte schönere Zähne. Vielleicht sind sie eigentlich Brüder und das ist so ein Doppeltes-Lottchen-Ding.
Das Problem mit Mika ist, dass er mir auf die Nerven geht. Jetzt schon. Das liegt vor allem an der Verwendung von Emojis in Sms. Das klingt total lächerlich. Man sollte sich seinen Partner nicht nach der Verwendung von Emojis auswählen. Oder? Ich muss wieder an meinen ehemaligen Projektleiter denken, der meinte, es sei so schwierig, es Frauen recht zu machen heutzutage.
Ich bin ohnehin kein Riesenfan von Emojis. Ich würde gut ohne auskommen. Es ist ein nice-to-have. Ich setze sie je nach Situation ein. Aber es gibt Menschen, die keine Nachricht schreiben können ohne diese Dinger drin. Und die sie – zumindest scheint es mir so – völlig willkürlich einsetzen. So jemand ist Mika. Ich habe quasi keine Nachricht ohne Zwinker-Smiley von ihm. Er fragt, wo wir uns treffen wollen und hängt einen Zwinker-Smiley dahinter. Er sagt mir, dass er Volker Pispers besser findet als Hagen Rether und macht einen Zwinker-Smiley dahinter. Er hofft, dass ich gut schlafe und…

Der kleine Mann unterbricht mich. „Ich glaube, Deine Leser haben es verstanden.“ 
Wir schweigen und ich denke nach, ob ich Mika nun ‘aussortiere’.
Ich: „Ich weiß es wirklich nicht. Er geht mir furchtbar auf die Nerven. Er unterbricht mich auch dauernd.“ Ich rede gern und viel und wenn ich so gar nicht zu Wort komme, ist das sehr ungewöhnlich. Aber diese Emoji-Sache nervt mich fast noch mehr.
Ich: „Ich glaube, das ist so einer, der jeden seiner eigenen Sätze für wahnsinnig witzig hält.“
Mann im Ohr: „Aber das sind sie nicht. Ich habe noch nichts Witziges von ihm gelesen.“
„Ich auch nicht.“ Der Mann an meiner Seite muss auch gar nicht witzig sein. Aber einen Möchtegern-Scherzkeks ertrage ich nur schwer. Ich komme zu keiner Entscheidung. „Kleiner Mann, was würdest Du mir denn raten? Es kommt mir total kleinlich vor, wenn ich so was zum Kriterium mache. Aber es nervt mich und wie soll ich denn mit einem Mann glücklich werden, der mir schon vor dem ersten Kuss auf den Keks geht?“
Mann im Ohr:  „Vielleicht küsst er wahnsinnig gut und geht Dir nach dem Küssen viel weniger auf die Nerven?“
Ich: „Aber seine Art wird doch bleiben. Und ich kann ihn ja nicht permanent küssen, damit er die Klappe hält.“
Mann im Ohr: „Wenn man verliebt ist, hat man die rosarote Brille auf und nimmt solche Marotten gar nicht wahr. Das kommt erst viel später.“

Na toll, wir sind wieder beim Thema. Ich bin einfach nicht verliebt.

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