Ich brauche einen Mann

Vielleicht hilft es, wenn ich das hier so fettgedruckt hinschreibe?

Der kleine Mann hat wieder mal einen Satz in meinem Kopf gefunden. Mehrere zusammenhängende sogar. Und bisher haben wir keine Möglichkeit gefunden, das Monster zu entsorgen. Ich habe ganz devot meinen Kopf schräg gelegt – das mit dem devot sein geht nämlich doch. Wenn der kleine Mann mir Anweisungen gibt, befolge ich sie. Aber das Zeug ist trotzdem nicht rausgekommen und irgendwann war mein Nacken steif.

‘Ich brauche keinen Mann. Es geht wunderbar ohne.’ hängt in meinem Kopf fest. Das kommt von meiner Oma. Der, die so jung Witwe geworden ist und danach nie wieder einen Mann hatte, weil sie meinen Opa so geliebt hat. Meine Mutter stand auch als Absender drauf. Auch sie kommt wunderbar ohne aus. Sie hat ja Freunde und ein Haus und nette Nachbarn und drei Kinder und einen Beruf.
An den beiden Sätzen hing noch ‘Wozu denn? Löcher bohren kann ich selbst, sogar in die Decke. Geld verdienen auch, Yannick schleppt schwere Sachen für mich und Eric krault mir bei Bedarf den Nacken. Und die Wahrscheinlichkeit für einen Orgasmus…’
Dann wurde es unleserlich.
Aber es ist auch so schon schlimm genug. Der letzte Satz, den man ja nur erahnen kann, stimmt so auch nicht. Aber Glaubenssätze haben ja auch keinen Wahrheitsanspruch. Schon gar nicht in postfaktischen Zeiten.

„Kleiner Mann, was machen wir damit? Wenn ich das nicht los werde, werde ich doch nie einen Mann finden. Ich werde nicht mal einen finden w o l l e n.“
Mann im Ohr: „Du funktionierst besser unter Druck. Wenn etwas wirklich dringend war, hast Du das immer hinbekommen. Aber wie ich da jetzt den Druck erhöhen soll, ist mir schleierhaft.“
Ich: „Wenn ich dümmer und unselbständiger wäre, würde ich eher glauben, dass ich einen Mann brauche.“
Mann im Ohr: „Vielleicht probierst es mit Drogen, die Deine Hirnzellen zerstören und mittelfristig zum Jobverlust führen?“
Ich: „Sehr witzig.“ Ich denke nach. „Weißt Du, es stimmt doch. B R A U C H E N tue ich einen Mann nicht. Mal angenommen, ich könnte keine Löcher bohren und wäre arbeitslos und würde mich deshalb auf die Suche nach einem Mann machen und einen finden. Das wäre doch keine gute Basis? Der arme Kerl. Es ginge dann ja nur um seine ‘Funktion’ und nicht um ihn. Deshalb finde ich den Satz gar nicht so schlimm.“
Mann im Ohr: „Und weil Du ihn ‘nicht so schlimm’ findest, konnte der Klumpen ungehindert wachsen. Er ist ja größtenteils richtig. Aber er ist viel zu groß. Zu dominant. Und: ich habe keinen Gegenspieler gefunden, der das relativieren würde.“
Ich: „Zu Ben habe ich auch immer gesagt, dass ich ihn nicht brauche. Ich habe immer gesagt, dass ich wunderbar ohne ihn leben könnte. Das aber nicht will. Damals hat der Satz nicht geschadet.“
Mann im Ohr: „Vielleicht ist das mit dem Wollen ein Ansatz. Wenn wir ein ungefähr gleich dominantes ‘Ich will einen Mann’ hätten…“
Ich: „Nein! Da oben ist ja nur begrenzt Platz. Ich will nicht, dass sich da oben alles nur um Männer dreht!“
Mann im Ohr: „Mmh. Dann müssen wir uns was anderes überlegen.“

Der kleine Mann klettert über mein Ohrläppchen und eine Haarsträhne auf meine Nase. Das geht nur am Wochenende und an Feiertagen, weil ich sonst immer die Haare zusammen mache. Er setzt sich im Schneidersitz hin, stützt sein Kinn in seine winzige Hand und macht ein nachdenkliches Gesicht.

Eigentlich ist es kein Wunder, dass ich denke, ich bräuchte keinen Mann. „Vielleicht ist das Problem, dass ich im Grunde für jede Lebenslage einen Mann habe? Wenn meine Heizung nicht funktioniert, kommt der Hausmeister. Ich habe mehrere Männer für intellektuelle Gespräche und einen, der mit mir ins Kino oder essen geht und einen, der mir schwere Sachen schleppt und einen, bei dem ich Tag und Nacht anrufen könnte, wenn es mir schlecht ginge und einen zum Klettern und einige, die ganz selbstlos angeboten haben, mit mir zu schlafen. Auch wenn ich das nicht alles in Anspruch nehme, ist es doch beruhigend.“
Mann im Ohr: „Das war nicht selbstlos!“
Ich: „Da war eine Prise Sarkasmus drin. Du musst lernen, mich nicht immer so ernst zu nehmen.“

Ich fange an zu schreiben, um mich abzulenken. Die besten Ideen kommen einem doch, wenn man sich nicht mehr mit dem Problem beschäftigt. Der Mann auf der Nase bleibt dort eine Weile sitzen und macht dann einen ‘herabschauenden Hund’. Dann versucht er einen Kopfstand. Wenn das mal gut geht.

Ich frage: „Meinst Du nicht, das ist zu gefährlich ohne Wand?“
Mann im Ohr: „Annette hat gesagt, man soll Umkehrhaltungen machen, wenn man Dinge aus einem anderen Blickwinkel betrachten will. Die umgekehrte Körperhaltung wirkt auch auf den Geist.“
Da hat jemand zugehört beim Yoga.
Ich: „Vielleicht solltest Du in meinen Kopf verschwinden, damit Du nicht verlorengehst und ich mache einen Kopfstand. Ich hab mehr Übung und um mich geht es hier ja schließlich.“

Wir machen das und ich stehe geschlagene 5 Minuten auf dem Kopf. Das habe ich früher öfter gemacht und es klappt immer noch. Jetzt bin ich knallrot.

„Weißt Du noch, Dein Streit mit Ethan an der Tankstelle?“ fragt es in meinem Ohr.

Ich erinnere mich. Wir waren mit meinem Auto auf dem Weg in den Urlaub. Ich hatte getankt und dann noch Scheibenwasser nachgefüllt, den Reifendruck überprüft und angepasst und dann kam Ethan aus den Tankstellenshop und hat es gesehen und ist wütend geworden. Weil eine Frau nicht die Motorhaube öffnet. Und auch nicht den Reifendruck anpasst. Dafür hat sie ja einen Mann. Ich habe ihm sinngemäß gesagt, dass er nicht alle Latten am Zaun hat und dann war die Stimmung den ganzen Urlaub über bombig.

„Du hast schon immer gedacht, Du kannst alles allein.“ Das denken alle Frauen in meiner Familie. Es stimmt ja auch. Fast. Der kleine Mann schweigt kurz. Dann fragt er: „Und erinnerst Du Dich an Sandy?“

Allerdings. Meine früher mal Schwägerin. Sie hat nicht eingekauft, weil man dafür Auto fahren muss und das wollte sie nicht. Und Gartenarbeit hat sie nicht gemacht, weil sie dafür zu schwach war. Und gearbeitet hat sie nicht, dafür hatte sie ja ihren Mann. Wenn sie jemand gefragt hat, was sie denn so macht, hat sie gesagt, sie sei Arztfrau. Wie die Frau in der Perlweiss-Werbung, die sagt: „Ich als Zahnarztfrau…“.

Ich: „So will ich nicht sein. Das kann ich nicht. Da lasse ich den Klumpen lieber in meinem Kopf.“
Mann im Ohr: „Eine Mischung wäre gut. Nicht so needy wie Sandy, aber ein bisschen weniger selbständig.“ 

Und dann? Wenn er dann stirbt wie mein Opa und mein Schwager oder mich verlässt? Dann steh ich da und weiß nicht, wie ich klarkommen soll. Dann habe ich Probleme, meinen Alltag auf die Reihe zu kriegen, obwohl der Liebeskummer schon Strafe genug ist.

Ich soll überlegen, wann ich mir das letzte Mal ganz fest einen Mann an meiner Seite gewünscht habe. Gestern Nachmittag. Als ich mir die Kunst angesehen habe, die mir so gut gefiel. Das wollte ich mit jemandem teilen. Und die letzten Nächte, als ich nicht schlafen konnte. Da hätte ich gern jemanden gehabt, der mit mir wach ist oder meine Hand hält im Schlaf. Und als ich in der Bretagne war. Da hätte ich die Küstenwanderung gern mit jemandem gemacht, der genauso schnell läuft wie ich und hätte in den einsamen Buchten gern…

Ich höre ein aufgeregtes „Es schrumpf!“ aus meinem Kopf. Es folgt: „Und ich habe eine Idee. Deine Ohren sind ja nicht die einzige Verbindung nach draußen. Da ist noch Deine Nase und Dein Mund.“ Kopfstand bringt einen tatsächlich auf neue Ideen.
Ich: „Ich soll das Ding in ein Taschentuch schnäuzen? Oder auskotzen?!“
Mann im Ohr: „Wenn es durch Dein Ohr nicht passt, warum nicht?“
Ich: „Igitt. Durch die Nase geht ja vielleicht noch. Durch den Mund kommt nicht in Frage!“
Mann im Ohr: „Denk weiter an Situationen, in denen Du einen Mann vermisst und ich schiebe das Ding in die richtige Richtung.“

Ich denke ein bisschen vor mich hin und plötzlich kitzelt es ganz furchtbar in der Nase und ich muss niesen. Und dann habe ich einen ziemlich unappetitlichen Haufen vor mir liegen. Er ist so groß, dass in meinem Kopf kaum Platz für etwas anderes gewesen sein kann.

Jetzt könnte ich jemanden gebrauchen, der die Sauerei wegmacht. Oder mich zumindest hinterher ein bisschen tröstet und in den Arm nimmt.

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