Ich wär so gern naiv

Nach unserem Erlebnis am letzten Wochenende musste ich noch eine Weile über die Frauen in meiner Familie nachdenken. Und daran, dass alle so furchtbar selbstständig sind. Alle meine weiblichen Vorbilder waren ohne Mann glücklich. Oder mit Mann unglücklich.

So wie meine religiöse Oma. Dabei war mein Opa ein feiner Kerl. Groß, schlank, gutaussehend, handwerklich begabt, treu – von so einem Mann wäre ich hin und weg. Aber es waren andere Zeiten damals. Es war Krieg und man hat nicht zwangsläufig den geheiratet, den man geliebt hat. Als Frau war man manchmal auch einfach nur froh, bei dem Männermangel einen Versorger gefunden zu haben. Ich weiß nicht genau, ob das bei meiner Oma so war, aber sie war meistens verbittert und unglücklich und hat sehr viel auf meinen Opa geschimpft.

Es ist also nicht verwunderlich, dass sich in meinem Kopf so ein Monster festgesetzt hatte.

Außerdem war ich auf einer reinen Mädchenschule. Da ist mir beigebracht worden, dass Mädchen alles können. Alles. Sogar Mathe und Physik. Wenn man nur die Männer von ihnen fernhält. Ich bin mir nicht sicher, was ich von diesem monoedukativen Ansatz halten soll. Jedenfalls hat die Kombination aus meiner familiären Situation und dieser Schule sicher nicht dazu beigetragen, dass ich die Anwesenheit von Männern in meinem Leben für besonders sinnvoll hielt.

„Du hast da auch sticken gelernt.“ erinnert sich der kleine Mann.
Ich: „Und häkeln.“
Mann im Ohr: „Und wie man Crêpes backt.“
Ich: „Man hat uns dort zu kleinen später mal guten Ehefrauen gemacht.“
Mann im Ohr: „Aber die haben was Entscheidendes vergessen: Männerkunde.“
Männerkunde?
Mann im Ohr: „Die haben das Pferd von hinten gesattelt oder wie man das nennt.“
Ich: „Aufgezäumt. Von hinten aufgezäumt. Das Zaumzeug gehört nach vorn beim Pferd. Der Sattel ist hinten schon richtig.“
Mann im Ohr: „Die haben nicht bedacht, dass ihr erst mal überhaupt einen Kerl finden müsst, bevor ihr irgendwem eine gute Ehefrau sein könnt.“

Der kleine Mann ist klug. Aber was hätten wir lernen sollen in Männerkunde?

„Anatomie?“ kommt ein Vorschlag aus meinem Ohr.
Ich: „Mich haben Nonnen unterrichtet. Und Frauen, die ähnlich getickt haben wie die. Wir haben Aufklärungsunterricht am Beispiel von Pferden gehabt.“
Mann im Ohr: „Was Männer wollen?“
Ich: „Da ist doch jeder Mann anders, oder? Ich finde auch, da ist ‘learning on the job’ irgendwie spannender.“
Mann im Ohr: „Job? Du kannst Männer doch nicht mit Deinem Job vergleichen.“
Ich: „Stimmt. Learning by doing meinetwegen.“
Mann im Ohr: „Trial and Error. Das würde die Situation besser beschreiben.“
Ich muss lachen. „Wir hatten genug Errors.“
Mann im Ohr: „Du weißt inzwischen auch fast alles. Auf Anhieb fällt mir nichts ein, was ich Dir noch beibringen müsste. Anatomie sitzt, zumindest dafür, dass Du in Bio immer so schlecht warst. Du sortierst Bad Boys und Nervensägen in Rekordzeit aus…“
Ich: „Apropos Nervensäge. Ich habe Mika aussortiert.“
Das hatte der kleine Mann schon mitbekommen. Er sieht wirklich immer alles.
Mann im Ohr: „Du bist nicht mehr nett zu Männern, die das nicht verdient haben.“
Ich: „Ich habe Mika wörtlich gesagt, dass er nicht mehr alle Latten am Zaun hat und Uli, dass er ein Riesenarschloch ist.“

Auch das ist nicht neu für den kleinen Mann. Ich habe mich geärgert, dass mir das ‘Riesenarschloch’ so rausgerutscht ist. Hätte ich länger nachgedacht, wäre mir bestimmt was Cooleres eingefallen. Hipperes. Wie sagt man das heute? Ich glaube, weder cool noch hip noch Arschloch sind noch coole und hippe Wörter.

Mann im Ohr: „Und Du verschwendest Deine Zeit nicht mehr mit Männern, die keine ‘Fuck Yes’-Typen sind.“
Ich: „Aber ich weiß immer noch nicht, wie ich die richtige Balance zwischen Vertrauen und Misstrauen finde.“

Ich meine mit Misstrauen nicht irgendwas mit Fremdgehen oder so. Ich rede nicht davon, dass ich in das Handy meines Partners schaue. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich einfach zu viele schlimme Dinge mitbekommen habe.

Mann im Ohr: „Du hast früher manchmal ein Date zum Verhör gemacht.“
Ich: „Aber nicht so, dass mein Gegenüber das gemerkt hat.“
Mann im Ohr: „Das macht es nicht besser.“
Ich: „Moment, ich glaube nicht, dass die Leser verstehen, von was wir reden.“

Ich habe einiges gelernt in den letzten 36 Jahren. Zum Beispiel, dass die ‘bösen Jungs’ nicht zwingend die sind, die tätowiert sind oder rauchen. Die bösen Jungs sind oft die Unscheinbaren. Die Familienväter, die hilfsbereiten Nachbarn, die Großväter, die Chorleiter und Reitlehrer. Die, denen wir unsere Kinder anvertrauen und denen wir bereitwillig erzählen, was uns bewegt. Das ist kein Cliché aus Kriminalromanen, das ist Erfahrung aus Beruf und in Teilen aus meinem Privatleben. Erschreckenderweise wird das Ganze auch noch durch Statistiken belegt.
Es kommt so gut wie nie vor, dass ein ‘böser Mann’ aus dem Gebüsch springt und einem vorbeilaufenden Mädchen zwischen die Beine fasst. Aber es gibt viele Fälle, in denen Großväter das bei Ihren Enkelinnen tun und ihnen erzählen, dass Mama stirbt, wenn sie es erzählen. Es gibt nur wenige Täter, die aus Mordlust umherziehen und töten, aber viele, die es aus ‘Liebe’ tun. Aus enttäuschter Liebe oft. Es sind die Männer oder Frauen, mit denen wir mal freiwillig Tisch und Bett geteilt haben, die uns die schlimmsten Dinge antun. Es sind die Menschen, mit denen wir jahrelang um den Weihnachtsbaum gesessen haben, die große Nummern in der Kinderpornoindustrie sind. Es sind die, die großzügig spenden und sich in der Kirche engagieren, die einen Teil ihres Geldes mit Frauenhandel machen.

Weil ich das weiß, bin ich misstrauischer, als ich es gern wäre. Ich wäre so furchtbar gern naiv und würde die Augen verschließen vor schlimmen Dingen, aber das kann ich nicht.

Wenn ich ein Date mit einem weitgehend unbekannten Mann habe und er irgendetwas sagt, was mir komisch vorkommt, befinden wir uns im übertragenen Sinne im Ermittlungsverfahren. Ein Ermittlungsverfahren wird von der Staatsanwaltschaft eingeleitet, wenn der Verdacht einer Straftat besteht. Ein sogenannter Anfangsverdacht genügt. Ich war mal mit einem Typen aus, den ich online kennengelernt hatte. Er hatte eine kleine Nichte, die war nicht mal ein Jahr alt. Er hat viel von ihr erzählt. Zu viel, fand ich. Er hatte auch zu viele Bilder von ihr auf dem Handy. Und seine Augen haben zu sehr geglänzt, wenn er von ihr gesprochen hat. Als er dann noch erzählt hat, dass er täglich hinfährt, um sie zu sehen und wie gern er mit ihr kuschelt, ist mir echt die Spucke weggeblieben. Ich habe scheinbar das Thema gewechselt und erzählt, dass ich in einer seriösen Frauen-Zeitschrift etwas über die neuesten Intimfrisuren gelesen habe. Und dass ich mich wundere, dass da heute nichts mehr über Diäten, sondern über so was drin steht. Er ist drauf angesprungen. Und – S U R P R I S E – er fand, dass ganz kahl doch am schönsten ist. Ich habe mit meinem charmantesten Lächeln gesagt „Aber mal ehrlich, wenn man eine Frau attraktiv findet und verliebt ist und man gerade wild rummacht, ist einem das im Zweifel doch echt egal, oder?“. Nein, fand er nicht. Er würde sie erst mal ins Bad schicken zum Rasieren. In dem Moment habe ich gedanklich die Anklageschrift verfasst. Und ihn nie wieder gesehen.
Ich bin klein und zierlich und habe kleine Brüste. Ich habe etwas ‘mädchenhaftes’. Wenn sich ein Pädophiler eine Frau sucht, dann einen Typ wie mich. Da muss man doch vorsichtig sein.

Einem – das war kein Date – ist mal rausgerutscht, dass er seine Frau geschlagen hat. Er war Witwer und ich frage mich bis heute, ob er sie nur geschlagen oder auch getötet hat. Weil er zu unbeschwert war für einen, der einen Verlust erlitten hat. Es gibt die Menschen, die über einen Verlust ‘hinweg’ sind, die wieder anfangen, ihr Leben zu leben, zu lachen und fröhlich zu sein. Aber meistens strahlen sie eine unterschwellige Ernsthaftigkeit aus. Man bemerkt oft kleine Details, die sie von anderen unterscheiden. Sie genießen eine Spur intensiver, wissen das Leben mehr zu schätzen und es gibt diese ganz kurzen Momente, in denen man einen kleinen Schatten in ihren Augen bemerkt. Das alles gab es bei ihm nicht.  Er hat auch bis auf diesen Ausrutscher nie von ihr gesprochen. Es war, als hätte sie nie existiert.

Mann im Ohr: „Aber es ist besser geworden. Du bist viel seltener in solchen Situationen als früher.“ 
Ich: „Ich höre mehr auf meinen Bauch und mache einen großen Bogen um Menschen, sobald der Mann da unten mich warnt. Dann kommen wir nicht mal bis zum Ermittlungsverfahren.“
Mann im Ohr: „Das ist auch gut so.“

Ich wäre trotzdem gern ein bisschen naiver. Es ist leichter, glücklich zu sein, wenn man naiv ist.

Der kleine Mann räuspert sich: „Es kann aber auch tödlich sein. Wie bei allem im Leben gibt es auch dabei zwei Seiten der Medaille.“

Wie wahr.