Ich hatte gestern kein Date. Und letzte Woche auch schon. Glaube ich.
Axel hat gemeint, es sei ein Date gewesen. Also letzte Woche. Von gestern weiß er gar nichts. Er liegt fast immer richtig mit dem, was er sagt. Und jetzt denke ich die ganze Zeit darüber nach.
Letzte Woche hätte von mir aus ruhig ein Date sein dürfen. Da wäre ich gern geküsst worden. Es war so schön und unkompliziert und wild und romantisch. Es hat gestürmt und dann kam die Sonne raus neben lauter dunklen Wolken. Wir waren die meiste Zeit ganz allein. Er hat gut gerochen und sah ein bisschen verwegen aus und hatte eine Mütze auf und ich liebe Männer mit Mützen. Ich mag seine Stimme und wie er mit mir spricht. Aber das ist jetzt nicht das Thema.
Ich rufe den Mann in meinem Ohr. „Kleiner Mann? Bist Du da?“
Mann im Ohr: „Ich bin immer da. In Gegenwart anderer traust Du Dich nur nicht, mit mir zu reden.“
Ich: „War das nun gestern ein Date? Ich bin verwirrt.“
Mann im Ohr: „Ich würde sagen: ja.“
Ich: „Warum? Das war nicht meine Intention.“
Mann im Ohr: „Du hast mal jemanden gefragt, wann ein Date ein Date ist. Erinnerst Du Dich?“
Ja. Das war in Kanada. Da gibt es diese Dating-Kultur schon länger und das hat mich damals schon verwirrt.
Mann im Ohr: „Weißt Du die Antwort noch?“
Ich: „So was in der Art wie: wenn mindestens einer von beiden eine sexuelle Intention hat.“
Mann im Ohr: „Siehst Du.“
Ich: „Und Du meinst, dieser schmächtige, unscheinbare Typ hatte die?“
Mann im Ohr: „Ein Mann, der sich mit einer schönen Frau trifft, hat die immer.“
Ich: „Nein! Ich kenne Männer, bei denen das nicht so ist. Ich habe Freunde. Männliche Freunde. Die noch nie irgendwelche Anstalten gemacht haben. Nicht mal, wenn ich halbnackt und betrunken war.“
Mann im Ohr: „Ja, die hast Du. Du warst nie halbnackt und betrunken. Höchstens eins von beidem. Aber die Frage ist, ob sie nicht wollten oder ob sie Dich zu sehr mochten, um Dir zu nahe zu treten. Oder andere Gründe hatten, es nicht zu tun.“
Ich: „Du machst mein hübsches kleines Weltbild kaputt. Das bisschen Naivität, das ich noch hatte.“
Mann im Ohr: „Du hast diese Naivität schon lange nicht mehr. Du versuchst nur, Dir selbst das einzureden, weil Du Dich sonst nicht guten Gewissens mit Männern wie dem gestern treffen könntest.“
Ich: „Aber wir waren eine Zweckgemeinschaft. Nicht mehr.“
Mann im Ohr: „Du könntest für ihn aber mehr als einen Zweck erfüllen.“
Puh. Das will ich nicht. Ich hatte online nach einem wenn schon nicht Lebens- dann wenigstens Kletterpartner gesucht. Es ist nicht so leicht, jemanden zu finden, der keinen Kletterpartner hat und gewichtsmäßig passt. Das letzte Mal klettern ist noch länger her als das letzte Mal…na ja. Jedenfalls hatte ich so Lust und dann habe ich ihn gefunden. Er wiegt wenig für einen Mann. Er passt klettertechnisch. Aber er ist ein Nerd und ging mir erst mal ziemlich auf die Nerven. Weil er kluggeschissen hat. Mein Sicherungstool war natürlich ‘nicht so gut’, weil man sich damit etwas falsches angewöhnt und dann Fehler macht, wenn man mit einem anderen Tool sichert. Meinen Einwand, dass ich eben konsequent nur dieses Tool verwende, weil es das sicherste auf dem Markt ist, schien er nicht zu verstehen. Dann ist er immer so albern hochgesprungen, bevor er mich runtergelassen hat.
Wäre er mein Freund, würde ich mich fremdschämen. Aber so war es mir egal. Ich habe schon öfter festgestellt, dass es in Kletterhallen viele Klugscheißer gibt. Die stehen unten und rufen ungefragt „Da rechts hast Du noch einen Tritt. Du musst doch N U R mit der linken Hand da über die Kante greifen. Und mit dem kleinen Finger könntest Du da oben rechts hin. Streng Dich an!“. Oder, noch schlimmer, wenn man eine Route problemlos hochklettert „Das ist so nicht gedacht. Du hättest den Tritt mit dem linken Fuß nehmen müssen und dann mit der rechten Hand an den da oben.“. Das sind meistens Leute, die aussehen, als gäbe es für sie keinen anderen Lebensinhalt als klettern. Und alle Kletterklugscheißer, die ich je gesehen habe, waren männlich. Ich bin früher lange mit Inka und dann mit Fatma geklettert. Manchmal hatte Inka noch eine Kollegin dabei. Wir waren alle immer völlig entspannt. Wir sind geklettert, solange wir konnten und keiner hat den anderen angeschrien. Da gab es höchstens mal einen netten Tipp von unten, wenn man einen Tritt wirklich übersehen hatte. Das war schön. Wir haben immer eine Klönpause mit Milchkaffee gemacht und dann eine zweite Runde. Dabei haben wir uns die hübschen Männer angeschaut und uns ein bisschen gewünscht, mit einem von denen nur einmal…na ja. Ich zumindest.
Leider sind aber alle Kletterer, die ich in die Kategorie ‘heiß’ stecken würde, zu muskulös und damit zu schwer für mich. Ist vielleicht auch besser so.
Der von gestern gehört in die erste Kategorie, aber er erfüllt seinen Zweck. Er sichert mich gut und macht Pausen, wenn ich nicht mehr kann. Was will man mehr?
„Er will mehr.“, tönt es von meiner linken Ohrmuschel.
Ich: „Er wollte bald wieder zusammen klettern und ich freu mich schon drauf!“
Mann im Ohr: „Er will bald mehr als klettern und Du manövrierst Dich damit nur wieder in eine unangenehme Situation. Und dann fragst mich wieder, wie Du aus der Nummer wieder rauskommen sollst.“
Ich: „Oder Axel.“
Mann im Ohr: „Der wird sich genauso freuen wie ich. Lass es lieber.“
Früher war das irgendwie einfacher. Bevor dieser komische Dating-Quatsch aus den USA hier rübergeschwappt ist. Das ist genau so ein Blödsinn wie Halloween und der Valentinstag. Braucht kein Mensch. Früher konnte man sich mit einem Mann auf ein Bier treffen und hat sich keine Gedanken gemacht, was man anzieht. Man ist einfach hingegangen und hatte einen netten Abend und es gab keine Erwartungshaltung. Oder sie wurde nicht gezeigt. Auch nicht beim dritten Treffen. Mit dieser komischen 3-Dates-Regel, die in allen möglichen Zeitschriften steht, kommt man ständig in die Bredouille. Wenn ich mit jedem Mann geschlafen hätte, den ich mehr als zwei mal getroffen habe, wäre ich jetzt wahrscheinlich bei Nummer 120.
Der Mann im Ohr klingt fast vorwurfsvoll, als er sagt: „Du hast nicht mal ein Zehntel davon geschafft.“
Ich: „Geschafft? Das ist doch kein Leistungssport!“
Mann im Ohr: „Ich hab´ gelesen, dass Männer mit mehr Frauen schlafen als umgekehrt.“
Ich: „Wie meinst Du das? Wo kommt denn das her?“
Mann im Ohr: „Hier. Lies: Männer haben im Schnitt mit 7,4 Frauen ihr Bett geteilt, Frauen nur mit 4,3 Männern.“
Ich: „Kleiner Mann. Also ich war mal gut in Mathe. Und das kann eigentlich nicht sein.“
Mann im Ohr: „Wieso?“
Ich: „Die reden ja nicht von homosexuellen Begegnungen sondern ausschließlich von Männern, die mit Frauen schlafen und umgekehrt, richtig?“
Mann im Ohr: „Ja. Wieso?“
Ich: „Betrachten wir die Situation mal ganz simpel: ein Mann schläft mit einer Frau, mit der er vorher noch nie geschlafen hat. Wie viele neue Sexualpartner müsste man auf Männer- beziehungsweise Frauenseite zählen?“
Mann im Ohr: „Jeweils einen neuen Partner.“
Ich: „Richtig. Denken wir weiter: eine Frau schläft mit einem Mann, mit dem sie vorher schon mal Sex hatte. Wieviel zählt das auf Männer- oder Frauenseite?“
Mann im Ohr: „Beides null. Sind ja keine neuen Partner.“
Ich: „Siehst Du? Wenn man nur von Heteros ausgeht, müsste immer Gleichstand herrschen.“
Mann im Ohr: „Aber was, wenn ein Mann mit zwei Frauen gleichzeitig schläft? Ich hab gehört, das kommt vor. Dann bekäme er doch zwei ‘Punkte’.“
Ich: „Richtig. Aber jede der Frauen bekäme auch einen Punkt. Wie viele Punkte hätten wir dann für den Akt auf Männer- beziehungsweise Frauenseite?“
Mann im Ohr: „1×2 sind zwei für die Männer und 2×1 sind auch zwei für die Frauen. Aber was, wenn er mit einer der Frauen vorher schon mal…?“
Ich: „Dann würde er nur einen Punkt bekommen.“
Mann im Ohr: „Und auch nur eine der Frauen. Dann wären es plus eins auf jeder Seite.“
Ich: „Siehst Du. Irgendwer konnte da nicht rechnen.“
Mann im Ohr: „Vielleicht haben die die Leute befragt und die haben einfach gelogen?“
Der kleine Mann ist klug. Oder ich kann kein Mathe mehr. Ich weiß das nicht so genau. Vielleicht kann mein Gehirn nicht mehr richtig denken nach der langen Pause. Aber eigentlich ist es doch ganz logisch, oder? Es ist also totaler Blödsinn, dass Männer Hallodris und Frauen Unschuldslämmer sind.