Eltern: Lest. dieses. Buch!

„Nun schreib endlich!“ tönt es aus meiner Haarsträhne. Der kleine Mann hangelt sich daran entlang und landet auf meinem Wangenknochen. Es kitzelt ein bisschen.

Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll und ob ich das überhaupt schreiben soll.
Mann im Ohr: „Es bewegt Dich.“
Ich: „Ja.“ 
Mann im Ohr: „Hast Du Angst, dass das keiner lesen will?“
Ich: „Wer das hier liest, will was über Dating oder Männer und Frauen oder so lesen.“
Mann im Ohr: „Aber Du hast doch auch schon andere Sachen geschrieben.“
Ich: „Aber immer mit einem Augenzwinkern oder Sarkasmus. Und dieses Thema ist dafür nicht geeignet.“

Außerdem habe ich Angst, dass die Eltern mir das übelnehmen. Also nicht meine. Die Leser, die Eltern sind. Eltern mögen es nicht, wenn Nicht-Eltern sich kritisch zu Kinderthemen äußern.

Der Mann im Ohr klingt aufgeregt: „Na und? Nur weil Du keine Kinder hast, heißt das doch nicht, dass Du Deine Meinung nicht sagen darfst?! Wir leben in einem freien Land. Denk nur an Böhmermann.“
Ich: „Da ging es eher um Kunst- weniger um Meinungsfreiheit.“
Wir schweigen ein Weilchen. „Mir fällt nicht mal ein Titel ein.“
Mann im Ohr: „Du musst keine Storyline haben. Schreib einfach drauflos.“

Also gut. Es geht um sexuellen Missbrauch durch pädophile Täter.

Die Terminologie ist vielleicht langweilig, aber wichtig! Da werden oft Dinge durcheinander gebracht. Es gibt – selten – Pädophile, die niemandem etwas zu Leide tun. Es ist eine Neigung, gegen die wir nichts tun können. Wer pädophil ist, leidet oft ein Leben lang darunter, ganz besonders, wenn er diese Neigung nicht auslebt. Diese Menschen werden oft depressiv und begehen Selbstmord. Sie verdienen den größten Respekt. Man stelle sich einen heterosexuellen Menschen vor, der jeden Tag Menschen um sich hat, mit denen er gern Sex hätte und diesen Wunsch jahrzehntelang unterdrückt. Kaum vorstellbar für mich. Bei Pädophilen ist dann noch das Problem, dass sie nicht mal mit ihren engsten Vertrauten darüber reden können, weil es ein solches Tabuthema ist.
Es ist also wichtig, zwischen Pädophilen und pädophilen Tätern zu unterscheiden.
Dann gibt es Täter, die Kinder sexuell missbrauchen, ohne pädophil zu sein. Ich schreibe heute weder über die einen noch die anderen, sondern nur über pädophile Täter. Die sind in den allermeisten Fällen männlich, deshalb schreibe ich der Einfachheit halber ‘er’ – wir sollten aber nicht vergessen, dass es auch Frauen gibt, die so was tun.

Eltern, beschäftigt Euch mit dem Thema!

Verdammt noch mal! Es kann doch nicht sein, dass wir uns stundenlang damit befassen, welches der sicherste Kindersitz ist, aber vor diesem Thema die Augen verschließen. Wir lassen unsere Kinder nicht ohne Mütze aus dem Haus, weil sie sich erkälten könnten. Sie dürfen nicht ohne Helm radfahren, damit sie sich nicht verletzten. Mal ehrlich, 2jährige auf einem Laufrad tragen inzwischen Helm. Obwohl die Fallhöhe gering ist und immer jemand dabei. Aber vom Thema sexuelle Übergriffe wollen wir nichts hören.
Ich habe das Thema einige Male in Gegenwart von Eltern angesprochen. Ich habe das Buch ‘Es geschieht am helllichten Tag’ empfohlen.
Die Reaktion ist immer dieselbe. „Das finde ich so furchtbar, mit so was will ich mich gar nicht befassen.“ Und jedes Mal fühle ich mich wie ein Spielverderber, der den bis dahin noch so gemütlichen Abend kaputt gemacht hat.

Keiner würde auf die Idee kommen, sich nicht mit Fahrradhelmen zu befassen, weil die Vorstellung eines Schädelbruchs ihn umhaut. Aber wenn es darum geht, unsere Kinder vor Missbrauch zu schützen, haben wir auf einmal Wichtigeres zu tun. Zum Beispiel, noch mal die ‘Stiftung Warentest’ zum Thema Fahrradhelme zu lesen.

Ein Kind, das sexuell missbraucht wird, wird diese Verletzungen meist lebenslang mit sich herumschleppen. L E B E N S L A N G!
Ben ist früher ohne Helm gefahren. Und gestürzt. Er hatte einen Schädelbruch. Aber den hat er gut überstanden. So etwas ist schlimm. Aber es geht vorbei. Sexueller Missbrauch nicht.

Wälzt Eure Verantwortung nicht auf den Staat ab!

Jedes Mal, wenn ein Fall durch die Presse geht, höre ich Schreie nach höheren Strafen. Und ja, die dürften höher sein. Viel höher! Aber das ist unser kleinstes Problem. Und schützt unsere Kinder kaum. Die wenigsten Täter werden erwischt. Wir müssen unsere Kinder schützen vor denen, die da draußen rumlaufen und dürfen unser Gewissen nicht damit beruhigen, dass jetzt der eine von wer weiß wie vielen für ein paar Jahre hinter Gittern sitzt. Es würde zu vielen Missbrauchsfällen gar nicht erst kommen, wenn wir die Augen nicht verschließen und offener mit dem Thema umgehen würden.

Stellt keine Fotos Eurer Kinder online!

Wir finden es völlig normal, Fotos unserer Kinder bei Facebook zu teilen oder bei Instagram oder nach dem Schulfest die Bilder auf der Schul-Website zu finden. Oder unser Kind als unser WhatsApp-Bild zu missbrauchen.
Wir regen uns auf, wenn Sebastian Edathy online Bilder von halbnackten oder nackten Jugendlichen kauft. Zu recht! Aber wir verdrängen dabei gern, dass wir selbst solche Bilder en masse umsonst zur Verfügung stellen. Auf Facebook ein Strandfoto unserer süßen Kleinen im Badehöschen. Ist doch nichts dabei.
Pädophile Täter suchen sich ihre zukünftigen ‘Beziehungen’ gezielt über solche Portale aus. Oder über die Internetseiten von Schulen. Dazu müssen die Kinder gar nicht halbnackt sein. Angezogen reicht. Ausziehen können die sich später immer noch. Und als Wichsvorlage reicht auch das von uns als harmlos eingestufte Strandfoto. Wenn die Eltern sehr aktiv sind auf Facebook, hat der Täter nicht nur die Wichsvorlage als ‘Vorgeschmack’, sondern weiß auch noch genau, an welchen Orten das Kind regelmäßig anzutreffen ist. Da kann er sich in aller Ruhe auf die Lauer legen und sich irgendwann mit ihm ‘anfreunden’.

Wie viele Eurer Facebook-‘Freunde’ oder Follower kennt Ihr wirklich? Ich meine so gut, dass ihr sicher ausschließen könnt, dass sie pädophil sind? Momentan wird geschätzt, dass 1% der männlichen Bevölkerung pädophil im Sinne einer klinischen Diagnose sind. Andere Zahlen in diesem Zusammenhang sind deutlich höher. Wenn wir den ‘best case’ annehmen, hat jeder mir bekannte bei Facebook aktive Mensch so viele ‘Freunde’, dass statistisch gesehen Pädophile darunter sind.

Glaubt nicht, dass er kein Täter sein kann,
weil Euer Kind ihn mag!

Es gibt kaum pädophile Täter, die ihren Opfern hinterherrennen oder sie mit Gewalt zwingen, in ihrer Nähe zu sein. Die Gefahr wäre für sie selbst viel zu groß. Könnt Ihr Euch vorstellen, was einen pädophilen Täter im Gefängnis erwartet? Er büßt nicht nur seine Freiheit ein, er kann mit Folter und Vergewaltigung rechnen. Mit Scherben im Essen. Ja, wir leben in einem Rechtsstaat. Und trotzdem kommt es dazu.
Er muss unerkannt bleiben. Und deshalb hat er in den meisten Fällen ein enges Verhältnis zum Kind und zu den Eltern. Ein Vertrauensverhältnis. Er ist freundlich zu seinem Opfer, er beschenkt es und er kuschelt mit ihm. Er unternimmt Dinge mit ihm, für die die Eltern keine Zeit haben. Er tut alles, damit das Kind Zeit mit ihm verbringen will. Die Täter bauen oft erst über Jahre eine ‘Liebesbeziehung’ zu dem Opfer auf, um dann irgendwann übergriffig zu werden. Das tun sie üblicherweise dann, wenn zu den Eltern, Nachbarn, Großeltern eine so gute und gefestigte Beziehung besteht, dass niemand dem Kind glauben würde. Dass der Täter so lange warten muss, macht ihm nichts aus. Vorfreude ist die schönste Freude. Und er hat währenddessen ja in der Regel noch andere Kinder, bei denen er sich austoben kann.

Gebt Euch nicht mit einer Antwort zufrieden!

Wenn Ihr den Verdacht habt, dass Euer Kind betroffen ist, sprecht Euer Kind darauf an. Aber gebt Euch nicht damit zufrieden, wenn Euer Kind den Verdacht verneint. Pädophile Täter sind gerissen. Sie erzählen zum Beispiel, dass Mama stirbt, wenn das Kind etwas sagt. Ihr glaubt, so was würde Euer Kind nicht glauben? Euer Kind glaubt oder glaubte an den Weihnachtsmann! Kinder haben eine Tendenz dazu, zu glauben, was Erwachsene ihnen erzählen. So absurd das manchmal auch sein mag.
Fragt mehr als einmal nach. Beobachtet Euer Kind in Gegenwart des möglichen Täters. Fordert ein Führungszeugnis an, wenn es Euer Babysitter ist. Und erzieht Euer Kind zu körperlichem Selbstbewusstsein.

Bringt Euren Kindern bei,
dass sie auch Erwachsenen gegenüber NEIN sagen dürfen!

Kinder können schon im Säuglingsalter zum Ausdruck bringen, wenn sie keinen Körperkontakt wollen. Sie strecken sich nach hinten, wenn sie auf dem Arm sind oder drehen ihr Köpfchen weg. Sie mögen sich plötzlich von bestimmten Personen nicht mehr wickeln lassen. Das ist ganz normal und sollte respektiert werden. Nur, wenn ein Kind von kleinauf lernt, dass es selbst bestimmen kann, wer wickelt oder mit wem es kuschelt, hat es das nötige Selbstbewusstsein, das einen Täter abschreckt.
Das mag zu Stress führen, wenn es sich von Oma nicht mehr drücken oder von Tante Käthe nicht mehr küssen lassen will. Das mag unbequem sein für Eltern.
Aber wenn Euer Kind lernt, dass der Erwachsene am längeren Hebel sitzt, wird es einem übergriffigen Täter niemals die rote Karte zeigen.