Back to the roots

Ich sitze hier mal wieder an einem Sonntag morgen. Wach bin ich seit 5:30 Uhr. Hatte ich schon erwähnt, dass die Sache mit Ben unter anderem daran gescheitert ist?

Unsere Hochzeitsreise lief ungefähr so:
Ich wache um 6 Uhr auf und bin hellwach. Am liebsten würde ich über Ben herfallen, aber er schläft noch tief und fest. Lesen wäre eine Alternative – aber Licht anmachen ist doof, dann wird er wach und bekommt schlechte Laune. Hätten wir doch nur eine Suite mit mehreren Zimmern gebucht. Also gut, ich gehe schwimmen.
Nach einer Stunde im Pool mache ich ganz leise noch ein bisschen Bauch, Beine, Po. Ohne Licht. Ich schleiche mich ins Bad und dusche. Es ist jetzt ungefähr 8 Uhr. Nach dem Duschen noch Schönheitsprogramm, sonst bekomme ich die Zeit bis zum Frühstück nicht rum. Irgendwann stehe ich vor dem Bett. Mir reicht´s. Ich bin seit vier Stunden auf, meine Haut strahlt, meine Füße sind pedi- und meine Hände manikürt, meine Haare duften und mein Körper ist trainiert wie selten. Und da liegt einer und pennt und würdigt das kein Stück. Ich lege mich daneben und stupse ihn an. Hilft nicht, kenne ich schon. Küsse sind vergebene Liebesmüh – jedenfalls zum Wecken. Nach 8 1/2 Jahren zieht nicht mal mehr ein Blowjob. Jedenfalls nicht, wenn die Alternative süße Träume sind. Mein Magen knurrt. Ich bin sauer. Das ist verdammt noch mal meine Hochzeitsreise. Und unser erster Urlaub zu zweit, seit wir uns kennen. Ich will was vom Tag haben, aber der ist schon halb rum. Alle Leute frühstücken. Alle! Ich rüttle an Ben und sage „Aufstehen, ich will frühstücken.“. Er dreht sich rum und grummelt irgendwas, das klingt wie „Noch ein bisschen.“. Um 11 sitzen wir am Frühstückstisch. Meine Laune ist im Keller. Ben sagt „Ich würde so gern neben Dir aufwachen. Ist doch unsere Hochzeitsreise. Das ist total unromantisch, dass Du immer so früh auf bist.“. Ich atme ganz tief ein uns aus und dann implodiere ich. Ist ja unsere Hochzeitsreise und ich will nicht unromantisch sein.

Mann im Ohr: „Warum heißt der Post ‘Back to the roots’?“
Ich: „Ich habe so lange nicht über Männer geschrieben und da dachte ich, ich schreibe vielleicht mal wieder über ein Date, das nicht stattgefunden hat.“
Mann im Ohr: „Ist Dir gelungen.“
Ich: „Es ist noch nicht mal acht und Du meckerst schon an mir rum.“
Mann im Ohr: „Das wird sich Ben auch gedacht haben in Eurem einzigen Urlaub.“

Stimmt. Aus Ben´s Sicht war das wahrscheinlich eher so:
Ich bin noch nicht mal wach und meine Frau keift schon in mein Ohr, dass sie hungrig ist und ich endlich aufstehen soll. Ich würde jetzt gern über sie herfallen. Sie riecht so gut und so sommergebräunt ist sie unglaublich sexy. Aber wenn ich ihr damit jetzt komme, rastet sie völlig aus. Wenn sie Hunger hat, ist nicht mit ihr zu spaßen. Vielleicht wird es ja später was. Unwahrscheinlich. Tagsüber will sie an den Strand oder etwas unternehmen oder lesen und abends fällt sie tot ins Bett, weil sie seit 6 Uhr auf ist. Na ja, jetzt erst mal ganz entspannt frühstücken, dann bessert sich ihre Laune hoffentlich.

Mann im Ohr: „Welches Date meinst Du? Du hattest so viele Nicht-Dates.“
Ich: „So viele waren das gar nicht. Aber es gab, glaube ich, mehr Dates, die nicht stattgefunden haben als ‘richtige’ Dates.“ 

Ich meinte das Date mit Joshua.

Joshua klang nett. Und wollte ‘was Ernstes’. Wenn man sich denn versteht, versteht sich. Der Termin für unser Date stand schon. Dann schrieb er plötzlich Fragen wie „Trägst Du eigentlich Nylons?“. Eigentlich weiß man bei so einer Frage gleich, wie das weiterläuft. Dementsprechend garstig habe ich reagiert. Allerdings fühlen sich manche Männer ja durchaus angezogen von widerborstigen Frauen. Jedenfalls äußerte er den Wunsch, ich möge doch bitte zu unserem ersten Date einen Rock, Nylons und ‘die braunen Stiefel da’ tragen. Da war ich nicht umsichtig gewesen. Ich hatte ihm ein Selfie geschickt, das in meinem Zimmer aufgenommen ist. Darauf bin ich in Jeans und T-shirt zu sehen und in der Zimmerecke stehen braune Lederstiefel. Um sicherzustellen, dass das Outfit auch seinen Vorstellungen entsprechen würde, schickte Joshua noch einige Links. Von Wolford und Gerbe. Wolford kennt man ja. Als Frau jedenfalls. Gerbe sagte mir nichts. Auf der Website steht ‘Preciously handmade in France. Since 1904’. Aha. Teuren Geschmack hat der Gute.

Ich habe geantwortet, dass ich prinzipiell trage, worauf ich Lust habe. Na ja fast. Der einzige, der da ein bisschen mitreden darf, ist mein Chef. Der hat zwar auch schon mal eine Erwartungshaltung geäußert, die mir nicht geschmeckt hat. Aber die war doch nachvollziehbar begründet und wesentlich angemessener als das. Nach Nylonstrümpfen hat er noch nie gefragt.

Darauf kamen von Joshua noch mehr Fotos von Frauen in hübschen Strümpfen und etwas, das man fast schon als Betteln bezeichnen muss.

Ich habe lange überlegt, ob und wie ich antworten sollte. Am besten gefiel mir, worauf mein Bauch spontan hüpfte: „Nylons kosten extra.“. Ich glaube wirklich, er war so heiß darauf, mich in diesen Strümpfen und den braunen Stiefeln zu sehen, dass wir ein Geschäft daraus hätten machen können. Da bekommt der Ausdruck ‘Marktwert testen’ eine ganz neue Bedeutung.
Aber dann habe ich eine Stimme in meinem Kopf gehört: „Wie muss man sowas eigentlich versteuern?“ Darauf hatte ich keine Antwort. Und dann dachte ich, irgendwie lassen wir das Ganze doch besser.

Ich bin gerne spießig

Das hat meine Freundin Kathrin neulich gesagt. Und mir erlaubt, den Satz hier zu verwenden.

Wir kamen darauf, weil Eric zu mir gesagt hat: „So wie Du Dich selber beschreibst sehe ich Dich gar nicht. Na so spießig bist Du doch nicht.“. 

Heute habe ich dem kleinen Mann gesagt, dass ich einfach zu spießig für die Ära Trump bin. Er hat mich mit erhobenem Zeigefinger daran erinnert, dass ich sonst immer Wert auf saubere Terminologie lege. Und dass das mit Trump keine Ära sei. Weil das Wort nur positive oder neutrale Zeitabschnitte meint. Sagt Wikipedia. Der kleine Mann hatte vergessen, dass der Duden eine seriösere Quelle ist und der keine solche Einschränkung kennt.

Mann im Ohr: „Trump würde auch Wikipedia fragen. Der kennt den Duden nicht.“
Super Argument.
Ich: „Trump ist nicht in unser Vorbild. In keinerlei Hinsicht.“
„Sogar Obama hat gesagt, so schlimm sei er nicht.“ tönt es verschnupft in meinem Kopf. 
Ich: „Was soll er auch sagen? Er ist demokratisch gewählt. Das Kind ist in den Brunnen gefallen. Da hilft Panikmache nicht.“
Mann im Ohr: „Glaubst Du, Trump wird Vergewaltigungen erlauben?“
Mir wird spontan schlecht. So abwegig ist der Gedanke bei einem Pussygrabber nicht.
Ich: „Das kann ich mir nicht vorstellen.“
Mann im Ohr: „Doch. Kannst Du. Sonst wär Dir grad nicht schlecht geworden.“
Ich will nicht daran denken.
Ich: „Er wird einen Haufen dummes Zeug machen.“

Ich demonstriere gegen Trump. Ganz still und leise. Ich bin der Inbegriff einer spießigen Europäerin. Ich trinke beim Schreiben einen trockenen italienischen Rotwein. Ich habe keine Silikontitten. Ich bin nicht bei Facebook. Ich habe keine Tattoos oder Piercings. Wenn ich einen Kuchen backe, sind alle Zutaten frisch und regional und selbst zusammengemixt. Boden aus dem Tiefkühlfach mit Topping aus der Dose kommt mir nicht in die Tüte. Ich käme nie auf die Idee, rund ums Jahr Spargel zu essen. Am besten noch weißen aus der Dose. Pfui! Ich wohne in einem STEINhaus mit dicken Wänden, das nicht nur Trump, sondern auch seine nächsten zehn Nachfolger unbeschadet überdauern wird. Selbst ein Hurrikane könnte dieser Festung nichts anhaben. Das Haus steht seit 1616. Wollen wir doch mal sehen, was solider ist. ‘Mein’ Haus oder der Trump Tower. An meiner Decke hängen dänische Lampen und mein Sofa ist Italiener. Die Armaturen sind genauso deutsch wie meine Küche und mein Bett. Die Stühle sind aus Dänemark und das hübsche Windlicht aus der Bretagne. Soll Trump Amerika ‘great again’ machen, an das hier kommt er nicht ran.

Mann im Ohr: „Du klingst ganz schön antiamerikanisch. Dabei ist Amerika doch nicht nur Trump.“
Ups, da habe ich mich ganz schön in Rage gedacht.
„Das stimmt.“ sage ich kleinlaut. 
Ich bin einfach erbost. Aber der kleine Mann hat natürlich recht.

Eigentlich waren wir ja dabei, dass ich spießig bin.

„Ja. Schon. Ziemlich. Na ja, nicht in allen Dingen.“ Der kleine Mann lugt aus meinem Ohr heraus.
Mann im Ohr: „Ich glaube, das kommt einfach sehr auf den Blickwinkel an. Thilo fand Dich nie spießig genug mit Deiner liberalen, leicht angegrünten Haltung. Und Ethan fand Dich völlig verklemmt und spießig. Denk nur an die Sache mit dem Tattoo und dem Intimpiercing.“
In meinem Bauch rumort es heftig. Ich bin, was Tattoos und Piercings angeht, völlig jungfräulich. Und habe auch nicht vor, daran etwas zu ändern. Das war ein Streitpunkt. Er fand das langweilig. Die Sache mit dem Föderalismus war nicht der einzige Grund für die Trennung.
Ich: „Bin ich nun spießig?“
Mann im Ohr: „Nicht spießig genug für ein Reihenhaus mit handtuchgroßem Garten.“

Tatsächlich behagt mir diese Vorstellung nicht. Aber: das haben auch alle anderen immer gesagt, die irgendwann doch in so ein Ding gezogen sind und dann schwärmen, wie praktisch das ist. Der kleine Mann meint, dass ich trotzdem niemals im Reihenhaus enden werde. Puh.

Er fährt fort: „Dir sind künstliche Nägel suspekt. Du hast noch nie Drogen genommen oder mit mehreren Leuten gleichzeitig…“
Ich: „…aber ich rede sehr offen über so was. Und die meisten Erfahrungsberichte über Dreier und so waren eher semi.“
Schon Otto von Bismarck hat gesagt ‘Nur der Dumme lernt aus der Erfahrung, der Kluge dagegen aus der Erfahrung anderer.’.
Mann im Ohr: „Das ist eigentlich aus China und heißt ‘Der Dumme lernt aus seinen Fehlern, der Kluge aus den Fehlern der anderen.’“
Ich: „Kleiner Klugscheißer.“
Mann im Ohr: „Du legst Wert auf Pünktlichkeit, wolltest nie Kinder ohne Trauschein und hast Dir…“ Er scheint kurz nach Luft zu schnappen. „…Silberbesteck gewünscht.“ Das in einer Schublade ordentlich aufgereiht zwischen anlaufsicherem Samt – ist das Samt? So was in der Art jedenfalls – liegt.
Ich: „Das klingt mega spießig.“
Mann im Ohr: „Ist es.“ 

Wir schweigen. Ich bin frustriert. Und er will es nicht noch schlimmer machen. Glaube ich. Ich bin gerne so. Aber sexy klingt das nicht.
Ich muss wieder an Kathrin denken. Wir haben viel gemeinsam. Also Kathrin und ich. Wir fühlen uns unsicher, sobald wir auf hippe Typen treffen, die sich in einer ‘Szene’ auskennen, von deren Existenz wir bis dahin nicht mal wussten. Dafür sind wir tier- und kinderlieb, kochen und backen gern und gefallen uns so ganz ‘nackt’. Wir nähen. Und malen. Wir putzen sogar gern.

„Ich hoffe, das hier liest kein Mann, den Du gut findest. Du erhöhst mit Deiner Offenheit nicht gerade Deine Chancen am Markt.“ Der Mann in meinem Ohr klingt besorgt.
Ich: „Ach weißt Du, wenn er das hier liest und mich trotzdem noch gut findet, kann er sich melden und beim Treffen können wir uns das ganze Gequatsche sparen. Wir könnten gleich ausprobieren, ob das mit dem Küssen klappt und zu den wirklich wichtigen Dingen kommen. Das wäre ungemein effizient.“
Er vergräbt den Kopf in seinen Händen und schüttelt ihn dabei. „Du hast was vergessen.“

Vergessen? Das passiert mir öfter in letzter Zeit.

„Du solltest IHN auch kennenlernen, bevor Du zu den wirklich wichtigen Dingen kommst.“ 

Bad choices make good stories

Das habe ich neulich auf dem Rücken einer Passantin in Düsseldorf gelesen.

Der Mann in meinem Bauch ist spontan gehüpft und hat sich dann so lange im Kreis gedreht, bis mir ganz warm war.

„Du musst aufhören, an diesen Kerl zu denken!“ ruft es in meinem Ohr. Autsch. Das war eindeutig zu laut. Aber es geht noch weiter: „Er bringt hier oben alles ganz schlimm durcheinander. Es sieht aus, als sei hier ein Tornado durchgefegt!“ 

Der Arme klingt ganz verzweifelt. Und ich habe keinen Schimmer, wovon er redet.

„Hier ist nichts mehr an seinem Platz! Ich muss alles wieder aufräumen.“ Ich höre Resignation und – Angst? Bevor ich fragen kann, geht es weiter: „Dieser Mensch tut Dir nicht gut. Ich will, dass das aufhört.“
Ich: „Kleiner Mann, beruhig Dich. Tief ein- und ausatmen. Was ist denn los?“
Mann im Ohr: „Du denkst ständig an ihn. Schon seit Monaten immer mal wieder, aber in letzter Zeit häufiger. Es wird dann immer düster hier drin. Die Stimmung ist gruselig und alles wirbelt durcheinander.“
Ich: „Hast Du A N G S T?“
Mann im Ohr: „Männer haben keine Angst.“
Ich: „Ach herrje, woher hast Du das denn?“
Mann im Ohr: „Das kam aus der Ecke geflogen, als der Tornado hier durch ist.“
Ich: „Dann beförder das mal ganz schnell raus aus meinem Kopf! Männer dürfen Angst haben.“

Ich habe doch gerade erst über Angst gelesen. Alexander Huber sagt, dass kein anderes Gefühl so intensive Momente im Leben erzeugt. Er findet, dass Angst sein Leben bereichert.
Angst schützt uns, manchmal rettet sie uns sogar das Leben. Sie ist in uns angelegt und nur ein Dummkopf würde sagen, dass Männer keine Angst haben dürfen. Hätten Männer früher bei der Jagd keine Angst vor Raubtieren gehabt, hätten sie kein Adrenalin ausgeschüttet und wären nicht in der Lage gewesen, sie zu erlegen oder vor ihnen zu flüchten. Nur die, die im richtigen Moment Angst haben und entsprechend reagieren, überleben. Wenn die Menschheit überleben soll, müssen auch Männer Angst haben.

„Wirklich? Das kann weg?“ fragt es leise.
Ich: „Ja, ganz schnell.“

Ich höre, wie sich etwas bewegt in meinem Kopf und dann purzelt ein kleiner Minipopel aus meiner linken Ohrmuschel.

Ich frage vorsichtig: „Fühlst Du Dich jetzt besser?“
Mann im Ohr: „Nein. Ich habe Angst vor ihm. Und vor dieser düsteren Stimmung.“
Ich: „Von wem redest Du denn eigentlich?“
Ich kann mich nicht erinnern, an einen schlimmen Mann gedacht zu haben.
Mann im Ohr: „Er sieht nicht mal gut aus. Ich weiß nicht, warum Du ständig an ihn denkst.“
Ich: „Kleiner Mann, ich denke über alles mögliche nach. Aber nicht über einen Kerl! Mich beschäftigt, wie ich meine Bilder signieren soll. Und ob überhaupt. Wenn ja, vorne oder hinten. Das beschäftigt mich gerade hauptsächlich.“

Und ob ich jetzt ein Blog-Pause einlege und die Fenster putze stattdessen. Wegen ‘Erst die Arbeit, dann das Vergnügen’ – weil es dann hinterher schöner ist, hier mit meinem Milchkaffee zu sitzen und zu schreiben. 

„Milch?!“ tönt es entsetzt. „Du wolltest doch keine Milch mehr…die verträgst Du doch nicht.“
Ich beruhige ihn. „Hafermilch.“ Für mich zählt das. Es klingt nur so unsexy und nach Ökotussi.
Ich: „Ich verstehe immer noch nicht, von wem Du redest. Vielleicht hast Du nur schlecht geträumt?“
Mann im Ohr: „Er ist hässlich. Und er hat keine Manieren. Er ist gar nicht Dein Typ.“
Das muss ein Traum gewesen sein.
Mann im Ohr: „So ähnlich heißt er.“
Ich: „Wie ähnlich?“
Mann im Ohr: „So ähnlich wie ‘Traum’.“
Ich: „Kannst Du ihn mir beschreiben?“
Mann im Ohr: „Er hat eine furchtbare Frisur und oft ein ganz rotes Gesicht. Er scheint unsagbar dumm zu sein. Und ungehobelt.“ 
Ich: „Und ich denke an ihn? Hat er mich denn irgendwie belästigt oder hat er meine Nummer?“
Mann im Ohr: „Er hat nicht mal nach Deiner Nummer gefragt. Er steht auch gar nicht auf Frauen wie Dich, sondern eher auf künstliche Typen. Mit großen…na ja. Die hast Du nicht.“
Danke. Dafür habe ich Hirnzellen. Der kleine Mann fährt fort: „Deshalb verstehe ich ja auch nicht, wieso er Dir nicht aus dem Kopf geht. Du hast doch gesagt, wir sollten die Dinge loslassen, die uns nicht gut tun.“
Ich: „Das würde ich ja gern. Wie mache ich das jetzt mit der Signatur?“ 
Vielleicht hilft Ablenkung?
Mann im Ohr:“Außerdem ist er verheiratet mit so einer künstlichen Tussi, die einen komischen Akzent hat. Die ist auch nicht die Hellste.“ 

Ich muss spontan an Donald Trump denken.

„D A S ist er! So heißt er: Trump!“ ruft es.
Ich bin erstaunt. „Ich denke dauernd an Donald Trump und der bringt da oben alles durcheinander?“
Mann im Ohr: „Ja. Hier sieht es so aus, wie ich mir den Weltuntergang vorstelle.“

Tatsächlich muss ich, je näher die Wahl rückt, öfter an ihn denken. Aber Angst macht er mir nicht. Dachte ich.

„Warum sieht es dann hier so aus?“ Er klingt verunsichert.

Berechtigte Frage. Der kleine Mann kann besser beurteilen, wie es in mir aussieht. Das hat er oft genug bewiesen. Vielleicht ist das wieder mein Bauchgefühl? Habe ich das etwa schon wieder ignoriert?

Mein Verstand sagt mir, dass seine Präsidentschaft keine Zukunft hat. Mal angenommen, er würde die Wahlen gewinnen. Dann gäbe es immer noch den Kongress. Wie oft ist Obama gescheitert mit Initiativen? Weil der mächtigste Mann der Welt eben doch nicht so mächtig ist. Mit ein bisschen Glück würde er sich noch ein bisschen weiter vor der ganzen Welt blamieren und endgültig als Lachnummer in die Geschichte eingehen. Außerdem wurden schon Präsidenten erschossen, die weniger Angriffsfläche geboten haben.

„Du findest, man sollte ihn erschießen, wenn er Präsident wird?“ fragt es erstaunt.
So kennt der kleine Mann mich nicht. Ich muss vorsichtig sein mit meinen Gedanken, sonst bekommt er noch mehr Angst.
Ich: „Nein! Man sollte niemanden erschießen.“
Mann im Ohr: „Glaubst Du, jemand würde das versuchen?“
Ich: „Das wird vermutlich davon abhängen, wie er sich aufführt. Einen dritten Weltkrieg würde niemand riskieren wollen. Nicht mal seine Anhänger. Und was glaubst Du, wie viele aus den eigenen Reihen scharf auf seinen Posten wären?“
Mann im Ohr: „Aber das wäre sehr gefährlich.“
Ich: „Es gibt mutige Menschen da draußen. Denk nur an von Stauffenberg.“
Mann im Ohr: „Der hat es nicht geschafft. Er hat es doppelt nicht geschafft. Hitler nicht und selbst hat er den Schlamassel auch nicht überlebt.“
Ich: „Ja, kleiner Mann. Aber wir Menschen lernen dazu. Die Lage bei Hitler war anders. Damals war die Technik noch nicht so modern. Außerdem hat Trump schon bevor er überhaupt an der Macht ist unglaublich viele Feinde im eigenen Lager. Die werden sich schon zu helfen wissen.“ 
Mann im Ohr: „Würdest Du Dich denn freuen?“
Ich ignoriere die Frage. Auf so was kann man keine politisch korrekte und ehrliche Antwort geben. Aber da habe ich die Rechnung ohne den kleinen Mann gemacht.
Mann im Ohr:  Wenn jemand ihn erschießen würde oder vergiften – na ja, töten halt. Würdest Du Dich freuen?“
Ich: „Ich würde sicher keinen Schampus aufmachen deswegen.“
Mann im Ohr: „Aber wenn Du zufällig welchen da hättest und der eh weg müsste? Du hast mal gesagt, Champagner wird nicht besser mit den Jahren.“
Da hat jemand zugehört. Früher habe ich mich mal mehr für Wein und Champagner interessiert. Da hatte ich sogar den aktuellen ‘Kleinen Johnson’.
Ich: „Vielleicht würde ich die Flasche dann seinetwegen ‘entsorgen’.“
Man soll ja regelmäßig ausmisten.
Mann im Ohr: „Das ist unchristlich.“
Ich: „Ich würde auch beten. Besser?“

Mann im Ohr: „Für ihn?“

Der kleine Mann ist manchmal schlauer als mir lieb ist. Ich hätte wissen sollen, dass er nachhakt.

Ich: „Mal sehen. Ja. Und dann würde ich nur zur Sicherheit noch beten, dass es die Hölle wirklich gibt.“
Mann im Ohr: „Wieso hast Du die Überschrift ‘Bad choices make good stories’ genannt?“
Ich: „Eigentlich wollte ich über etwas anderes schreiben. Über Männer mal wieder. Back to the roots quasi. Denn jede schlechte Entscheidung hat doch entweder zu lustigen oder spektakulären Geschichten geführt.“
Mann im Ohr: „Die damals aber gar nicht lustig waren. Erst im Nachhinein.“
Ich: „Ja, aber dann umso mehr.“

Und das war, wenn ich so darüber nachdenke, nicht nur bei Männern so. Auch bei meiner ersten Stelle. Und beim ersten Studium. Es waren immer die ‘schlechten’ Entscheidungen, die mich nach vorne gebracht haben. Warum sollte das nicht auch für eine Nation gelten können?

Der kleine Mann räuspert sich: „Aber in den 30ern haben eine Reihe von ‘bad choices’ in eine ganz schlimme Katastrophe geführt.“.

Mir wird flau. Der Mann in meinem Bauch steht stocksteif in der Mitte und greift mit seinen zu kurzen Armen nach den Bauchwänden, es kneift unangenehm. Ich hatte gerade etwas zu Julia Engelmann sagen wollen. Weil sie gesagt hat  „Lass uns möglichst viele Fehler machen und lass uns möglichst viel aus ihnen lernen“.  Ich höre ein leises „Aber manche Fehler darf man gar nicht erst machen, oder?“. Das ist wohl so. Dumm, dass man vorher nicht weiß, aus welchen Entscheidungen man lernen wird und welche in eine unumkehrbare Katastrophe führen.

Was ist noch intim?

„Es sind schon wieder ein paar Tage rum.“ meckert es in meinem Kopf. „Wenn Du so weitermachst, liest Dich keiner mehr.“
Ich: „Wieso? Die Leute haben doch eh so wenig Zeit, da ist hin und wieder statt täglich ein Post doch vielleicht gar nicht schlecht?“
Mann im Ohr: „Aber wenn die Leute schauen, ob es was neues gibt und da ist nichts, gucken sie irgendwann gar nicht mehr.“
Ich: „Man kann die Seite doch abonnieren…dann bekommt man, glaube ich, eine Info, wenn es was Neues gibt.“
Mann im Ohr: „Hast Du schon mal ausprobiert, wie das funktioniert?“

Habe ich nicht. Hoffentlich ist das nicht zu kompliziert. Wahrscheinlich muss man sich irgendwie registrieren oder so. Vielleicht sollte ich vorsichtshalber versuchen, wieder regelmäßiger zu schreiben. In letzter Zeit konzentriere ich mich wieder mehr auf andere ‘künstlerische’ Dinge. Ich hab grade so viele Ideen, die ich auf Papier umsetzen will.

„Du wolltest doch was schreiben über die neue Art des Fremdgehens.“

Das hätte ich fast vergessen. Da sind der Kreativität ja keine Grenzen gesetzt heute. Früher ging man fremd, wenn man Sex mit einem anderen hatte. Also einem anderen, als dem eigenen Mann. Oder festen Freund. Manche fanden auch, dass knutschen und fummeln schon als ‘fremdgehen’ zählen.

„Kein Mensch sagt heute noch Fummeln!“ tönt es empört. 
Ich: „Ich schreibe ja auch gerade von F R Ü H E R.“ Da sagte man das so. Damals, als auch ich noch fand, dass Fremdknutschen eine Sünde ist. Ich weiß nicht, von wem er diese Klugscheißerei hat. 
Der kleine Mann kichert. „Heute denkst Du das nicht mehr?“
Ich: „Doch. Da habe ich mich wohl nicht präzise ausgedrückt. Aber früher war es fast üblich, das so zu sehen. Heute scheinen da alle irgendwie ‘liberaler’ geworden zu sein.“ 
Mann im Ohr: „Alle außer Dir?“
Ich: „Nicht alle außer mir.“ Hoffe ich doch.  

Nicht nur das Vokabular hat sich geändert, die ganze Welt des Fremdgehens ist eine andere.

„Glaubst Du, früher wollten die Menschen sich nicht mal woanders austoben?“
Ich überlege. „Doch, vermutlich schon. Aber sie hatten weniger Gelegenheit.“

Motiv, Mittel, Gelegenheit. Immer wieder diese Trias.

Motive gab es früher sicher ebenso wie früher. Vielleicht sogar mehr. Damals waren die Beziehungen langlebiger und es gab weniger Abwechslung. Man hatte ja noch nicht jederzeit Zugriff auf alles. Es war undenkbar, ein Fußballspiel zu verfolgen, wenn man gerade unterwegs war. Oder ein Computerspiel zu spielen. Es gab weder Sky- noch Pokémon Go und keine Ebook-Reader. Telefonieren konnte man auch nur von zuhause und Nachrichten wurden noch auf Papier übermittelt. Da konnte einem schon mal langweilig werden, wenn man nicht gerade mit Freunden unterwegs war. Und wem langweilig ist, der kommt auf dumme Gedanken.

Das Mittel war schon schwieriger. Man brauchte zum Fremdgehen notwendigerweise einen Partner. Und außer dem Freundes- und Bekanntenkreis bleib da nicht viel. Facebook und Online-Portale gab es ja nicht. Im verfügbaren Kreis war das Risiko, erwischt zu werden, allerdings so hoch, dass es vermutlich viele abgeschreckt hat. Und irgendwo auswärts jemanden ansprechen, an einer Hotelbar oder im Zug, das kostet Überwindung.

Außerdem brauchte man dazu erst mal die Gelegenheit. Es waren ja nicht viele Menschen oft alleine unterwegs. Die Wahrscheinlichkeit, ohne Anhang und weg vom Freundes- und Bekanntenkreis unterwegs auf jemanden zu treffen, der dieselben Absichten hat und ebenfalls unbeobachtet war, war wohl recht gering.

Mann im Ohr: „Aber für so erfolgreiche Leute, zum Beispiel Männer auf Geschäftsreise, war es doch wahrscheinlich einfach?“
Ich: „Einfacher jedenfalls als für den Rest.“
Mann im Ohr: „Dann war das früher eher ein Thema der Bildungselite?“
Puh. Ob man das so sagen kann? Der Schluss ist zwar nicht abwegig, aber ein wenig spekulativ.
Mann im Ohr: „Und meinst Du, deswegen glauben immer noch alle, Fremdgehen sei so ein Männerthema?“
Ich: „Wo ist da der Zusammenhang?“
Mann im Ohr: „Na ja, früher waren die meisten Männer berufstätig und die Frauen bei der Familie zuhause. Wenn, dann hatten die Männer deutlich mehr Gelegenheit als die Frauen.“
Ich denke darüber nach. „Möglich. Wenn ich mir das heute so angucke, kenne ich ungefähr gleich viele fremdgehende Männer wie Frauen.“
Mann im Ohr: „Nein! Du kennst mehr Männer.“
Ich: „Absolut ja, aber relativ hält es sich die Waage. Ich habe inzwischen einfach viel mehr Berührungspunkte zu Männern als zu Frauen. Früher war das umgekehrt.“
Mann im Ohr: „Heute findet man über so Apps doch alles zu jeder Zeit. Denk nur an die Männer, die Dich angeschrieben haben, als seist Du eine Prostituierte.“
Ich: „Du meinst die ‘Baby, bläst Du mir heute Abend einen?’-Sorte von Mann?“
Mann im Ohr: „Ja.“
Ich: „Aber es hat ja nicht funktioniert. Mich hat das abgeschreckt und ganz viele andere sicher auch.“
Mann im Ohr: „Aber wahrscheinlich muss man nur genügend Frauen anschreiben mit dieser Frage oder mit ‘Ficken???’ und irgendwann landet man einen Treffer. Wenn man hunderte von Matches hat, dürfte das leicht sein.“

Traurig, aber wahr. Und dann schwirrt mir da auch noch die Frage im Kopf rum, wann Fremdgehen Fremdgehen ist. Wenn ich Tinder auf meinem Handy habe trotz Beziehung? Wenn ich Tinder auf meinem Handy habe trotz einer Exklusiv-Geschichte? Erst, wenn ich Tinder auch nutze? Oder erst, wenn ich mich mit jemandem treffe?

Der kleine Mann räuspert sich. „Zwischen Match und Treffen liegen aber noch einige Schritte. Da muss man sich ja erst mal schreiben und meistens tauscht man ja auch Nummern aus.“
Ich: „Stimmt. Je nachdem, was der Inhalt der Nachrichten ist und ob und was man für Bilder schickt, geht man schon fremd, finde ich.“ Ich will nicht, dass einer, mit dem ich schlafe, anderen Frauen intime oder laszive Bilder schickt. Oder schlimmer: Videos.
Mann im Ohr: „Und wenn er nur so tindert?“
Ich: „Auch das ginge mir gegen den Strich. Das hieße ja, dass er auf der Suche nach was anderem ist. Und das ist man ja nur, wenn man nicht glücklich ist mit dem anderen. Aber dann sollte man miteinander reden oder sich trennen. Dieses noch-in-einer-Beziehung-sein-und-gleichzeitig-was-Neues-suchen ist populär geworden, aber ich finde es feige. Das tun Menschen, die nicht allein sein können.“
Mann im Ohr: „Marlboro-Männer tun das nicht.“
Ich: „Nein. Die reiten alleine in die Wildnis, machen ein Feuer und erlegen irgendwelche Tiere, die sie dann über dem Feuer grillen.“
Mann im Ohr: „Wäre Dir das lieber als tindern?!“
Ich: „Natürlich.“
Mann im Ohr: „Aber Du bist doch so tierlieb!“
Ich: „Da muss man Prioritäten setzen. So ein erlegtes, wildes Tier hatte ja wenigstens ein schönes Leben. Und dann kommt der Marlboro-Mann irgendwann zurück und hat tagelang keine Frau gesehen und fällt über uns her und mit ein bisschen Glück haut er uns hinterher noch die Reste des erlegten Wildes in die Pfanne.“
Mann im Ohr: „D A S würde ein Marlboro-Mann niemals tun. Ein Marlboro-Mann stellt sich nicht an den Herd.“

Man wird ja wohl noch träumen dürfen.

„Was ist denn für Dich Fremdgehen?“ hakt es in meinem Ohr nach.
Ich: „So einfach finde ich das nicht zu beantworten. Manche würden ja schon behaupten, wenn man auf die Nachricht eines Verflossenen reagiert. Das finde ich ein bisschen drastisch. Man kann ja auch mit einem Ex befreundet sein, wenn die Grenzen klar abgesteckt sind.“
Mann im Ohr: „Es gibt so viele Formen heute, wie soll man sich denn da einig werden? Und weißt Du was?“
Ich: „Was denn?“
Mann im Ohr: „Früher habt Ihr Menschen mehr darüber geredet. Heute sagt Ihr nichts und fragt den anderen nicht, wie er das sieht und jeder sagt sich ‘Ich habe ja keine festen Zusagen gemacht, also ist das alles okay’.“
Ich: „Das stimmt in vielen Fällen. Ich glaube aber, dass diejenigen, die sich sowas sagen, insgeheim schon ganz genau wissen, was in Ordnung ist und was nicht. Und das eher eine Entschuldigung ist, wenn sie bei irgendwas ‘erwischt’ werden.“
Ich überlege ein bisschen. „Weißt Du, wenn ich dem anderen ohne rot zu werden davon erzählen würde, ist es okay. Das ist mein Maßstab. Auch damit kann man natürlich daneben liegen, wenn man unterschiedliche Auffassungen hat.“
Mann im Ohr: „Um das herauszufinden, müsste man dem anderen tatsächlich davon erzählen und nicht nur im Konjunktiv.“

Ich: „Das stimmt. Aber irgendwie ist das blöd. Soll ich dann zum Beispiel aus heiterem Himmel erzählen, dass mein Ex gefragt hat, wie es mir geht? Dann entsteht vielleicht der Eindruck, ich würde dem mehr Bedeutung beimessen als ich das eigentlich tue.“
Mann im Ohr: „Vielleicht sollte man sich mal generell darüber unterhalten, was für den jeweils anderen intim ist?“

Und dann alles, was für den anderen unter ‘intim’ fällt, mit Dritten unterlassen. Das klingt vernünftig.