Was ist noch intim?

„Es sind schon wieder ein paar Tage rum.“ meckert es in meinem Kopf. „Wenn Du so weitermachst, liest Dich keiner mehr.“
Ich: „Wieso? Die Leute haben doch eh so wenig Zeit, da ist hin und wieder statt täglich ein Post doch vielleicht gar nicht schlecht?“
Mann im Ohr: „Aber wenn die Leute schauen, ob es was neues gibt und da ist nichts, gucken sie irgendwann gar nicht mehr.“
Ich: „Man kann die Seite doch abonnieren…dann bekommt man, glaube ich, eine Info, wenn es was Neues gibt.“
Mann im Ohr: „Hast Du schon mal ausprobiert, wie das funktioniert?“

Habe ich nicht. Hoffentlich ist das nicht zu kompliziert. Wahrscheinlich muss man sich irgendwie registrieren oder so. Vielleicht sollte ich vorsichtshalber versuchen, wieder regelmäßiger zu schreiben. In letzter Zeit konzentriere ich mich wieder mehr auf andere ‘künstlerische’ Dinge. Ich hab grade so viele Ideen, die ich auf Papier umsetzen will.

„Du wolltest doch was schreiben über die neue Art des Fremdgehens.“

Das hätte ich fast vergessen. Da sind der Kreativität ja keine Grenzen gesetzt heute. Früher ging man fremd, wenn man Sex mit einem anderen hatte. Also einem anderen, als dem eigenen Mann. Oder festen Freund. Manche fanden auch, dass knutschen und fummeln schon als ‘fremdgehen’ zählen.

„Kein Mensch sagt heute noch Fummeln!“ tönt es empört. 
Ich: „Ich schreibe ja auch gerade von F R Ü H E R.“ Da sagte man das so. Damals, als auch ich noch fand, dass Fremdknutschen eine Sünde ist. Ich weiß nicht, von wem er diese Klugscheißerei hat. 
Der kleine Mann kichert. „Heute denkst Du das nicht mehr?“
Ich: „Doch. Da habe ich mich wohl nicht präzise ausgedrückt. Aber früher war es fast üblich, das so zu sehen. Heute scheinen da alle irgendwie ‘liberaler’ geworden zu sein.“ 
Mann im Ohr: „Alle außer Dir?“
Ich: „Nicht alle außer mir.“ Hoffe ich doch.  

Nicht nur das Vokabular hat sich geändert, die ganze Welt des Fremdgehens ist eine andere.

„Glaubst Du, früher wollten die Menschen sich nicht mal woanders austoben?“
Ich überlege. „Doch, vermutlich schon. Aber sie hatten weniger Gelegenheit.“

Motiv, Mittel, Gelegenheit. Immer wieder diese Trias.

Motive gab es früher sicher ebenso wie früher. Vielleicht sogar mehr. Damals waren die Beziehungen langlebiger und es gab weniger Abwechslung. Man hatte ja noch nicht jederzeit Zugriff auf alles. Es war undenkbar, ein Fußballspiel zu verfolgen, wenn man gerade unterwegs war. Oder ein Computerspiel zu spielen. Es gab weder Sky- noch Pokémon Go und keine Ebook-Reader. Telefonieren konnte man auch nur von zuhause und Nachrichten wurden noch auf Papier übermittelt. Da konnte einem schon mal langweilig werden, wenn man nicht gerade mit Freunden unterwegs war. Und wem langweilig ist, der kommt auf dumme Gedanken.

Das Mittel war schon schwieriger. Man brauchte zum Fremdgehen notwendigerweise einen Partner. Und außer dem Freundes- und Bekanntenkreis bleib da nicht viel. Facebook und Online-Portale gab es ja nicht. Im verfügbaren Kreis war das Risiko, erwischt zu werden, allerdings so hoch, dass es vermutlich viele abgeschreckt hat. Und irgendwo auswärts jemanden ansprechen, an einer Hotelbar oder im Zug, das kostet Überwindung.

Außerdem brauchte man dazu erst mal die Gelegenheit. Es waren ja nicht viele Menschen oft alleine unterwegs. Die Wahrscheinlichkeit, ohne Anhang und weg vom Freundes- und Bekanntenkreis unterwegs auf jemanden zu treffen, der dieselben Absichten hat und ebenfalls unbeobachtet war, war wohl recht gering.

Mann im Ohr: „Aber für so erfolgreiche Leute, zum Beispiel Männer auf Geschäftsreise, war es doch wahrscheinlich einfach?“
Ich: „Einfacher jedenfalls als für den Rest.“
Mann im Ohr: „Dann war das früher eher ein Thema der Bildungselite?“
Puh. Ob man das so sagen kann? Der Schluss ist zwar nicht abwegig, aber ein wenig spekulativ.
Mann im Ohr: „Und meinst Du, deswegen glauben immer noch alle, Fremdgehen sei so ein Männerthema?“
Ich: „Wo ist da der Zusammenhang?“
Mann im Ohr: „Na ja, früher waren die meisten Männer berufstätig und die Frauen bei der Familie zuhause. Wenn, dann hatten die Männer deutlich mehr Gelegenheit als die Frauen.“
Ich denke darüber nach. „Möglich. Wenn ich mir das heute so angucke, kenne ich ungefähr gleich viele fremdgehende Männer wie Frauen.“
Mann im Ohr: „Nein! Du kennst mehr Männer.“
Ich: „Absolut ja, aber relativ hält es sich die Waage. Ich habe inzwischen einfach viel mehr Berührungspunkte zu Männern als zu Frauen. Früher war das umgekehrt.“
Mann im Ohr: „Heute findet man über so Apps doch alles zu jeder Zeit. Denk nur an die Männer, die Dich angeschrieben haben, als seist Du eine Prostituierte.“
Ich: „Du meinst die ‘Baby, bläst Du mir heute Abend einen?’-Sorte von Mann?“
Mann im Ohr: „Ja.“
Ich: „Aber es hat ja nicht funktioniert. Mich hat das abgeschreckt und ganz viele andere sicher auch.“
Mann im Ohr: „Aber wahrscheinlich muss man nur genügend Frauen anschreiben mit dieser Frage oder mit ‘Ficken???’ und irgendwann landet man einen Treffer. Wenn man hunderte von Matches hat, dürfte das leicht sein.“

Traurig, aber wahr. Und dann schwirrt mir da auch noch die Frage im Kopf rum, wann Fremdgehen Fremdgehen ist. Wenn ich Tinder auf meinem Handy habe trotz Beziehung? Wenn ich Tinder auf meinem Handy habe trotz einer Exklusiv-Geschichte? Erst, wenn ich Tinder auch nutze? Oder erst, wenn ich mich mit jemandem treffe?

Der kleine Mann räuspert sich. „Zwischen Match und Treffen liegen aber noch einige Schritte. Da muss man sich ja erst mal schreiben und meistens tauscht man ja auch Nummern aus.“
Ich: „Stimmt. Je nachdem, was der Inhalt der Nachrichten ist und ob und was man für Bilder schickt, geht man schon fremd, finde ich.“ Ich will nicht, dass einer, mit dem ich schlafe, anderen Frauen intime oder laszive Bilder schickt. Oder schlimmer: Videos.
Mann im Ohr: „Und wenn er nur so tindert?“
Ich: „Auch das ginge mir gegen den Strich. Das hieße ja, dass er auf der Suche nach was anderem ist. Und das ist man ja nur, wenn man nicht glücklich ist mit dem anderen. Aber dann sollte man miteinander reden oder sich trennen. Dieses noch-in-einer-Beziehung-sein-und-gleichzeitig-was-Neues-suchen ist populär geworden, aber ich finde es feige. Das tun Menschen, die nicht allein sein können.“
Mann im Ohr: „Marlboro-Männer tun das nicht.“
Ich: „Nein. Die reiten alleine in die Wildnis, machen ein Feuer und erlegen irgendwelche Tiere, die sie dann über dem Feuer grillen.“
Mann im Ohr: „Wäre Dir das lieber als tindern?!“
Ich: „Natürlich.“
Mann im Ohr: „Aber Du bist doch so tierlieb!“
Ich: „Da muss man Prioritäten setzen. So ein erlegtes, wildes Tier hatte ja wenigstens ein schönes Leben. Und dann kommt der Marlboro-Mann irgendwann zurück und hat tagelang keine Frau gesehen und fällt über uns her und mit ein bisschen Glück haut er uns hinterher noch die Reste des erlegten Wildes in die Pfanne.“
Mann im Ohr: „D A S würde ein Marlboro-Mann niemals tun. Ein Marlboro-Mann stellt sich nicht an den Herd.“

Man wird ja wohl noch träumen dürfen.

„Was ist denn für Dich Fremdgehen?“ hakt es in meinem Ohr nach.
Ich: „So einfach finde ich das nicht zu beantworten. Manche würden ja schon behaupten, wenn man auf die Nachricht eines Verflossenen reagiert. Das finde ich ein bisschen drastisch. Man kann ja auch mit einem Ex befreundet sein, wenn die Grenzen klar abgesteckt sind.“
Mann im Ohr: „Es gibt so viele Formen heute, wie soll man sich denn da einig werden? Und weißt Du was?“
Ich: „Was denn?“
Mann im Ohr: „Früher habt Ihr Menschen mehr darüber geredet. Heute sagt Ihr nichts und fragt den anderen nicht, wie er das sieht und jeder sagt sich ‘Ich habe ja keine festen Zusagen gemacht, also ist das alles okay’.“
Ich: „Das stimmt in vielen Fällen. Ich glaube aber, dass diejenigen, die sich sowas sagen, insgeheim schon ganz genau wissen, was in Ordnung ist und was nicht. Und das eher eine Entschuldigung ist, wenn sie bei irgendwas ‘erwischt’ werden.“
Ich überlege ein bisschen. „Weißt Du, wenn ich dem anderen ohne rot zu werden davon erzählen würde, ist es okay. Das ist mein Maßstab. Auch damit kann man natürlich daneben liegen, wenn man unterschiedliche Auffassungen hat.“
Mann im Ohr: „Um das herauszufinden, müsste man dem anderen tatsächlich davon erzählen und nicht nur im Konjunktiv.“

Ich: „Das stimmt. Aber irgendwie ist das blöd. Soll ich dann zum Beispiel aus heiterem Himmel erzählen, dass mein Ex gefragt hat, wie es mir geht? Dann entsteht vielleicht der Eindruck, ich würde dem mehr Bedeutung beimessen als ich das eigentlich tue.“
Mann im Ohr: „Vielleicht sollte man sich mal generell darüber unterhalten, was für den jeweils anderen intim ist?“

Und dann alles, was für den anderen unter ‘intim’ fällt, mit Dritten unterlassen. Das klingt vernünftig. 

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