Das habe ich neulich auf dem Rücken einer Passantin in Düsseldorf gelesen.
Der Mann in meinem Bauch ist spontan gehüpft und hat sich dann so lange im Kreis gedreht, bis mir ganz warm war.
„Du musst aufhören, an diesen Kerl zu denken!“ ruft es in meinem Ohr. Autsch. Das war eindeutig zu laut. Aber es geht noch weiter: „Er bringt hier oben alles ganz schlimm durcheinander. Es sieht aus, als sei hier ein Tornado durchgefegt!“
Der Arme klingt ganz verzweifelt. Und ich habe keinen Schimmer, wovon er redet.
„Hier ist nichts mehr an seinem Platz! Ich muss alles wieder aufräumen.“ Ich höre Resignation und – Angst? Bevor ich fragen kann, geht es weiter: „Dieser Mensch tut Dir nicht gut. Ich will, dass das aufhört.“
Ich: „Kleiner Mann, beruhig Dich. Tief ein- und ausatmen. Was ist denn los?“
Mann im Ohr: „Du denkst ständig an ihn. Schon seit Monaten immer mal wieder, aber in letzter Zeit häufiger. Es wird dann immer düster hier drin. Die Stimmung ist gruselig und alles wirbelt durcheinander.“
Ich: „Hast Du A N G S T?“
Mann im Ohr: „Männer haben keine Angst.“
Ich: „Ach herrje, woher hast Du das denn?“
Mann im Ohr: „Das kam aus der Ecke geflogen, als der Tornado hier durch ist.“
Ich: „Dann beförder das mal ganz schnell raus aus meinem Kopf! Männer dürfen Angst haben.“
Ich habe doch gerade erst über Angst gelesen. Alexander Huber sagt, dass kein anderes Gefühl so intensive Momente im Leben erzeugt. Er findet, dass Angst sein Leben bereichert.
Angst schützt uns, manchmal rettet sie uns sogar das Leben. Sie ist in uns angelegt und nur ein Dummkopf würde sagen, dass Männer keine Angst haben dürfen. Hätten Männer früher bei der Jagd keine Angst vor Raubtieren gehabt, hätten sie kein Adrenalin ausgeschüttet und wären nicht in der Lage gewesen, sie zu erlegen oder vor ihnen zu flüchten. Nur die, die im richtigen Moment Angst haben und entsprechend reagieren, überleben. Wenn die Menschheit überleben soll, müssen auch Männer Angst haben.
„Wirklich? Das kann weg?“ fragt es leise.
Ich: „Ja, ganz schnell.“
Ich höre, wie sich etwas bewegt in meinem Kopf und dann purzelt ein kleiner Minipopel aus meiner linken Ohrmuschel.
Ich frage vorsichtig: „Fühlst Du Dich jetzt besser?“
Mann im Ohr: „Nein. Ich habe Angst vor ihm. Und vor dieser düsteren Stimmung.“
Ich: „Von wem redest Du denn eigentlich?“
Ich kann mich nicht erinnern, an einen schlimmen Mann gedacht zu haben.
Mann im Ohr: „Er sieht nicht mal gut aus. Ich weiß nicht, warum Du ständig an ihn denkst.“
Ich: „Kleiner Mann, ich denke über alles mögliche nach. Aber nicht über einen Kerl! Mich beschäftigt, wie ich meine Bilder signieren soll. Und ob überhaupt. Wenn ja, vorne oder hinten. Das beschäftigt mich gerade hauptsächlich.“
Und ob ich jetzt ein Blog-Pause einlege und die Fenster putze stattdessen. Wegen ‘Erst die Arbeit, dann das Vergnügen’ – weil es dann hinterher schöner ist, hier mit meinem Milchkaffee zu sitzen und zu schreiben.
„Milch?!“ tönt es entsetzt. „Du wolltest doch keine Milch mehr…die verträgst Du doch nicht.“
Ich beruhige ihn. „Hafermilch.“ Für mich zählt das. Es klingt nur so unsexy und nach Ökotussi.
Ich: „Ich verstehe immer noch nicht, von wem Du redest. Vielleicht hast Du nur schlecht geträumt?“
Mann im Ohr: „Er ist hässlich. Und er hat keine Manieren. Er ist gar nicht Dein Typ.“
Das muss ein Traum gewesen sein.
Mann im Ohr: „So ähnlich heißt er.“
Ich: „Wie ähnlich?“
Mann im Ohr: „So ähnlich wie ‘Traum’.“
Ich: „Kannst Du ihn mir beschreiben?“
Mann im Ohr: „Er hat eine furchtbare Frisur und oft ein ganz rotes Gesicht. Er scheint unsagbar dumm zu sein. Und ungehobelt.“
Ich: „Und ich denke an ihn? Hat er mich denn irgendwie belästigt oder hat er meine Nummer?“
Mann im Ohr: „Er hat nicht mal nach Deiner Nummer gefragt. Er steht auch gar nicht auf Frauen wie Dich, sondern eher auf künstliche Typen. Mit großen…na ja. Die hast Du nicht.“
Danke. Dafür habe ich Hirnzellen. Der kleine Mann fährt fort: „Deshalb verstehe ich ja auch nicht, wieso er Dir nicht aus dem Kopf geht. Du hast doch gesagt, wir sollten die Dinge loslassen, die uns nicht gut tun.“
Ich: „Das würde ich ja gern. Wie mache ich das jetzt mit der Signatur?“ Vielleicht hilft Ablenkung?
Mann im Ohr:“Außerdem ist er verheiratet mit so einer künstlichen Tussi, die einen komischen Akzent hat. Die ist auch nicht die Hellste.“
Ich muss spontan an Donald Trump denken.
„D A S ist er! So heißt er: Trump!“ ruft es.
Ich bin erstaunt. „Ich denke dauernd an Donald Trump und der bringt da oben alles durcheinander?“
Mann im Ohr: „Ja. Hier sieht es so aus, wie ich mir den Weltuntergang vorstelle.“
Tatsächlich muss ich, je näher die Wahl rückt, öfter an ihn denken. Aber Angst macht er mir nicht. Dachte ich.
„Warum sieht es dann hier so aus?“ Er klingt verunsichert.
Berechtigte Frage. Der kleine Mann kann besser beurteilen, wie es in mir aussieht. Das hat er oft genug bewiesen. Vielleicht ist das wieder mein Bauchgefühl? Habe ich das etwa schon wieder ignoriert?
Mein Verstand sagt mir, dass seine Präsidentschaft keine Zukunft hat. Mal angenommen, er würde die Wahlen gewinnen. Dann gäbe es immer noch den Kongress. Wie oft ist Obama gescheitert mit Initiativen? Weil der mächtigste Mann der Welt eben doch nicht so mächtig ist. Mit ein bisschen Glück würde er sich noch ein bisschen weiter vor der ganzen Welt blamieren und endgültig als Lachnummer in die Geschichte eingehen. Außerdem wurden schon Präsidenten erschossen, die weniger Angriffsfläche geboten haben.
„Du findest, man sollte ihn erschießen, wenn er Präsident wird?“ fragt es erstaunt.
So kennt der kleine Mann mich nicht. Ich muss vorsichtig sein mit meinen Gedanken, sonst bekommt er noch mehr Angst.
Ich: „Nein! Man sollte niemanden erschießen.“
Mann im Ohr: „Glaubst Du, jemand würde das versuchen?“
Ich: „Das wird vermutlich davon abhängen, wie er sich aufführt. Einen dritten Weltkrieg würde niemand riskieren wollen. Nicht mal seine Anhänger. Und was glaubst Du, wie viele aus den eigenen Reihen scharf auf seinen Posten wären?“
Mann im Ohr: „Aber das wäre sehr gefährlich.“
Ich: „Es gibt mutige Menschen da draußen. Denk nur an von Stauffenberg.“
Mann im Ohr: „Der hat es nicht geschafft. Er hat es doppelt nicht geschafft. Hitler nicht und selbst hat er den Schlamassel auch nicht überlebt.“
Ich: „Ja, kleiner Mann. Aber wir Menschen lernen dazu. Die Lage bei Hitler war anders. Damals war die Technik noch nicht so modern. Außerdem hat Trump schon bevor er überhaupt an der Macht ist unglaublich viele Feinde im eigenen Lager. Die werden sich schon zu helfen wissen.“
Mann im Ohr: „Würdest Du Dich denn freuen?“
Ich ignoriere die Frage. Auf so was kann man keine politisch korrekte und ehrliche Antwort geben. Aber da habe ich die Rechnung ohne den kleinen Mann gemacht.
Mann im Ohr: Wenn jemand ihn erschießen würde oder vergiften – na ja, töten halt. Würdest Du Dich freuen?“
Ich: „Ich würde sicher keinen Schampus aufmachen deswegen.“
Mann im Ohr: „Aber wenn Du zufällig welchen da hättest und der eh weg müsste? Du hast mal gesagt, Champagner wird nicht besser mit den Jahren.“
Da hat jemand zugehört. Früher habe ich mich mal mehr für Wein und Champagner interessiert. Da hatte ich sogar den aktuellen ‘Kleinen Johnson’.
Ich: „Vielleicht würde ich die Flasche dann seinetwegen ‘entsorgen’.“
Man soll ja regelmäßig ausmisten.
Mann im Ohr: „Das ist unchristlich.“
Ich: „Ich würde auch beten. Besser?“
Mann im Ohr: „Für ihn?“
Der kleine Mann ist manchmal schlauer als mir lieb ist. Ich hätte wissen sollen, dass er nachhakt.
Ich: „Mal sehen. Ja. Und dann würde ich nur zur Sicherheit noch beten, dass es die Hölle wirklich gibt.“
Mann im Ohr: „Wieso hast Du die Überschrift ‘Bad choices make good stories’ genannt?“
Ich: „Eigentlich wollte ich über etwas anderes schreiben. Über Männer mal wieder. Back to the roots quasi. Denn jede schlechte Entscheidung hat doch entweder zu lustigen oder spektakulären Geschichten geführt.“
Mann im Ohr: „Die damals aber gar nicht lustig waren. Erst im Nachhinein.“
Ich: „Ja, aber dann umso mehr.“
Und das war, wenn ich so darüber nachdenke, nicht nur bei Männern so. Auch bei meiner ersten Stelle. Und beim ersten Studium. Es waren immer die ‘schlechten’ Entscheidungen, die mich nach vorne gebracht haben. Warum sollte das nicht auch für eine Nation gelten können?
Der kleine Mann räuspert sich: „Aber in den 30ern haben eine Reihe von ‘bad choices’ in eine ganz schlimme Katastrophe geführt.“.
Mir wird flau. Der Mann in meinem Bauch steht stocksteif in der Mitte und greift mit seinen zu kurzen Armen nach den Bauchwänden, es kneift unangenehm. Ich hatte gerade etwas zu Julia Engelmann sagen wollen. Weil sie gesagt hat „Lass uns möglichst viele Fehler machen und lass uns möglichst viel aus ihnen lernen“. Ich höre ein leises „Aber manche Fehler darf man gar nicht erst machen, oder?“. Das ist wohl so. Dumm, dass man vorher nicht weiß, aus welchen Entscheidungen man lernen wird und welche in eine unumkehrbare Katastrophe führen.