Das hat meine Freundin Kathrin neulich gesagt. Und mir erlaubt, den Satz hier zu verwenden.
Wir kamen darauf, weil Eric zu mir gesagt hat: „So wie Du Dich selber beschreibst sehe ich Dich gar nicht. Na so spießig bist Du doch nicht.“.
Heute habe ich dem kleinen Mann gesagt, dass ich einfach zu spießig für die Ära Trump bin. Er hat mich mit erhobenem Zeigefinger daran erinnert, dass ich sonst immer Wert auf saubere Terminologie lege. Und dass das mit Trump keine Ära sei. Weil das Wort nur positive oder neutrale Zeitabschnitte meint. Sagt Wikipedia. Der kleine Mann hatte vergessen, dass der Duden eine seriösere Quelle ist und der keine solche Einschränkung kennt.
Mann im Ohr: „Trump würde auch Wikipedia fragen. Der kennt den Duden nicht.“
Super Argument.
Ich: „Trump ist nicht in unser Vorbild. In keinerlei Hinsicht.“
„Sogar Obama hat gesagt, so schlimm sei er nicht.“ tönt es verschnupft in meinem Kopf.
Ich: „Was soll er auch sagen? Er ist demokratisch gewählt. Das Kind ist in den Brunnen gefallen. Da hilft Panikmache nicht.“
Mann im Ohr: „Glaubst Du, Trump wird Vergewaltigungen erlauben?“
Mir wird spontan schlecht. So abwegig ist der Gedanke bei einem Pussygrabber nicht.
Ich: „Das kann ich mir nicht vorstellen.“
Mann im Ohr: „Doch. Kannst Du. Sonst wär Dir grad nicht schlecht geworden.“
Ich will nicht daran denken.
Ich: „Er wird einen Haufen dummes Zeug machen.“
Ich demonstriere gegen Trump. Ganz still und leise. Ich bin der Inbegriff einer spießigen Europäerin. Ich trinke beim Schreiben einen trockenen italienischen Rotwein. Ich habe keine Silikontitten. Ich bin nicht bei Facebook. Ich habe keine Tattoos oder Piercings. Wenn ich einen Kuchen backe, sind alle Zutaten frisch und regional und selbst zusammengemixt. Boden aus dem Tiefkühlfach mit Topping aus der Dose kommt mir nicht in die Tüte. Ich käme nie auf die Idee, rund ums Jahr Spargel zu essen. Am besten noch weißen aus der Dose. Pfui! Ich wohne in einem STEINhaus mit dicken Wänden, das nicht nur Trump, sondern auch seine nächsten zehn Nachfolger unbeschadet überdauern wird. Selbst ein Hurrikane könnte dieser Festung nichts anhaben. Das Haus steht seit 1616. Wollen wir doch mal sehen, was solider ist. ‘Mein’ Haus oder der Trump Tower. An meiner Decke hängen dänische Lampen und mein Sofa ist Italiener. Die Armaturen sind genauso deutsch wie meine Küche und mein Bett. Die Stühle sind aus Dänemark und das hübsche Windlicht aus der Bretagne. Soll Trump Amerika ‘great again’ machen, an das hier kommt er nicht ran.
Mann im Ohr: „Du klingst ganz schön antiamerikanisch. Dabei ist Amerika doch nicht nur Trump.“
Ups, da habe ich mich ganz schön in Rage gedacht.
„Das stimmt.“ sage ich kleinlaut.
Ich bin einfach erbost. Aber der kleine Mann hat natürlich recht.
Eigentlich waren wir ja dabei, dass ich spießig bin.
„Ja. Schon. Ziemlich. Na ja, nicht in allen Dingen.“ Der kleine Mann lugt aus meinem Ohr heraus.
Mann im Ohr: „Ich glaube, das kommt einfach sehr auf den Blickwinkel an. Thilo fand Dich nie spießig genug mit Deiner liberalen, leicht angegrünten Haltung. Und Ethan fand Dich völlig verklemmt und spießig. Denk nur an die Sache mit dem Tattoo und dem Intimpiercing.“
In meinem Bauch rumort es heftig. Ich bin, was Tattoos und Piercings angeht, völlig jungfräulich. Und habe auch nicht vor, daran etwas zu ändern. Das war ein Streitpunkt. Er fand das langweilig. Die Sache mit dem Föderalismus war nicht der einzige Grund für die Trennung.
Ich: „Bin ich nun spießig?“
Mann im Ohr: „Nicht spießig genug für ein Reihenhaus mit handtuchgroßem Garten.“
Tatsächlich behagt mir diese Vorstellung nicht. Aber: das haben auch alle anderen immer gesagt, die irgendwann doch in so ein Ding gezogen sind und dann schwärmen, wie praktisch das ist. Der kleine Mann meint, dass ich trotzdem niemals im Reihenhaus enden werde. Puh.
Er fährt fort: „Dir sind künstliche Nägel suspekt. Du hast noch nie Drogen genommen oder mit mehreren Leuten gleichzeitig…“
Ich: „…aber ich rede sehr offen über so was. Und die meisten Erfahrungsberichte über Dreier und so waren eher semi.“
Schon Otto von Bismarck hat gesagt ‘Nur der Dumme lernt aus der Erfahrung, der Kluge dagegen aus der Erfahrung anderer.’.
Mann im Ohr: „Das ist eigentlich aus China und heißt ‘Der Dumme lernt aus seinen Fehlern, der Kluge aus den Fehlern der anderen.’“
Ich: „Kleiner Klugscheißer.“
Mann im Ohr: „Du legst Wert auf Pünktlichkeit, wolltest nie Kinder ohne Trauschein und hast Dir…“ Er scheint kurz nach Luft zu schnappen. „…Silberbesteck gewünscht.“ Das in einer Schublade ordentlich aufgereiht zwischen anlaufsicherem Samt – ist das Samt? So was in der Art jedenfalls – liegt.
Ich: „Das klingt mega spießig.“
Mann im Ohr: „Ist es.“
Wir schweigen. Ich bin frustriert. Und er will es nicht noch schlimmer machen. Glaube ich. Ich bin gerne so. Aber sexy klingt das nicht.
Ich muss wieder an Kathrin denken. Wir haben viel gemeinsam. Also Kathrin und ich. Wir fühlen uns unsicher, sobald wir auf hippe Typen treffen, die sich in einer ‘Szene’ auskennen, von deren Existenz wir bis dahin nicht mal wussten. Dafür sind wir tier- und kinderlieb, kochen und backen gern und gefallen uns so ganz ‘nackt’. Wir nähen. Und malen. Wir putzen sogar gern.
„Ich hoffe, das hier liest kein Mann, den Du gut findest. Du erhöhst mit Deiner Offenheit nicht gerade Deine Chancen am Markt.“ Der Mann in meinem Ohr klingt besorgt.
Ich: „Ach weißt Du, wenn er das hier liest und mich trotzdem noch gut findet, kann er sich melden und beim Treffen können wir uns das ganze Gequatsche sparen. Wir könnten gleich ausprobieren, ob das mit dem Küssen klappt und zu den wirklich wichtigen Dingen kommen. Das wäre ungemein effizient.“
Er vergräbt den Kopf in seinen Händen und schüttelt ihn dabei. „Du hast was vergessen.“
Vergessen? Das passiert mir öfter in letzter Zeit.
„Du solltest IHN auch kennenlernen, bevor Du zu den wirklich wichtigen Dingen kommst.“