Back to the roots

Ich sitze hier mal wieder an einem Sonntag morgen. Wach bin ich seit 5:30 Uhr. Hatte ich schon erwähnt, dass die Sache mit Ben unter anderem daran gescheitert ist?

Unsere Hochzeitsreise lief ungefähr so:
Ich wache um 6 Uhr auf und bin hellwach. Am liebsten würde ich über Ben herfallen, aber er schläft noch tief und fest. Lesen wäre eine Alternative – aber Licht anmachen ist doof, dann wird er wach und bekommt schlechte Laune. Hätten wir doch nur eine Suite mit mehreren Zimmern gebucht. Also gut, ich gehe schwimmen.
Nach einer Stunde im Pool mache ich ganz leise noch ein bisschen Bauch, Beine, Po. Ohne Licht. Ich schleiche mich ins Bad und dusche. Es ist jetzt ungefähr 8 Uhr. Nach dem Duschen noch Schönheitsprogramm, sonst bekomme ich die Zeit bis zum Frühstück nicht rum. Irgendwann stehe ich vor dem Bett. Mir reicht´s. Ich bin seit vier Stunden auf, meine Haut strahlt, meine Füße sind pedi- und meine Hände manikürt, meine Haare duften und mein Körper ist trainiert wie selten. Und da liegt einer und pennt und würdigt das kein Stück. Ich lege mich daneben und stupse ihn an. Hilft nicht, kenne ich schon. Küsse sind vergebene Liebesmüh – jedenfalls zum Wecken. Nach 8 1/2 Jahren zieht nicht mal mehr ein Blowjob. Jedenfalls nicht, wenn die Alternative süße Träume sind. Mein Magen knurrt. Ich bin sauer. Das ist verdammt noch mal meine Hochzeitsreise. Und unser erster Urlaub zu zweit, seit wir uns kennen. Ich will was vom Tag haben, aber der ist schon halb rum. Alle Leute frühstücken. Alle! Ich rüttle an Ben und sage „Aufstehen, ich will frühstücken.“. Er dreht sich rum und grummelt irgendwas, das klingt wie „Noch ein bisschen.“. Um 11 sitzen wir am Frühstückstisch. Meine Laune ist im Keller. Ben sagt „Ich würde so gern neben Dir aufwachen. Ist doch unsere Hochzeitsreise. Das ist total unromantisch, dass Du immer so früh auf bist.“. Ich atme ganz tief ein uns aus und dann implodiere ich. Ist ja unsere Hochzeitsreise und ich will nicht unromantisch sein.

Mann im Ohr: „Warum heißt der Post ‘Back to the roots’?“
Ich: „Ich habe so lange nicht über Männer geschrieben und da dachte ich, ich schreibe vielleicht mal wieder über ein Date, das nicht stattgefunden hat.“
Mann im Ohr: „Ist Dir gelungen.“
Ich: „Es ist noch nicht mal acht und Du meckerst schon an mir rum.“
Mann im Ohr: „Das wird sich Ben auch gedacht haben in Eurem einzigen Urlaub.“

Stimmt. Aus Ben´s Sicht war das wahrscheinlich eher so:
Ich bin noch nicht mal wach und meine Frau keift schon in mein Ohr, dass sie hungrig ist und ich endlich aufstehen soll. Ich würde jetzt gern über sie herfallen. Sie riecht so gut und so sommergebräunt ist sie unglaublich sexy. Aber wenn ich ihr damit jetzt komme, rastet sie völlig aus. Wenn sie Hunger hat, ist nicht mit ihr zu spaßen. Vielleicht wird es ja später was. Unwahrscheinlich. Tagsüber will sie an den Strand oder etwas unternehmen oder lesen und abends fällt sie tot ins Bett, weil sie seit 6 Uhr auf ist. Na ja, jetzt erst mal ganz entspannt frühstücken, dann bessert sich ihre Laune hoffentlich.

Mann im Ohr: „Welches Date meinst Du? Du hattest so viele Nicht-Dates.“
Ich: „So viele waren das gar nicht. Aber es gab, glaube ich, mehr Dates, die nicht stattgefunden haben als ‘richtige’ Dates.“ 

Ich meinte das Date mit Joshua.

Joshua klang nett. Und wollte ‘was Ernstes’. Wenn man sich denn versteht, versteht sich. Der Termin für unser Date stand schon. Dann schrieb er plötzlich Fragen wie „Trägst Du eigentlich Nylons?“. Eigentlich weiß man bei so einer Frage gleich, wie das weiterläuft. Dementsprechend garstig habe ich reagiert. Allerdings fühlen sich manche Männer ja durchaus angezogen von widerborstigen Frauen. Jedenfalls äußerte er den Wunsch, ich möge doch bitte zu unserem ersten Date einen Rock, Nylons und ‘die braunen Stiefel da’ tragen. Da war ich nicht umsichtig gewesen. Ich hatte ihm ein Selfie geschickt, das in meinem Zimmer aufgenommen ist. Darauf bin ich in Jeans und T-shirt zu sehen und in der Zimmerecke stehen braune Lederstiefel. Um sicherzustellen, dass das Outfit auch seinen Vorstellungen entsprechen würde, schickte Joshua noch einige Links. Von Wolford und Gerbe. Wolford kennt man ja. Als Frau jedenfalls. Gerbe sagte mir nichts. Auf der Website steht ‘Preciously handmade in France. Since 1904’. Aha. Teuren Geschmack hat der Gute.

Ich habe geantwortet, dass ich prinzipiell trage, worauf ich Lust habe. Na ja fast. Der einzige, der da ein bisschen mitreden darf, ist mein Chef. Der hat zwar auch schon mal eine Erwartungshaltung geäußert, die mir nicht geschmeckt hat. Aber die war doch nachvollziehbar begründet und wesentlich angemessener als das. Nach Nylonstrümpfen hat er noch nie gefragt.

Darauf kamen von Joshua noch mehr Fotos von Frauen in hübschen Strümpfen und etwas, das man fast schon als Betteln bezeichnen muss.

Ich habe lange überlegt, ob und wie ich antworten sollte. Am besten gefiel mir, worauf mein Bauch spontan hüpfte: „Nylons kosten extra.“. Ich glaube wirklich, er war so heiß darauf, mich in diesen Strümpfen und den braunen Stiefeln zu sehen, dass wir ein Geschäft daraus hätten machen können. Da bekommt der Ausdruck ‘Marktwert testen’ eine ganz neue Bedeutung.
Aber dann habe ich eine Stimme in meinem Kopf gehört: „Wie muss man sowas eigentlich versteuern?“ Darauf hatte ich keine Antwort. Und dann dachte ich, irgendwie lassen wir das Ganze doch besser.

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