Gestern war ich auf einer Geburtstagsfeier. Geburtstagskind war meine Freundin Inka. Wir kennen uns schon eine Ewigkeit, nämlich seit dem ersten Tag in der 5. Klasse. Das Schicksal hat es netterweise so gefügt, dass sie nun schon eine halbe Ewigkeit mit einem Freund von mir zusammen ist, mit dem ich studiert habe.
Mit ihm und einigen anderen hatten wir zu Studienzeiten eine ‘Mittagsrunde’.
DIE Mittagsrunde. Wir waren legendär.
„Das glaubt nur ihr.“ murmelt es.
Ich: „Das haben alle gesagt damals. Alle.“
Der kleine Mann schweigt. Ich werte das als Zustimmung.
Mann im Ohr: „Schweigen ist rechtliches Nullum.“
Es gab eine Stammrunde und wechselnde Gäste. In keiner anderen Mittagsrunde wurde so viel gelacht und so viel über schmutzige Themen geredet. Und, was wirklich toll war, alle unsere Anhänge, also Partner, waren irgendwie mit der Runde kompatibel. Zwar waren die teilweise aus anderen Fachrichtungen oder wohnten nicht vor Ort. Aber man konnte die Runde abends und an den Wochenenden quasi in beliebiger Kombination zusammenstellen, Spaß war garantiert. Wir haben wunderbar diskutiert. Über alles. Juristische Grundsatzfragen gehörten ebenso auf die Agenda wie gesellschaftspolitische Themen. Dass fun factory die besten Vibratoren baut war genauso wichtig wie die Doku über Analsex im WDR, die eine von uns gesehen hatte. Wir waren ein Haufen sexuell aufgeschlossener Intellektueller.
„Ihr habt über Hausfrauenthemen geredet. Wie man Zwiebelkuchen macht. Und Katrin hat selbst Toastbrot gebacken.“
„Sehr gutes. Ich erinnere mich.“
Der kleine Mann schweigt.
„Ich sag ja, kein Thema kam zu kurz. Wir waren genial.“
Der kleine Mann schweigt immer noch.
Jedenfalls war Inkas Geburtstagsfeier in mehrfacher Hinsicht ein Traum. Erstens gab es tolles Essen und rosa Sekt, von dem ich gern noch viel mehr getrunken hätte. Und zweitens bringt Inka genau die richtige Kombi an Leuten für mich zusammen. Es sind alte Schulfreundinnen und Kommilitonen. Leute, die ursprünglich mal nichts miteinander zu tun hatten, aber irgendwie wunderbar zusammenpassen. Ich habe alle Leute gesehen, bei denen ich mich viel zu selten melde und die ich gern viel öfter sehen würde.
„Hier oben war wirklich gute Stimmung, das muss ich zugeben. Es war fast so entspannt wie wenn Du…“
So hat es sich auch angefühlt.
„Ich lache viel mehr in so einer Runde. Es ist die Kombi aus ernsten Gesprächen und furztrockenen Anmerkungen, die unter die Gürtellinie zielen. Es ist manchmal schmutzig, aber nie niveaulos.“
„Ihr habt Euch überhaupt nicht verändert.“
Das stimmt tatsächlich mehr oder weniger. Wir sehen alle fast so aus wie früher. Wir sind erfahrener, aber noch sieht man es uns nicht an. Wir haben alle die gleiche Haarlänge und -farbe wie damals, keiner von uns hat wesentlich zu- oder abgenommen, wir haben quasi keine Schönheitsoperationen hinter uns. Also ich eine. Aber sonst keiner.
„Trotzdem wurde gestern gesagt, dass Du mit inneren Werten punkten musst.“ Es kichert in meinem Ohr.
Wir reden immer noch mehr oder weniger über die gleichen Themen. Und natürlich gehört da auch das Für und Wider von Dingen wie Lippen aufspritzen und Brust-OPs dazu. Bisher haben meine inneren Werte Gott sei Dank ausgereicht, Männer auch ohne solche Maßnahmen zu überzeugen. Ich höre erneutes Kichern.