Schreck lass nach

Der kleine Mann ist seit Tagen wehleidig. Außerdem leidet er unter Angstzuständen. Er wäre beinah verloren gegangen und hat den Schreck noch nicht verdaut.

„Ich wäre beinah in diesem Wrack geblieben. Da hätte mich niemals irgendwer gefunden.“ höre ich seine zittrige Stimme.

Wir hatten einen Autounfall. Der kleine Mann ist auf meiner Ohrmuschel rumgeturnt und hat eine laute und ausführliche Rede gehalten. Er war der Meinung, dass ich grade wirklich alles falsch mache. Dass ich zu Hause im Bett hätte bleiben sollen wegen der Halsschmerzen. Dass mein Männergeschmack ihm nicht passt. Und mein Job nicht. Dass ich Urlaub buchen soll und und und. Ich hatte zu jedem seiner Punkte eine Art Rechtfertigung. Bei einigen habe ich ihm zugestimmt. Aber das reichte nicht. Ihm ging mal wieder alles nicht schnell genug. Er war so aufgedreht, dass er auf meiner Ohrmuschel auf und ab lief und ein bisschen turnte. Und dann hat es geknallt und die Airbags gingen auf und er ist nach vorn geschleudert worden gegen die Windschutzscheibe. Ich habe zitternd im Auto gesessen, Blut gesehen und im ersten Augenblick dachte ich, das Auto brennt. Weil aus dem Airbag so komischer Rauch kam und es verbrannt roch.
Aussteigen ging nicht, weil mir die Knie weggesackt sind. Die anderen Beteiligten haben Polizei und Krankenwagen gerufen und mir Wasser gebracht und ich habe einfach nur da gesessen und gewartet und heulend und zitternd drei Anrufe gemacht. Nachdem ich gecheckt hatte, dass es nicht brennt. Sonst wäre ich schon auf die Idee gekommen, mich da rausholen zu lassen. Immerhin, mein Hirn funktionierte noch.

Irgendwann habe ich mich völlig fertig nach vorn gebeugt und meinen Kopf in die Hände gelegt. Das war sein Glück. Sonst hätte der kleine Mann es nicht geschafft, sich an meinem Blazer festzuhalten. Er hat sich an den untersten Knopf am Ärmel geklammert und sich dann ins Knopfloch gesetzt. Nur deshalb ist er mit ins Krankenhaus gekommen. Nur deshalb kann er sich jetzt in seinem ‘Zimmer’ in meinem Kopf erholen.

Seitdem frage ich mich, was passiert, wenn man seine innere Stimme verliert. Geht das überhaupt? Gibt es in meinem Kopf eine Art Backup, aus dem ich einen neuen kleinen Mann kreieren könnte?

„Ich bin einzigartig. Du kannst mich nicht ersetzen.“ schluchzt es.

Dann ist er wieder still. Er mag es nicht, wenn ich ihn weinen höre. Männer weinen nicht. Dieser Glaubenssatz ist noch irgendwo ganz hinten in meinem Kopf und er will mich nicht enttäuschen. Armer kleiner Kerl.
Er zittert und hat Angst, dass er tatsächlich mal abhanden kommen könnte. Oder dass ich beim nächsten Mal weniger Glück habe und sterbe. Wir wissen beide nicht, was in einem solchen Fall mit ihm passiert. Logisch denkbar wäre, dass er mit mir stirbt oder ohne mich weiter leben muss. Beides gefällt ihm nicht.

Seit ich die Schmerzmittel abgesetzt habe, bin ich fast so wehleidig wie er. Nur fast, denn Männer sind von Natur aus wehleidiger als Frauen. Aber eine Woche muss reichen. Außerdem habe ich vor lauter Ibuprofen gar nicht richtig mitbekommen, dass ich krank bin. Ich hatte eine ziemliche Erkältung und Husten und Halsweh. Aber das merkt man gar nicht so, wenn man genügend fiebersenkende Schmerzmittel nimmt. Jetzt habe ich eine ausgewachsene Bronchitis. Der Unfallchirurg sagt, ich soll mich viel bewegen und drei mal die Woche zur Physiotherapie, damit es meinem Rücken bald besser geht. Mein Hausarzt hat mir Bettruhe verordnet. Der Physiotherapeut meint, Sauna wäre gut für meinen Rücken. Wenn die Bronchitis nicht wäre.

Nicht nur dem kleinen Mann kann ich es nicht recht machen.

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