Ich sitze im „Schiffchen“ an der Theke. Öfter mal was Neues. Ich habe heute Urlaub und hole einen Freund vom Bahnhof ab. Der kleine Mann und ich sind 2 Stunden vor der Zeit und ich schreibe vor einem Holzfass und neben einem Zapfhahn aus poliertem Messing. Ich glaube, er braucht öfter Gelegenheiten, bei denen er sich wie ein Mann fühlen kann. Seine Laune steigt spürbar in diesem Setting mit Theke, Bierfässern und Spielautomaten. Es duftet nach Rostbratwürstchen.
Mann im Ohr: Bestellen wir welche? Er klingt sehnsüchtig.
Ich: Ich habe gekocht, wir essen alle zusammen zuhause.
Es grummelt in meinem Ohr.
Mann im Ohr: Darf ich einen Schluck?
Wie soll ich das denn…ich kann mein Glas ja schlecht an mein Ohr halten.
Ich: Wenn Du es unauffällig zum Glas und hinterher wieder rauf schaffst: ja.
Mann im Ohr: Schreibst Du jetzt über Benny?
Darüber muss ich noch nachdenken. Ich hatte vor ein paar Tagen ein merkwürdiges Erlebnis. Jemand hat die Frage aufgeworfen, ob er es nicht wert sei, in meinem Blog erwähnt zu werden.
Der Typ gegenüber an der Theke hat grade abgelehnt, mit rauszugehen, weil ich so süß lächel. Das jedenfalls hat er gesagt, als er seinem Raucherkumpel einen Korb gegeben hat. Er kommt von der ProWein und hat halbleere Flaschen dabei. Die Etiketten sind mit Strass verziert. Der Typ sagt, er will mich weiter beobachten, wie ich vor mich hin grinsend schreibe. Wie leicht man manche Menschen glücklich machen kann.
Jedenfalls kannte ich bisher eher den umgekehrten Fall. Dass Leute erbost waren, dass ich überhaupt über sie geschrieben habe. Oder über das, was ich über sie geschrieben habe. Oder Sorge hatten, ich könne über sie schreiben. Manchen war’s auch einfach egal. Enttäuschung wegen Nichterwähnung ist neu für mich.
Mann im Ohr: „Das ist so’n Egoding. Als Frau verstehst Du das nicht.“
Mein Handy blinkt. Christian steht irgendwo auf der Strecke und hat Verspätung. Länger. Er will mich auf dem laufenden halten. Die Typen mit den Weinflaschen verabschieden sich. Nur einer bleibt. Er stellt sich zu mir und stellt sich vor. Alfredo. Sein Zug Richtung Stuttgart geht erst in anderthalb Stunden.
Aus dem Augenwinkel kann ich eine WhatsApp-Konversation von Alfredo sehen. Bestandteil ist ein Bild mit drei nackten Frauenhintern. In jedem Anus steckt eine bunte Blume. Mir schießen Gedanken durch den Kopf. Darüber, dass große Displays nicht nur Vorteile haben. Ob seine Frau ihm das geschickt hat? Oder ein Kumpel? Eine andere Frau? Woher kommen solche Bilder? Stecken sich Frauen wirklich Blumen in den Allerwertesten? Oder ist das Photoshop?
Inzwischen hat Alfredo mir erzählt, dass er eine Frau und drei Kinder hat. Eigentlich stimmt das nicht ganz. Er hat zuerst von seinen Ex-Freundinnen erzählt. Erst als ich auf sein Lock-Screen-Hintergrundbild gedeutet habe und fragend geschaut habe, ist er mit der Familie rausgerückt. Er fährt einen Ferrari und einen Q7 und seine Frau einen Fiat 500 Cabrio. Ich frage, was der Ferrari gekostet hat. 160.000 EUR. Was mich zur nächsten Frage bringt: „Wie viel läuft schwarz in Deinem Business? 50%?“ Alfredo schüttelt den Kopf. Auf mein „30?“ folgt ein Nicken. Er erläutert, dass der Ferrari auf einen anderen Namen läuft – sonst würde das Finanzamt, na ja, ich wisse schon. Ich würde jetzt gern einen Ausweis zücken und sagen „Steuerfahndung“.
Ich bin erstaunt, dass er einen Audi fährt. Die Geographie und seine Geschichten hätten einen Mercedes nahegelegt. Ich frage Alfredo, warum Audi und nicht Mercedes. Es folgt ein „Nur Türken fahren Mercedes, Deutsche fahren Audi.“. Während ich noch verwirrt darüber nachdenke, dass er Italiener ist, höre ich mich sagen: „Nee, Türken fahren BMW.“. Bevor ich den Satz ganz ausgesprochen habe, meldet sich mein schlechtes Gewissen. Eigentlich habe ich was gegen Vorurteile.
Mann im Ohr: „Gegen die anderer hauptsächlich.“
Ich: „Kleiner Mann, ich wollte hier nur sitzen und über Benny schreiben. Und jetzt denke ich über Blumendeko und Steuerhinterziehung nach und habe ein schlechtes Gewissen.“
Mann im Ohr: „Weil Du nicht über ihn geschrieben hast?“
Ich kann nicht sagen, warum ich über die einen schreibe und über die anderen nicht. Es hat weder etwas mit Sympathie noch mit Relevanz in meinem Leben zu tun. Über manche schreibe ich nicht, weil ich drum gebeten wurde oder es taktlos fände.
Mann im Ohr: „Du weißt immer, warum Du etwas nicht machst oder willst…“
Ich: „…aber selten, was ich will und warum?“
Mein Handy leuchtet auf. Es ist Zeit, zu gehen – das Thema muss ich wohl vertagen.