Dieser Post ist der, den ich Tobi schon vor geraumer Zeit versprochen hatte.
Ich bin in letzter Zeit öfter ein bisschen in Verzug. Meine Schwester hat mich vor kurzem ganz aufgebracht begrüßt: „Unsere Familie kann es sich nicht leisten, dass Du auch noch unzuverlässig wirst!“. Ich war zu spät, vielleicht 15 Minuten. Es war kein Drama. Wir hatten keinen wichtigen Termin oder so. Aber verabredet war es eben anders. Es folgte ein „Papa ist unzuverlässig und Emma auch und ich, wo soll das hinführen, wenn nicht mal mehr auf Dich Verlass ist?!“. Das stimmt nur teilweise. Mein Vater ist zum Beispiel sehr pünktlich. Im Gegensatz zu meiner Schwester Sophie, die frauentypisch immer zu spät ist. Emma meldet sich skandalös selten beim Rest der Familie und ist für uns fast nie zu erreichen. Papa macht gern Zusagen, die er dann nicht einhält. Er vergisst sie manchmal auch einfach. Sophie hat sich früher beschwert, ich sei immer so perfekt und es sei ätzend, so eine zuverlässige Schwester zu haben, da könne man schwer mithalten. Nun bin ich also unzuverlässig. Ich verspreche, einen Tisch zu reservieren und vergesse es. Oder – schlimmer – ich denke dran und mache es trotzdem nicht. Ich komme zu spät und habe nicht mal ein schlechtes Gewissen dabei. Ich verpacke Geschenke nicht, weil sich der Aufwand doch irgendwie nicht lohnt, wenn man sie ohnehin gleich wieder auspackt.
Mann im Ohr: „Sag nicht ‘unzuverlässig’. Entspannt klingt viel besser.“
Ich: „Trifft es das denn? Das klingt so positiv.“
Mann im Ohr: „Du hast Dein Studium abgebrochen, als Du beim Block Selbstmarketing angekommen warst…“
Ich weiß, worauf er hinaus will und unterbreche ihn: „Ich habe mein Studium nicht abgebrochen! Es liegt nur momentan auf Eis.“
Mann im Ohr: „Trifft es das denn?“
Um mal zum eigentlichen Thema zu kommen. In dem neulich verlinkten Artikel heißt es zum Thema Partnersuche: ‘Wir entscheiden uns letztlich zwischen den verfügbaren Optionen – ganz gleich, wie schlecht diese Optionen auch zu uns passen mögen.’.
Wir wählen unseren Partner also aus der verfügbaren Masse. Selbst dann, wenn darin kein einziges zu uns passendes Objekt zu finden ist. Ich höre ein leises, aber bestimmtes „Subjekt!“ in meinem Kopf. Eigentlich hat der kleine Mann recht. Aber wenn ich, wie mir die ‘Welt’ nahelegt, den Kreis der verfügbaren Masse zum Beispiel durch Online-Dating erweitere, so dass darin zu mir passende Optionen auftauchen, wenn ich zumindest im Kopf eine Excel-Tabelle baue mit entsprechenden Wenn-Dann-Verknüpfungen, mache ich meinen potentiellen zukünftigen Partner, dem ich 18.000 mal erzähle, wie mein Tag war, dann nicht zum Objekt? Und wenn ich wüsste, dass ein Mann mich ausgewählt hat, weil ich die Punkte auf der Checkliste in seinem Kopf oder, schlimmer noch, in Excel, erfülle, würde ich mich dann noch geliebt fühlen?
Mann im Ohr: „Gilt das mit der verfügbaren Masse nicht überall?“
Ich: „Was meinst Du mit überall?“
Mann im Ohr: „In der Kantine nimmst Du doch auch das Essen, das Dir am besten schmeckt. Selbst wenn keine der verfügbaren Optionen Deinem Geschmack entspricht.“
Ich: „Weil ich Hunger habe. Wenn es um elementare Bedürfnisse geht, wird der Wunsch nach einem medium-rare gegarten Lammkarree zum Luxusproblem.“
Mann im Ohr: „Ist das denn schlimm?“
Ich: „Nein. Aber nur, weil das eine Entscheidung ist, die ich immer wieder treffe.“
Mann im Ohr: „Verstehe ich nicht.“
Ich: „Was ich esse, entscheide ich mindestens dreimal täglich. Wenn in der Kantine das Lammkarree nicht verfügbar ist, bestelle ich das eben Freitags abends im Restaurant. Wenn es an der ersten Raststätte keine Soja-Latte gibt, nehme ich eben was anderes und freue mich umso mehr auf den nächsten Stop. Wenn der Kinofilm nicht läuft, wenn ich Zeit habe, schaue ich ihn eben in ein paar Wochen online. Bei der Wahl des Lebenspartners habe ich nicht viele Möglichkeiten, mich umzuentscheiden. Es dauert verhältnismäßig lange, bis ich überhaupt merke, ob es längerfristig passt oder nicht und wenn ich zum Beispiel Familie gründen will, habe ich ein relativ kleines Zeitfenster. Irgendwann muss es passen.“
Mann im Ohr: „Also kann ich Kantinenessen nicht mit Männern vergleichen.“
Ich: „Vielleicht mit One-Night-Stands. Aber wenn es um einen Partner geht, wäre eher Autokauf ein passender Vergleich.“
Mann im Ohr: „Autokauf?!“
Ich: „Na ja, ein Auto schaffe ich mir nicht dauernd neu an. Jedenfalls nicht in sehr kurzen Abständen.“
Mann im Ohr: „Dein Vater schon.“
Ich: „Alle zwei Jahre. Aber auch zwei Jahre können lang sein. Jedenfalls, wenn man sich für ein ‘falsches’ Auto entschieden hat.“
Mann im Ohr: „Wann wäre ein Auto falsch?“
Ich: „Wenn ich eine Familienkutsche benötige für meine Zwillinge und ich einen Sportwagen mit winzigem Kofferraum fahre, ärgere ich mich wahrscheinlich jeden Tag darüber. Bei einem Auto sollte ich genau wissen, was ich brauche, was ich will und was ich mir leisten kann. Und dann zu einem Händler gehen, der genau das hat. Wenn nicht, gehe ich zum nächsten oder konfiguriere mir ein Auto genau nach meinen Wünschen – dann muss ich nur länger warten.“
Mann im Ohr: „Einen Tod muss man sterben.“
Den Satz hat er von mir.
Mann im Ohr: „Aber viele schaffen sich doch dann einfach ein zweites Auto an. Wenn sie plötzlich eine Familienkutsche brauchen. Und behalten den Sportwagen trotzdem.“
Ich: „Das muss man sich leisten können. Aber es stimmt, viele machen das.“
Mann im Ohr: „Warum macht ihr das nicht auch bei Partnern? Dann wäre es nicht so stressig.“
Ich: „Na ja. Es ist bei uns verboten, mehrere Menschen zu heiraten. Und selbst wenn man ‘nur so’ zusammen ist, haben die meisten Leute etwas dagegen, ihren Partner zu teilen.“
Mann im Ohr: „Warum?“
Ich: „Weil sie eifersüchtig sind. Weil sie Angst haben, ihren Partner zu verlieren.“
Mann im Ohr: „Warum? Wenn es normal wäre, müsste ja keiner Angst haben, den Partner zu verlieren. Die Menschen müssten nur teilen.“
Ich: „Aber das wollen viele nicht.“
Mann im Ohr: „Warum nicht? Ihr teilt doch auch Autos. Das wird sogar online organisiert und funktioniert super. Schont die Umwelt. Das hat doch viele Vorteile.“
Ich: „Das kannst Du nicht vergleichen.“
Mann im Ohr: „Warum nicht? Hast Du doch eben selbst.“
Ich bin sprachlos. Der kleine Mann hat ja Recht. Und in anderen Ländern funktioniert die Ehe mit mehreren Frauen ja schließlich auch seit Jahrhunderten. Ich muss erst mal in mich gehen. Hinkt der Vergleich? Finde ich einen besseren?
Jemand meldet sich zurück: „Ist es nicht in der Praxis ohnehin so?“
Ich: „Wie?“
Mann im Ohr: „Dass ihr Menschen euch einen weiteren Partner dazu nehmt, wenn manche Dinge mit dem einen nicht so gut funktionieren? Warum sonst haben so viele Menschen Affären oder wie ihr das nennt?“
Ich: „Na ja, da gibt es schon viele. Aber das ist nicht das, was die meisten Menschen anstreben. Wir wollen einen Partner, mit dem wir alles teilen können und der uns treu ist.“
Mann im Ohr: „Ich finde, ihr macht euch das Leben unnötig schwer. Es spricht doch nichts dagegen, einen Touran und einen Z8 zu fahren.“
Mir fällt kein plausibles Gegenargument ein. Außer, dass kein Mensch der Touran für seinen Partner sein will.