Die Sache mit der Zensur

Jemand, der sich Benny nennt, hat meinen Post über Benny und Patrick kommentiert. Nun weiß ich nicht, ob Benny auch Benny ist oder ob Benny jemand ist, der glaubt, er sei Benny. Ich schreibe ja nur über Dinge, die wirklich passiert sind. Aber ich verändere die Namen und manchmal auch die Umgebung oder die zeitliche Abfolge. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen will ich niemanden bloßstellen. Zum anderen passen manche Dinge, die heute passieren, in ein paar Monaten irgendwie besser. Weil ich dann erst einen Aufhänger habe. Ich habe Bennys Kommentar freigegeben. So wie jeden anderen auch. Viele waren es ohnehin nicht. Bis auf einen.

Guiseppe hat meinen Post ‘Zu nett ist auch nichts’ kommentiert und ich habe den Kommentar kommentarlos gelöscht.

Jemand kommentiert: „Im Ernst? Kommentiert, Kommentar und kommentarlos in einem Satz?“

Ich habe viel nachgedacht über die Bloggerei in letzter Zeit. Darüber, ob es klug ist, gewisse Dinge zu schreiben. Und dann habe ich tolle Ideen verworfen, weil unter Umständen jemand etwas denken könnte, von dem ich nicht will, dass er es denkt. Ich habe einen genialen Post geschrieben, zu dem mich der Songtitel „Horny“ von Cee-Lo Green inspiriert hat. Und nicht veröffentlicht. Obwohl es darin weniger um unanständige Dinge geht als darum, dass ich manchmal einfach nicht den Mund halten kann. Es gibt da nämlich diese Stelle „Oh I love that mouth (…) and what comes out“. Dann habe ich mich mit einem Freund unterhalten, der findet, ich solle mich nicht selbst zensieren. Dann hätte das ganze Projekt keinen Sinn mehr. Und mit meinem Vater, der findet, ich solle das hier alles löschen. A L L E S. Oder über andere Dinge schreiben. Aber worüber? Diese Koch- oder Mode-Blogs nerven mich kolossal, Politik ist mir zu heikel, mein grüner Daumen und die wundersame Orchideen- und Oleandervermehrung, die ich ihm zu verdanken habe, interessiert keine Sau und sonst fällt mir nichts ein. Mein Vater fänd Politik gut. Weil wir darüber viel und oft diskutieren. Hat aber dann doch eingesehen, dass es keine gute Idee ist. Falls ich dann doch Bundespräsidentin werden will oder so.

Durch das viele Nachdenken über Selbstzensur und Bennys Kommentar musste ich an die Zensur meiner Leser denken und dass ich eigentlich für Offenheit bin. Ich mag es nicht, wenn ich selbst gefilterte Informationen bekomme. Deswegen sollte der Kommentar von Guiseppe öffentlich sein.

Mann im Ohr: „Du kannst ihn nicht nachträglich freigeben, der wurde ja schon vor Monaten als ‘not approved’ gelöscht.“
Ich schaue noch mal nach. Der kleine Mann hat Recht.
Ich: „Ich kann ihn aber abtippen. Das hätte auch den Vorteil, dass ich die echten Namen rauslöschen oder ändern kann.“

Der Kommentar hat mich zum Weinen gebracht. Ich habe mich gefragt, was für ein Arsch das ist. Und warum ich das bei drei Treffen nicht gemerkt habe. Gleichzeitig habe ich mich über mich selbst geärgert. Weil so ein niveauloser kleiner Wichser mich zum Heulen bringt. Und dazu, ‘niveauloser kleiner Wichser’ zu denken. Und dann habe ich gedacht „Wer austeilen kann, muss auch einstecken können.“ und mich selbst beschimpft für diese schwachsinnige Idee, über Dates zu schreiben und den Dates auch noch den Link zu schicken. Hier also der Kommentar im Original, mit allen Kuriositäten der Rechtschreibung und Zeichensetzung:

Wenn ich mich schlecht fühlen muss, nur um nett zu sein, dann bin ich lieber ein Arsch.“ ich greife diese These doch lieber mal auf, weil ich mir denke,dass die Wahrheit wohl letztlich eine andere ist. Ich glaube ich habe ein Helfer Syndrom. Dieses fällt mir immer wieder auf. Deswegen ziehe ich förmliche solche wie Du auch an. Beim Portugiesen habe ich hinterfragt und festgestellt, dass Du ausser Deinem Block…Deinen Nachbarn…Nicht viel im Leben haben musst. Deine Familie scheint eher zweitrangig zu sein, weil Du den Zeitpunkt der Rückrufe bestimmst und Verpflichtungen nicht Dein Ding sind. Deshalb verpflichten sich Männer Dir gegenüber auch nicht und das werden sie auch niemals tun, solange Du Deine Sichtweise nicht mal ordentlich änderst. Ich glaube Du warst die Langweiligste von allen. In Deinen Augen sieht man zu keinem Zeitpunkt einen Glanz oder eine Art der Freude, geschweige denn eine Art der Inneren Zufriedenheit. Ich glaube Du kompensierst mit Deinem „Ich gehöre zur beruflichen Elite“ Geschwafel Kacke, Dein fehlendes Selbstbewusstsein. In der Firma bist Du wer…draussen bist Du einfach nichts.  Noch nicht mal Lachen kann man mit Dir. Du bist zerrissen und voller Komplexe. Deshalb fragte ich mich von Anfang an, wie wichtig Dir Sex sein würde, immerhin als Trostpflaster für die restlichen fehlenden Attribute. Aber ich glaube, das hält ein Mann auch nur begrenzt mit aus. Ich glaube Du würdest beim Sex einfach einschlafen, weil Dein allzu wichtiger Job,Vorrang hat. Seit Jahren fährst Du nicht mehr in den Urluab, so siehst Du auch ehrlich gesagt aus. Ich bin glücklich das ich das Essen nicht bezahlt habe, eher stifte ich das Geld an einen Verein,der Depressive Menschen hilft und Gleichzeitig auch Dir Helfen könnte. Als Du im Restaurant auf Toilette warst, wollte  ich Dich beim Essen sitzen lassen, nachdem das Nachbarpärchen mich schon bemitleidend auf Dich angesprochen hatte. Ich erzählte Ihnen,dass ich Dich bei Tinder kennen gelernt habe. Sie meinten nur “ so ein hübscher Kerl wie Du…such Dir was normales“! Deine Arbeitszeugnisse die Du auf Deinem Block veröffentlichst“ sind einfach nur lächerlich.  Jeder Leser denkt sich seinen Teil. Du machst Dich zum Gespött. Und am Ende wirste gefickt und stehen gelassen. Das Opfer wurde zum Täter, aber suche Dir ein anderes Opfer villeicht findest ja einen in Deiner Firma. Da draußen will Dich keiner

Ich werde das hier nicht kommentieren. Obwohl einige Dinge nicht stimmen.

Mann im Ohr: „Du siehst nicht fertig aus, weil Du nicht in Urlaub fährst.“
Ich: „Wir lassen das unkommentiert.“ Ich gucke streng, aber das sieht der kleine Mann nicht, weil er so tief in meiner Ohrmuschel hockt.
Mann im Ohr: „Du siehst fertig aus, obwohl Du in Urlaub fährst.“

Wir sind Kulturbanausen

Wir, das sind meine Schwester Sophie und ich.

Wir sitzen genau jetzt bei unserem Vater. Der zunächst erfolglos versucht hat, mit uns „Der Schakal“ zu schauen. Und aufgegeben hat, weil seine Töchter die Aufmerksamkeitsspanne ADHS-geplagter Erstklässler haben. Obwohl wir beide über dreißig sind.

Dann hat er – nach eigener Aussage – Musik ‘aufgelegt’. Was in seiner Welt bedeutet, eine Musik-DVD über seine Accuphase-Anlage abzuspielen. Also das Bild über seinen Panasonic-Fernseher, der in seiner Welt „total super, auch nicht viel schlechter als ein neuer“ ist, aber gemessen an meinem 55-Zoll-4K-TV eine Katastrophe. Und den viel zu lauten Ton über die erwähnte Anlage. Er findet Live-Konzerte super. Wir haben unsere Abneigung dagegen von unserer Mutter. Schlimmer als Live-Konzerte sind nur über DVD oder Blu-ray abgespielte Aufzeichnungen von Live-Konzerten. Die bei Papa in Original-Lautstärke laufen, damit man das Gefühl hat, mittendrin zu sein. Einziger Trost ist mein dritter Aperol Spritz. Ob das Dröhnen durch die Lautstärke oder den Aperol bedingt ist, kann ich nicht genau sagen.

Ich höre ein Räuspern. „Ich möchte doch Heidi Klum auch nicht ohne Photoshop sehen.“
Ich: „Bist Du das, kleiner Mann?“
Mann im Ohr: „Wer denn sonst?“
Ich: „Dachte, vielleicht höre ich Stimmen.“
Mann im Ohr: „Du bist doch nicht verrückt.“
Ich: „Was hat Heidi Klum damit zu tun?“
Mann im Ohr: „Oder Julia Stegner oder Cindy Crawford.“
Ich: „Ich peil´s nicht. Aber ich hatte auch schon drei Aperol Spritz.“

Mein Vater fragt, ob ich immer noch auf dem Mann-im-Ohr-Trip sei. Wo er das doch albern findet.

Sophie: „Du gehst ernsthaft auf ein Stones-Konzert?“
Ich: „Leben die noch?“

Mir jagt ein Schauer über den Rücken. Das Trauma mit den Live-Konzerten rührt wahrscheinlich daher. Mein erstes Live-Konzert war das der Rolling Stones, genauer, deren Urban Jungle Konzert im Gelsenkirchener Parkstadion. Ich war da ungefähr zehn. Mein Vater hat mich mitgenommen, weil das ‘ganz sicher’ das letzte Konzert der Stones war. Und jetzt, etwa 25 Jahre später, ist es wieder voraussichtlich ihr letztes Konzert.

Ich: „Wie war das noch mit Photoshop“?
Mann im Ohr: „Alle Frauen sehen gephotoshopt besser aus. Weniger Falten, Cellulite, Hautunreinheiten.“
Sophie: „Männer auch.“

Dass Sophie den kleinen Mann auch gehört hat, ist der ultimative Beweis für dessen Existenz. Soll noch mal einer behaupten, ich sei verrückt.

Ich: „Ich habe weder das eine noch das andere.“ 
Das Kichern überhöre ich.
Mann im Ohr: „Und so ist das bei Live-Konzerten auch.“
Ich: „Die schwitzen ganz eklig und sehen gar nicht sexy aus.“
Mann im Ohr: „Wer?“
Ich: „Mumford and Sons.“
Sophie: „Er meint den Sound.“
Mann im Ohr: „Es gibt Leute, die verstehen mich auch mit Aperol.“
Sophie: „Der ist live viel schlechter als auf den Alben.“
Ich: „Jetzt wo Du´s sagst.“
Sophie: „Die Geräte im Studio sind wie Photoshop für die Stimme.“
Ich: „Warum tut man sich das an?“

Also so ein Live-Konzert. Mal ehrlich, so eine unbearbeitete Stimme ist doch nicht schön.

Mann im Ohr: „Dein Hintern ohne Ph … ch … nicht.“

Der Sound ist so laut, dass ich nicht genau verstehe, was der kleine Mann meint.

„Kulturbanausen seid ihr.“ So tönt es von ganz weit her durch den Gesang von Mumford and Sons. Ich höre nur „I will wait I will wait for you“.