Die Sache mit dem Positivismus

Eigentlich hat Positivismus etwas mit Erkenntnistheorie zu tun. Aber das will hier sicher keiner lesen. Ich habe den Begriff einfach mal zweckentfremdet.

Am Wochenende habe ich der Selbstbeschreibung eines Herrn gelauscht, die merkwürdige Erinnerungen wachgerufen hat. Daraufhin habe ich ältere Nachrichten durchforstet und bin auf immer wieder gleiche Sätze und Fragen gestoßen.

Die Beschreibung seines Selbst lautete:

„Ich bin ein sehr positiver Mensch, optimistisch und lebensfroh und es macht mir Freude (…). Es fällt mir leicht, das Positive in Dingen zu sehen.“

Dazwischen kamen noch allerhand positive Dinge, die aber nicht mehr Aussagekraft als die wiedergegebenen Worte hatten, so dass auf die Doppelungen getrost verzichtet werden kann.

Meine Tinder-Nachrichten und auch mein iMessage sind voll von Nachrichten in dieser Art. Egal, auf welchem weg ich Männer kennengelernt habe, es gibt diesen Typ Mann, für den der Positivismus der potentiellen Lebenspartnerin genauso unentbehrlich zu sein scheint wie der eigene.

Ich frage mich, was das für Menschen sind, die sich selbst als positiv beschreiben, ohne dabei irgendetwas über sich zu sagen. Und warum sagen die das? Meinen sie, das käme gut an beim Gegenüber?

Dann gibt es noch die, die stattdessen fragen „Bist Du ein positiver Mensch?“. Da frage ich mich jedes Mal, was ich antworten soll.
Dass ich eine leidenschaftliche Pessimistin bin? Ich abends gern in mein Kissen weine? Eine Knirschschiene trage, weil mein geballter Frust meine Kiefergelenke nachts mahlen lässt? Ich positiv sein muss, weil ich die Hoffnung nicht aufgebe, dass mein Gegenüber mir im Laufe des Gesprächs noch interessantere oder gar sinnvolle Fragen stellen wird? Dass er als Positivist doch einfach mal positiv sein und annehmen könne, ich sei es. Es sei denn natürlich, er sei auf der Suche nach einem Gegensatz.

Was zum Teufel soll das sein, ein positiver Mensch?

„Donald Trump ist positiv.“ murmelt es leise.
Ich: „Wie bitte?“
Mann im Ohr: „Er hat immer daran geglaubt, einmal der mächtigste Mann der Welt zu werden. Unerschütterlich.“
Ich: „Obwohl er hässlich ist.“
Mann im Ohr: „Obwohl er über den Wortschatz eines Achtjährigen verfügt.“
Ich: „Obwohl er von Politik keine Ahnung hatte.“
Mann im Ohr: „Hat.“

Da ist was dran. Positiv ist nicht gleich nett. Allerdings hat die Aussage eine ähnliche Wirkung auf mich. Wenn jemand mir sagt, er sei nett, frage ich mich unwillkürlich, warum er es nötig hat, das zu sagen. Wenn jemand sich selbst als ehrlich deklariert, ist er in der Regel Gebrauchtwagenhändler oder Versicherungsmakler. Jedenfalls war das in meinem Leben bisher so. Die treuen Männer und Frauen haben niemals gesagt, sie seien treu. Sie waren es einfach. Die Witzigen erzählen Dinge, die mich zum Lachen bringen, aber nicht, dass sie humorvoll sind.

Wahrscheinlich liegt es daran, dass der Mann in meinem Bauch sich sofort rührt bei solchen Aussagen. Ich frage mich dann zum Beispiel, ob derjenige eine schwere Depression hinter sich hat und deswegen mantraartig wiederholt, er sei positiv. Als sich selbst erfüllende Prophezeiung gewissermaßen. Oder ob er meine Ausstrahlung für so negativ hält, dass er zur Sicherheit erst mal fragt, ob ich nicht doch vielleicht positiv bin.
Wobei – wenn ich jemanden auf Grund seines Verhaltens für ein Arschloch halte, frage ich ja auch nicht „Bist Du eigentlich nett?“, sondern hake ihn einfach ab. Die Wahrscheinlichkeit, dass man da eine ehrliche Antwort bekommt, ist einfach nicht besonders hoch.

Es kichert leise und dann folgt mit spitzem Unterton ein „Bist Du negativ!“.

Ich würde auf ein „Ich bin ein positiver Mensch“ gern mal zurückfragen „Woran machst Du das fest?“ oder „Aufgrund welcher konkreten Beobachtungen würde ein pessimistischer Dritter wohl über Dich sagen, dass Du positiv bist?“ oder „Bist Du ausnahmslos positiv? (Wie langweilig!)“ oder „Wenn Du eine Skala von 1-10 hättest, wobei 10 für sehr wahrscheinlich und 1 für sehr unwahrscheinlich stünde, welchen Wert würdest Du der Aussage, dass eine positive Lebenseinstellung eher bei weniger intelligenten Menschen vorkommt, zuordnen?“.