Fake it …

… til when?

Faken scheint das Motto unserer Zeit zu sein. Mir gefällt das nicht. Weder habe ich etwas für Fake News übrig, noch für Krägelchen oder Monster-Push-Ups.

Ich höre ein Räuspern in meiner Ohrmuschel. „Was zum Teufel sind Krägelchen?“
Vielleicht tu ich ihm unrecht, aber mein Bauch sagt mir, dass der kleine Mann seinen Mittagsschlaf nicht wegen der Krägelchen unterbrochen hat.
Ich: „Diese Dinger, die ich als Kind tragen musste. Die gibt es wieder.“
Mann im Ohr: „Die, die Du nicht selbst anziehen konntest? Bei denen Dir die Sportlehrerin helfen musste?“
Ich: „Genau die. Diese komischen Dinger, die vorgeben, eine Bluse zu sein.“
Mann im Ohr: „Aber nicht mal bis zum Bauchnabel gehen.“

Ich musste sowas als Kind tragen. Es sah dann immer aus, als hätte man ein hübsches Blüschen unter dem Pulli, aber eigentlich war es nur der Kragen einer Bluse mit Schlupflöchern für die Arme. So was habe ich neulich in der Damenabteilung eines Kaufhauses gesehen.

Mann im Ohr: „Aber Tittenbescheißer finde ich gut.“

Mein Bauch hat mich nicht getäuscht. Aber das Vokabular überrascht mich doch.

Ich: „Was bitte?“
Mann im Ohr: „Tit…“
Ich: „Ich bin nicht taub. Woher hast Du solche Wörter?!“
Mann im Ohr: „Hat irgendwer irgendwann mal gesagt.“
Ich: „Mmh. Warum findest Du die gut?“
Mann im 
Ohr: „Na ja, sieht dann halt…“
Ich: „…besser aus?“

Der kleine Mann weiß, wie alle Männer, wann das Eis wirklich dünn wird.

Mann im Ohr: „Runder.“

Und wie man sich geschickt aus der Affäre zieht.

Mann im Ohr: „Also es ist eine insgesamt rundere Sache dann. Die Erscheinung. Das Gesamtbild.“
Ich: „Angezogen?“

Ich höre ein leises, sehr langgezogenes, etwas fragendes „Jaaaaa.“

Ich: „Und wenn man ihn auszieht?“

Ich bekomme keine Antwort und kann förmlich hören, wie er fieberhaft denkt.

Mann im Ohr: „Dann ist das Bild weniger rund.“
Ich: „Warum sollte ich vorgeben, dass ich mehr habe und im entscheidenden Moment riskieren, dass der Mann enttäuscht ist?“
Mann im Ohr: „Weil Du Angst hast, dass Du ihm sonst vorher schon nicht gefällst?“
Ich: „Was ist denn schlimmer? Von Anfang an nicht gefallen und ihn abhaken oder ihn kennenlernen, toll finden und im Bett merken, dass ihm meine Brüste zu klein sind?“
Mann im Ohr: „Wenn Du so fragst…letzteres.“
Ich: „Dann zurück zu meiner Frage: warum sollte ich?“
Mann im Ohr: „Weil alle es tun?“

Ich schweige. Wir wissen beide, wie ich zu diesem Argument stehe.

Mann im Ohr: „Oder, weil es in Deiner Größe gar keine Nicht-Fake-BHs gibt. Was unter anderem ein Grund dafür sein könnte, dass alle es tun. Vielleicht haben sie auch einfach keine Wahl.“
Ich: „Ganz genau. Die Dessous-Industrie scheint zu glauben, dass Frauen mit meinen Maßen zwingend faken wollen. Anders ist nicht zu erklären, warum es sämtliche ungepolsterten Varianten in meiner Größe nicht gibt. Und je älter ich werde, desto moderner werden diese Monster-Push-Ups, bei denen das Volumen des Füllmaterials das Brustvolumen übersteigt. Mehr Fake als Realität, das muss doch nicht sein!“

Ich versuche seit Ewigkeiten, schöne, ungepolsterte BHs zu finden. Das war früher kein Problem. Ich habe noch ein Relikt aus alten Zeiten, einen wunderschönen Spitzen-BH von Calvin Klein, der relativ durchsichtig und sehr sexy ist und kein bisschen schummelt. Leider sind die dazu früher mal passenden Höschen schon lange kaputt und die Farbe ist ein Meergrün, so dass ich nie farblich passenden Ersatz gefunden habe. Ich trauere diesen Zeiten nach und beneide jede Frau, die ‘normale’ Wäsche tragen kann.

Mann im Ohr: „Du könntest Dir die Brüste machen lassen.“
Ich: „Ich soll mit Fake-Brüsten rumlaufen, damit ich keine Fake-BHs mehr tragen muss?!“

Ich höre ein kleinlautes „Meine Argumentation war schon mal besser.“ und dann ist es still.

Ich erinnere mich an eine Anprobe von Victoria´s Secret Wäsche. Es handelte sich um einen Push-Up-BH und so ein Shapewear-Unterkleid. Beides in Kombination ließ mich aussehen, als hätte ich ein DD-Körbchen. Und eine noch schlankere Taille, obwohl ich mich damit ohnehin nicht verstecken muss. Ich war so geflasht von meinem Anblick im Spiegel, dass ich gern auf der Stelle mit mir geschlafen hätte.

Es kichert deutlich zwischen meinen Ohren. „Du bist nicht wieder rausgekommen ohne Hilfe. Die Krägelchen konntest Du nicht allein anziehen und aus diesen Dingern kommst Du nicht alleine raus.“ 
Ich: „Stimmt. Und selbst mit Hilfe hat es ewig gedauert. Im Ernst, die Geduld hätte kein Mann. Jedenfalls nicht, wenn er einen so heiß findet, wie ich mich damals selbst.“

Ich frage mich, wozu Frauen so was tragen. Irgendwer kauft das Zeug ja. Vor dem eigenen Mann braucht man so ein Theater nicht zu machen, der kennt einen ja und fänd das Rumgezerre hinterher beim Ausziehen doch sicher nur nervig.

Für Dates wäre es extrem kontraproduktiv. Es gibt in dem Fall ja kein ‘til you make it’. Irgendwann schlägt die Stunde der Wahrheit.

Gott und die Welt

Wenn ich gefragt werde, worüber ich blogge, sage ich meist irgendetwas, das ‘Gott und die Welt’ enthält. Diese Woche ist mir klargeworden, dass das nicht stimmt. Und dass kein Zeitpunkt so gut passt, Gott hier zu thematisieren, wie diese Woche.

Ich höre ein empörtes „Über Politik willst Du nicht schreiben, damit Dir das nicht irgendwann zum Verhängnis wird. Meinst Du nicht, Religion ist da bei weitem gefährlicher?“.

Ist mir egal. Ich hatte diese Woche gleich zwei Streitgespräche zum Thema Religion. Beide mit relativ viel älteren, männlichen Atheisten. Ich bin mir nicht sicher, ob das mit dem Alter und dem Geschlecht eine Rolle spielt.

„Klar tut es das. Du ziehst in letzter Zeit diesen Typ Mann magisch an. Männlich, alt, erfolgreich, besserwisserisch. Die fahren total ab auf so ein Mäuschen, dem sie die Welt erklären können.“ höre ich zwischen meinen Ohren.

Das eine war kein richtiger Streit. Ich habe zu Paul, dem Pessimisten, gesagt, er solle doch mal ein bisschen Gottvertrauen haben. Und dann hat er mir erklärt, das sei ein ganz schlechtes Thema, er sei ungläubig und wenn das bei mir anders sei, sollten wir lieber über andere Dinge sprechen. Ich habe dann noch ein paar Fragen gestellt, kritische Antworten erhalten und das Gespräch verlief schließlich ganz entspannt weiter.

Mit Johann sah das schon anders aus. Er hat mich in ziemlich aggressivem Ton gefragt, wie mein erstes Gebot laute.

„Du solltest Deinen Lesern vielleicht noch mitteilen, dass Du Katholikin bist. Keine gute, denn Du gehst viel zu selten in die Messe und warst skandalös lange nicht bei der Beichte, obwohl mir da so einiges einfallen würde…“ brummt es.

Jedenfalls wusste ich aus Johanns Vorrede schon, worauf er hinauswollte und habe mich gefragt, ob das sein Ernst ist, dass er jetzt schullehrerhaft die zehn Gebote abfragt. Er hat sich seine Frage zum Glück selbst beantwortet: ‘Du sollst keine anderen Götter haben neben mir’. Dieser Satz ist in seinen Augen verantwortlich für alles Übel dieser Welt. Er hat mir erklärt, dass alle, die Juden, Muslime und die Christen wegen dieses Gebots für das Schlechte in der Welt verantwortlich seinen. Weil wir ständig missionieren wollten. Der ganze Terror käme nur daher.
Johann behauptet von sich selbst, wenig emphatisch zu sein.

Mann im Ohr: „Er ist nicht nur wenig emphatisch, ich finde ihn auch dumm.“
Ich: „Wieso dumm? Dann wäre er nicht so erfolgreich.“
Mann im Ohr: „Dummheit und monetärer Erfolg schließen sich nicht aus. Man sagt doch, dass die dümmsten Bauern die dicksten Kartoffeln haben?“
Ich: „So weit würde ich jetzt nicht gehen. Aber sonderlich argumentationsstark ist er nicht. Er ist es eben gewöhnt, dass Leute ihm glauben, weil er Chef ist. Wer Macht hat, braucht keine guten Argumente.“

Meinen Hinweis auf das fünfte Gebot ‘Du sollst nicht töten’ hat er weggewischt mit dem Satz „Ihr haltet Euch ja alle nicht dran, da muss man nur die Realität betrachten!“.
Ich habe es noch versucht mit ‘Du sollst den Namen des Herrn nicht missbrauchen’ und dass eine Tötung in seinem Namen immer ein Verstoß gegen Gebot Nummer zwei sei. Auch das kam nicht an. Es folgte noch einiges à la „Ein intelligenter Mensch kann doch nicht an etwas glauben, dessen Existenz nicht bewiesen ist.“ und der Hinweis, dass er nicht gegen den Glauben an sich sei, sondern nur gegen meine Institution Kirche, und dass von der nun mal alles Übel ausgehe. Dass der Terror dieser Welt nur möglich sei, weil Leute gläubig seien und versuchen würden, andere zu missionieren.

Jemand meldet sich. „Das meinte ich mit dumm! Wenn jemand tatsächlich den Glauben verantwortlich macht für Dinge wie Selbstmordanschläge, dann müsste er konsequenterweise den Glauben verteufeln und nicht nur die Institution Kirche, richtig?“
Ich: „Richtig. Es sei denn, er heißt Selbstmordanschläge gut.“
Mann im Ohr: „Dann müsste er sich aber nicht über den Terror beklagen.“

Alles Positive wurde vom Tisch gewischt. Im Christentum solle man nur seinen nächsten Christen lieben, nicht jeden Nächsten. Das hat Johann ernsthaft so gesagt. Obwohl es heißt ‘Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst’ und nicht ‘Liebe Deinen Glaubensbruder wie Dich selbst’. Da ist nicht viel Raum für Interpretation.

Mann im Ohr: „Johann war Dein Nächster in dem Moment. Hast Du Dich dran gehalten?“
Ich: „Du bist gemein. Auf wessen Seite stehst Du 
eigentlich?“

Dass das Judentum keine missionierende Religion ist, habe ich runtergeschluckt und stattdessen gesagt, dass ich jetzt lieber gehe. Was kommentiert wurde mit „Das ist ja ein tolles Beispiel für Toleranz und Nächstenliebe.“.
Eigentlich hatte ich versprochen, während seiner Dienstreise die Blumen zu gießen.

„In Sachen Nächstenliebe ist bei Dir noch Luft nach oben. Ist doch gut, da hast Du ein Entwicklungsfeld. Und das mit der rechten Wange hast Du auch noch nicht verinnerlicht.“

Nur weil ich katholisch bin, lasse ich mich noch lange nicht beschimpfen. Ich habe in meinem Leben nie versucht, irgendwen zu missionieren. Ich bin in vielen Dingen sehr tolerant und mit mancherlei Engstirnigkeit meiner Kirche nicht glücklich. Ich kann meinem Glauben mehr Gutes als Schlechtes abgewinnen. Ich stehe hinter den Werten meiner Kirche, auch wenn ich mir mehr Toleranz gegenüber Schwulen und eine Aufhebung des Zölibats wünschen würde.
Meine gesamte Familie ist katholisch und es sind beinah alle Ausprägungen vorhanden: die strenge Rosenkranzbeterin ebenso wie die zwar getaufte, aber Ungläubige. Und viele irgendwo in der Mitte dazwischen. Wir alle sind mit dem Glauben und Werten wie Toleranz und Nächstenliebe großgeworden.

Am deutlichsten wird das bei meiner Schwester Sophie. Ich bin unglaublich stolz auf sie, weil es ihr gelingt, Frieden zu stiften. Klingt geschwollen, stimmt aber.
Sie ist Grundschullehrerin in einem Problembezirk. In ihrer Klasse ist ein christliches Kind und viele muslimische aus unterschiedlichen muslimischen Strömungen. Ebenso atheistische Kinder. Keines ist katholisch. Sophie hat katholische Religion studiert. Und vermittelt mit einer Hingabe zwischen den Glaubensrichtungen, wie ich es noch nie erlebt habe. Sie verbietet ihren Kindern, Fußball ‘Christen gegen Muslime’ zu spielen. Das war auf dem Mist von Erst- oder Zweitklässlern gewachsen. Sie hat das zum Anlass genommen, Konflikte zwischen den Religionen zu thematisieren. Sie hat ein Stoffschwein als Klassenschwein etabliert und mit allen Kindern erarbeitet, warum dieses Tier in manchen Kulturen als ‘unrein’ empfunden wird. Die muslimischen Kinder reißen sich um dieses Tier und kuscheln inzwischen mit ihm. Im letzten Ramadan hat sie einen ‘Ramadan-Kalender’ für die Kinder gestaltet. Er hatte die Form eines Kamels und enthielt für jeden Tag Schokolade und im Wechsel je einen Spruch aus dem Islam, dem Christen- und Judentum, der dann besprochen wurde. Sie hat mit ihren Kindern eine Moschee besucht, eine Kirche und eine Synagoge. Sie bringt ihnen bei, dass es Widersprüche zwischen und innerhalb der Religionen gibt. Dass man Widersprüche auch mal aushalten muss und sie Anlass zum Nachdenken und Reden sein sollten, aber niemals zu Gewalt. Ich glaube, dass sie mit ihren Gesprächen mit den Kindern mehr für den Weltfrieden tut als jeder Talkshowgast oder Politiker, der für Toleranz wirbt. Ihre Kinder gehen nach Hause und erzählen ihren Eltern und Freunden davon, was sie gelernt haben. Ich glaube, wenn jedes Kind eine solche Lehrerin hätte, bräuchten wir uns über Terror in der Zukunft wesentlich weniger Gedanken zu machen.

Ich finde, man muss Religion kritisch hinterfragen, egal welche. Und man darf über sie lachen. Sophie und ich haben uns den Bauch gehalten, als das atheistische Känguru von Marc-Uwe Kling uns erklärt hat, dass die Bibel als Schurkenroman zu lesen sei. Es findet, wenn Gott der Böse ist, ergibt alles plötzlich einen Sinn.

„Aber die, die gelungen die Religion auf die Schippe nehmen, haben sich meist auf sehr intelligente Art mit ihr auseinandergesetzt. Das war bei Johann nicht so.“

Was ich nicht leiden kann, ist, wenn meine Intelligenz in Frage gestellt wird, weil ich gläubig bin. Vor allem, wenn dieses Ist-doch-alles-nicht-bewiesen-Argument kommt. Wenn ich Beweise hätte, wäre glauben ja überflüssig.
Ich weiß im Übrigen ja auch nie, ob mein Partner treu ist. Beweisen kann ich Untreue, auf seine Treue muss ich vertrauen. Das tun viele, auch Atheisten. Und keiner käme auf die Idee, sie deswegen zu beschimpfen.

Mann im Ohr: „Könnte man sagen, dass Nichtwissen notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für Glauben ist?“
Ich: „Wenn man ein Klugscheißer wäre und obendrein noch Jurist, würde man das wahrscheinlich so ausdrücken.“

Kleider machen Leute

So hieß auch schon mein letzter Post. Ich weiß das.

Gestern bin ich angesprochen worden. In der Sauna. Das ist ein Dauerthema bei mir. Als hätte ich ‘chronisch-untervögelt-ich-tus-egal-mit-wem’ auf der Stirn tätowiert.

Mann im Ohr: „Das ist totaler Blödsinn!“
Ich: „Warum sprechen die mich dann immer an? Die alten, dicken, hässlichen Männer mit Haaren auf dem Rücken? Mit diesem Ich-vernasch-dich-Süße-Blick?“
Mann im Ohr: „Deshalb jedenfalls nicht.“
Ich: „Woher weißt Du das?“
Mann im Ohr: „Keiner von denen hat je auf Deine Stirn geschaut.“

Marcus, das ist ein Stammkunde aus ‘meiner’ Sauna, meinte mal, ich sähe selbst nackt zugeknöpft aus. Das würde Männer eben reizen und ihren Ehrgeiz wecken. Eine andere Stammkundin wird regelmäßig angequatscht, weil sie offenherzig wirkt. Wie man´s macht macht man´s falsch.

Mann im Ohr: „Dieser Carsten war jung und trainiert und hatte am ganzen Körper kein Haar.“

Das erste Mal ist mir das vor acht Jahren passiert. Ich war mit Ben in den Thermen und habe meinen Ehering getragen. Ben war fast die ganze Zeit an meiner Seite. Fast. Dann bin ich für 10 Minuten alleine in den Eis-Salz-Aufguss. Ben mag keine Aufgüsse und auch nicht, wie da alle immer wie die Hühner auf der Stange sitzen. Da hat mich ein Typ gefragt, ob er mich mit Salz abreiben soll. Als ich barsch verneint habe, kam eine erneute Frage und später hat er Ben sehr böse angeschaut. Wohlgemerkt, der aufdringliche Kerl schien sauer auf Ben zu sein, nicht umgekehrt. Als hätte mein Mann ihm die Frau ausgespannt.

Vor drei Jahren hat mich Carsten in meiner Stammsauna angelächelt. Während er sich von einer anderen Frau den Rücken hat massieren lassen. Die, das stellte sich später heraus, war seine feste Freundin, die er für mich aber jederzeit verlassen hätte. So weit war er, nachdem er mir in die Umkleide gefolgt war und drei Sätze mit mir geredet hatte.

Mann im Ohr: „Soll Guiseppe noch mal behaupten, Du könntest Männer nicht binden.“
Ich: „Na ja, so was ist schnell gesagt, wenn man den anderen nicht näher kennt.“

Letztes Jahr ist Norbert auf der Bildfläche erschienen. Er hat mich nicht angesprochen oder angelächelt oder ich weiß nichts davon. Dafür schreibt er mir Liebesbriefchen, die er mir in meine Bücher oder unter mein Handtuch legt. Darin steht zum Beispiel „Interessantes Buch“ und „Danke für den schönen Ein- und Ausblick.“. Ich habe das der Geschäftsführung gemeldet, aber die weiß genauso wenig, wer Norbert ist, wie ich. Sie würden ihm Hausverbot erteilen, aber dafür müsste ich ihn identifizieren. Ich habe mit allen mir bekannten Stammkunden gesprochen, aber niemand kennt ihn. Sie halten die Augen offen, aber noch ist er nicht gefasst.

Den Mann, der mich für eine ukrainische Krankenschwester gehalten hat, zähle ich hier nicht mit. Denn das war keine dumme Anmache, sondern ein normales, nettes Gespräch, das sich zufällig in besagter Umgebung ergeben hat.

Bei meinen Vorerfahrungen war ich nicht sehr überrascht über Fabrice, der mir gestern meinen entspannten Nachmittag versaut hat. Ich war in einer Hotelsauna, weil ich grade auswärts arbeite. Nicht besonders schön oder luxuriös, aber immerhin eine kleine Sauna, eine kalte Dusche und eine Dachterrasse mit Blick über die Dächer des Gewerbegebiets. Es kann nicht immer romantisch sein.
Fabrice saß schon in der Sauna, als ich meinen zweiten Saunagang begonnen habe und hat mich nach etwa 10 Sekunden angesprochen. Ob ich Englisch spreche. Wie lange man in so einer Sauna bleiben dürfe. Was es mit den Sanduhren auf sich habe. Ob es ok sei, dass wir beide nackt seien, wo ich doch eine Frau sei. In Frankreich ginge das nicht, aber wir Deutschen würden ja anders ticken. Es war relativ klar, dass er das Gespräch nicht beenden wollte. Obwohl ich einsilbig und lediglich unterkühlt-höflich war, hat er mich zu sich nach Hause eingeladen. Nach Paris. Da war wohl wieder meine zugeknöpfte Art Schuld. Ich bin dann gegangen. Es war sonst niemand da und man weiß ja nie. In ‘meiner’ Sauna, wo immer ein Saunameister und Leute, die mich kennen, in der Nähe sind, ist angesprochen werden schlimmstenfalls lästig und manchmal sogar amüsant. Aber so ganz alleine mit Fabrice kam plötzlich der kleine Schisser in mir durch.

Ich: „Ich frage mich, wie Männer das hinbekommen. Immer den richtigen Zeitpunkt abzupassen und sofort in die Vollen zu gehen. Wo nehmen die das Selbstbewusstsein her? Und warum sind die alten Männer immer besonders dreist?“
Mann im Ohr: „Es gibt auch Frauen, die das hinbekommen.“
Ich: „Mmh.“
Mann im Ohr: „Überleg mal, wie viele Männer Dich nicht angesprochen haben. Das sind viel mehr.“
Ich: „Du meinst, da sind überwiegend Gentlemen unterwegs?“
Mann im Ohr: „Genau. Du nimmst die unangenehmen Typen nur eher wahr.“
Ich: „Das Thema hatten wir schon mal. Das war die Barack-Donald-Sache.“

Kleider machen Leute

Ich bin vor ein paar Wochen für eine ukrainische Krankenschwester gehalten worden. Seitdem frage ich mich, ob das nun gut oder schlecht ist, ob ich das überhaupt werten sollte und was das über mich aussagt. Der Mann, der sich verschätzt hat, hat das damit begründet, dass ich hübsch sei. Was aber kaum der alleinige Grund sein kann. Schließlich gibt es auch hübsche Italienerinnen oder Schwedinnen.

Mann im Ohr: „Hättest Du was angehabt, wär das nicht passiert.“

Da hat er wahrscheinlich recht. Mein Kleidungsstil in Kombination mit Accessoires wie Laptoptasche und Schlaubi-Brille würden niemanden vermuten lassen, dass ich Krankenschwester bin.

Mann im Ohr: „Und wenn Du den Mund aufgemacht hättest, wäre er auch nicht auf so eine absurde Idee gekommen.“
Ich: „Warum nicht?“
Mann im Ohr: „Du bist zu klugscheißerisch für ne Schwester.“

Ich war nackt oder hatte ein Handtuch um, so genau kann ich das nicht mehr sagen. Er hat mich jedenfalls in der Sauna gesehen und da trage ich nie mehr als ein Handtuch und selten Brille.

Bemerkenswert ist, dass Männer enttäuscht sind, wenn sich eine vermeintliche Krankenschwester als Juristin entpuppt. Und osteuropäische Frauen scheinbar eine signifikant größere Faszination ausüben als deutsche.

Mann im Ohr: „Ist doch klar.“
Ich: „Wieso? Was ist an mir auszusetzen?“
Mann im Ohr: „Bei einer Krankenschwester phantasieren wir über zu kurze weiße Kittel und wie sie sich über uns beugt, während wir im Bett liegen. Wie sie uns wäscht…“
Ich: „Aufhören!“

Ich kann einen Mann auch ganz hervorragend pflegen und verwöhnen und überhaupt.

Mann im Ohr: „Bei einer Juristin sehen wir eine bebrillte, strenge, verklemmte Frau vor uns, die uns eine Moralpredigt hält, sobald wir was Verbotenes tun.“
Ich: „Obwohl ihr Verbotenes am liebsten tut.“
Mann im Ohr: „Bingo.“
Ich: „Und die Ukrainerin? Warum ist die doller als ich?“
Mann im Ohr: „Wir glauben, dass osteuropäische Frauen gehorsamer sind. Unterwürfiger. Wer sich eine ukrainische Krankenschwester vorstellt, will bedient und verwöhnt und geliebt werden.“
Ich: „Und wer auf den Typ deutsche Anwältin steht, ist devot?“
Mann im Ohr: „Es geht in die Richtung.“

Ich muss an meine Nachbarin denken. Die hat eine Freundin, die Unternehmensberaterin ist. Und sich bei Dates immer als Kinderkrankenschwester ausgibt.

Mann im Ohr: „Das ist viel weniger furchteinflößend, weißt Du?“

Ich denke darüber nach, mir eine neue Garderobe zuzulegen. Offenherziger und bunter. Und einen Akzent kann man sich ja auch antrainieren.

Andererseits – vielleicht gibt es ja doch nette Männer, die mich anziehend finden als kleine Klugscheißerin?

Der perfekte Mann

Ich habe vor einiger Zeit einen Mann kennengelernt, an dem ich eigentlich nichts hätte auszusetzen haben dürfen. Ich frage mich, ob das grammatikalisch so einwandfrei ist.

Mann im Ohr: „Es klingt gestelzt. Nach Stock im …“

Eigentlich.

Er hätte genau das richtige Alter für mich. Er ist nett und sieht gut aus. Er fand mich toll und wollte mich unbedingt so oft wie möglich sehen. Er ist, ohne zum meckern, 200 Kilometer gefahren, nur um mich zum Abendessen zu treffen und hinterher wieder nach Hause. Also 400 Kilometer für ein Abendessen mit mir. Ohne Dessert.

Mann im Ohr: „Allein das spricht dafür, dass etwas mit ihm nicht stimmt.“

Er hat einen Beruf, den er liebt und in dem er erfolgreich ist. Dabei ist er kein Workaholic. Seine Freizeit ist ihm genauso wichtig wie sein Job. Er fährt ein schickes, aber nicht zu teures Auto. Es zeigt, dass er sich etwas leisten kann, ohne prollig zu wirken. Er ist schlank und sportlich, aber nicht übertrainiert. Er liebt Tiere und Kinder und ist ausschließlich an einer festen Beziehung interessiert. Dass er für langfristige Bindungen zu haben ist, hat er schon in einer ziemlich langen Beziehung unter Beweis gestellt. Die Trennung ist lang genug her, um darüber hinweg zu sein und nicht nur ein Trostpflaster zu suchen. Er hat mir täglich geschrieben, wie toll er mich findet. Er hat einen Hund und liebt Kinder. Er trinkt gern guten Wein, aber nicht zu viel. Er liebt gutes Essen. Wie ich. Und schönes Wohnen. Er kauft stilvolle Möbel. Er fährt gern ans Meer und würde mich noch lieber einpacken und mitnehmen.

Mann im Ohr: „Komm mal zum Punkt.“
Ich: „Stimmt doch alles!“
Mann im Ohr: „Er hat dich gelangweilt.“ 

Zu Tode. Wenn ich ihm was erzählt habe, hat er zugestimmt. Wenn er mir was erzählt und ich ihm widersprochen habe, hat er seine Meinung revidiert oder mir erklärt, ich hätte ihn missverstanden und selbstverständlich recht. Er hat oft „Interessant.“ oder „Beeindruckend.“ und „Das sehe ich genauso.“ gesagt. Er hat gefragt, was ich machen möchte und woran ich Spaß habe, weil ihm egal war, was wir machen, solange er mich nur sehen konnte. Das hat er mir genau so gesagt.

„Ich hätte doch glücklich sein müssen?“ Ich denke laut.
Mann im Ohr: „Nein.“
Ich: „Warum nicht? Viele Frauen würden sich einen Arm abhacken für so einen.“
Mann im Ohr: „Du bist ein Wüterich. Schon vergessen?“
Ich: „Konsens macht mich also fertig?“

Mann im Ohr: „Das stimmt so nicht.“

Das ist mein Satz. Ich sage nie „Das stimmt nicht.“. Na ja, sehr selten. Sondern immer „Das stimmt so nicht.“. Mit Betonung auf dem so. Typisch Jurist. Zugeständnis an die Gegenseite bei gleichzeitigem Widerspruch.

Mann im Ohr: „Du liebst Konsens. Aber nur, wenn dem Konsens eine heftige Diskussion vorausgegangen ist.“

Ich denke ein Weilchen darüber nach. Scharfe Argumentation träfe es eher.

Ich: „Ich liebe es Recht zu haben, das habe ich ja quasi studiert. Aber meine Beute darf nicht schon tot sein. Ich muss sie zuerst jagen und erlegen. Macht doch keinen Spaß sonst.“
Mann im Ohr: „Verstehst Du jetzt endlich, wie Männer ticken?“