Kleider machen Leute

Ich bin vor ein paar Wochen für eine ukrainische Krankenschwester gehalten worden. Seitdem frage ich mich, ob das nun gut oder schlecht ist, ob ich das überhaupt werten sollte und was das über mich aussagt. Der Mann, der sich verschätzt hat, hat das damit begründet, dass ich hübsch sei. Was aber kaum der alleinige Grund sein kann. Schließlich gibt es auch hübsche Italienerinnen oder Schwedinnen.

Mann im Ohr: „Hättest Du was angehabt, wär das nicht passiert.“

Da hat er wahrscheinlich recht. Mein Kleidungsstil in Kombination mit Accessoires wie Laptoptasche und Schlaubi-Brille würden niemanden vermuten lassen, dass ich Krankenschwester bin.

Mann im Ohr: „Und wenn Du den Mund aufgemacht hättest, wäre er auch nicht auf so eine absurde Idee gekommen.“
Ich: „Warum nicht?“
Mann im Ohr: „Du bist zu klugscheißerisch für ne Schwester.“

Ich war nackt oder hatte ein Handtuch um, so genau kann ich das nicht mehr sagen. Er hat mich jedenfalls in der Sauna gesehen und da trage ich nie mehr als ein Handtuch und selten Brille.

Bemerkenswert ist, dass Männer enttäuscht sind, wenn sich eine vermeintliche Krankenschwester als Juristin entpuppt. Und osteuropäische Frauen scheinbar eine signifikant größere Faszination ausüben als deutsche.

Mann im Ohr: „Ist doch klar.“
Ich: „Wieso? Was ist an mir auszusetzen?“
Mann im Ohr: „Bei einer Krankenschwester phantasieren wir über zu kurze weiße Kittel und wie sie sich über uns beugt, während wir im Bett liegen. Wie sie uns wäscht…“
Ich: „Aufhören!“

Ich kann einen Mann auch ganz hervorragend pflegen und verwöhnen und überhaupt.

Mann im Ohr: „Bei einer Juristin sehen wir eine bebrillte, strenge, verklemmte Frau vor uns, die uns eine Moralpredigt hält, sobald wir was Verbotenes tun.“
Ich: „Obwohl ihr Verbotenes am liebsten tut.“
Mann im Ohr: „Bingo.“
Ich: „Und die Ukrainerin? Warum ist die doller als ich?“
Mann im Ohr: „Wir glauben, dass osteuropäische Frauen gehorsamer sind. Unterwürfiger. Wer sich eine ukrainische Krankenschwester vorstellt, will bedient und verwöhnt und geliebt werden.“
Ich: „Und wer auf den Typ deutsche Anwältin steht, ist devot?“
Mann im Ohr: „Es geht in die Richtung.“

Ich muss an meine Nachbarin denken. Die hat eine Freundin, die Unternehmensberaterin ist. Und sich bei Dates immer als Kinderkrankenschwester ausgibt.

Mann im Ohr: „Das ist viel weniger furchteinflößend, weißt Du?“

Ich denke darüber nach, mir eine neue Garderobe zuzulegen. Offenherziger und bunter. Und einen Akzent kann man sich ja auch antrainieren.

Andererseits – vielleicht gibt es ja doch nette Männer, die mich anziehend finden als kleine Klugscheißerin?

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