Wenn ich gefragt werde, worüber ich blogge, sage ich meist irgendetwas, das ‘Gott und die Welt’ enthält. Diese Woche ist mir klargeworden, dass das nicht stimmt. Und dass kein Zeitpunkt so gut passt, Gott hier zu thematisieren, wie diese Woche.
Ich höre ein empörtes „Über Politik willst Du nicht schreiben, damit Dir das nicht irgendwann zum Verhängnis wird. Meinst Du nicht, Religion ist da bei weitem gefährlicher?“.
Ist mir egal. Ich hatte diese Woche gleich zwei Streitgespräche zum Thema Religion. Beide mit relativ viel älteren, männlichen Atheisten. Ich bin mir nicht sicher, ob das mit dem Alter und dem Geschlecht eine Rolle spielt.
„Klar tut es das. Du ziehst in letzter Zeit diesen Typ Mann magisch an. Männlich, alt, erfolgreich, besserwisserisch. Die fahren total ab auf so ein Mäuschen, dem sie die Welt erklären können.“ höre ich zwischen meinen Ohren.
Das eine war kein richtiger Streit. Ich habe zu Paul, dem Pessimisten, gesagt, er solle doch mal ein bisschen Gottvertrauen haben. Und dann hat er mir erklärt, das sei ein ganz schlechtes Thema, er sei ungläubig und wenn das bei mir anders sei, sollten wir lieber über andere Dinge sprechen. Ich habe dann noch ein paar Fragen gestellt, kritische Antworten erhalten und das Gespräch verlief schließlich ganz entspannt weiter.
Mit Johann sah das schon anders aus. Er hat mich in ziemlich aggressivem Ton gefragt, wie mein erstes Gebot laute.
„Du solltest Deinen Lesern vielleicht noch mitteilen, dass Du Katholikin bist. Keine gute, denn Du gehst viel zu selten in die Messe und warst skandalös lange nicht bei der Beichte, obwohl mir da so einiges einfallen würde…“ brummt es.
Jedenfalls wusste ich aus Johanns Vorrede schon, worauf er hinauswollte und habe mich gefragt, ob das sein Ernst ist, dass er jetzt schullehrerhaft die zehn Gebote abfragt. Er hat sich seine Frage zum Glück selbst beantwortet: ‘Du sollst keine anderen Götter haben neben mir’. Dieser Satz ist in seinen Augen verantwortlich für alles Übel dieser Welt. Er hat mir erklärt, dass alle, die Juden, Muslime und die Christen wegen dieses Gebots für das Schlechte in der Welt verantwortlich seinen. Weil wir ständig missionieren wollten. Der ganze Terror käme nur daher.
Johann behauptet von sich selbst, wenig emphatisch zu sein.
Mann im Ohr: „Er ist nicht nur wenig emphatisch, ich finde ihn auch dumm.“
Ich: „Wieso dumm? Dann wäre er nicht so erfolgreich.“
Mann im Ohr: „Dummheit und monetärer Erfolg schließen sich nicht aus. Man sagt doch, dass die dümmsten Bauern die dicksten Kartoffeln haben?“
Ich: „So weit würde ich jetzt nicht gehen. Aber sonderlich argumentationsstark ist er nicht. Er ist es eben gewöhnt, dass Leute ihm glauben, weil er Chef ist. Wer Macht hat, braucht keine guten Argumente.“
Meinen Hinweis auf das fünfte Gebot ‘Du sollst nicht töten’ hat er weggewischt mit dem Satz „Ihr haltet Euch ja alle nicht dran, da muss man nur die Realität betrachten!“.
Ich habe es noch versucht mit ‘Du sollst den Namen des Herrn nicht missbrauchen’ und dass eine Tötung in seinem Namen immer ein Verstoß gegen Gebot Nummer zwei sei. Auch das kam nicht an. Es folgte noch einiges à la „Ein intelligenter Mensch kann doch nicht an etwas glauben, dessen Existenz nicht bewiesen ist.“ und der Hinweis, dass er nicht gegen den Glauben an sich sei, sondern nur gegen meine Institution Kirche, und dass von der nun mal alles Übel ausgehe. Dass der Terror dieser Welt nur möglich sei, weil Leute gläubig seien und versuchen würden, andere zu missionieren.
Jemand meldet sich. „Das meinte ich mit dumm! Wenn jemand tatsächlich den Glauben verantwortlich macht für Dinge wie Selbstmordanschläge, dann müsste er konsequenterweise den Glauben verteufeln und nicht nur die Institution Kirche, richtig?“
Ich: „Richtig. Es sei denn, er heißt Selbstmordanschläge gut.“
Mann im Ohr: „Dann müsste er sich aber nicht über den Terror beklagen.“
Alles Positive wurde vom Tisch gewischt. Im Christentum solle man nur seinen nächsten Christen lieben, nicht jeden Nächsten. Das hat Johann ernsthaft so gesagt. Obwohl es heißt ‘Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst’ und nicht ‘Liebe Deinen Glaubensbruder wie Dich selbst’. Da ist nicht viel Raum für Interpretation.
Mann im Ohr: „Johann war Dein Nächster in dem Moment. Hast Du Dich dran gehalten?“
Ich: „Du bist gemein. Auf wessen Seite stehst Du eigentlich?“
Dass das Judentum keine missionierende Religion ist, habe ich runtergeschluckt und stattdessen gesagt, dass ich jetzt lieber gehe. Was kommentiert wurde mit „Das ist ja ein tolles Beispiel für Toleranz und Nächstenliebe.“.
Eigentlich hatte ich versprochen, während seiner Dienstreise die Blumen zu gießen.
„In Sachen Nächstenliebe ist bei Dir noch Luft nach oben. Ist doch gut, da hast Du ein Entwicklungsfeld. Und das mit der rechten Wange hast Du auch noch nicht verinnerlicht.“
Nur weil ich katholisch bin, lasse ich mich noch lange nicht beschimpfen. Ich habe in meinem Leben nie versucht, irgendwen zu missionieren. Ich bin in vielen Dingen sehr tolerant und mit mancherlei Engstirnigkeit meiner Kirche nicht glücklich. Ich kann meinem Glauben mehr Gutes als Schlechtes abgewinnen. Ich stehe hinter den Werten meiner Kirche, auch wenn ich mir mehr Toleranz gegenüber Schwulen und eine Aufhebung des Zölibats wünschen würde.
Meine gesamte Familie ist katholisch und es sind beinah alle Ausprägungen vorhanden: die strenge Rosenkranzbeterin ebenso wie die zwar getaufte, aber Ungläubige. Und viele irgendwo in der Mitte dazwischen. Wir alle sind mit dem Glauben und Werten wie Toleranz und Nächstenliebe großgeworden.
Am deutlichsten wird das bei meiner Schwester Sophie. Ich bin unglaublich stolz auf sie, weil es ihr gelingt, Frieden zu stiften. Klingt geschwollen, stimmt aber.
Sie ist Grundschullehrerin in einem Problembezirk. In ihrer Klasse ist ein christliches Kind und viele muslimische aus unterschiedlichen muslimischen Strömungen. Ebenso atheistische Kinder. Keines ist katholisch. Sophie hat katholische Religion studiert. Und vermittelt mit einer Hingabe zwischen den Glaubensrichtungen, wie ich es noch nie erlebt habe. Sie verbietet ihren Kindern, Fußball ‘Christen gegen Muslime’ zu spielen. Das war auf dem Mist von Erst- oder Zweitklässlern gewachsen. Sie hat das zum Anlass genommen, Konflikte zwischen den Religionen zu thematisieren. Sie hat ein Stoffschwein als Klassenschwein etabliert und mit allen Kindern erarbeitet, warum dieses Tier in manchen Kulturen als ‘unrein’ empfunden wird. Die muslimischen Kinder reißen sich um dieses Tier und kuscheln inzwischen mit ihm. Im letzten Ramadan hat sie einen ‘Ramadan-Kalender’ für die Kinder gestaltet. Er hatte die Form eines Kamels und enthielt für jeden Tag Schokolade und im Wechsel je einen Spruch aus dem Islam, dem Christen- und Judentum, der dann besprochen wurde. Sie hat mit ihren Kindern eine Moschee besucht, eine Kirche und eine Synagoge. Sie bringt ihnen bei, dass es Widersprüche zwischen und innerhalb der Religionen gibt. Dass man Widersprüche auch mal aushalten muss und sie Anlass zum Nachdenken und Reden sein sollten, aber niemals zu Gewalt. Ich glaube, dass sie mit ihren Gesprächen mit den Kindern mehr für den Weltfrieden tut als jeder Talkshowgast oder Politiker, der für Toleranz wirbt. Ihre Kinder gehen nach Hause und erzählen ihren Eltern und Freunden davon, was sie gelernt haben. Ich glaube, wenn jedes Kind eine solche Lehrerin hätte, bräuchten wir uns über Terror in der Zukunft wesentlich weniger Gedanken zu machen.
Ich finde, man muss Religion kritisch hinterfragen, egal welche. Und man darf über sie lachen. Sophie und ich haben uns den Bauch gehalten, als das atheistische Känguru von Marc-Uwe Kling uns erklärt hat, dass die Bibel als Schurkenroman zu lesen sei. Es findet, wenn Gott der Böse ist, ergibt alles plötzlich einen Sinn.
„Aber die, die gelungen die Religion auf die Schippe nehmen, haben sich meist auf sehr intelligente Art mit ihr auseinandergesetzt. Das war bei Johann nicht so.“
Was ich nicht leiden kann, ist, wenn meine Intelligenz in Frage gestellt wird, weil ich gläubig bin. Vor allem, wenn dieses Ist-doch-alles-nicht-bewiesen-Argument kommt. Wenn ich Beweise hätte, wäre glauben ja überflüssig.
Ich weiß im Übrigen ja auch nie, ob mein Partner treu ist. Beweisen kann ich Untreue, auf seine Treue muss ich vertrauen. Das tun viele, auch Atheisten. Und keiner käme auf die Idee, sie deswegen zu beschimpfen.
Mann im Ohr: „Könnte man sagen, dass Nichtwissen notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für Glauben ist?“
Ich: „Wenn man ein Klugscheißer wäre und obendrein noch Jurist, würde man das wahrscheinlich so ausdrücken.“