… til when?
Faken scheint das Motto unserer Zeit zu sein. Mir gefällt das nicht. Weder habe ich etwas für Fake News übrig, noch für Krägelchen oder Monster-Push-Ups.
Ich höre ein Räuspern in meiner Ohrmuschel. „Was zum Teufel sind Krägelchen?“
Vielleicht tu ich ihm unrecht, aber mein Bauch sagt mir, dass der kleine Mann seinen Mittagsschlaf nicht wegen der Krägelchen unterbrochen hat.
Ich: „Diese Dinger, die ich als Kind tragen musste. Die gibt es wieder.“
Mann im Ohr: „Die, die Du nicht selbst anziehen konntest? Bei denen Dir die Sportlehrerin helfen musste?“
Ich: „Genau die. Diese komischen Dinger, die vorgeben, eine Bluse zu sein.“
Mann im Ohr: „Aber nicht mal bis zum Bauchnabel gehen.“
Ich musste sowas als Kind tragen. Es sah dann immer aus, als hätte man ein hübsches Blüschen unter dem Pulli, aber eigentlich war es nur der Kragen einer Bluse mit Schlupflöchern für die Arme. So was habe ich neulich in der Damenabteilung eines Kaufhauses gesehen.
Mann im Ohr: „Aber Tittenbescheißer finde ich gut.“
Mein Bauch hat mich nicht getäuscht. Aber das Vokabular überrascht mich doch.
Ich: „Was bitte?“
Mann im Ohr: „Tit…“
Ich: „Ich bin nicht taub. Woher hast Du solche Wörter?!“
Mann im Ohr: „Hat irgendwer irgendwann mal gesagt.“
Ich: „Mmh. Warum findest Du die gut?“
Mann im Ohr: „Na ja, sieht dann halt…“
Ich: „…besser aus?“
Der kleine Mann weiß, wie alle Männer, wann das Eis wirklich dünn wird.
Mann im Ohr: „Runder.“
Und wie man sich geschickt aus der Affäre zieht.
Mann im Ohr: „Also es ist eine insgesamt rundere Sache dann. Die Erscheinung. Das Gesamtbild.“
Ich: „Angezogen?“
Ich höre ein leises, sehr langgezogenes, etwas fragendes „Jaaaaa.“
Ich: „Und wenn man ihn auszieht?“
Ich bekomme keine Antwort und kann förmlich hören, wie er fieberhaft denkt.
Mann im Ohr: „Dann ist das Bild weniger rund.“
Ich: „Warum sollte ich vorgeben, dass ich mehr habe und im entscheidenden Moment riskieren, dass der Mann enttäuscht ist?“
Mann im Ohr: „Weil Du Angst hast, dass Du ihm sonst vorher schon nicht gefällst?“
Ich: „Was ist denn schlimmer? Von Anfang an nicht gefallen und ihn abhaken oder ihn kennenlernen, toll finden und im Bett merken, dass ihm meine Brüste zu klein sind?“
Mann im Ohr: „Wenn Du so fragst…letzteres.“
Ich: „Dann zurück zu meiner Frage: warum sollte ich?“
Mann im Ohr: „Weil alle es tun?“
Ich schweige. Wir wissen beide, wie ich zu diesem Argument stehe.
Mann im Ohr: „Oder, weil es in Deiner Größe gar keine Nicht-Fake-BHs gibt. Was unter anderem ein Grund dafür sein könnte, dass alle es tun. Vielleicht haben sie auch einfach keine Wahl.“
Ich: „Ganz genau. Die Dessous-Industrie scheint zu glauben, dass Frauen mit meinen Maßen zwingend faken wollen. Anders ist nicht zu erklären, warum es sämtliche ungepolsterten Varianten in meiner Größe nicht gibt. Und je älter ich werde, desto moderner werden diese Monster-Push-Ups, bei denen das Volumen des Füllmaterials das Brustvolumen übersteigt. Mehr Fake als Realität, das muss doch nicht sein!“
Ich versuche seit Ewigkeiten, schöne, ungepolsterte BHs zu finden. Das war früher kein Problem. Ich habe noch ein Relikt aus alten Zeiten, einen wunderschönen Spitzen-BH von Calvin Klein, der relativ durchsichtig und sehr sexy ist und kein bisschen schummelt. Leider sind die dazu früher mal passenden Höschen schon lange kaputt und die Farbe ist ein Meergrün, so dass ich nie farblich passenden Ersatz gefunden habe. Ich trauere diesen Zeiten nach und beneide jede Frau, die ‘normale’ Wäsche tragen kann.
Mann im Ohr: „Du könntest Dir die Brüste machen lassen.“
Ich: „Ich soll mit Fake-Brüsten rumlaufen, damit ich keine Fake-BHs mehr tragen muss?!“
Ich höre ein kleinlautes „Meine Argumentation war schon mal besser.“ und dann ist es still.
Ich erinnere mich an eine Anprobe von Victoria´s Secret Wäsche. Es handelte sich um einen Push-Up-BH und so ein Shapewear-Unterkleid. Beides in Kombination ließ mich aussehen, als hätte ich ein DD-Körbchen. Und eine noch schlankere Taille, obwohl ich mich damit ohnehin nicht verstecken muss. Ich war so geflasht von meinem Anblick im Spiegel, dass ich gern auf der Stelle mit mir geschlafen hätte.
Es kichert deutlich zwischen meinen Ohren. „Du bist nicht wieder rausgekommen ohne Hilfe. Die Krägelchen konntest Du nicht allein anziehen und aus diesen Dingern kommst Du nicht alleine raus.“
Ich: „Stimmt. Und selbst mit Hilfe hat es ewig gedauert. Im Ernst, die Geduld hätte kein Mann. Jedenfalls nicht, wenn er einen so heiß findet, wie ich mich damals selbst.“
Ich frage mich, wozu Frauen so was tragen. Irgendwer kauft das Zeug ja. Vor dem eigenen Mann braucht man so ein Theater nicht zu machen, der kennt einen ja und fänd das Rumgezerre hinterher beim Ausziehen doch sicher nur nervig.
Für Dates wäre es extrem kontraproduktiv. Es gibt in dem Fall ja kein ‘til you make it’. Irgendwann schlägt die Stunde der Wahrheit.