Ups!

Da blogge ich seit Monaten und zerbreche mir den Kopf über Dinge wie die allgemeine Weltlage, Terrorgefahr, die Flüchtlingswelle und wo ich Klamotten spenden kann. Über die Liebe und was richtig und was falsch ist, über Wertvorstellungen und Glaubenssätze und Religion und Fakes und den perfekten Kuss.

Aber die wirklich wichtigen Dinge habe ich verpasst.

Die, über die alle reden. Und posten.

Einhörner

Minions

Flamingos

Mir war völlig entgangen, dass es diese Dinge überhaupt gibt.

Also Flamingos kannte ich. Aus dem Zoo. Und von diesen Gläsern, die in den 90ern bei Mädchen total hip waren. Von Leonardo. Da waren Flamingos drauf, die je nach Temperatur des Getränks die Farbe verändert haben.

Gestern habe ich Freundschaft mit einem Einhorn geschlossen. Meine Schwester Sophie hat so einen Gasluftballon in Form eines Einhorns erstanden. Für Emma, die nicht mit uns auf der Kirmes war. Bei dem stolzen Preis von 14,50 EUR ist Sophie fast tot umgefallen. Aber Emma war es ihr wert. Ich habe angeboten, das Ding an mein Handgelenk zu binden und nach Hause zu … tragen? Passt hier irgendwie nicht. Das Einhorn schwebte jedenfalls über meinem hübschen Kopf. Und dann sind wir an zwei Schützen vorbei.

Mann im Ohr: „Ihr seid an hunderten von Schützen vorbei.“
Ich: „Lass mich doch ausreden. Dass Männer einem ständig ins Wort fallen müssen.“

An zwei Schützen, von denen einer mich von früher kennt. Wir haben zusammen studiert und uns ewig nicht gesehen. Bei unserer letzten Begegnung saß ich mit ihm in seinem Garten und er hat gefragt, ob ich noch Sterne gucken will und angeboten, dass ich bei ihm übernachten kann. Paul. Er sieht noch besser aus als früher. Jedenfalls habe ich nein gesagt und bin brav nach Hause gefahren. Damals. Gestern hat er nicht gefragt.

Ich bin also kichernd und mit Einhorn am Handgelenk über die Kirmes gelaufen und auf einmal sehe ich Paul. Und er mich. Und guckt mich an mit offenem Mund und sagt völlig verwirrt „Hallo“. Da war ich auch schon wieder weg.

Sophie hat sofort gefragt, wer DAS denn bitte war und was für ein Blick und überhaupt. Ich habe für eine Sekunde gedacht, meine Erscheinung hätte ihn so beeindruckt und er hätte auch sofort an unsere Nacht denken müssen und all die Dinge, die wir beide wollten und nie getan haben. Und dann hat Sophie gesagt, „DER Blick war die 14,50 EUR wert“.

Ich muss mir wohl eingestehen, dass es weniger um mich als um die ungewöhnliche Kombination ging. Ich bin so ungefähr die letzte Frau, an deren Handgelenk man ein Einhorn erwarten würde. Und dann hatte ich auch noch flamingofarbene Sneakers an.

Mann im Ohr: „Ändern die auch die Farbe, je nach Temperatur der Füße?“
Ich: „Sie haben die Farbe geändert gestern Abend.“
Mann im Ohr: „Weil dir heiß geworden ist, als du Paul gesehen hast?!“

Auch hier muss ich mir eingestehen, dass es wohl eher am staubigen Kirmesplatz und den Pferdeäpfeln lag als an einer paulbedingten Hitzewallung. Sie sehen ganz schön mitgenommen aus.

Mann im Ohr: „Wir streuen Sternenstaub drauf, dann sind die wieder wie neu.“

Breaking News

Das sind laut Definition Eilmeldungen.

„Die Eilmeldung (englisch breaking news, in Österreich auch Eiltmeldung) ist eine journalistische Nachricht, die eine derart hohe Relevanz besitzt, dass eine reguläre Nachrichtensendung in Hörfunk und Fernsehen nicht abgewartet werden kann, sondern das laufende Programm unterbrochen werden muss.“

So Wikipedia. Und so hatte ich mir das auch immer gedacht. Bei Terroranschlägen oder Todesfällen von Berühmtheiten rechne ich mit Push-Nachrichten, die Breaking News enthalten. Und dann hatte ich vor einigen Tagen morgens auf meinem Display die Meldung von N-TV:

Breaking News: Deutsche Wirtschaft bleibt auf Wachstumskurs

Super eilige Meldung. Alles bleibt, wie es war. Gut, dass ich das nicht verpasst habe. Nicht auszudenken, ich hätte das erst heute Abend in den Tagesthemen erfahren.
Der kleine Mann wacht auf. Seit ich beruflich in der Pampa bin und meine Abende alleine im Romantikhotel ohne WLAN verbringe, schläft er eigentlich dauernd.

Mann im Ohr: „Der Begriff wird genauso inflationär benutzt wie bei manch einem der Satz ‘Ich liebe dich’.“
Ich: „Ich habe diesen Satz noch nie inflationär benutzt.“
Mann im Ohr: „Zu wem solltest du das auch sagen?“

Ich schweige. Ich habe den Satz 2011 zuletzt gesagt. Oder 2012? Wahrscheinlich bin ich so aus der Übung, dass ich mich verschlucke oder huste, wenn es mal wieder einen Anlass gibt.

Mann im Ohr: „Aber heterogen benutzt du inflationär. Echt. In jedem zweiten Satz.“
Ich: „Ich mag das Wort.“
Mann im Ohr: „Lass es einfach weg.“
Ich: „Ich weiß nicht, ob ich das kann. Beruflich auch?“
Mann im Ohr: „Eine Woche.“

Ich: „Eine homogene Woche? Ich bemüh’ mich.“
Mann im Ohr: „Sich bemühen ist die vorherige Entschuldigung für späteres Scheitern. Das Scheitern ist dadurch gewissermaßen vorprogrammiert.“
Ich: „Du nervst.“
Mann im Ohr: „Es ist irgendwie eine Krankheit, dass heute immer alles total wichtig sein muss. Ganz normale Emails und Rückrufbitten sind alle total dringend. Überall steht ‘wichtig’ und ‘eilt’ drauf. Und ‘news’ reicht halt auch nicht mehr. Sie müssen ‘breaking’ sein. Die Menschen haben verlernt, sich hinten anzustellen. Sich nicht so wichtig zu nehmen. Mal Geduld zu haben.“
Ich: „Woran das wohl liegt?“
Mann im Ohr: „Ich versteh´s auch nicht. Ist doch klar, dass, wenn plötzlich alles Prio 1 ist, faktisch alles nicht mehr wichtig ist. Man kann ja nicht alles gleichzeitig lesen oder bearbeiten oder mehreren gleichzeitig zuhören. Die Leute müssen sich immer noch genauso entscheiden wie früher.“
Ich: „Ich lese die als wichtig gekennzeichneten Sachen manchmal absichtlich nach den anderen Sachen, weil es mich so nervt.“
Mann im Ohr: „Kommt aber auf den Absender an.“
Ich: „Ja. Früher musste ich nur nach wichtig und weniger wichtig filtern. Heute muss ich mir überlegen, welcher Absender grundsätzlich alles als wichtig markiert und wer normal tickt und wer sich selbst für so unwichtig hält, dass er nicht mal wirklich wichtige Dinge als dringend markiert.“
Mann im Ohr: „Dringend ist etwas anderes als wichtig.“
Ich: „Klugscheißer.“

Dabei hat er recht. Da hat mein früherer Chef immer drauf geachtet. Es gibt dringende Dinge, die weniger wichtig sind und sehr wichtige, die nicht dringend sind. Dringend hat immer eine schnell nahende Deadline und sagt nicht notwendigerweise etwas über die Wichtigkeit aus.

Mann im Ohr: „Bestimmt gibt es bald einen Algorithmus für so was. Der checkt, was Du als wichtig einstufen würdest und was nicht und danach sortiert.“
Ich: „Algorithmen funktionieren schon beim Onlinedating nicht, da werde ich mich beruflich sicher nicht auf so was verlassen.“
Mann im Ohr: „Das finde ich interessant. Ist Beruf wichtiger als Privatleben?“
Ich: „Wie kommst du da drauf?“
Mann im Ohr: „Da steckte ein Erst-Recht zwischen den Zeilen. Wenn das schon privat nicht funktioniert, werde ich es beruflich erst recht nicht nutzen. Das wiederum sagt etwas über deine Bewertung im Verhältnis zwischen Berufs- und Privatleben aus, findest du nicht?“
Ich: „Du nervst.“ 

Dass ich meinen Beruf so wichtig nehme, stimmt nicht. Im Moment schon gar nicht. Allerdings habe ich diverse Hobbies, die recht unkommunikativ sind. Ich blogge zum Beispiel.

Mann im Ohr: „Ich finde es gut, dass du deinen Lesern diese überaus wichtige Information nicht vorenthältst.“
Ich: „Ich hätte eine Pushnachricht versenden sollen.“
Mann im Ohr: „Breaking News: Lenya24 bloggt immer noch über die wirklich wichtigen Dinge im Leben.“
Ich: „Die wirklich wichtigen Dinge kommen erst im nächsten Post.“

Wenn man jetzt den klassischen Beruf und diverse rechtliche Anfragen und das Geblogge und alle anderen Dinge, die ich im stillen Kämmerlein mache, zusammennimmt, bleibt in der Tat wenig Zeit für ein ‘richtiges’ Privatleben.

Mann im Ohr: „Jedenfalls kannst du im stillen Kämmerlein hervorragend die drei Worte üben, ohne dich zu verschlucken dabei.“
Ich: „Du …“
Mann im 
Ohr: „… nervst?“

„Weine nicht …

… um Dinge, die Geld ersetzen kann.“

Das hat meine Oma mir beigebracht, als ich noch sehr klein war. Die, die mir auch gesagt hat, man müsse zu einem Mann aufschauen können.

Es gibt immer mal wieder Situationen, in denen ich selbst erstaunt bin, wie sehr mir dieser Satz in Fleisch und Blut übergegangen ist. Und wie viele Menschen anders ticken.

Vor einigen Jahren ist ein Freund auf mein MacBook getreten. Nachdem er es neben dem Sofa auf den Boden gelegt hatte. Das Display war hin und auch nicht zu reparieren. Jedenfalls nicht, wenn man nicht bereit war, dafür den Preis eines neuen MacBooks auf den Tisch zu legen. Ich habe damals kurz die Luft angehalten, erschreckt geguckt und gedacht „Dann ist es wohl Zeit für ein Neues“. Für Rice, der draufgetreten ist, war das Ganze viel schlimmer als für mich.

Mann im Ohr: „War deine Oma eigentlich reich?“
Ich: „Nein! Das weißt du doch.“
Mann im Ohr: „Nein, damals war dein Leben so langweilig, dass ich viel geschlafen und wenig mitbekommen habe.“
Ich: „Na großartig. Dabei hätte damals einen Coach gebrauchen können. Die Pubertät ohne Beistand zu überstehen ist nicht leicht.“
Mann im Ohr: „Einen Teenager gegen ihren Willen zu coachen ist noch viel schwieriger.“
Ich: „Das ist dein Job!“
Mann im Ohr: „Teenager coachen?“
Ich: „Für mich da sein, wenn ich dich brauche.“

Schweigen.

Ich: „Meine Oma war schon sehr jung Witwe mit 3 relativ kleinen Kindern. Mein Opa ist ja nur 35 Jahre alt geworden. Sie hatte keinen Beruf, damals war man ja mit drei Kindern einfach zuhause. Und sie kam nicht aus einer reichen Familie. Also nein, sie war nicht nur nicht reich, sie war sogar ziemlich arm.“ 
Mann im Ohr: „Warum hat sie dann sowas gesagt?“
Ich: „Es geht dabei doch nicht darum, wie schnell man in der Lage ist, die kaputte Sache zu ersetzen.“
Mann im Ohr: „Aber dann wäre die Einstellung verständlich. Also logisch nachvollziehbar.“
Ich: „Erstaunlicherweise machen die reichen Leute, die ich kenne, viel mehr Aufhebens um kaputte Dinge.“
Mann im Ohr: „Verstehe ich nicht.“
Ich: „Weißt Du, es geht um die Einstellung. Darum, an welche Dinge man sein Herz hängt und an welche nicht. Darum, dass man sein Herz an Menschen hängt und vielleicht auch an Dinge, die Erinnerungsstücke und deswegen nicht zu ersetzen sind.“
Mann im Ohr: „Aber nicht an ein iPhone? Oder einen Fernseher?“
Ich: „Genau.“

Ich würde einen Porsche zu Schrott fahren und denken ‘Shit happens’, aber wenn eines der Jugendstilgläser meiner Großtante runterfallen würde, würde ich mir Vorwürfe machen und wahrscheinlich weinen. Es sind 6 Gläser, die die Eltern meiner Großtante 1900 zur Hochzeit geschenkt bekommen haben. Alle 6 sind ohne eine einzige Macke erhalten. Obwohl sie seit über 100 Jahren benutzt werden. Aus ihnen wurde Wein getrunken und Sekt. Eigentlich sind es Weingläser. Aber Sektgläser hatten sie damals, glaube ich, nicht. Wahrscheinlich haben sie damit darauf angestoßen, als die Kriege vorbei waren. Und darauf, dass sie meinen behinderten Großonkel erfolgreich versteckt haben bis alles vorbei war 1945. Auf Hochzeiten und Todesfälle und eigentlich immer, wenn wir zu Besuch waren.

Mann im Ohr: „Wenn niemand verletzt worden wäre bei dem Unfall?“
Ich hab den Faden verloren und muss erst nachdenken. „Natürlich nur dann!“

Eine Weile sagt der kleine Mann nichts.

Mann im Ohr: „Du hast gar keinen Porsche.“
Ich: „Nein, ich habe einen…“
Mann im Ohr: „Pscht!“
Ich: „Was ist los?“
Mann im Ohr: „Die Sache mit dem Selbstmarketing hast du immer noch nicht verstanden. Über manche Dinge spricht man besser nicht. Dein Auto gehört dazu. Und es ist nicht mal deins.“
Ich: „Pfff. So ein Blödsinn, aber bitte.“

Ich bin uneitel, was Autos angeht. Sie sollen nicht liegenbleiben. Ich will nicht irgendwo nachts in der Pampa enden, mit leerem Akku, während ich Hunger habe, friere und Pipi muss. Das ist die einzige Anforderung, die ich an ein Auto stelle.

Mann im Ohr: „Und müde bist. Hunger, müde, Pipi, kalt. So heißt das.“
Ich: „Es müsste ja nicht mein Porsche sein.“
Mann im Ohr: „Hast du das alles geschrieben, weil du dein iPhone geschrottet hast?“
Ich: „Lustig. Immer, wenn ich hier ‘geschrottet’ schreibe, macht die Autokorrektur ‘geschrotet’ daraus.“
Mann im Ohr: „Es sieht auch ehrlich gesagt aus, als hätte jemand versucht, es zu schroten. In dieser grauseligen Mühle, die deine Mutter hat. In der du immer deine Körner schrotest. Die so fiese Geräusche macht.“
Ich: „Wenn du schon so viel Wert legst auf mein Selbstmarketing, dann verkneif dir doch in Zukunft Kommentare, durch die ich wie eine körnerfressende Ökotussi wirke.“
Mann im Ohr: „Versprochen.“

Nach einer Weile fragt er zur Sicherheit noch mal nach.

Mann im Ohr: „Ich sag also nix über deine Birkenstocks? Und das Dinkelkörnerkissen darf ich auch nicht erwähnen? Wie ist es mit dem fair gehandelten Öko-Espresso? Der ist ja fast schon wieder hip. Dass du vom Anblick von Kapselmaschinen Pickel bekommst auch nicht?“
Ich: „Das solltest du alles auf die 
Not-to-say-Liste setzen.“

Ehekrise

Oder: Vertrauen ist besser.

„Ich glaube Dir nicht.“ Der kleine Mann klingt trotzig mit ängstlichem Unterton.

Ich fühle mich, als hätte ich eine Ehekrise. Und das an meinem Hochzeitstag. Mancher wundert sich vielleicht, dass ich daran denke, wo ich doch schon so lange nicht mehr verheiratet bin.

Mann im Ohr: „Du wirst den nie vergessen. Du vergisst ja auch nicht die Jahrestage von Freunden, die seit Jahren getrennt oder inzwischen anderweitig verheiratet sind.“
Ich: „Vielleicht bin ich so ein Zahlenfetischist, weil mein Vater so viel mit Zahlen zu tun hat beruflich?“ 
Mann im Ohr: „Du hast leicht autistische Züge.“

Es folgt eine Pause und dann ein leises „Entschuldigung“ gefolgt von „Das ist schon spooky mit den Zahlen“.

Der Mann zwischen meinen Ohren hat gedroht, auszuziehen und unterstellt mir, ich hätte wieder Kontakt zu Ethan. Das ist der, der Europa für einen föderalen Staat gehalten hat. Der kleine Mann hat mir schon vor Jahren strengstens verboten, je wieder Kontakt zu ihm aufzunehmen.

Ich: „Kleiner Mann, ich wäre doch wahnsinnig, das zu tun. Ich habe mir mehr oder weniger eine neue Identität zugelegt seinetwegen.“

Ethan hat mich gestalkt und gehackt. Seinetwegen habe ich eine neue Nummer und alle Accounts und Passwörter geändert, die ich je hatte. Neue Email-Adresse und neue Apple-ID, eigentlich einmal alles neu. Sogar die Wohnung. Für so blöd kann er mich nicht halten.

Mann im Ohr: „Dass es wahnsinnig wäre, heißt bei dir leider überhaupt nicht, dass es auch abwegig ist.“
Ich: „Sag mir doch wenigstens, warum du das glaubst.“
Mann im Ohr: „Es gibt mehrere Indizien.“
Ich: „Welche?“
Mann im Ohr: „Hältst du mich für blöd? DU hast mir doch beigebracht, so etwas nicht preiszugeben, bis der Täter überführt ist. Wenn ich dir das sagen würde, wärst du nur vorsichtiger in Zukunft. Du weißt genau, was dann los wäre.“

In der Tat. Ich würde vermutlich gelyncht. Zumindest enterbt. Dürfte mich zuhause nicht mehr blicken lassen. Emma und Sophie würden nicht mehr mit mir reden.

Ich: „Sag mir doch, was Du meinst. Ich habe ihn ewig nicht gesehen und auch seine Nummer nicht.“

Allerdings muss ich tatsächlich in letzter Zeit häufiger an ihn denken. Seit ich ‘Homeland’ schaue. Ethan war Amerikaner und beruflich viel im mittleren Osten. Kuwait, Afghanistan, Vereinigte Arabische Emirate, Katar, Pakistan. Angeblich in ziviler Mission. Geglaubt habe ich ihm das nicht. Es war merkwürdig, wie schnell er plötzlich irgendwo sein musste und wen er in unseren Urlauben an den merkwürdigsten Orten treffen musste. Zufällig durften sein Sohn und ich da nie dabei sein. Und zufällig hatte er nach Treffen mit angeblichen Maklern nie ein Exposé, hat nie eine Immobilie gekauft und musste danach immer in irgendwelche Calls, die keiner hören durfte. Jedenfalls erinnert mich ‘Homeland’ immer an unsere Situation damals.

Mann im Ohr: „Nur deswegen denkst du so oft an ihn?“
Ich: „Nur deswegen.“

Ich kann förmlich spüren, wie er grübelt. Er läuft genauso auf und ab wie ich, wenn ich telefoniere. Und es macht mich genauso wahnsinnig wie damals meine Nachbarn.

Ich: „Du hast ja recht damit, dass man Täter so nicht überführt. Aber wenn man sein Leben miteinander verbringt, sollte man sich vertrauen. Und den anderen nicht als Gegner betrachten.“
Mann im Ohr: „Woher weiß ich, ob du die Wahrheit sagst?“
Ich: „Das wirst du nicht wissen. Du kannst es nur glauben.“

Wir schweigen eine Weile.

Ich: „Woher kommt dieses Misstrauen plötzlich?“
Mann im Ohr: „Ich weiß nicht. Du hast das auch manchmal.“
Ich: „Dir gegenüber?“
Mann im Ohr: „Nein.“
Ich: „Du meinst anderen Männern gegenüber?“
Mann im Ohr: „Ja. Deswegen merkst du auch immer so schnell, wenn etwas nicht stimmt. Es schützt dich.“
Ich: „Aber in einer bestehenden Beziehung macht Misstrauen alles kaputt.“

Ich warte eine Weile und spüre das Tippeln zwischen meinen Ohren. Dann setzt er sich hin und ich kann mir vorstellen, wie er seinen kleinen Kopf in seine Hand stützt. Ich höre, wie er Luft holt.

Mann im Ohr: „Du hast Blumen bekommen.“
Ich: „Ja. Und?“
Mann im Ohr: „In einem aufrecht stehenden Karton mit Blumenvase und allem drum und dran. Schöne Blumen.“

Mir geht ein Licht auf. Der einzige Mann, der mir je so etwas geschickt hat, war Ethan. Zum Valentinstag. Zum Geburtstag. Einfach so zwischendurch. Zum Heiratsantrag.

Ich: „Haben Ethans Blumen je meinen Geschmack getroffen?“
Mann im Ohr: „Ich…glaub nicht. Oder?“
Ich: „Nein.“
Mann im Ohr: „Man kann es dir halt nicht recht machen.“
Ich: „Aber diese gefallen mir?“
Mann im Ohr: „Ja. Sehr?“
Ich: „Und dir auch?“

Mann im Ohr: „Ja!“
Ich: „Könnte daran liegen, dass ich sie selbst bestellt habe.“ 

Da will man sich mal was Gutes tun und dann sowas. Ich höre, wie der kleine Mann etwas rumschiebt in meinem Kopf und dann fällt ein kleiner Zettel aus meinem Ohr. Die Schrift ist so klein, dass ich sie kaum lesen kann. Darauf steht ‘Nur Männer schicken Blumen’.

Und ich frage mich wieder mal, wie viele überholte Glaubenssätze da immer noch in irgendwelchen Ecken schlummern.

Ich bin wütend.

Auf Ben.

Jemand meldet sich zu Wort. Er klingt erstaunt. „Du bist nie wütend auf Ben! Du hast ihn auf einen Sockel gestellt und niemandem ist es je gelungen, ihn da runter zu stoßen.“
Ich: „Aber jetzt bin ich wütend.“
Mann im Ohr: „Nach 7 1/2 Jahren?!“
Ich: „Ich brauche manchmal etwas länger.“
Mann im Ohr: „Du hattest ein schlechtes Gewissen und hast geglaubt, du findest nie wieder jemanden, der so nett ist.“
Ich: „Das hat meine Schwester gesagt.“

Ich wollte mich schon vor der Hochzeit trennen. Meine Schwester hat damals gesagt, ich würde nie wieder jemanden finden, der mich so liebt.

Mann im Ohr: „Und du hast es geglaubt.“

Er hatte nie Zeit für mich. Hat keine Rücksicht genommen auf meine Interessen. War illoyal. Er hat verlangt, dass ich meine Prinzipien verrate und hat mich vor seiner Familie als Buhmann hingestellt, damit nicht rauskommt, dass in Wirklichkeit er keine Kinder wollte.

Mann im Ohr: „Er war ein Arschloch.“
Ich: „Er wollte erst Kinder, als sein Vater es verlangt hat.“

Mir wird latent übel. Das habe ich öfter in letzter Zeit.

Ich: „Ich habe ihn betrogen. Ich habe meine Werte verraten.“
Mann im Ohr: „Niemand sollte seinen Partner betrügen. Aber hättest du es nicht getan, hättest du ihn nicht verlassen. Wir beide wussten, dass du nicht anders kannst als es ihm zu sagen und ihn zu verlassen.“
Ich: „Es war trotzdem falsch. Es war gegen meine Prinzipien.“
Mann im Ohr: „Er hat von dir schon vorher verlangt, deine Werte zu verraten. Das war der Moment, in dem du hättest gehen sollen.“
Ich: „Gehen müssen.“

Es gab jemanden in Bens Familie, der Dreck am Stecken hatte. Und das ist noch freundlich formuliert. Nachdem er sich erst selbst aufgeregt hat, hat sein Vater ihm mehrere Predigten gehalten. Blut ist dicker als Wasser und so. Und dann hat Ben verlangt, dass ich schweige, um seine Familie zu schützen.

Mann im Ohr: „Es ging nie um dich. Er brauchte ein attraktives, vorzeigbares Püppchen, das nach seiner Pfeife tanzt.“
Ich: „Und das war ich.“
Mann im Ohr: „Du warst jung.“ 
Ich: „Und dumm.“
Mann im Ohr: „Auch das.“ 

Es folgt eine Pause.

Dann räuspert sich der kleine Mann. „Das bist du immer noch. Du hast mindestens einen Mann kennengelernt, der viel toller ist als Ben.“
Ich: „Ich hab ihn nicht nur kennengelernt. Ich hab mich in ihn verliebt.“ 
Mann im Ohr: „Aber du hast es nie gesagt oder gezeigt.“
Ich: „Woher hab ich das? Diese Dummheit. Eigentlich ist Intelligenz recht weit verbreitet in meiner Familie.“
Mann im Ohr: „In Liebesdingen nicht. Da sind die anderen sogar noch dümmer als du.“
Ich: „Geht das?“
Mann im Ohr: „Es ist schwierig, aber ja. Das geht. Das hattet ihr gemeinsam.“
Ich: „Was? Wer wir?“
Mann im Ohr: „Du und Ben. Die Dummheit in Liebesdingen.“
Ich: „Wieso?“
Mann im Ohr: „Du hast heulend vor ihm gestanden 2 Wochen vor der Hochzeit. Und ihm gesagt, dass du das nicht willst und das ein Fehler ist.“ 
Ich: „Ja. Und?“
Mann im Ohr: „Kein Mann mit Verstand würde eine Frau heiraten, die so etwas vor der Hochzeit sagt.“

Darüber muss ich nachdenken.

Ich: „Es sei denn, es geht ihm mehr darum, das Gesicht zu wahren als um Liebe und dauerhaftes Glück.“
Mann im Ohr: „Sehr scharfsinnig.“
Ich: „Er muss außerdem sicher gewesen sein, dass ich bleibe, obwohl ich unglücklich bin.“
Mann im Ohr: „Das war sein Fehler.“ 
Ich: „Es war ihm egal, ob ich glücklich bin.“
Mann im Ohr: „Vielleicht konnte er sich auch einfach nicht vorstellen, dass irgendwer an seiner Seite unglücklich sein kann.“
Ich: „Mmmh.“
Mann im Ohr: „Häng das Bild ab.“

Ich weiß sofort, welches er meint.

Ich: „Aber da bin nur ich drauf.“ 
Mann im Ohr: „Trotzdem.“
Ich: „Es ist das hübscheste Bild, das von mir existiert.“ 
Mann im Ohr: „Häng es ab. Es war euer Hochzeitstag.“ 
Ich: „Und dann? Was soll die Lücke füllen? Da kann nicht nichts hängen. Es ist eine Petersburger Hängung. Da sieht so ein Loch in der Mitte total blöd aus.“
Mann im Ohr: „Häng ein Aktbild von dir hin.“
Ich: „Super Idee. So mitten im Wohnzimmer.“ 
Mann im Ohr: „Kannst ja die Cellulite wegretuschieren. Dann glaubt keiner, dass du es bist.“
Ich: „Kann ich dich eigentlich auch verlassen? Du klingst wie Ben.“

Ich bekomme keine Antwort mehr. Irgendwann höre ich ein „Unangenehme Antworten ignorierst du in letzter Zeit ohnehin immer“.

Wenn ich nichts hätte…

…außer meinen Nachbarn, was wäre dann?

Ich muss an Guiseppe denken und daran, dass er gesagt hat, ich hätte nichts außer meinen Nachbarn. Das liegt nicht etwa daran, dass Guiseppe grundsätzlich in meinem Kopf herumspukt. Ich habe in der ‘Zeit’ vom 1. Dezember einen Artikel über Nachbarn gelesen. Im Wissensteil. Es geht um unser Verhältnis zu Nachbarn und die Bedeutung von guten oder eben weniger guten Nachbarverhältnissen für die Gesellschaft.

Auf ein Räuspern folgt ein verwirrt klingendes: „2016?“
Ich: „Was meinst Du?“
Mein Mann im Ohr erklärt sich: „1. Dezember 2016?“
Ich: „Natürlich. Was sonst?“
Mann im Ohr: „Wir schreiben heute den 06. August 2017.“
Ich: „Ich bin manchmal etwas hinterher.“
Mann im Ohr: „Ich mein ja nur. Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern.“

Ich sammle interessant klingende Artikel in einem Korb in meinem Wohnzimmer und schau dann rein, wenn ich in Ruhe Zeit habe. Das dauert schon mal ein wenig.

Ich glaube, für die Bedeutung von Nachbarn in unserem Leben spielt die Kindheit eine Rolle.

Mann im Ohr: „Im Ernst? Ich dachte, Du gehörst nicht zu denen, die alles mit einer schlimmen Kindheit begründen.“
Ich: „Tu ich auch nicht. Man trägt selbst viel Verantwortung, man sollte damit nichts entschuldigen. Aber prägen tut sie uns doch. Erinner dich nur an Herrn Küster.“
Mann im Ohr: „Opa Küster?“

Genau der. Ich war ungefähr zwei Jahre alt und wir haben in einer Doppelhaushälfte in einer ruhigen Stichstraße gewohnt. Opa Küster wohnte nebenan und hatte damals selbst noch keine Enkelkinder. Ich hatte sehr schnell raus, dass ich mich nur mit großen Kulleraugen an den Zaun stellen muss, wenn er im Garten ist. Dann gab es Süßigkeiten. Am liebsten mochte ich Duplos. Richtig – also in ganzen Sätzen – sprechen konnte ich noch nicht. Aber wenn ich „Küster Duplo“ gesagt habe, gab es exakt was ich wollte. Meine Mutter schämt sich heute noch für ihr ungezogenes Bettelkind. Damals wurde mir klar, dass Nachbarn etwas großartiges sind. Und das ging so weiter.

Meine erste eigene Wohnung war im Dachgeschoss eines Hauses, in dem unten die Vermieter wohnten. Auf den beiden Etagen dazwischen wohnten nette Leute, zu denen ich nicht viel Kontakt hatte. Aber wenn, war er herzlich. Zu Nikolaus war das ganze Treppenhaus mit Schokonikoläusen dekoriert. Als mal durch ein Malheur die Miete nicht rechtzeitig überwiesen war und ich mit Schamesröte im Gesicht bei meinen Vermietern geklingelt habe, bin ich auf ein Glas Rotwein und Pasta eingeladen worden. Mit unseren Nachbarn in Bonn haben Ben und ich großartige Parties gefeiert. Wir durften ihren Kicker mitbenutzen. Das Haus war so hellhörig, dass jeder im Haus von jedem wusste, welche Geräusche er beim Sex macht. Wir haben jeden Streit zwischen unserem Lieblingsnachbarn und seinen beiden Freundinnen gehört. Manchmal wär ich gern hochgegangen und hätte eine Paarberatung angeboten. Hannes hat unser Auto geliehen und dafür den Garten versorgt, wenn wir in Urlaub waren. Er hat mich aus dem Krankenhaus abgeholt nach einer OP, weil Ben arbeiten musste.

Mann im Ohr: „Aber das sind alles nicht die Nachbarn, von denen Guiseppe gesprochen hat.“
Ich: „Stimmt. Aber auch mit denen hatte ich großes Glück.“

Ich war gestern mit ehemaligen Nachbarn essen und habe vorgestern mit Nachbarn gekocht und ewig geredet. Sie wissen mehr von mir als die meisten Menschen. Das liegt nicht nur daran, dass wir uns gut verstehen und über vieles reden. Man bekommt gezwungenermaßen viel mit von den Menschen nebenan. Ob meine Wohnung aufgeräumt oder unaufgeräumt ist, wann ich nach Hause komme, wer mich nach Hause bringt, ob meine Blumen vertrocknen oder Läuse haben, ob ich jemanden brauche, der sich um meine Blumen kümmert, welche Fotos an den Wänden hängen, ob mein Auto auf dem Stellplatz steht, all das sagt viel über mich.

Wir können vielen Menschen viel vormachen. Ausreden erfinden, Lügen erzählen oder Halbwahrheiten. Vor kaum jemandem ist es so schwierig, die Wahrheit zu verbergen, wie vor Nachbarn. Jedenfalls dann, wenn man auf engem Raum wohnt. Mein ehemaliger Nachbar Jasper hat unter mir gewohnt. Er und seine Frau wussten, wann ich zuhause war und wann nicht, weil die Trittschalldämmung optimierungswürdig ist. Sie wussten, ob ich alleine bin oder nicht. Und dass ich immer, wenn ich in meiner Wohnung den Flur auf und ab laufe, ein längeres Telefonat führe. Sie wussten, wann meine Waschmaschine läuft. Und wenn ich zuhause war und mich stundenlang nicht bewegt habe in meiner Wohnung, haben sie gefragt, ob alles in Ordnung ist.

Natürlich gibt es auch die ‘Man kennt sich, man grüßt sich, das war´s’-Nachbarn. Aber ich habe seit Opa Küster immer Nachbarn gehabt, zu denen die Beziehung viel enger war. Ich kenne das nicht anders. Man gießt die Blumen des anderen, füttert seine Katze, passt im Notfall auf die Kinder auf und bringt Kuchen vorbei, wenn man gebacken hat. Man kocht und redet und trinkt Wein zusammen, man achtet aufeinander.

Mann im Ohr: „Du bist eine Spießerin. Du wärst in 50ern gut aufgehoben gewesen.“  
Ich: „Meinst Du? Bin ich nicht zu rebellisch für die 50er?“
Mann im Ohr: „Was wär nun, wenn Du sonst niemanden hättest?“

Ich denke eine Weile nach. Schön wäre das nicht. Ich würde viele Menschen vermissen. Aber ich hätte Freunde. Gute Freunde. Menschen, die mich zum lachen bringen und auf die ich mich verlassen kann. Es wäre vielleicht irgendwann langweilig, aber es ginge mir immer noch gut.

Mann im Ohr: „Aber nicht alle haben solche Nachbarn. Das stand in dem Artikel. Da stand, es geht uns heute zu gut für gute Nachbarschaft.“
Ich: „Stimmt. Das stand da.“
Mann im Ohr: „Warum?“
Ich: „Wahrscheinlich, weil man früher weniger hatte. Man war stärker auf Unterstützung angewiesen. Und deswegen vielleicht eher bereit, Zweckgemeinschaften einzugehen. Aber so ganz nachvollziehen kann ich die Aussage nicht. Uns geht es hier gut. Sehr gut sogar. Aber mit guten Nachbarn ist es doch schöner.“
Mann im Ohr: „Vielleicht ist das Duplo von damals ja die Flasche Rotwein von heute.“