Wenn ich nichts hätte…

…außer meinen Nachbarn, was wäre dann?

Ich muss an Guiseppe denken und daran, dass er gesagt hat, ich hätte nichts außer meinen Nachbarn. Das liegt nicht etwa daran, dass Guiseppe grundsätzlich in meinem Kopf herumspukt. Ich habe in der ‘Zeit’ vom 1. Dezember einen Artikel über Nachbarn gelesen. Im Wissensteil. Es geht um unser Verhältnis zu Nachbarn und die Bedeutung von guten oder eben weniger guten Nachbarverhältnissen für die Gesellschaft.

Auf ein Räuspern folgt ein verwirrt klingendes: „2016?“
Ich: „Was meinst Du?“
Mein Mann im Ohr erklärt sich: „1. Dezember 2016?“
Ich: „Natürlich. Was sonst?“
Mann im Ohr: „Wir schreiben heute den 06. August 2017.“
Ich: „Ich bin manchmal etwas hinterher.“
Mann im Ohr: „Ich mein ja nur. Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern.“

Ich sammle interessant klingende Artikel in einem Korb in meinem Wohnzimmer und schau dann rein, wenn ich in Ruhe Zeit habe. Das dauert schon mal ein wenig.

Ich glaube, für die Bedeutung von Nachbarn in unserem Leben spielt die Kindheit eine Rolle.

Mann im Ohr: „Im Ernst? Ich dachte, Du gehörst nicht zu denen, die alles mit einer schlimmen Kindheit begründen.“
Ich: „Tu ich auch nicht. Man trägt selbst viel Verantwortung, man sollte damit nichts entschuldigen. Aber prägen tut sie uns doch. Erinner dich nur an Herrn Küster.“
Mann im Ohr: „Opa Küster?“

Genau der. Ich war ungefähr zwei Jahre alt und wir haben in einer Doppelhaushälfte in einer ruhigen Stichstraße gewohnt. Opa Küster wohnte nebenan und hatte damals selbst noch keine Enkelkinder. Ich hatte sehr schnell raus, dass ich mich nur mit großen Kulleraugen an den Zaun stellen muss, wenn er im Garten ist. Dann gab es Süßigkeiten. Am liebsten mochte ich Duplos. Richtig – also in ganzen Sätzen – sprechen konnte ich noch nicht. Aber wenn ich „Küster Duplo“ gesagt habe, gab es exakt was ich wollte. Meine Mutter schämt sich heute noch für ihr ungezogenes Bettelkind. Damals wurde mir klar, dass Nachbarn etwas großartiges sind. Und das ging so weiter.

Meine erste eigene Wohnung war im Dachgeschoss eines Hauses, in dem unten die Vermieter wohnten. Auf den beiden Etagen dazwischen wohnten nette Leute, zu denen ich nicht viel Kontakt hatte. Aber wenn, war er herzlich. Zu Nikolaus war das ganze Treppenhaus mit Schokonikoläusen dekoriert. Als mal durch ein Malheur die Miete nicht rechtzeitig überwiesen war und ich mit Schamesröte im Gesicht bei meinen Vermietern geklingelt habe, bin ich auf ein Glas Rotwein und Pasta eingeladen worden. Mit unseren Nachbarn in Bonn haben Ben und ich großartige Parties gefeiert. Wir durften ihren Kicker mitbenutzen. Das Haus war so hellhörig, dass jeder im Haus von jedem wusste, welche Geräusche er beim Sex macht. Wir haben jeden Streit zwischen unserem Lieblingsnachbarn und seinen beiden Freundinnen gehört. Manchmal wär ich gern hochgegangen und hätte eine Paarberatung angeboten. Hannes hat unser Auto geliehen und dafür den Garten versorgt, wenn wir in Urlaub waren. Er hat mich aus dem Krankenhaus abgeholt nach einer OP, weil Ben arbeiten musste.

Mann im Ohr: „Aber das sind alles nicht die Nachbarn, von denen Guiseppe gesprochen hat.“
Ich: „Stimmt. Aber auch mit denen hatte ich großes Glück.“

Ich war gestern mit ehemaligen Nachbarn essen und habe vorgestern mit Nachbarn gekocht und ewig geredet. Sie wissen mehr von mir als die meisten Menschen. Das liegt nicht nur daran, dass wir uns gut verstehen und über vieles reden. Man bekommt gezwungenermaßen viel mit von den Menschen nebenan. Ob meine Wohnung aufgeräumt oder unaufgeräumt ist, wann ich nach Hause komme, wer mich nach Hause bringt, ob meine Blumen vertrocknen oder Läuse haben, ob ich jemanden brauche, der sich um meine Blumen kümmert, welche Fotos an den Wänden hängen, ob mein Auto auf dem Stellplatz steht, all das sagt viel über mich.

Wir können vielen Menschen viel vormachen. Ausreden erfinden, Lügen erzählen oder Halbwahrheiten. Vor kaum jemandem ist es so schwierig, die Wahrheit zu verbergen, wie vor Nachbarn. Jedenfalls dann, wenn man auf engem Raum wohnt. Mein ehemaliger Nachbar Jasper hat unter mir gewohnt. Er und seine Frau wussten, wann ich zuhause war und wann nicht, weil die Trittschalldämmung optimierungswürdig ist. Sie wussten, ob ich alleine bin oder nicht. Und dass ich immer, wenn ich in meiner Wohnung den Flur auf und ab laufe, ein längeres Telefonat führe. Sie wussten, wann meine Waschmaschine läuft. Und wenn ich zuhause war und mich stundenlang nicht bewegt habe in meiner Wohnung, haben sie gefragt, ob alles in Ordnung ist.

Natürlich gibt es auch die ‘Man kennt sich, man grüßt sich, das war´s’-Nachbarn. Aber ich habe seit Opa Küster immer Nachbarn gehabt, zu denen die Beziehung viel enger war. Ich kenne das nicht anders. Man gießt die Blumen des anderen, füttert seine Katze, passt im Notfall auf die Kinder auf und bringt Kuchen vorbei, wenn man gebacken hat. Man kocht und redet und trinkt Wein zusammen, man achtet aufeinander.

Mann im Ohr: „Du bist eine Spießerin. Du wärst in 50ern gut aufgehoben gewesen.“  
Ich: „Meinst Du? Bin ich nicht zu rebellisch für die 50er?“
Mann im Ohr: „Was wär nun, wenn Du sonst niemanden hättest?“

Ich denke eine Weile nach. Schön wäre das nicht. Ich würde viele Menschen vermissen. Aber ich hätte Freunde. Gute Freunde. Menschen, die mich zum lachen bringen und auf die ich mich verlassen kann. Es wäre vielleicht irgendwann langweilig, aber es ginge mir immer noch gut.

Mann im Ohr: „Aber nicht alle haben solche Nachbarn. Das stand in dem Artikel. Da stand, es geht uns heute zu gut für gute Nachbarschaft.“
Ich: „Stimmt. Das stand da.“
Mann im Ohr: „Warum?“
Ich: „Wahrscheinlich, weil man früher weniger hatte. Man war stärker auf Unterstützung angewiesen. Und deswegen vielleicht eher bereit, Zweckgemeinschaften einzugehen. Aber so ganz nachvollziehen kann ich die Aussage nicht. Uns geht es hier gut. Sehr gut sogar. Aber mit guten Nachbarn ist es doch schöner.“
Mann im Ohr: „Vielleicht ist das Duplo von damals ja die Flasche Rotwein von heute.“