Ehekrise

Oder: Vertrauen ist besser.

„Ich glaube Dir nicht.“ Der kleine Mann klingt trotzig mit ängstlichem Unterton.

Ich fühle mich, als hätte ich eine Ehekrise. Und das an meinem Hochzeitstag. Mancher wundert sich vielleicht, dass ich daran denke, wo ich doch schon so lange nicht mehr verheiratet bin.

Mann im Ohr: „Du wirst den nie vergessen. Du vergisst ja auch nicht die Jahrestage von Freunden, die seit Jahren getrennt oder inzwischen anderweitig verheiratet sind.“
Ich: „Vielleicht bin ich so ein Zahlenfetischist, weil mein Vater so viel mit Zahlen zu tun hat beruflich?“ 
Mann im Ohr: „Du hast leicht autistische Züge.“

Es folgt eine Pause und dann ein leises „Entschuldigung“ gefolgt von „Das ist schon spooky mit den Zahlen“.

Der Mann zwischen meinen Ohren hat gedroht, auszuziehen und unterstellt mir, ich hätte wieder Kontakt zu Ethan. Das ist der, der Europa für einen föderalen Staat gehalten hat. Der kleine Mann hat mir schon vor Jahren strengstens verboten, je wieder Kontakt zu ihm aufzunehmen.

Ich: „Kleiner Mann, ich wäre doch wahnsinnig, das zu tun. Ich habe mir mehr oder weniger eine neue Identität zugelegt seinetwegen.“

Ethan hat mich gestalkt und gehackt. Seinetwegen habe ich eine neue Nummer und alle Accounts und Passwörter geändert, die ich je hatte. Neue Email-Adresse und neue Apple-ID, eigentlich einmal alles neu. Sogar die Wohnung. Für so blöd kann er mich nicht halten.

Mann im Ohr: „Dass es wahnsinnig wäre, heißt bei dir leider überhaupt nicht, dass es auch abwegig ist.“
Ich: „Sag mir doch wenigstens, warum du das glaubst.“
Mann im Ohr: „Es gibt mehrere Indizien.“
Ich: „Welche?“
Mann im Ohr: „Hältst du mich für blöd? DU hast mir doch beigebracht, so etwas nicht preiszugeben, bis der Täter überführt ist. Wenn ich dir das sagen würde, wärst du nur vorsichtiger in Zukunft. Du weißt genau, was dann los wäre.“

In der Tat. Ich würde vermutlich gelyncht. Zumindest enterbt. Dürfte mich zuhause nicht mehr blicken lassen. Emma und Sophie würden nicht mehr mit mir reden.

Ich: „Sag mir doch, was Du meinst. Ich habe ihn ewig nicht gesehen und auch seine Nummer nicht.“

Allerdings muss ich tatsächlich in letzter Zeit häufiger an ihn denken. Seit ich ‘Homeland’ schaue. Ethan war Amerikaner und beruflich viel im mittleren Osten. Kuwait, Afghanistan, Vereinigte Arabische Emirate, Katar, Pakistan. Angeblich in ziviler Mission. Geglaubt habe ich ihm das nicht. Es war merkwürdig, wie schnell er plötzlich irgendwo sein musste und wen er in unseren Urlauben an den merkwürdigsten Orten treffen musste. Zufällig durften sein Sohn und ich da nie dabei sein. Und zufällig hatte er nach Treffen mit angeblichen Maklern nie ein Exposé, hat nie eine Immobilie gekauft und musste danach immer in irgendwelche Calls, die keiner hören durfte. Jedenfalls erinnert mich ‘Homeland’ immer an unsere Situation damals.

Mann im Ohr: „Nur deswegen denkst du so oft an ihn?“
Ich: „Nur deswegen.“

Ich kann förmlich spüren, wie er grübelt. Er läuft genauso auf und ab wie ich, wenn ich telefoniere. Und es macht mich genauso wahnsinnig wie damals meine Nachbarn.

Ich: „Du hast ja recht damit, dass man Täter so nicht überführt. Aber wenn man sein Leben miteinander verbringt, sollte man sich vertrauen. Und den anderen nicht als Gegner betrachten.“
Mann im Ohr: „Woher weiß ich, ob du die Wahrheit sagst?“
Ich: „Das wirst du nicht wissen. Du kannst es nur glauben.“

Wir schweigen eine Weile.

Ich: „Woher kommt dieses Misstrauen plötzlich?“
Mann im Ohr: „Ich weiß nicht. Du hast das auch manchmal.“
Ich: „Dir gegenüber?“
Mann im Ohr: „Nein.“
Ich: „Du meinst anderen Männern gegenüber?“
Mann im Ohr: „Ja. Deswegen merkst du auch immer so schnell, wenn etwas nicht stimmt. Es schützt dich.“
Ich: „Aber in einer bestehenden Beziehung macht Misstrauen alles kaputt.“

Ich warte eine Weile und spüre das Tippeln zwischen meinen Ohren. Dann setzt er sich hin und ich kann mir vorstellen, wie er seinen kleinen Kopf in seine Hand stützt. Ich höre, wie er Luft holt.

Mann im Ohr: „Du hast Blumen bekommen.“
Ich: „Ja. Und?“
Mann im Ohr: „In einem aufrecht stehenden Karton mit Blumenvase und allem drum und dran. Schöne Blumen.“

Mir geht ein Licht auf. Der einzige Mann, der mir je so etwas geschickt hat, war Ethan. Zum Valentinstag. Zum Geburtstag. Einfach so zwischendurch. Zum Heiratsantrag.

Ich: „Haben Ethans Blumen je meinen Geschmack getroffen?“
Mann im Ohr: „Ich…glaub nicht. Oder?“
Ich: „Nein.“
Mann im Ohr: „Man kann es dir halt nicht recht machen.“
Ich: „Aber diese gefallen mir?“
Mann im Ohr: „Ja. Sehr?“
Ich: „Und dir auch?“

Mann im Ohr: „Ja!“
Ich: „Könnte daran liegen, dass ich sie selbst bestellt habe.“ 

Da will man sich mal was Gutes tun und dann sowas. Ich höre, wie der kleine Mann etwas rumschiebt in meinem Kopf und dann fällt ein kleiner Zettel aus meinem Ohr. Die Schrift ist so klein, dass ich sie kaum lesen kann. Darauf steht ‘Nur Männer schicken Blumen’.

Und ich frage mich wieder mal, wie viele überholte Glaubenssätze da immer noch in irgendwelchen Ecken schlummern.

Hinterlasse einen Kommentar