„Weine nicht …

… um Dinge, die Geld ersetzen kann.“

Das hat meine Oma mir beigebracht, als ich noch sehr klein war. Die, die mir auch gesagt hat, man müsse zu einem Mann aufschauen können.

Es gibt immer mal wieder Situationen, in denen ich selbst erstaunt bin, wie sehr mir dieser Satz in Fleisch und Blut übergegangen ist. Und wie viele Menschen anders ticken.

Vor einigen Jahren ist ein Freund auf mein MacBook getreten. Nachdem er es neben dem Sofa auf den Boden gelegt hatte. Das Display war hin und auch nicht zu reparieren. Jedenfalls nicht, wenn man nicht bereit war, dafür den Preis eines neuen MacBooks auf den Tisch zu legen. Ich habe damals kurz die Luft angehalten, erschreckt geguckt und gedacht „Dann ist es wohl Zeit für ein Neues“. Für Rice, der draufgetreten ist, war das Ganze viel schlimmer als für mich.

Mann im Ohr: „War deine Oma eigentlich reich?“
Ich: „Nein! Das weißt du doch.“
Mann im Ohr: „Nein, damals war dein Leben so langweilig, dass ich viel geschlafen und wenig mitbekommen habe.“
Ich: „Na großartig. Dabei hätte damals einen Coach gebrauchen können. Die Pubertät ohne Beistand zu überstehen ist nicht leicht.“
Mann im Ohr: „Einen Teenager gegen ihren Willen zu coachen ist noch viel schwieriger.“
Ich: „Das ist dein Job!“
Mann im Ohr: „Teenager coachen?“
Ich: „Für mich da sein, wenn ich dich brauche.“

Schweigen.

Ich: „Meine Oma war schon sehr jung Witwe mit 3 relativ kleinen Kindern. Mein Opa ist ja nur 35 Jahre alt geworden. Sie hatte keinen Beruf, damals war man ja mit drei Kindern einfach zuhause. Und sie kam nicht aus einer reichen Familie. Also nein, sie war nicht nur nicht reich, sie war sogar ziemlich arm.“ 
Mann im Ohr: „Warum hat sie dann sowas gesagt?“
Ich: „Es geht dabei doch nicht darum, wie schnell man in der Lage ist, die kaputte Sache zu ersetzen.“
Mann im Ohr: „Aber dann wäre die Einstellung verständlich. Also logisch nachvollziehbar.“
Ich: „Erstaunlicherweise machen die reichen Leute, die ich kenne, viel mehr Aufhebens um kaputte Dinge.“
Mann im Ohr: „Verstehe ich nicht.“
Ich: „Weißt Du, es geht um die Einstellung. Darum, an welche Dinge man sein Herz hängt und an welche nicht. Darum, dass man sein Herz an Menschen hängt und vielleicht auch an Dinge, die Erinnerungsstücke und deswegen nicht zu ersetzen sind.“
Mann im Ohr: „Aber nicht an ein iPhone? Oder einen Fernseher?“
Ich: „Genau.“

Ich würde einen Porsche zu Schrott fahren und denken ‘Shit happens’, aber wenn eines der Jugendstilgläser meiner Großtante runterfallen würde, würde ich mir Vorwürfe machen und wahrscheinlich weinen. Es sind 6 Gläser, die die Eltern meiner Großtante 1900 zur Hochzeit geschenkt bekommen haben. Alle 6 sind ohne eine einzige Macke erhalten. Obwohl sie seit über 100 Jahren benutzt werden. Aus ihnen wurde Wein getrunken und Sekt. Eigentlich sind es Weingläser. Aber Sektgläser hatten sie damals, glaube ich, nicht. Wahrscheinlich haben sie damit darauf angestoßen, als die Kriege vorbei waren. Und darauf, dass sie meinen behinderten Großonkel erfolgreich versteckt haben bis alles vorbei war 1945. Auf Hochzeiten und Todesfälle und eigentlich immer, wenn wir zu Besuch waren.

Mann im Ohr: „Wenn niemand verletzt worden wäre bei dem Unfall?“
Ich hab den Faden verloren und muss erst nachdenken. „Natürlich nur dann!“

Eine Weile sagt der kleine Mann nichts.

Mann im Ohr: „Du hast gar keinen Porsche.“
Ich: „Nein, ich habe einen…“
Mann im Ohr: „Pscht!“
Ich: „Was ist los?“
Mann im Ohr: „Die Sache mit dem Selbstmarketing hast du immer noch nicht verstanden. Über manche Dinge spricht man besser nicht. Dein Auto gehört dazu. Und es ist nicht mal deins.“
Ich: „Pfff. So ein Blödsinn, aber bitte.“

Ich bin uneitel, was Autos angeht. Sie sollen nicht liegenbleiben. Ich will nicht irgendwo nachts in der Pampa enden, mit leerem Akku, während ich Hunger habe, friere und Pipi muss. Das ist die einzige Anforderung, die ich an ein Auto stelle.

Mann im Ohr: „Und müde bist. Hunger, müde, Pipi, kalt. So heißt das.“
Ich: „Es müsste ja nicht mein Porsche sein.“
Mann im Ohr: „Hast du das alles geschrieben, weil du dein iPhone geschrottet hast?“
Ich: „Lustig. Immer, wenn ich hier ‘geschrottet’ schreibe, macht die Autokorrektur ‘geschrotet’ daraus.“
Mann im Ohr: „Es sieht auch ehrlich gesagt aus, als hätte jemand versucht, es zu schroten. In dieser grauseligen Mühle, die deine Mutter hat. In der du immer deine Körner schrotest. Die so fiese Geräusche macht.“
Ich: „Wenn du schon so viel Wert legst auf mein Selbstmarketing, dann verkneif dir doch in Zukunft Kommentare, durch die ich wie eine körnerfressende Ökotussi wirke.“
Mann im Ohr: „Versprochen.“

Nach einer Weile fragt er zur Sicherheit noch mal nach.

Mann im Ohr: „Ich sag also nix über deine Birkenstocks? Und das Dinkelkörnerkissen darf ich auch nicht erwähnen? Wie ist es mit dem fair gehandelten Öko-Espresso? Der ist ja fast schon wieder hip. Dass du vom Anblick von Kapselmaschinen Pickel bekommst auch nicht?“
Ich: „Das solltest du alles auf die 
Not-to-say-Liste setzen.“

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