Das sind laut Definition Eilmeldungen.
„Die Eilmeldung (englisch breaking news, in Österreich auch Eiltmeldung) ist eine journalistische Nachricht, die eine derart hohe Relevanz besitzt, dass eine reguläre Nachrichtensendung in Hörfunk und Fernsehen nicht abgewartet werden kann, sondern das laufende Programm unterbrochen werden muss.“
So Wikipedia. Und so hatte ich mir das auch immer gedacht. Bei Terroranschlägen oder Todesfällen von Berühmtheiten rechne ich mit Push-Nachrichten, die Breaking News enthalten. Und dann hatte ich vor einigen Tagen morgens auf meinem Display die Meldung von N-TV:
Breaking News: Deutsche Wirtschaft bleibt auf Wachstumskurs
Super eilige Meldung. Alles bleibt, wie es war. Gut, dass ich das nicht verpasst habe. Nicht auszudenken, ich hätte das erst heute Abend in den Tagesthemen erfahren.
Der kleine Mann wacht auf. Seit ich beruflich in der Pampa bin und meine Abende alleine im Romantikhotel ohne WLAN verbringe, schläft er eigentlich dauernd.
Mann im Ohr: „Der Begriff wird genauso inflationär benutzt wie bei manch einem der Satz ‘Ich liebe dich’.“
Ich: „Ich habe diesen Satz noch nie inflationär benutzt.“
Mann im Ohr: „Zu wem solltest du das auch sagen?“
Ich schweige. Ich habe den Satz 2011 zuletzt gesagt. Oder 2012? Wahrscheinlich bin ich so aus der Übung, dass ich mich verschlucke oder huste, wenn es mal wieder einen Anlass gibt.
Mann im Ohr: „Aber heterogen benutzt du inflationär. Echt. In jedem zweiten Satz.“
Ich: „Ich mag das Wort.“
Mann im Ohr: „Lass es einfach weg.“
Ich: „Ich weiß nicht, ob ich das kann. Beruflich auch?“
Mann im Ohr: „Eine Woche.“
Ich: „Eine homogene Woche? Ich bemüh’ mich.“
Mann im Ohr: „Sich bemühen ist die vorherige Entschuldigung für späteres Scheitern. Das Scheitern ist dadurch gewissermaßen vorprogrammiert.“
Ich: „Du nervst.“
Mann im Ohr: „Es ist irgendwie eine Krankheit, dass heute immer alles total wichtig sein muss. Ganz normale Emails und Rückrufbitten sind alle total dringend. Überall steht ‘wichtig’ und ‘eilt’ drauf. Und ‘news’ reicht halt auch nicht mehr. Sie müssen ‘breaking’ sein. Die Menschen haben verlernt, sich hinten anzustellen. Sich nicht so wichtig zu nehmen. Mal Geduld zu haben.“
Ich: „Woran das wohl liegt?“
Mann im Ohr: „Ich versteh´s auch nicht. Ist doch klar, dass, wenn plötzlich alles Prio 1 ist, faktisch alles nicht mehr wichtig ist. Man kann ja nicht alles gleichzeitig lesen oder bearbeiten oder mehreren gleichzeitig zuhören. Die Leute müssen sich immer noch genauso entscheiden wie früher.“
Ich: „Ich lese die als wichtig gekennzeichneten Sachen manchmal absichtlich nach den anderen Sachen, weil es mich so nervt.“
Mann im Ohr: „Kommt aber auf den Absender an.“
Ich: „Ja. Früher musste ich nur nach wichtig und weniger wichtig filtern. Heute muss ich mir überlegen, welcher Absender grundsätzlich alles als wichtig markiert und wer normal tickt und wer sich selbst für so unwichtig hält, dass er nicht mal wirklich wichtige Dinge als dringend markiert.“
Mann im Ohr: „Dringend ist etwas anderes als wichtig.“
Ich: „Klugscheißer.“
Dabei hat er recht. Da hat mein früherer Chef immer drauf geachtet. Es gibt dringende Dinge, die weniger wichtig sind und sehr wichtige, die nicht dringend sind. Dringend hat immer eine schnell nahende Deadline und sagt nicht notwendigerweise etwas über die Wichtigkeit aus.
Mann im Ohr: „Bestimmt gibt es bald einen Algorithmus für so was. Der checkt, was Du als wichtig einstufen würdest und was nicht und danach sortiert.“
Ich: „Algorithmen funktionieren schon beim Onlinedating nicht, da werde ich mich beruflich sicher nicht auf so was verlassen.“
Mann im Ohr: „Das finde ich interessant. Ist Beruf wichtiger als Privatleben?“
Ich: „Wie kommst du da drauf?“
Mann im Ohr: „Da steckte ein Erst-Recht zwischen den Zeilen. Wenn das schon privat nicht funktioniert, werde ich es beruflich erst recht nicht nutzen. Das wiederum sagt etwas über deine Bewertung im Verhältnis zwischen Berufs- und Privatleben aus, findest du nicht?“
Ich: „Du nervst.“
Dass ich meinen Beruf so wichtig nehme, stimmt nicht. Im Moment schon gar nicht. Allerdings habe ich diverse Hobbies, die recht unkommunikativ sind. Ich blogge zum Beispiel.
Mann im Ohr: „Ich finde es gut, dass du deinen Lesern diese überaus wichtige Information nicht vorenthältst.“
Ich: „Ich hätte eine Pushnachricht versenden sollen.“
Mann im Ohr: „Breaking News: Lenya24 bloggt immer noch über die wirklich wichtigen Dinge im Leben.“
Ich: „Die wirklich wichtigen Dinge kommen erst im nächsten Post.“
Wenn man jetzt den klassischen Beruf und diverse rechtliche Anfragen und das Geblogge und alle anderen Dinge, die ich im stillen Kämmerlein mache, zusammennimmt, bleibt in der Tat wenig Zeit für ein ‘richtiges’ Privatleben.
Mann im Ohr: „Jedenfalls kannst du im stillen Kämmerlein hervorragend die drei Worte üben, ohne dich zu verschlucken dabei.“
Ich: „Du …“
Mann im Ohr: „… nervst?“